Archiv links- und rätekommunistischer Texte
Cajo Brendel, Rätedemokratie statt ParteidiktaturKommunismus als Gegensatz zum Bolschewismus
1.
�Nehmen wir an, da� die zentrale Leitung ... die Produktenmasse nach dem Lebensniveau rechtm��ig verteilen w�rde, dann bleibt trotz des glatten Ablaufs der Gesch�fte die Tatsache bestehen, da� die Produzenten in Wirklichkeit nicht die Verf�gung �ber den Produktionsapparat haben. Es wird nicht ein Apparat von den Produzenten, sondern �ber ihnen sein. Das kann zu nichts anderem als zu einer heftigen Unterdr�ckung gegen�ber Gruppen f�hren, die zu dieser Leitung in Widerspruch stehen. Die zentrale �konomische Macht ist zugleich die politische Macht. Jedes oppositionelle Element, welches die Dinge in politischer oder �konomischer Hinsicht anders als die zentrale Leitung will, wird mit allen Mitteln des gewaltigen Apparates unterdr�ckt... So wird aus der Assoziation freier und gleicher Produzenten, die Marx verk�ndete, ein Zuchthausstaat, wie wir ihn noch nicht kannten.�
Zitiert wurde aus einer Schrift, worin vor etwas mehr als 60 Jahren nachgewiesen wurde, da� jene Produktionsverh�ltnisse, die sich seit dem Oktober 1917 in Ru�land entwickelten, mit Kommunismus, so wie ihn Marx und Engels verstanden, nichts zu tun hatten. Als sie erschien, stand die Terrorwelle der drei�iger Jahre noch bevor. Sie wurde blo� antizipiert. Kein politisches Ereignis, wie zum Beispiel die sp�tere Schrekkensherrschaft, hatte ihre Kritik an der Sowjetgesellschaft mit veranla�t, sondern eine �konomische Analyse. Auf ihrer Basis wurde der sich damals breitmachende Stalinismus als der politische Ausdruck eines auf staatskapitalistischer Ausbeutung beruhenden Wirtschaftssystems betrachtet. Und nicht nur der Stalinismus allein!
Die Schrift war eine Kollektivarbeit. Ihre Verfasser geh�rten einer Richtung an, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Gestalt gewann und gekennzeichnet wurde durch eine unerbittliche Kritik sowohl an der Sozialdemokratie wie am Bolschewismus. Au�erdem war es eine Richtung, die die t�glichen Erfahrungen der Arbeiterschaft derart verarbeitet hatte, da� sie zu neuen Ansichten �ber den Klassenkampf gekommen war. Demzufolge verstand sie Sozialdemokratie und Bolschewismus als �alte Arbeiterbewegung�, im Gegensatz zu einer �neuen Bewegung der Arbeiter�.
Zu ihren Wortf�hrern geh�rten von Anfang an deutsche und holl�ndische Marxisten, die seit dem Beginn ihrer politischen T�tigkeit auf dem linken Fl�gel der Sozialdemokratie standen, im Laufe der Jahre ihres unabl�ssigen Kampfes gegen den Reformismus sich aber immer kritischer dieser Bewegung gegen�ber verhielten. Die Bekanntesten waren die beiden Holl�nder Anton Pannekoek (1873-1960) und Herman Gorter (1864-1927) sowie die beiden Deutschen Karl Schr�der (1884-1950) und Otto R�hle (1874-1943). Sp�ter wurde auch der sehr viel j�ngere Paul Mattick (1904-1980) einer ihrer bedeutendsten Theoretiker.
Pannekoek, der kurz nach der Jahrhundertwende mit Betrachtungen �ber marxistische Philosophie die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, war von 1905 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Deutschland t�tig, erst ein Jahr in Berlin als Lehrer an der Parteischule der SPD, sp�ter - nachdem man ihn als Ausl�nder aus Preu�en ausgewiesen hatte - in der Freistadt Bremen. Er gab eine Zeitungskorrespondenz heraus und ver�ffentliche Artikel in der radikalen Bremer B�rgerzeitung. Hier, in Bremen, war er nicht nur in enger Verbindung mit den sogenannten �Bremer Linken� sondern gleichsam auch Augenzeuge einiger wichtiger spontaner Streiks der Bremer Werftarbeiter. Diese Erfahrungen haben seine Auffassungen �ber den Klassenkampf und dessen Formen sp�rbar beeinflu�t. Sie haben, neben seiner Interpretation des Marxismus, wohl dazu beigetragen, da� er - wie �brigens gleichzeitig auch Gorter - die bolschewistischen Auffassungen von Organisation, Strategie und Politik fr�hzeitig verwarf.
Otto R�hle, der sich in der deutschen Arbeiterbewegung nie v�llig mit irgendeiner Organisation identifizieren konnte, die allgemeinen Interessen der Arbeiterklasse aber niemals aus den Augen verlor, tat Anfang der zwanziger Jahren das gleiche. Er war vielleicht der erste, der darauf hinwies, da� die proletarische Revolution etwas durchaus anderes sei als eine b�rgerliche und somit notwendigerweise andere Organisationsformen aufweisen m�sse. Deshalb bek�mpfte er den Wahn, wonach die Revolution eine Parteiangelegenheit sei und ihr Sieg ein Parteiziel. Er schrieb: �Die Revolution ist keine Parteisache..., [sondern sie] ist die politische und wirtschaftliche Angelegenheit der ganzen proletarischen Klasse.�
Es sind diese, sp�ter pr�ziser ausgearbeiteten Auffassungen, die die sich allm�hlich abzeichnende Richtung charakterisieren. R�tekommunismus wird sie seit den fr�hen zwanziger Jahren genannt, weil sie auf Grund der Erfahrungen der russischen und der deutschen Revolution - wie auch immer beider Entwicklung verlief - die R�tedemokratie verteidigte und jede Parteiherrschaft entschieden zur�ckwies. Au�erdem sollte der Name dazu dienen, sie von dem sich ebenfalls als kommunistisch verstehenden Bolschewismus zu unterscheiden. Ihr R�tekommunismus aber war trotzdem anfangs noch keineswegs gleicherma�en ausgebildet wie sp�ter. Das l��t sich an ihrem Verhalten zur Organisationsfrage wie an ihrer Deutung der sowjetischen Gesellschaftsordnung nachweisen.
2.
Als Gorter in einem ber�hmten Aufsatz sich kritisch mit Lenin auseinandersetzte, da verstand er den R�tekommunismus, der damals noch nicht namentlich erw�hnt wurde, kaum als einen Gegensatz zum Bolschewismus. Im Gegenteil! Gorter betonte sogar, er sei in manchen Dingen v�llig mit Lenin einverstanden. Er warf ihm blo� vor, eine grundfalsche Einsch�tzung des westeurop�ischen Kapitalismus, der westeurop�ischen Arbeiterklasse und somit der in Westeuropa existierenden gesellschaftlichen und politischen Verh�ltnissen zu haben. Seine, Lenins Weisungen und Richtlinien f�r die westlichen Parteien der inzwischen gegr�ndeten Dritten Internationale seien deshalb falsche Richtlinien, welche diese kommunistischen Parteien nicht befolgen k�nnten und nach Gorter nicht befolgen sollten.
Gorter blieb einen Schritt hinter R�hle zur�ck. Dieser hatte zwar, ebenso wie Gorter, noch kein v�llig klares Verst�ndnis f�r den Grundcharakter der russischen Revolution, f�r das, was sie geschafft hatte und noch schaffen w�rde, aber er hielt die Parteien der Dritten Internationale schon nicht mehr f�r kommunistisch. Es vergingen aber nur wenige Jahre, da setzte sich der R�tekommunismus viel deutlicher gegen den Bolschewismus ab. Der sogenannte kommunistische oder sozialistische Oktober, so sein Standpunkt, hat mit dem Zarismus und den feudalen Verh�ltnissen aufger�umt, und damit f�r kapitalistische Verh�ltnisse den Weg frei gemacht.
Die R�tekommunisten haben sich mit dieser blo�en Feststellung nicht zufrieden gegeben. Sie haben darauf hingewiesen, da� eine Produktionsweise, die, wie die russische, die Lohnarbeit voraussetzt, d.h. die Arbeitskraft als eine Ware und den Wert dieser Ware als Grundlage aller Wirtschaftsprozesse, zu nichts anderem f�hrt als zu Mehrwerterzeugung und Ausbeutung der Arbeiterschaft. Sie betonten, da� es nichts ausmacht, ob der produzierte Mehrwert zum privaten Kapitalisten oder zum Staat als Eigent�mer der nationalisierten Produktionsmittel flie�t und da� Marx schon erl�uterte, da� deren Verstaatlichung keinen Sozialismus bedeutet.
Die R�tekommunisten haben mehr getan. In der eingangs zitierten Schrift haben sie aufgezeigt, da� im Staatskapitalismus Ru�lands - den Lenin einmal so charakterisierte, da� die Maschine nicht dorthin gehe, wohin sie der F�hrer lenke und da� nicht die Bolschewisten die [Wirtschafts-] Maschine f�hren, sondern umgekehrt die Maschine die Bolschewisten - die Produktion denselben Gesetzen gehorcht wie im Fall der klassischen kapitalistischen Privatwirtschaft.
Aufhebung der Ausbeutung, so hei�t es dort (mit einem Hinweis auf Marxens Randglossen zum Gothaer Programm und mit einem Zitat aus Engels Anti-D�hring), kann es nur geben, wenn die Lohnarbeit aufgehoben wird, d.h. wenn nicht l�nger die Menge der f�r einen Produzenten ben�tigten G�ter durch den Wert seiner Arbeitskraft bestimmt wird, sondern durch seine Arbeit, besser gesagt: durch die verwendete Arbeitszeit. Um von einer Assoziation freier und gleicher Produzenten sprechen zu k�nnen, mu� die Arbeitszeit die Recheneinheit der Produktion bilden.
Eine ausf�hrliche Wiedergabe der �konomischen Auseinandersetzungen und Erl�uterungen in der genannten Schrift ist hier nicht m�glich. Worauf es ankommt: ihre r�tekommunistischen Verfasser haben zweierlei geleistet. Sie erkl�rten, mit dem Zeigefinger Richtung Moskau, was der Kommunismus nicht ist und pr�ften zugleich die Voraussetzungen und Bedingungen einer wirklichen kommunistischen Gesellschaft. Damit wurde der Gegensatz zwischen R�tekommunismus und Bolschewismus klarer als vorher herausgearbeitet.
3.
Aus dem bisher Gesagten geht logischerweise hervor, da� der R�tekommunismus keine Spezialkritik am Stalinismus darstellt, sondern eine Kritik am Bolschewismus schlechthin. Die R�tekommunisten verstehen den Stalinismus nicht als eine Art �Konterrevolution�, welche die Oktoberrevolution ihrer Fr�chte beraubt h�tte. F�r sie ist der Stalinismus eben eine Frucht jener Revolution, die dem Kapitalismus in Ru�land endg�ltig die Tore ge�ffnet hat. Lenin durfte in seinem Testament vor ihm warnen, Stalin war nichtsdestoweniger sein Erbe, der Stalinismus eine Erbschaft des Bolschewismus und der bolschewistischen Revolution.
Am Bolschewismus und an dieser Revolution hatten die R�tekommunisten wichtige Ph�nomene kritisiert. Allm�hlich jedoch, in dem Ma�e, wie sich der Grundcharakter dieser Umw�lzung deutlicher erkennen lie�, m�ndeten diese unterschiedlichen Kritiken in eine, die ihre respektiven Zusammenh�nge aufdeckte. Da war nicht l�nger von �falschen� Einsch�tzungen, von einer �untauglichen� Organisation oder von einer �verderblichen� Politik die Rede. Da wurden alle Erscheinungen des Bolschewismus und alle Stufen seiner Entwicklung als der begreifliche Ausflu�, als die logische Konsequenz seiner gesellschaftlichen Aufgabe und Funktion verstanden.
Diese theoretische Entwicklung aber ging langsam vor sich, analog den gesellschaftlichen Entwicklungen, in deren Verlauf sich die r�tekommunistischen Ansichten und die r�tekommunistische Praxis wandelten. De R�tekommunismus, der die in der russischen wie in der deutschen Revolution gebildeten R�te als Organe der proletarischen Machtaus�bung begr��t und theoretisch erfa�t hatte, trat - paradox - anfangs als Partei auf, ein Auftreten, das besonders Schr�der �u�erst aktiv initiierte. Es entstand die K.A.P.D. in Deutschland, die K.A.P.N. in den Niederlanden, die sich weder an die Wahlen f�r das b�rgerliche Parlament beteiligen noch Politik treiben wollten.
R�hle, der - wie wir gesehen haben - 1920 die Revolution �keine Parteisache� nannte und eigentlich bis ins hohe Alter in die Partei �im Grunde nicht eine Organisationsform des Proletariats, sondern der Bourgeoisie� erblickte, definierte trotzdem - aus taktischen �erlegungen - die K.A.P.D. und ihre holl�ndische Schwesterpartei als �neue kommunistische Partei, die keine Partei mehr ist�. So verstand sie auch Gorter, genauso verstanden die beiden Parteien sich selbst.
Vier Jahre sp�ter, 1924, �u�erte R�hle sich ganz anders: �Eine Partei mit revolution�rem Charakter im proletarischen Sinne�, schrieb er, �ist ein Unding. Sie kann nur revolution�ren Charakter im b�rgerlichen Sinne haben und da nur an der Wende zwischen Feudalismus und Kapitalismus�. Aus den hier erw�hnten Gr�nden sind die �Undinge� denn auch innerhalb eines knappen Jahrzehnts von der gesellschaftlichen B�hne verschwunden. Die Idee aber flackerte bisweilen - aus bestimmten, hier zu vernachl�ssigen Ursachen - wieder auf. So zum Beispiel in F�nf Thesen �ber den Klassenkampf, einem Text, den Pannekoek 1946 verfa�te. Dann starb die Idee f�r immer.
Mittlerweile entwuchs der R�tekommunismus seiner Kindheit. Die Tatsache, da� er die russische Revolution als eine b�rgerliche, die in Ru�land herrschenden Produktionsverh�ltnisse als staatskapitalistisch verstand, erweiterte seinen Blick f�r Dinge, von denen einige erst heute reif f�r n�here Untersuchungen sind. Andere, schon fr�her analysierte Ph�nomene erschienen sp�ter in einem helleren Licht.
4.
Die bedeutungsvollste Leistung in dieser Hinsicht lieferte 1938 Pannekoek, als er im Rahmen einer Abhandlung �ber Lenins Philosophie den ganzen Bolschewismus nochmals einer n�heren und gr�ndlichen Betrachtung unterzog.
Pannekoek hat in dieser Schrift nicht nur nachgewiesen, da� der Marxismus von Lenin eine Legende ist, das sein angeblicher Marxismus sich im Widerspruch mit dem wirklichen Marxismus befindet, er hat zugleich die Ursache daf�r blo�gestellt. �In Ru�land war der [auf der Tagesordnung stehende] Kampf gegen den Zarismus im hohen Ma� gleichartig mit den fr�heren K�mpfen gegen den Absolutismus in Europa. Auch in Ru�land waren Kirche und Religion die st�rksten St�tzen des Regierungssystems... So war der Kampf gegen die Religion hier eine gesellschaftliche Notwendigkeit.� Daraus ergibt sich, da�, was Lenin in Bereich der Philosophie f�r historisch-materialistische Auffassungen hielt, sich praktisch kaum unterschied vom franz�sischen b�rgerlichen Materialismus des 18. Jahrhunderts, der damals als geistige Waffe gegen Kirche und Religion entwickelt worden war.
In �hnlicher Weise, d.h. indem auf die �bereinstimmung der vorrevolution�ren gesellschaftlichen Verh�ltnisse in Ru�land und Frankreich hingewiesen wurde, erkl�rten schon fr�her r�tekommunistische Texte den Blanquismus der Bolschewiki oder die Tatsache, da� Lenin f�r sich und f�r die Mitglieder seiner Partei das Wort Jakobiner als Ehrenname beansprucht hatte und da� sie der Auffassung waren, da� ihrer Partei die Rolle der Jakobiner der russischen b�rgerlichen Revolution zukomme.
Tats�chlich, b�rgerlich nannte Lenin zu einem Zeitpunkt, als er noch keine Legenden oder Mythen zu bewahren hatte, die bevorstehende Revolution. Die r�tekommunistischen Theoretiker konnten ihm darin nur zustimmen. Da� im M�rz 1918, also nur wenige Monate nach der Oktoberrevolution, die Sowjets ihrer bereits schrumpfenden Macht endg�ltig beraubt wurden, ging in r�tekommunistischer Sicht aus dem Charakter dieser Revolution hervor. Die russischen Sowjets, ob sie sich nun wirklich aus echten Vertretern der Arbeiterklasse zusammensetzten oder nicht, pa�ten jedenfalls keineswegs in ein System, das nichts anderes war und sein konnte, als der politische �berbau staatskapitalistischer Produktionsbedingungen. Es war eine Parteiherrschaft, die Diktatur jener politischen Instanz, die �ber die nationalisierten Produktionsmittel verf�gte und somit, wie sonst jeder privater Unternehmer, auch �ber die Produkte.
Der Kommunismus, so wie er von der R�tebewegung verstanden wird, steht zu diesem System in einem scharfen Gegensatz. Aus r�tekommunistischer Sicht ist eine Parteidiktatur mit einer Gesellschaftsformation, deren �konomische Grundlage in der Beseitigung der Lohnarbeit und der daraus hervorgehenden Ausbeutung besteht, unvereinbar. Einer Gesellschaft, in der die Produzenten frei und gleich sind, ist logischerweise die Demokratie der Produzenten inh�rent. Sie ist selbstverst�ndlich etwas anderes als die angebliche �proletarische� Diktatur und ihre zum Terror f�hrende Gewalt.
Was den Mitte 30er Jahre unter Stalin seinen Gipfelpunkt erreichenden Terror betrifft, so war er in r�tekommunistischer Sicht nichts wesentlich Neues. Er hatte bereits unter Lenin eingesetzt. Und seine kolossale Steigerung sp�ter konnte nicht aus Stalins Charakter, sondern eher als Begleiterscheinung des Industrialisierungs- und Proletarisierungsprozesses, also als Begleiterscheinung einer urspr�nglichen Akkumulation, wie sie sich anderswo auch vollzogen hatte, verstanden werden.
Da� die russischen Bolschewiki ihre Gesellschaft als kommunistisch bezeichnen konnten, kam daher, da� sie zu Unrecht meinten, die Verstaatlichung der Produktionsmittel sei der Sturz des Kapitalismus. Das war eine schon von Marx und Engels kritisierte Auffassung, die - ach wie lang ist's her - auch die Sozialdemokratie vertrat, als sie noch vom Sturz der kapitalistischen Gesellschaft redete. Mit R�cksicht darauf k�nnten - wie es R�hle getan hat - die Bolschewiki als (radikale) Sozialdemokraten betrachtet werden.
�ber das, was auf Grund seiner gesellschaftlichen Lage und seiner theoretischen Auffassungen vom Bolschewismus zu erwarten war, schrieb Pannekoek: �... die Arbeitermassen haben [wie Moskau es fordert] der kommunistischen Partei zu folgen, ihr die F�hrung und nachher die Herrschaft zu �berlassen, w�hrend die Masse der Parteimitglieder in fester Disziplin der Parteif�hrung zu gehorchen hat�. Das Fazit: �Die f�r ihre Befreiung k�mpfende Arbeiterklasse wird die Philosophie Lenins auf ihrem Weg finden als die Theorie einer Klasse, die ihre Knechtschaft und Ausbeutung zu erhalten sucht.� Es waren prophetische Worte! Wie prophetisch, erfuhren 1953, 15 Jahre nach ihrer Niederschrift, die Bauarbeiter der damaligen Ostberliner Stalinallee, als der Leninismus mit Panzern auf sie losfuhr.
Pannekoek war nicht der einzige R�tekommunist, der, indem die Theorie immer klarer ausgearbeitet wurde, die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen Marx und Lenin lenkte. Das gleiche tat der seit 1926 in den USA lebende Paul Mattick, der sich schon fr�hzeitig mit Problemen der Arbeiterbewegung befa�te. Mattick tat dies in indirekter Weise. Sein Aufsatz hie� Die Gegens�tze zwischen Luxemburg und Lenin. Darin besch�ftigte er sich mit der Marxschen Kritik an dem b�rgerlichen Revolution�r Arnold Ruge, um nachzuweisen, da� sie in jeder Hinsicht �bereinstimmt mit der Luxemburgschen Kritik an Lenin, weil sich Lenins Auffassungen denen von Ruge n�herten. Dabei zeigte er nicht nur, wie weit Lenin vom proletarischen Standpunkt Marxens entfernt war. Indem er Lenin mit dem Marx auf den Leib r�ckte, warf er auch ein helles Licht auf die Marxschen Ansichten selbst.
Gegen Lenin, der die ganze Revolution zu einer Frage des bewu�ten Eingreifens seiner jakobinischen Berufsrevolution�re machte, f�hrte Mattick in Marxens Spuren an, da� ein Mehr an politischem Verst�ndnis auch ein Mehr nutzloser, irrationeller K�mpfe f�r das Proletariat bedeutet, da das politische Verst�ndnis seine viel richtigeren Klasseninstinkte verschleiert und die Arbeiter blind gegen ihre wirklichen gesellschaftlichen Aufgaben macht.
5.
Matticks Darlegungen streiften einen Punkt, der von r�tekommunistischer Seite immer wieder betont wurde. Nicht von einer revolution�ren Intelligenz erzogen, sondern auf Grund ihrer Klassenlage in der Gesellschaft, die sie zum spontanen Selbsthandeln zwingt, gehen die Arbeiter in den Kampf. Der Kapitalismus wird nicht gest�rzt, weil die Arbeiter die Revolution machen wollen, sondern die Revolution ist unvermeidlich, weil der Klassenkampf im Kapitalismus unvermeidlich ist. Mit dieser Auffassung verwirft der R�tekommunismus auch die Leninsche These, da� es �ohne revolution�re Theorie keine revolution�re Praxis� g�be. Es ist, so wirft er Lenin vor, gerade umgekehrt: ohne revolution�re Praxis keine revolution�re Theorie! Und das schon deswegen, weil jede Theorie die gedankliche Zusammenfassung einer bestimmten Wirklichkeit ist. Ohne etwas, wor�ber zu theoretisieren ist, g�be es keine Theorie.
Die r�tekommunistische Theorie fu�t auf den in unserem Zeitalter gef�hrten Klassenk�mpfen und auf den heutige Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Gesellschaft, wie die Marxsche Theorie auf den damaligen Klassenk�mpfen und den Tendenzen des Kapitalismus seiner Zeit beruht. Und das als Ergebnis der gleichen Untersuchungsmethode. Wenn der R�tekommunismus nachdr�cklich bestreitet, da� die Arbeiter in fester Disziplin irgendeiner Parteif�hrung zu gehorchen haben, wenn er Spontaneit�t und Selbstbestimmung bef�rwortet, dann deshalb, weil die wirklich vor sich gehende Entwicklung des Klassenkampfes immer deutlicher einen nicht zu vernachl�ssigenden Beweis daf�r liefert, da� eine neue, durch Unabh�ngigkeit von jeder sogenannten �Vorhut� gekennzeichnete, von welcher bankrotten Ideologie auch immer beeinflu�te Bewegung der Arbeiter selbst die einzig m�gliche Perspektive bildet.
Eine selbst�ndige, von der traditionellen v�llig verschiedene neue Arbeiterbewegung kann nach r�tekommunistischer Ansicht nicht k�nstlich errichtet werden. Sie w�chst aus der Gesellschaft infolge sozialer K�mpfe. Worauf sie lossteuert, ob sie dessen bewu�t ist oder nicht, ist die R�tedemokratie!