|
Reformen und Reformatoren
|
|
Christoph Willibald Gluck, einer der Erneuerer der Oper im 18.
Jahrhundert, äußert sich in einem Brief an Bailly du Rolly über
innovative Merkmale seiner fünften Reformoper Armide (1777).
Dabei spielt er auch auf die Konkurrenz zu Niccolò
Piccini an, dem Hauptvertreter der italienischen Oper zu der Zeit.
Quellentext II:
Christoph Willibald Gluck: Brief an Bailly du Rolly
Sie sagen mir, mein lieber Freund, in Ihrem Briefe, daß nichts
jemals die „Alceste" übertreffen werde,
aber ich, ich unterschreibe Ihre Weissagung noch nicht.
„Alceste" ist eine vollgültige Tragödie
und ich glaube offengestanden, daß dem Werk sehr wenig zu seiner
Vollendung fehlt: aber Sie machen sich keine Vorstellung, wieviel verschiedener
Nuancen und Stile die Musik fähig ist.
„Armida" ist im Ganzen so verschieden von „Alceste", daß Sie
glauben können,
daß sie nicht vom gleichen Komponisten stammen. Auch habe ich
meine beste noch verbleibende Schöpferkraft darauf gewendet, „Armida"
zu vollenden. Ich war bestrebt, hier mehr Maler und mehr Dichter als Musiker
zu sein; kurzum, Sie werden urteilen, ob man es heraushört. Ich bekenne
offen, daß ich mit dieser Oper meine Laufbahn zu beschließen
wünsche.
Es ist wahr, daß für das Publikum wenigstens ebensoviel
Zeit notwendig sein wird, sie zu verstehen, wie es bedurfte, in das Verständnis
von „Alceste" einzudringen. Es herrscht in „Armide" eine Art von Delikatesse,
wie sie in „Alceste" nicht vorhanden ist:
denn ich habe einen Weg gefunden, die Personen in
einer Art sprechen zu lassen,
daß Sie nach ihrer Ausdrucksweise erkennen werden,
ob es Armida sein wird, die spricht, oder eine andere u.s.w.
Ich muß schließen, sonst würden Sie glauben, ich
sei ein Narr oder ein Charlatan geworden.
Nichts macht einen so schlechten Eindruck, als wenn man sich
selber lobt; das schickte sich nur für den großen Corneille;
aber wenn Marmontel oder ich wir uns loben, spottet man über uns
und lacht uns ins Gesicht.
Schließlich haben Sie recht zu behaupten, daß man die französischen
Komponisten zu sehr vernachlässigt hat; denn wenn ich mich nicht sehr
täusche, glaube ich, daß Gossec und Philidor, die den Schnitt
der französischen Oper kennen, dem Publikum unendlich mehr gefallen
würden als die besten italienischen Meister,
wenn man sich nicht für all das begeisterte,
was das Ansehen der Neuheit besitzt.
Sie sagen mir noch, mein Freund, daß „Orphée" beim Vergleich
mit „Alceste" verliere. Du mein Gott! Wie kann man diese beiden Werke vergleichen,
die nichts Vergleichbares haben? Das eine kann mehr gefallen als das andere;
aber lassen Sie die „Alceste" mit Ihren schlechten Darstellern aufführen,
mit jeder anderen Künstlerin als Frl. Le Vasseur, und „Orphée"
mit allen besseren, welche Sie besitzen, und Sie werden sehen, daß
„Orphée" das Gleichgewicht halten wird: die besten Sachen, schlecht
ausgeführt, werden erst recht unerträglich.
Ein Vergleich kann nicht angestellt werden zwischen zwei Werken
von verschiedenem Charakter.
Wenn zum Beispiel Piccini und ich, jeder auf eigene Faust, die Oper
„Roland" komponierten, dann könnte man urteilen, welcher von beiden
sie bessergemacht hätte:
aber verschiedene Texte müssen notwendig verschiedenartige
Kompositionen zeitigen,
die jede nach dem Ausdruck der Worte möglichst
vollendet in ihrem Genre sein kann;
aber dann hinkt eben jeder Vergleich. Ich zittere fast, daß man
„Armida" und „Alceste", zwei so verschiedene Dichtungen, wird miteinander
vergleichen wollen, von denen die eine zu Thränen rühren, die
andere eine amouröse Empfindung erwecken soll; wenn dies doch eintritt,
wüßte ich keinen anderen Ausweg, als unseren Herrgott zu bitten,
die gute Stadt Paris möge ihren gesunden
Menschenverstand wiederfinden.
"Christoph Willibald Gluck: Brief an Bailly du Rolly,"
Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2000. © 1993-1999 Microsoft
Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
Das Personal - Die Akteure einer Tragödie im Spiegelbild
der Statistik
| Personen |
Stimmlage |
| Admetos, König von Pherae, Thessalien |
Tenor |
| Alceste, seine Gattin |
Sopran |
| Eumelos und Aspasia, deren Kinder |
stumm |
| Ismene, Alcestes Vertraute |
Sopran |
| Evander (Euandros) |
Tenor |
| Oberpriester Apollos |
Bass |
| Herakles |
Bass |
| Thanatos, Todesgott |
Bass |
| Priester, Priesterinnen, Herolde |
Todesgötter, Volk |
[email protected]
2002