[Image] [Goblin Logo] [Image] [Image] [Image] Die Hackerethik - Teil 5 [Image] "Und jetzt " fragte ich. "Was kann ich denn nun hier [Image] machen?" "Alles", war die lapidare Auskunft. "Alles? [Image] Wirklich alles? Alles lesen, alles verändern, etwas hinzufügen, anderer Leute Programme laufen lassen oder [Image] löschen?" Meine geschockten Ganglien waren auf einmal wieder in der Lage, klare Gedanken zu formulieren. [Image] Gandalf zuckte zusammen, und jetzt war er es, der [Image] geschockt war. "Nun ja", kam nach einigem Zögern die Antwort. "Du kannst natürlich kein anderes Datenband einlegen oder neues Papier in die Drucker werfen, aber mit dem System, so wie es jetzt dasteht, kannst du wirklich alles machen, wenn du willst. " Seine Stimme bekam einen etwas härteren Ton. "Du kannst die Kiste auch abschalten. Wenn du jetzt den Befehl SHUT DOWN eingibst, fährt der Rechner runter, und die Japaner müssen ihn morgen wieder hochfahren. Aber... " wieder folgte eine Kunstpause, und der Tonfall wurde noch härter. "So etwas macht man nicht, es sei denn, man ist dazu gezwungen. Das lernst du aber noch. " Seine Stimme wurde wieder normal, und er gab mir eine weitere Lektion, diesmal unter der Überschrift "Hackerethik". "Du solltest eines begreifen", fuhr er fort. "Wir sind keine Kriminellen. Ich hab es dir vorhin angesehen, das Fieber hat dich jetzt auch gepackt. Du bist jetzt in der Lage, einen der besten Computer der Welt zu benutzen. Und wenn ich sage: benutzen, dann meine ich das auch so. Wenn du ihn runterfährst, hast du nichts davon. Wenn du die Projekte der anderen Benutzer störst, fällst du früher oder später auf, wirst rausgeworfen und hast auch nichts mehr davon. Also lösche nichts, was du nicht selbst produziert hast, müll nicht in den Daten anderer Leute rum und vor allem: Sag es nicht weiter, es sei denn, du kannst es vor dir selbst verantworten. In Deutschland gibt es noch keine Gesetze, die dir verbieten könnten, das zu machen, was wir hier jetzt machen, aber so was kommt früher oder später ganz bestimmt. Wir", sagte er und deutete auf die Namensliste auf dem Bildschirm, "haben gewissen Spielregeln, an die wir uns halten." Gandalf wog auf einmal drei Zentner, als er alles, was er an Autorität aufbieten konnte, in den nächsten Satz legte: "Du mußt dich selbstverständlich nicht an diese Spielregeln halten, schließlich bist du ein freier Mensch. Aber wenn du es nicht tust, sind wir keine Freunde mehr. Du wirst nie wieder ein Sterbenswörtchen von dem erfahren, was wirklich auf den Netzen läuft. Ich weiß nicht, ob dich das beeindruckt, aber das ist ernst gemeint, und wenn du nicht bereit bist, es zu akzeptieren, lassen wir das ganze lieber. " Übergangslos wurde er wieder der nette Mensch, als den ich ihn kannte. "Na ja, machen wir mal weiter. Laß mich mal an den Rechner. Wir wollen doch mal sehen, was die Jungs so treiben. Wahrscheinlich chatten. " Er drängte mich fast vom Hocker, und seine Finger flogen über die Tastatur. "Chatten heißt schnattern, und genau das ist es eigentlich auch. Man klönt halt miteinander. Das ist auf der Kiste normalerweise gar nicht so einfach, aber wir haben da ein kleines Programm geschrieben, Phineas heißt der Knabe, das ruf ich jetzt mal auf. " Plötzlich waren wir mitten in einer flotten Konferenz, deren Teilnehmer sich angeregt unterhielten. Mir fiel auf, daß die Umgangssprache Deutsch war. "Warum nicht in deutsch?" war die Antwort. "Ramazuki sitzt in Altona, Nishio-San in Blankenese, dieser Nakio sitzt irgendwo im Saarland... da ist Deutsch doch wohl die praktischste Lösung, oder.? Wenn da jetzt zufällig ein Ami oder so was reinschneit, dann geht's natürlich englisch weiter, aber bisher haben wir die Kiste immer noch für uns alleine. " Die Konferenz deutscher Hacker in einem japanischen Computer amerikanischer Herkunft sprudelte munter drauflos, bis Gandalf irgendwann das Interesse verlor und sich aus dem Dialog verabschiedete. Das gab mir die Gelegenheit, weitere Fragen loszuwerden, die mich beschäftigten: "Woher weißt du das alles? Ich mein', wie man mit so einem Rechner umgeht und wie die Befehle heißen " "Ach, das ist nichts Besonderes. Erstens weiß ich selbst gar nicht so sehr viel, ich werd' wohl noch ein Weilchen brauchen, bis ich mit der Kiste etwas wirklich Sinnvolles anstellen kann,Apfelmännchen berechnen zum Beispiel, und zweitens ist das ein Computer, der ausgesprochen freundlich ist. Schau mal her: Wenn ich HELP, also Hilfe, eingebe, dann kriege ich eine Liste der möglichen Befehle. Und zu jedem Befehl gibt es ausführliche Erklärungen, die ich genauso einfach abrufen kann. Sehr benutzerfreundlich, wirklich. Na ja, und durch Versuch und Irrtum lernt man so ein System dann allmählich kennen." "Das kostet doch eine Menge Zeit. Und es bringt mich auf die nächste Frage: Wenn ihr das zu dritt oder mit noch mehr Leuten drin seid, fällt das nicht auf?" Gandalf setzte wieder sein typisches Grinsen auf, mit dem er mich darauf hinwies, daß ich die Antwort durch Nachdenken eigentlich auch selber geben könnte. "Erstens ist es Samstag. Da arbeiten auch die Japaner nicht. Zweitens ist es in Japan gerade früher Abend, also hätten die auch in der Woche schon längst Feierabend. Und drittens machen wir ja nichts, was die Kiste sonderlich belasten würde. Schau mal. " Während er redete, hatte er schon wieder mehrere Befehle eingegeben. Auf unserem Bildschirm erschienen Zahlen. "Das sind die Auslastungswerte der Zentraleinheit. Das hier ist irgendein ständig laufendes Programm, das alleine zehn Prozent der Kapazität schluckt, die beiden hier brauchen zusammen auch noch mal zehn Prozent, und das da ganz unten auf der Liste, die Nullkommanochwas, das ist unser Phineas-Programm. So was regt doch niemanden auf. Wenn die es sich leisten können, den Rechner übers Wochenende leer laufen zu lassen, dann sollen sie doch. Solange wir nichts kaputtmachen... " Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu und fluchte plötzlich: "Was ist das denn für ein Mist?" Weiter mit Teil 6 Teil 4 [Image] [Image] [Image] © 1998 Goblin. Alle Rechte vorbehalten.