[Image] [Goblin Logo] [Image] [Image] [Image] Die Hackerethik - Teil 4 [Image] Meine ersten Kontakte zu Datenreisenden eröffneten [Image] sich 1984 während der Nachwehen des Btx-Coups des CCC. [Image] Meine Vorbereitungen, eine eigene Mailbox zu eröffnen, liefen auf Hochtouren, und ich lernte viele Leute [Image] kennen, die ich zum Teil nie persönlich gesehen habe, sondern irgendwo in den Datennetzen traf. Es war eine [Image] unbeschwerte Zeit, alles war neu und interessant, niemand fragte wer man sei oder was man mache. Es war [Image] wie im Urlaub: manche Dinge fragt man einfach nicht, um den Zauber nicht zu zerstören. Ich hatte gerade eine kaputte Beziehung hinter mir, und ich war dankbar für die Ablenkung, welche die Entdeckung des neuen Kontinents Telekommunikation mir bot. Ich lernte Schlappi kennen, Gandalf, Majo und wie sie alle hießen die Namen waren ganz im Sinne der Hackerethik unwichtig. Wichtig war nur, was wir machten, Die Computerfirmen waren damals viel unvorsichtiger als heute, und von jeder Messe brachten wir NUIs mit, die hochwillkommenen Schlüssel unter der Fußmatte. NUI heißt Network User Identification und ist die Eintrittskarte für das Hackerparadies. Wer eine NUI hat, kann sich in den Datendienst der Post einwählen und zahlt für alles, was er dort macht, nur die Telefongebühren für ein Ortsgespräch, während der Inhaber der NUI für die Datengespräche aufkommt. Inzwischen ist das nach deutschem Recht verboten, aber damals gab es diese Gesetze noch nicht, und es ist natürlich inzwischen auch verjährt. Wir hatten auch kein Unrechtsbewußtsein woher auch. Das, was wir an Kosten verursachten, war ja nur ein verschwindend kleiner Bruchteil dessen, was diese Firmen für vielfarbige Ganzseitenanzeigen in den Zeitungen ausgaben. Wir nahmen es dankend als Stipendium an und nutzten es reichlich. Die Zeit nach den Messen war unsere Datenreisesaison, ich kann mich an Zeiten erinnern, zu denen wir sieben oder acht verschiedene NUIs hatten, nur weil die rechtmäßigen Inhaber so dumm oder so nachlässig waren, diese auf Klebezetteln unter dem Terminal am Messestand aufzubewahren. "Welche nehmen wir denn heute? DESY, DEC oder Nixdorf?" war damals eine beliebte Frage. Inzwischen haben fast alle von uns ihre eigene NUI und hüten sie wie ihren Augapfel, denn die Leih-NUIs werden immer seltener. Gandalf schleppte eines Tages nicht nur eine NUI an, sondern auch eine NUA. Das ist eine Network User Adress und so etwas wie die Telefonnummer eines Computers, nur halt im Datennetz. Man kann sie nicht am Telefon wählen, sondern gibt sie per Computertastatur ein, wenn man den Postrechner angewählt hat. Dieser stellt dann die Verbindung zu dem anderen Computer her, und der meldet sich auf dem heimischen Bildschirm: "Welcome to the KEK VAX 11/750 utilizing VMS 3.9" ("Willkommen in der KEK VAX, wir benutzen das Betriebssystem VMS, Version 3.9 auf einem Rechner vom Typ VAX 11/750" Merke: Computerbesitzer sind eitel und erzählen immer ungefragt, welche Maschine sie benutzen und welches Betriebssystem). "Diese Kiste steht in Japan", sagte Gandalf und grinste. Ich schluckte. Da war auf einmal wieder die gleiche Euphorie wie damals, als der ZX81das erste selbstgeschriebene Programm abarbeitete und halbwegs korrekt herausfand, daß 13 Prozent von zehn Mark einsdreißig sind. Das war nichts, was man nicht auch im Kopf hätte ausrechnen können, aber: dem Mythos Denkmaschine das eigene Denken aufzuzwingen und sie zu veranlassen, selbsterdachte Befehlsfolgen anzunehmen, ist ein Glücksgefühl, das einem Orgasmus nahekommt. (Um Hobby-Banalytikern zuvorzukommen: Ein echter Orgasmus ist natürlich viel schöner.) Hier war es genauso. Man sitzt gebannt vor dem 1000-Marks-Computer sieht auf den Bildschirm und ist gleichzeitig in Japan, an der Konsole eines Megadollargeräts und kann nichts Sinnvolles damit anfangen. "Du kannst doch denken", meinte Gandalf, als er meinen Blick bemerkte und machte eine Kunstpause. "Dann denke." "Also wird es wohl irgendwie einen Zugang für Gäste geben", dachte ich laut, "aber was heißt Gast auf Japanisch " "Hmmm... und welche ASCII-Codes haben die japanischen Zeichen " "Ich habe doch gesagt, du sollst nachdenken. In welcher Sprache hat er dich denn angeredet?" meckerte Gandalf und schien äußerst ungehalten ob meiner Unfähigkeit. Der Wink mit dem Zaunpfahl war hilfreich, und sofort wurde dem Rechner auf die Frage nach dem Benutzernamen mit einem locker dahingeworfenen "GUEST" geantwortet. Daß man mit diesem Namen manchmal etwas erreicht, hatte ich natürlich schon einmal irgendwo gelesen, nur war in der Aufregung dieses Wissen nicht greifbar. Japan antwortete. Ein Haufen Systeminformationen tröpfelte über den Schirm. Irgend etwas von Handbüchern, die man bei einem gewissen Touchi-San abfordern könne, Uhrzeit und Datum des letzten Anrufs mit dem Namen Guest und ähnlich packende Information. Schließlich endete der Datenwust mit einem einzelnen Dollarzeichen. "Das ist der Systemprompt", dozierte Gandalf, "das bedeutet, er wartet jetzt auf deine Befehle. Dann laß mal langsam einen Schuß kommen. " Ich muß dreingeschaut haben wie ein katholischer Priester, der feststellt, daß er plötzlich verheiratet ist. "Das heißt SHOW USERS, und du gibst halt nur SH und US ein, dazwischen läßt du eins frei. Du siehst dann schon, was passiert... " Na ja, wenn er meint. Aus Japan kam eine Liste mit Namen, Gandalf las halblaut mit:"Kamasutra, Ramazuki, Nishio-San, na also, es sind ja alle da. Das ist nämlich so... " und es folgte eine halbstündige Einführung in die Grundlagen von Superminicomputern und das Einrichten eigener privilegierter Benutzerkennungen, unter besonderer Berücksichtigung der Schwachstellen eines bestimmten Betriebssystems. Ich habe nichts davon begriffen, sondern nur hin und wieder ein verständnisvolles Nicken eingeworfen, um zu dokumentieren, daß ich noch nicht eingeschlafen war, mittlerweile war es nämlich schon nach Mitternacht. Soviel begriff ich jedenfalls: Da waren ein paar Leute, die konnten mit diesem sündhaft teuren Gerät im fernen Japan machen, was sie wollten. Vom häuslichen Fernsehschirm aus kontrollierten sie den Computer, und die Macht war mit ihnen. Weiter mit Teil 5 Teil 3 [Image] [Image] [Image] © 1998 Goblin. Alle Rechte vorbehalten.