Warum mit einem Liegerad?

Bereits zu hause war das Fahrrad aus ökologischen Überlegungen und immer mehr auch Leidenschaft, mein Haupttransportmittel und bereits vor Jahren war ich auf ein Liegerad umgestiegen. Hatte mich erst die Möglichkeit begeistert, in bequemer Position wegen des geringen Luftwiderstandes im flachen Terrain schneller vorwärts zu kommen, so war es später einfach das andere Fahrgefühl, auf das ich nicht mehr verzichten wollte. Also trat ich diese Reise mit dem Liegerad an, im Bewusstsein dessen, dass es auf schlechten Straßen oder beim Schieben schwerer zu handhaben ist als ein konventionelles Rad.

 

Warum die Reise?

Über die Jahre hinweg hat sich die Idee einer längeren Radreise in meinem Kopf festgesetzt. meine letzten Sommerurlaube verbrachte ich bereits mit Radtouren, wenn diese auch nie länger als 3 Wochen dauerten.

Außerdem war ich mit meiner beruflichen Situation zunehmend unzufrieden. Als ich dann Kontakt zu einem Deutschen bekam, der nach Nepal radeln wollte, entschloss ich mich, ihn zu begleiten.

 

Finanzen?

In über 10 Jahren Berufstätigkeit sammelten sich einige Ersparnisse an. Ich hatte ja auch nie ein Auto zu finanzieren. In praktisch allen von mir bis jetzt bereisten Ländern sind auch die Lebenshaltungskosten niedriger als in Österreich, in Ländern wie Indien oder China, in denen ich mich lange aufhielt, sogar um vieles niedriger. Durch Campieren etwa lässt sich einiges an Übernachtungskosten sparen.

 

Gepäck?

Ich startete mit ca. 30 kg Gepäck. Mit der Zeit hat sich noch mehr an Ausrüstung und Ersatzteilen angesammelt. Dazu kommen noch Wasser- und Essensvorräte, die je nach Gegend variieren. Ich habe z. B. Kapazitäten, um 15 Liter Wasser mitzunehmen.

 

Ersatzteile?

Auf meiner bisherigen Route waren meistens zumindest Komponenten für Mountainbikes erhältlich, wenn auch nicht immer in der gewünschten Qualität. Diese passen oft auch auf mein Rad. Spezielle oder qualitativ hochwertige Teile lasse ich mir von zu hause schicken, teilweise ist es auch möglich sie anfertigen zu lassen.

 

Welche Route?

Von Österreich über Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Iran, Pakistan nach China. Dort wurde ich in Tibet von der Polizei gestoppt und für ein längeres Stück musste ich in einem Auto fahren. Danach wieder mit Rad durch Nepal, Indien, erneut Nepal, Tibet und China. Über Südostasien bis nach Osttimor, inklusive einigen Bootsfahrten zwischen den indonesischen Inseln. Nach einem Aufenthalt in Australien flog ich schließlich nach Chile, radelte nach Süden bis Feuerland und von dort wieder nach Norden durch Argentinien bis nach Paraguay, wo ich mich nun befinde.

Die grobe Planung für die Weiterreise ist über das Hochland von Bolivien und Peru bis ans nördliche Ende von Südamerika zu fahren, danach nach Afrika überzusetzen und zurück nach Europa zu radeln.

www.geocities.com/recumbenttour/map.htm

 

Zeit?

Start am 3. April 2003, das Ende ist mehr oder weniger offen. Aber ich denke, ich habe nun nach 3 Jahren wenigstens mehr als die Hälfte hinter mir.

 

Distanz?

Bis Paraguay ca. 55.000 km

 

Vorbereitung?

Ich absolvierte kein spezielles Training, da ich sowieso im Alltag die meisten Strecken mit dem Rad zurücklegte. Ich ernähre mich auch ganz normal, je nach den Gepflogenheiten der jeweiligen Länder. Allerdings bin ich auf der Reise mehr oder weniger zum Vegetarier geworden.

 

Attraktion Liegerad als Gesprächsthema?

In vielen asiatischen Ländern erregt ein radelnder Ausländer soviel Aufmerksamkeit, dass es zur Nervenprobe wird. Da macht die zusätzliche Außergewöhnlichkeit eines Liegerrades keinen großen Unterschied mehr. Anders in Südamerika. Als ich zusammen mit meinem Normalrad-Kollegen Matthias Chile durchquerte, war dieser praktisch unsichtbar, wurde ignoriert. Sicherlich werde ich wegen meines Rades vermehrt angesprochen, das erleichtert mir wohl auch manche Situationen, etwa im Umgang mit Behörden, kann aber auch lästig sein. Außerdem besteht die Gefahr, sich auf die Rolle des Besitzers einer Kuriosität beschränken zu lassen.

 

Menschen &Erlebnisse

In erster Linie habe ich einige neue Freundschaften mit anderen Radfahrern geschlossen, die ich am Weg getroffen hatte.

 

Ich habe noch guten Kontakt mit Franz aus Österreich, wir sind einige Monate lang von Iran bis Nepal geradelt. Nur wenige Wochen nachdem wir wieder getrennte Wege gegangen sind, wurde er ein Opfer des indischen Verkehrschaos und musste nach einem schweren Unfall seine Reise abbrechen.

 

Das sympathische deutsche Ehepaar Elisabeth und Lothar traf ich erstmals in Nepal. Lothar hatte an sein vollbepacktes Rad noch einen 100 kg schweren Anhänger, um die nach seiner Aussage erhöhten Komfortansprüche von Leuten um die 50 aufrechterhalten zu können und zog den über 5000 m hohe Pässe durch Tibet. Elisabeth ließ sich auch von ihrer Herzerkrankung, die längere Krankenhausaufenthalte in China erforderte, nicht aufhalten weiter zu radeln. Um so tragischer war es, als sie in einer Region Indonesiens in einen aufflammenden Bürgerkrieg gerieten, fälschlich für Rebellen gehalten und von Soldaten beschossen wurden, wobei Lothar ums Leben kam. Als ich diese Nachricht erfuhr, war ich wirklich erschüttert.

 

In Tibet begegnete ich Jiang aus Peking, den ich 2000 km „nach hause“ begleitete, wobei wir uns trotz der Sprachbarriere verstehen (aber auch streiten) lernten. Wir schieden als gute Freunde.

 

Und zuletzt Matthias aus Berlin. Ich traf ihn mehrmals in Südostasien, wo er zum Schutz gegen die Sonne einen Turban aus Afrika trug. Schließlich verabredeten wir uns für Südamerika und durchkreuzten zusammen mehrere Monate lang Chile. Nach der langen Zeit zusammen auf engsten Raum ergaben sich einige Reibungspunkte, so ziehen wir jetzt wieder jeder für sich durch Südamerika. Trotzdem sind wir noch gute Freunde und als ich ihn vor einem argentinischen Supermarkt unerwartet wieder traf, war die Freude gross.

 

Die Begegnungen mit Leuten, mit denen ich nicht zusammen gereist bin, waren meist kurz, da ich mich normalerweise nicht allzu lange an einem Ort aufhalte, sehr viele hinterließen aber tiefen Eindruck.

Meist handelte es sich um einfache Menschen, oft arme Leute. Ich begegnete weit mehr Freundlichkeit und Gastfreundschaft als Anfeindungen und Zurückweisung.

 

In Rumänien, als ich zusammen mit Eddie und Björn aus Deutschland unterwegs war, halfen uns 2 einheimische Bergsteiger unsere Räder samt Gepäck über einen noch schneebedeckten Pass zu bringen, wo Leute sogar noch Schi fuhren. (Foto)

 

Eines abends in Bulgarien begegnete uns, als die Straße plötzlich an der Schranke eines Wildreservates endete, ein alter Mann mit Eselskarren. Er lud uns ein bei ihm zu übernachten. Wir wurden großzügig bewirtet und am nächsten Morgen organisierte er eine Genehmigung für die Durchquerung des Reservates. (Foto)

 

In der Türkei begegneten uns viele ältere Männer die einst in Deutschland oder Österreich gearbeitet hatten. Immer wieder wurden wir zumindest in die nächste Teestube eingeladen. In solchen Situationen dachte ich oft daran, wie schlecht Ausländer bei uns zu hause behandelt werden.

 

Im Iran war ich eines Morgens auf einer sechsspurigen, stark befahrenen Straße zusammen mit Björn am Weg nach Teheran. Ich hatte an diesem heißen Tag meinen Beutel mit Kamera, Geldtasche und einigen nützlichen Kleinigkeiten, den ich sonst immer um den Leib trug, hinten auf mein Gepäck geschnallt und angeschlossen. Jemand griff sich diesen durch das Beifahrerfenster eines überholenden Autos. Ich wurde ein kurzes Stück mitgeschleppt bis der Gurt der Tasche riss und ich auf die Straße fiel. Der zähe Stoßverkehr floss an mir vorbei, niemand blieb stehen, die Autofahrer hupten nur und machten so Björn auf mich aufmerksam.

 

Am 11. September 2001 hielt ich mich in Pakistan im Grenzgebiet zu China auf, auch Afghanistan war nicht weit entfernt. Nachdem ich die schrecklichen Nachrichten erfahren hatte, machte ich mich zusammen mit einigen anderen Radfahrern gleich Richtung Grenze auf. Ich kam im Pakistanischen Grenzort an, als gerade der erste Bus von der Grenze wieder zurückkam und die Nachricht verbreitete, diese sei von den Chinesen geschlossen worden. Am nächsten Tag reisten viele Touristen ab, es wurde gleichzeitig publik, dass einige westliche Fluggesellschaften Pakistan nicht mehr anfliegen würden und Angst machte sich breit, man könnte in Pakistan „gefangen“ bleiben. Auch Busfahrer kehrten in ihre Dörfer zurück, da niemand damit rechnete, dass die Grenze bald wieder geöffnet würde. Als dies dann nach 2 Tagen doch der Fall war, nahm ich zusammen mit 7 anderen Radfahrern den ersten Bus Richtung China (nachdem ein Fahrer aufgetrieben werden konnte), die chinesischen Behörden hatten sowieso schon Monate zuvor das Überqueren der Grenze per Rad verboten.

 

Ein besonderes Erlebnis war, als ich, nachdem ich tagelang alleine durch einsames, karges Land gefahren war, die ersten Zelte tibetischer Nomaden sah. Sie winkten mich heran. Ein älteres Paar mit ihren Enkelkindern lud mich auf Buttertee und ein paar Stücke gekochten Schafsfleischs ein und schließlich stellte ich mein Zelt neben ihnen auf. Obwohl wir uns mit Worten kaum verständigen konnten, verbrachten wir den Abend zusammen. (Foto)

 

Bei meinem zweiten Tibetaufenthalt stellte ich eines Abends mein Zelt auf. Eine Gruppe junger Frauen und Mädchen kehrte von der Arbeit in ihr Dorf heim, mit Schaufeln und anderen Werkzeugen beladen, schauten mal bei mir vorbei, was denn da los ist. Da ich gerade beim Kochen war und dabei nicht gestört werden wollte, gab ich ihnen meinen Tibet Reiseführer zum Durchsehen. Bald entdeckten sie Fotos von Mönchen und Klöstern, was schon ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie drückten sich das Buch gegen die Stirn, als ob es eine Reliquie wäre. Dann zeigte ich ihnen noch ein Foto des jungen Dalai Lama, worauf sie völlig in Entzücken verfielen, das Buch und jetzt sogar mich behandelten wie Heiligtümer. Für mich ein sehr bewegender Augenblick.

 

In Peking wurde mir in einer kleinen Rickscha-Fabrik in dreitägiger Arbeit eine neue Federgabel angefertigt. Am Ende wies der Besitzer jede Bezahlung zurück.

 

Als ich eines Morgens in Indien nach 10 km eine Reifenpanne hatte und den ganzen Vormittag vor einer Werkstatt verbrachte, mit verzweifelten Bemühungen jene zu beheben, lud mich deren Eigentümer zum Mittagessen ein. Er schenkte mir sogar einen neuen Fahrradschlauch, mit dem ich die Reparaturversuche am Nachmittag fortsetzte. Bis die Polizei kam und uns wegen des verursachten Menschenauflaufes recht unsanft zum Verhör in die nächste Stadt brachte. Dort klärte sich bald alles auf, der Polizeichef lud mich zum Übernachten auf der Polizeistation ein. Ein Beamter nahm mich mit in seine enge Wohnung, wo ich mich waschen konnte und schon wieder zum Essen eingeladen wurde, bevor ich mich im Polizeigebäude zur Ruhe legte.

 

In Thailand wurde ich einmal von einem Mann, der in den siebziger Jahren per Autostopp nach Europa gereist war, in eine Schule eingeladen, weil er meinte das würde den Horizont der Schüler erweitern. Ich stellte mich in mehreren Klassen den Fragen der Schüler, die waren teilweise recht schüchtern, dann wieder ziemlich frech, führte am riesigen Schulhof mein Rad vor und wurde vor der Weiterreise noch mit einem Blumenkranz geschmückt. (Foto)

 

In Australien lernte ich Jeff kennen, der in einer weit abgelegenen Kleinstadt in der Mitte des Kontinents mit Leib und Seele in der Naturschutzbehörde arbeitet. Um seinem Traumberuf nachgehen zu können, nimmt er in Kauf tausende Kilometer von seiner Familie entfernt zu leben. Wenn er seine Familie besucht, verlängert sich seine Reise noch um Stunden, weil er im Gegensatz zu vielen anderen Autofahrern in der Nacht sehr langsam fährt, um keine Känguruhs totzufahren. Die Kadaver von Känguruhs, Kühen, Schafen und vielen anderen Tieren säumen in vielen Gegenden Australiens den Straßenrand. Von den Autofahrern kaum wahrgenommen, sind sie für den Radfahrer nicht zu übersehen und vor allem nicht zu „überriechen“.

Eines Tages fand ich sogar eine tote Känguruhmutter. Im Beutel ihres bereits aufgedunsenen Leibes war ein noch lebendes Junges gefangen. Es dauerte eine Zeit, bis ich ein Auto stoppen konnte, aber als der Lenker sich mit geübter Hand daran machte, das Kleine freizuschneiden und versprach sich darum zu kümmern, war das für mich ein sehr gutes Gefühl.

 

In Südamerika begegneten mir die Menschen sehr viel zurückhaltender als etwa in Asien. Aber deswegen nicht weniger herzlich, ganz im Gegenteil. Vor allem im einsamen Patagonien traf ich viele Menschen, die einen bleibenden Eindruck hinterließen.

Weit im Süden musste ich einen See mit dem Versorgungsschiff für die Siedler der Region überqueren. Es hält an den abgelegenen Gehöften nicht viel mehr als 10 Minuten, bringt alle 2 Wochen Post und Vorräte. Sonst ist der einzige Kontakt dieser Menschen zur Außenwelt ihr Funkgerät. Ein Mann lebt so seit über 20 Jahren alleine, ich habe kein Wort mit ihm gewechselt, aber sein bärtiges Gesicht und das Bild wie er gefolgt von seinen Hunden zu seiner einfachen Behausung zurückging, für die nächsten 2 Wochen wieder alleine, will mir nicht aus dem Kopf gehen.

 

Seit zwei Wochen bin ich in einer von den Steyler Missionaren geführten Schule in Paraguay zu Gast.

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