Dirk Rupnow, Judenforschung im Dritten Reich. Wissenschaft zwischen Politik, Propaganda und Ideologie (Historische Grundlagen der Moderne. Autoritäre Regime und Diktaturen), Baden-Baden 2011

 

Dieses Buch schließt zumindest mit den institutionsgeschichtlich-historisierenden Abschnitten1 eine Forschungslücke, doch das methodische Konzept des Verfassers ist überaus problematisch. Bei einer so sensiblen und umfassenden Thematik wie die NS-‘Judenforschhung‘ wäre zu erwarten gewesen, dass Verfasser sein eigenes Konzept von Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit, vor allem das der Geisteswissenschaften, präzisiert. Leider beschränkt er sich auf die Erwähnung der soziologischen Begriffe „Denkstil“ und „Feld“.2 Auch im Kapitel ‚Judenforschung‘ als Wissenschaft,3 in dem zwei Unterkapitel den Titel „Wissenschaftlichkeit“ tragen,4 denen der Unterabschnitt „Pseudowissenschaft“ eingegliedert ist, ringt sich Verfasser nicht zu einer auf objektiven Grundlagen beruhenden Deutung, Beurteilung und Einordnung der „Judenforschung“ und der vorgeblichen „Wissenschaftlichkeit“ dieses typischen NS-Produktes durch. Er beschränkt sich weiterhin auf die wort-wörtliche Rezeption der einschlägigen NS-Texte und wagt sich nicht über die, ebenfalls wort-wörtlich aufgefasste Selbsteinschätzung der NS-„Wissenschaftler“ hinaus, dass sie Wissenschaft betrieben und ihr Wirken auch als solches in Deutschland wahrgenommen wurde.5 Dass die übrige Welt dieses Treiben als absolut unwissenschaftlich betrachtete, ignoriert Rupnow vollkommen. Und er fährt mit der inakzeptablen Schutzbehauptung all jener, die dem NS und seinen „Leistungen“ unbedingt etwas Positives abringen wollen, fort: „Für einen wissenschaftsgeschichtlichen Zugang ist schließlich nicht ausschlaggebend, was zum Zeitpunkt der rückblickenden Erforschung für wissenschaftlich gehalten wird (zumal bereits darüber kaum Einverständnis zu erzielen wäre), sondern was zur jeweiligen Zeit als wissenschaftlich angesehen und wie diese Wissenschaftlichkeit konstruiert und eingesetzt wurde – [....].“6 Mit dieser Apodiktik verweigert sich der Autor entschieden allem, was mit dem Objektivitätsbegriff und mit rationalistisch-aufklärerisch-universalistischen Wertvorstellungen verbunden sein könnte. Dass unter solchen Voraussetzungen Irrprodukte wie die „Judenforschung“ und die NS-Geisteswissenschaften nicht ins rechte Licht gerückt werden können, sondern nur aus der Schusslinie geholt und verniedlicht werden, liegt auf der Hand. Weil Rupnow die NS-„Wissenschaftlichkeit“ und ihrer Produkte nicht nach Kriterien der wissenschaftlichen Objektivität beurteilt, bezieht er die Bemessungskriterien aus den NS-‚Forschungsergebnissen‘, hier in Texten niedergelegt, deren Aussagen er als bare Münze auffasst. In der nächsten Phase meldet er keinerlei Zweifel an deren Gültigkeit, er identifiziert sich also mit den Aussagen und Ergebnissen der NS-„Forschung“ in distanzloser Weise;7 womit er seinen Legitimations- und Exkulpationsdiskurs der NS-Geistesprodukte unterfüttert, hinter dem sich bei näherer Betrachtung eine ebenso fragwürdige Verharmlosungs- und Revisionsstrategie verbirgt.

Rupnows Versuch die „Judenforschung“ zu rehabilitieren lässt außer Acht, dass Ideologie und Wissenschaft zueinander wie der Teufel zum Weihwasser stehen. Weil die „Judenforschung“ der Nazis ideologisch-propagandistische Grundlagen (Rassismus, Antisemitismus) besitzt und ebensolche Ziele verfolgte, gerät sowohl ihr eigener Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, als auch der von Rupnow und Gleichgepolten8 gepflegte Legitimationsversuch in arge Bedrängnis. Rupnow reicht hier Argumente nach, deren krasse Unbedarftheit kaum zu überbieten ist. Ein Beispiel: Für die Wissenschaftlichkeit spricht laut Verfasser, dass keinem, der im RSHA oder an Universitäten ‚Juden‘- und ‚Gegnerforschung‘ betrieb, nach Kriegsende der akademische Grad aberkannt wurde.9

Wenn Rupnow nun dem Postulat von Peter Schöttler, dass die einschlägigen NS-Texte „als Texte ernster genommen, also wirklich gelesen werden“ müssen10 mit einem üppigen Zitatenmaterial Folge leistet, so geschieht das nach dem bereits erwähnten Wort-für-Wort-Prinzip der restaurativ-apologetischen Rezeption problematischer Geistesprodukte. Die Aussage, dass die einzelnen veröffentlichten Texte zur „Judenforschung“ „nur schwer trennscharf in wissenschaftliche und propagandistische eingeteilt werden können“,11 ist, weil bar jeder Reflexion und Kritik typisch für Rupnows Betrachtungsweise, es fehlt nämlich jeder weitere Erklärungsversuch. Und Verfasser lässt von seiner Apodiktik nicht locker. Er unterschlägt eine Hauptdimension des NS-Antisemitismus, die Dichotomie von Deutsch-Deutschsein – Nichtdeutsch/Undeutsch, d.h. von Herrenrasse – übrige Rassen/minderwertige Rassen, betont hingegen, dass der Antisemitismus kein Irrglauben, noch ein bloßes Propagandainstrument zur Durchsetzung ökonomischer Ziele war, sondern ein „essentieller Fixpunkt für Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus“.12 Was will Rupnow damit ausdrücken ? Will er sagen, dass der Antisemitismus, weil er ein Fixpunkt der NS-Ideologie und -Praxis war, auch begreiflicherweise zu Propagandazwecken und für die Erreichung ökonomischer Ziele eingesetzt wurde und deshalb kein Irrglaube ist ? Höchstwahrscheinlich. Mit dieser Art ungenauer und beiläufiger Aussagen vertieft Verfasser nur die pseudowissenschaftliche Dimension seines Diskurses.

Um einer vorgeblichen Gefahr „Vorurteile zu duplizieren“ zu entgehen, fordert Rupnow, dass die Stellen in den Arbeiten der antijüdischen Wissenschaftler beleuchtet und aufgedeckt werden müssen, „an denen sich Wissenschaft mit anderen Diskursen vermischt oder in andere Diskurse übergeht“, weil auch die Gefahr einer „Zuflucht zum Begriff der Pseudowissenschaft „ bestehe, „vor allem gefühlsmäßig, wäre aber weder glaubwürdig begründbar noch wissenschaftsgeschichtlich haltbar oder sinnvoll.“13 Verfasser hat Probleme mit dem, was er eine „gefühlsmäßige“ Rezeption nennt, aus der Befürchtung, dass die „Judenforschung“ allzu leicht zur Pseudowissenschaft erklärt werden könnte. Hier funktioniert das Attribut „gefühlsmäßig“ als Euphemismus für die rationalistische und moralisch-ethische Arbeitsweise der positivistischen Geschichtswissenschaft. Doch Rupnow versäumt vor lauter Befürchtungen, dass die „Judenforschung“, die NS-Geisteswissenschaften und die NS-Naturwissenschaften „missverstanden“ werden können, die Überschneidung des „wissenschaftlichen“ Diskurses mit ideologisch-propagandistischen Diskursen zu konkretisieren.

Rupnows eigener Diskurs illustriert die Stossrichtung der „Subversion“, die er für die historische Forschung im Allgemeinen reklamiert. Doch er kommt weder seiner Forderung, Fragen adäquat zu beantworten, nach, auch differenziert er nicht vernünftig,14 sondern liefert eine recht billige und fragwürdige Legitimierung und Exkulpierung der „Judenforschung“ und der NS-Wissenschaftlichkeit.

Verfasser liefert weitere theoretische Ausführungen im Kapitel „Denkstil – Aufgaben – Funktion“ (S.154-191), wo das Unterkapitel „Transdisziplinarität“ besonders problematische erscheint. Es wird zwar eine „Transdisziplinarität“ der von Antisemitismus programmatisch und ideologisch bestimmten ‚Judenforschung‘ thematisiert, doch Verfasser versäumt klarzustellen, dass es sich um eine unechte „Transdisziplinarität“ bzw. „Interdisziplinarität“ handelt, weil sie auf den NS-Postulaten der biologischen und kulturellen Reinrassigkeit fußt, folglich im Wesen ideologisch und propagandistisch gefärbt ist. Damit ist die Ursache genannt, warum die NS-Geistes- und Naturwissenschaften keine durchgehende, kontinuierlich wirkende Wissenschaftlichkeit gewährleisten können. Diese ideologisch-propagandistische Verquickung wird besonders anschaulich vom Urheber des „Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschland“, Walter Frank, formuliert, der mit der Begriffsprägung „Totalität unserer Volksgeschichte“ der eigentlichen, auf wissenschaftlicher Objektivität beruhenden Trans- bzw. Interdisziplinarität ein Pendant „deutsch-arischer Reinrassigkeit“ entgegenstellt. Frank betont, dass die NS-Wissenschaft spezialisierte Abspaltungen wie Kulturgeschichte, Rechtsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, also die bis dahin allgemein anerkannte Interdisziplinarität, ablehnt.15 Verfasser lässt das gelten, wie auch die von Frank und von anderen NS-Ideologen verlangte Notwendigkeit, den von den Naturwissenschaften entworfenen Begriff der Rasse „für die Geisteswissenschaften zu erarbeiten“,16 wodurch die Vergewaltigung der letzteren durch die ersteren vorprogrammiert ist. Auch das sich anschließende Zitat aus Grau, „Einführende Worte“, weist keineswegs auf einen „gegenseitigen Austausch“ hin: „Die Geisteswissenschaft hat der Rassenkunde und Biologie ebenso viele Anregungen, neue Fragestellungen und Ergebnisse zu vermitteln, wie sie von der Rassenkunde solche empfangen hat.“17 Widersprüchlich ist die nun folgende Bemerkung Rupnows, es wäre doch zu keiner „Interdisziplinarität“ unter rassistisch-antisemitischen Voraussetzungen gekommen: „Tatsächlich war eine interdisziplinäre Zusammenarbeit über Lippenbekenntnisse hinaus, jedoch nur schwach ausgeprägt. Sie konnte oft ebenso wenig eingelöst und in die Praxis umgesetzt werden wie andere Forderungen.“ Will Rupnow hier die eigentliche Vereinnahmung der NS-Geisteswissenschaften, also auch der ‚Judenforschung‘, durch die rassistisch-antisemitischen NS-Naturwissenschaften herunterspielen ? Oder will er der nun postulierten „innovativen“ Interdisziplinarität Raum verschaffen, die recht schleierhaft bleibt: „Dennoch wird mit dem Anspruch von Trans- und Interdisziplinarität ein innovatives Potential innerhalb der NS-Judenforschung sichtbar, das sich auch in den Hinweisen auf neue Arten von Quellen in den Archiven jenseits der konventionellen Behördenüberlieferungen , auf die Überlieferungsproblematik im Zeitalter moderner Massenkommunikation und die damit verbundenen Schwierigkeiten einer Zeitgeschichtsschreibung findet.“18 Um die tatsächlichen Verlagerungen, die der Ideologisierungs- und Politisierungsprozess im NS-‚Wissenschafts‘-Betrieb zur Folge hatte, nämlich um den rasanten Entobjektivierungs- und Entwissenschaftlichungsprozess in den NS-Geisteswissenschaften unter rassistisch-antisemitischem Vorzeichen, kümmert sich Rupnow nicht, stattdessen will er eben diesem Zerstörungsprozess das Vorzeichen „innovativ“ verpassen.

Die weiteren Ausführungen des Unterkapitels „Transdisziplinarität“ belegen nur, wie hilflos Rupnows Argumentation ist. Das, was eigentlich Vereinnahmung der Geisteswissenschaften durch den unwissenschaftlichen Biologismus der NS-Naturwissenschaften ist, will Verfasser in der Nachfolge seiner NS-Gewährsquellen in einen „Versuch“ umdeuten, „dem Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften entgegenzusteuern [...]“.19 Dann zieht Verfasser ein Zitat des „Rasseexperten“ Karl Alexander von Müller heran, „dass auch die Wissenschaft heute vor andern vom Führer wieder aufgerufen ist in dem großen Kampf um die Freiheit und Ehre und die Zukunft unseres Volkes. Auch die Wissenschaften des Geistes.“20 Diese unkritische Zitierweise ist Bestandteil der Pseudo-Beweisführung, die Rupnow systematisch betreibt: NS-Standpunkte und ideologisch-politisch-propagandistische Zielsetzungen werden mit Belegen – hier Zitaten – untermauert, die von den ausgewiesensten Geisteswissenschaftlern der NS-Zeit stammen. Seine eigene Apodiktik schmückt Verfasser mit NS-Aussagen aus, womit sich ein Teufelskreis der NS-Nabelschau und NS-Selbstreferentialität auftut. Die „Judenforschung“ soll zusammen mit den NS-Geistes- und -Naturwissenschaften aus sich selbst heraus und durch sich legitimiert werden. Das ist Hybris pur !

Verfasser will im Unterkapitel „Geschichte“21 feststellen, dass der NS „von den zeitgenössischen Akteuren und Beobachtern als ein revolutionärer Umbruch in der Geschichte verstanden wurde.“22 Im Abschnitt „Volksgeschichte“ kümmert es Verfasser nicht, dass die Fokussierung auf das (deutsche) „Volk“ als rassistischer Exklusivismus und Antisemitismus auf deutsch-völkischer Grundlage funktioniert. Auch bereiten ihm die „volksgeschichtlichen“ Ansätze des Antisemitismus eines Wilhelm Grau und Josef Sommerfeldt, die historische Dimension und historische Inhalte auf volkskundlichen Impressionismus verengen,23 keinerlei Schwierigkeiten. Wird die Geschmacklosigkeit und Verwerflichkeit des gesamten „Judenforschungs“-Treibens durch die anschließende Bemerkung des Autors, die NS-Autoren hätten versucht, „sich von oberflächlichen und zu offensichtlich antisemitischer Rhetorik fernzuhalten“,24 geringer?

Der Abschnitt Propaganda“25 entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Versuch des Verfassers die propagandistische Dimension des NS zu verharmlosen. Dass die Unterscheidung zwischen Propaganda und Wissenschaft „bereits für die Akteure in der NS-Zeit ein wichtiges Thema war“,26 ist als Anpassungserscheinung der Akteure an das tatsächliche Übergewicht der NS-Propaganda zu deuten, keinesfalls als Hinweis, dass sie ihr entgegenwirken wollten.

Bezüglich des geschmacklosen und größenwahnsinnigen Statements von Grau in „Humboldt und das Problem der Juden“, es sei der „neuen deutschen Historikergeneration vorbehalten, die Judenfrage als Aufgabe geschichtlicher Forschung zu erkennen und zu lösen“,27 bemerkt Rupnow, dass sich hier die „eigentümliche Vermischung bzw. Überschneidung von Wissenschaft und Politik im Fall der nationalsozialistischen ‚Judenforschung‘ „ abbilde.28 Auch die Feststellung eines anderen prominenten „Judenexperten“, Peter-Heinz Seraphim, dass seine Erfahrungen der ‚Judenfrage‘ in der Ukraine „in Übereinstimmung mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten“ seien,29 entlockt Rupnow keinerlei Stellungnahme. Im Gegenteil, er zitiert ergiebig aus Seraphim, dem er den gesamten Unterabschnitt „Radikalisierungen II“ widmet.30 Zum Wissenschaftsgebaren Seraphims, das den Antisemitismus mit völkischer Fixierung fütterte, bemerkt Rupnow süffisant: „Alles wurde damit an- und ausgesprochen, blieb jedoch gleichzeitig unaufgeregt und vage. Besonders interessant ist hier die Bezugnahme auf Sachlichkeit, in der zweifellos die größte Radikalisierung verborgen liegt.“31 Sachlichkeit, die magische Vokabel der NS-Theoretiker, an der Rupnow keinen Anstoß findet !

Auffallend ist, dass Verfasser erst in Verbindung mit dem „Institut für Deutsche Ostarbeit“ in Krakau zugibt, dass „die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Politik verschwimmen“ mussten. Diese Entwicklung führt er auf die von der deutschen Besatzung systematisch betriebene bevölkerungspolitische Neuordnung des Generalgouvernements zurück. Ihre Ergebnisse konnten nicht theoretisch bleiben, sondern mussten praktische Unterlagen für Staatsführung und Verwaltung liefern.32 Der Unterabschnitt „Radikalisierung IV“ thematisiert die gesteigerte Radikalität der zweiten Generation von ‚Judenforschern‘, „die sich durch deutlich radikalere und klarere Positionen aus(zeichneten) als noch ihre Ahnenväter Frank und Grau, ohne deren Gewaltpotential unterschätzen zu wollen.“33

Wie beiläufig die vier von Rupnow entworfenen Radikalisierungsphasen der ‚Judenforschung‘ sind, zeigt sich gerade daran, dass erst die Massenvernichtung der Juden als eigentlicher Gradmesser der Radikalisierung erkannt wird, so als ob das Schreibtischtätertum des theoretisch ausgetragenen Rassismus in den ersten beiden Radikalisierungsphasen nicht von Gewaltphantasien geprägt wäre.

Im Kontext der „Geschichte als Legitimation“34 der ‚Judenforschung‘ führt Verfasser eine Stelle aus Graus Dissertation „Antisemitismus im späten Mittelalter“ an, die lautet, dass die Geschichtswissenschaft „aus ihrem Wesen heraus Wegweisendes zur Lösung des Judenproblems“ sagen könnte und müsste. „Eine falsch verstandene Objektivität hat sie bisher daran gehindert. Zum Teil wurden die geschichtlichen Forschungen, die die Juden irgendwie zum Gegenstand hatten, durch Tendenzen getrübt, die zur Geschichte als solcher in keinem ordentlichen Verhältnis stehen, worunter alle jene Versuche zu verstehen sind, die entweder in bloßer Anklage oder in reiner Apologetik sich ergehen.“35 Bereits hier scheint Graus Objektivitätsverständnis durch: moralische als auch gefühlsmäßige Anwandlungen müssen vermieden werden. Auf dasselbe läuft auch seine spätere Stellungnahme gegen den Vorwurf des Antisemitismus in seiner Dissertation hinaus: „Darum ging es, den spätmittelalterlichen Antisemitismus geschichtlich zu begreifen und zu erfassen, nicht zu verurteilen.“ Was heißen will, dass moralische Gesichtspunkte in der ‚Judenforschung‘ mit geschichtswissenschaftlicher Objektivität im NS-Sinn unvereinbar sind. Rupnow meint dazu, dass damit „jegliche Möglichkeit einer kritischen Distanzierung der historiographischen Deskription von ihrem Gegenstand geleugnet, das historische Faktum des Antisemitismus schon als dessen Rechtfertigung anerkannt“ wird36 Trotzdem muss festgestellt werden, dass Rupnow die Verachtung der hermeneutischen Objektivität durchaus mit Graus entschiedener Ablehnung geschichtswissenschaftlicher, also auch geistesgeschichtlicher Objektivität teilt.

Die auf Rehabilitation und Revision der ‚Judenforschung‘ zielende Strategie Rupnows erreicht im Schlusskapitel „Judenforschung als Wissenschaft“37 ihren unleugbaren Höhepunkt. Verfasser wendet sich zunächst entschieden gegen die „Ridikülisierung und Pathologisierung“ der ‚Judenforschung‘.38 Er übertreibt, wenn er die „antijüdische Intention“ zum wesentlichen Kohäsionselement der Polykratie des ‚Dritten Reiches‘ mit Ämterchaos und Konkurrenz überhöht.39 Dabei vernachlässigt er den tatsächlichen Kohäsionsfaktor des NS-Reiches sträflich: der fanatische ‚Deutschenglaube‘, der das deutsche Volk und alles, was im NS-Sinn als ‚deutsch‘ galt, zum A und O postulierte.

Die Leichtfertigkeit, mit der Rupnow im Unterkapitel „Antisemitismus und Vernunft“40 die jahrelange Vorstellung ablehnt, der NS habe „dilettantische und ideologisch verzerrte Wissenschaften und ebensolche Wissenschaftler gefördert und hervorgebracht“, ferner dass die ‚Judenforschung‘ eine Pseudowissenschaft ist,41 findet in einer Kette von Paradigmen ihren Niederschlag, welche die Rehabilitation und Restauration der ‚Judenforschung‘ intendieren und nach der bereits eingangs identifizierten Technik wort-wörtlicher Rezeption funktionieren - Rupnow würde sie „sachlich“ nennen. So seien Rassismus und Antisemitismus „keineswegs irrational und pseudowissenschaftlich, sondern Rationalisierungsutopien, die nicht erst wegen ihrer fatalen Folgen, sondern schon auf Grund ihres geschlossenen/in sich schlüssigen Charakters und ihrer internen Logik ernst genommen werden müssen.42 Dies ist ein Sophismus, in dem die negativen Termini „irrational“ und „pseudowissenschaftlich“ dem eigentlich, auch negativ befrachteten Terminus „Rationalisierungsutopie“, entgegengestellt werden, um auf diese Weise letzterem das positive Vorzeichen zu verpassen.

Dass die Rehabilitationsstrategie auch den Begriff „Vernunft“ semantisch umpolt, dürfte kaum verwundern: das „auf den ersten Blick erstaunliche und überraschende Nebeneinander und Zusammenspiel von Vernunft und Antisemitismus im Nationalsozialismus“ soll „nicht allein auf den Sicherheitsdienst der SS und sein in der Regel akademisch ausgebildetes Führungspersonal eingesetzt werden“, nein, Rupnow wagt es diese sowohl semantisch als auch praktisch unvereinbare Begriffskonstellation auf die ‚Judenforschung‘ auszudehnen. Der Autor erhofft sich von den Sintagmen ‚scolarly antisemitism‘ und ‚antisemitism of reason‘43, welche die neuere Forschung mit dem Begriffspaar Antisemitismus – Vernunft in Verbindung bringt, Rückhalt, doch die beiden Paradigmen benennen das jeweilige Umfeld des Antisemitismus und sagen nur bedingt aus, dass der Antisemitismus vernünftig/rational ist.

Rupnows folgende Ausführungen gipfeln in der absurden Aussage: „Der Antisemitismus bildet einen Rahmen, in den sich die Wissenschaft wie auch andere Bereiche der deutschen Gesellschaft eingliederten, innerhalb dessen sie jedoch weiterhin nach ihren eigenen Gesetzen funktionierten. Gerade damit leistete sie einen Beitrag zur Versachlichung und Rationalisierung des Antisemitismus, indem sie ihn ständig in ihren Arbeiten als wissenschaftlich und wissenschaftsfähig beglaubigte.“44 Eigentlich wurde die ‚Judenforschung‘ zu einem der zahlreichen Vehikel des Antisemitismus, unter dessen Vorzeichen sie die absurdesten und unmenschlichsten Blüten treiben konnte, auch ging von der NS-Wissenschaft kaum ein wissenschaftlicher oder wissenschaftsfähiger Impuls aus, weil sie bereits ideologisch und propagandistisch von der ‚Volks- und Kulturboden‘-Doktrin vereinnahmt worden war, dem irrationalen Antisemitismus also keinerlei Rationalität verschaffen konnte; im Gegenteil, durch die enge Verbindung, die der Antisemitismus und die NS-Wissenschaft eingingen, schaukelten sich die Irrationalitäten beider Bereiche nur hoch.

Rupnows Anliegen das destruktive Potential der NS-‚Judenforschung‘ und des Antisemitismus hinter der vorgeblichen Neutralität der NS-Geisteswissenschaften und hinter der Fassade wissenschaftlicher Trans- und Interdisziplinarität sowie einer vermeintlichen wissenschaftlichen Rationalisierung abzuschwächen, muss demnach als gescheitert gelten.

Im Unterabschnitt „Pseudowissenschaft“45 behauptet Verfasser, dass es keine „positivistische historische Tatsachenwissenschaft gibt, die frei von jeglicher Form von Interpretation und Weltanschauung sein könnte“, also, dass es keine Objektivität in der Geschichtswissenschaft geben kann. Er bezichtigt die positivistische Geschichtsschreibung selbst zur Ideologie zu werden und sich der Kontrollierbarkeit zu entziehen, usw. usf.46 Mit diesen Angriffen gegen die Tatsachenwissenschaft definiert Rupnow letztendlich sein eigenes Verständnis von Geschichts- bzw. Geisteswissenschaft als antipositivistisch, das Objektivität ablehnt, sich aber durch Kontrollierbarkeit auszeichnen soll; doch letzteres trifft in keiner Weise zu, weil die von Verfasser betriebene Rehabilitations- und Rechtfertigungsstrategie im Wesen mit Instrumenten der Verschleierung, wie Vereinfachungen und Sophismen, operiert, was einen schwer nachvollziehbaren, missverständlichen und deshalb stellenweise undurchdringlichen theoretischen Diskurs generiert.

In seinem Bedürfnis nach Aufwertung und Rehabilitierung der ‚Judenforschung‘ schreckt Rupnow nicht vor der kaum nachvollziehbaren Behauptung zurück, „Dass Massenmord und Wissenschaft wie Vorurteil und Wissenschaft durchaus kompatibel sind, wird in der Geschichte des ‚Dritten Reichs‘ (und nicht nur dort) mehr als deutlich.“47 Hier versäumt Verfasser darauf zu weisen, dass das, was er „Kompatibilität“ bezeichnet, das Ergebnis des Zerstörungspotentials ist, mit dem Einparteien- und Nationaldiktaturen hergebrachte demokratisch-humanistisch-aufgeklärte Ordnungen auflösen. Bei näherer Betrachtung ist die „Kompatibilität“ von Massenmord und Wissenschaft wie von Vorurteil und Wissenschaft ein erzwungenes Produkt des ideologischen und propagandistischen Diktats.

Rupnow besteht weiterhin darauf, dass die Wissenschaftler oder akademisch Ausgebildeten, die an den NS-Massenverbrechen beteiligt waren, ‚richtige‘ Wissenschaftler waren, dass die ‚wahre‘ Wissenschaft im NS nicht unterdrückt und manipuliert worden sei. Zur gegenteiligen Meinung sei es nur in der Nachkriegszeit im Rahmen komplizierter und unübersichtlicher Legitimations- und Rehabilitationsverfahren belasteter Akteure gekommen.48

Wenn Rupnow nun postuliert, dass „Ein einfacher Dualismus von ‚sauberer‘, ideologiefreier Wissenschaft auf der einen und ideologiebehafteter Pseudowissenschaft auf der anderen Seite [...] aus der Perspektive der Wissenschaftstheorie nicht mehr aufrechtzuerhalten“ ist und sich dabei auf den NS-Rassespezialisten Peter-Heinz Seraphim und auf neuere Autoren wie Potthast, Petersen und Sarasin beruft,49 dann ergibt sich die Notwendigkeit, dieses Postulat in vernünftiger Weise zu belegen, was Rupnow erwartungsgemäß nicht tut. Folglich bleibt auch diese Behauptung im Schwebezustand. Die ‚Judenforschung‘ sei zwar Teil unserer eigenen, d.h. deutschen Tradition, doch ist die Beziehung dieser Feststellung zur folgenden Aussage nicht einleuchtend: „Eine ausschließlich moralisch argumentierende Verurteilung der NS-Judenforschung scheint nicht befriedigend zu sein. Sie bleibt willkürlich, wie die Entscheidung der ‚Judenforscher‘ für den Antisemitismus.“50 Über das Sintagma „willkürlich“ nimmt Verfasser eine qualitative Gleichstellung der „moralisch argumentierende(n) Verurteilung der NS-Judenforschung“ mit der Entscheidung der ‚Judenforscher‘ für den Antisemitismus vor. Das Attribut „freiwillig“ erfährt mit der Einführung der Paradigmen „freiwillig gebunden“ und „selbst-beherrscht“ für die NS-Wissenschaft51 eine Erweiterung. Doch bei näherer Betrachtung stellt die Formel „freiwillig gebunden“ einen Euphemismus für das bewusste, selbst fanatische Engagement der NS-Geisteswissenschaftler dar.

Rupnow versucht im Abschnitt „Wissenschaftlichkeit II“52 zu vermitteln, dass „die im Zusammenhang antijüdischer Wissenschaft und unter den ideologischen Bedingungen des ‚Dritten Reichs‘ sowie den methodischen Vorgaben ’kämpferischer Wissenschaft‘ erzielten Ergebnisse erstaunlicherweise in anderen Kontexten verwertbar sind, wie ein Blick auf die Nachgeschichte der NS-Judenforschung deutlich werden lässt.“53 Wieder serviert Verfasser ein falsches Argument, weil das eigentlich zu missbilligende Nach- bzw. Aufleben von „Ergebnissen“ der ‚Judenforschung‘ nach dem Krieg nur eine Kontinuitätserscheinung, aber kein Beleg für ihre Wissenschaftlichkeit ist.

Rupnow will, wie auch anderweitig, der von den NS-Ideologen (Rosenberg) und von NS-Judenforschern, Historikern, Soziologen und Juristen (Grau, Sombart, Werner Best, Franz Alfred Six, Karl Heinz Pfeffer, Carl Schmitt, Harold Steinacker) betonten Möglichkeit objektiv und gleichzeitig antisemitisch zu sein weiterhin Geltung zusprechen.54 Damit verschafft Verfasser dem von den NS-Wissenschaftlern selbst kultivierten Mythos von einem einträglich – erfolgreichen Miteinander von Ideologie und Propaganda einerseits und Wissenschaftlichkeit andererseits Kontinuität. In diesem Zusammenhang will Rupnow auch die von NS-Historikern (Steinacker, Hermann Löffler) kultivierte Unterscheidung zwischen ‚unbedingter Objektivität‘ und ‚relativer Objektivität‘ aufrecht erhalten,55 also eine dekonstruktive Aufspaltung der historischen Objektivität wieder in Umlauf bringen, die unter den Bedingungen des politischen und ideologischen Totalitarismus entstanden war. Das Ergebnis dieser Unterscheidung soll laut Rupnow „eine neue spezifische Form von Wissenschaft“ gewesen sein, und die ‚Judenforschung‘ habe sich als eine solche neue Wissenschaft „jenseits der bisherigen Abgrenzungen“ zu formieren begonnen.56

 

Was Autor Rupnow mit seinem recht engagierten Eintreten für die Rehabilitierung der NS-Judenforschung an Gräben aufreißt, kann er weder mit wiederkehrenden pauschalen Aussagen bezüglich der NS-Verbrechen, noch mit seinen institutionsgeschichtlichen Erkenntnissen wieder ins Lot bringen. Sein Buch lässt auch in methodischer Hinsicht viel zu wünschen übrig. Außer dem Unwohlsein, das ihm die Vorstellung einer objektiven Geschichtswissenschaft bereitet, die er vehement bekämpft bzw. ignoriert, sträubt sich auch, die NS-Judenforschung und den gesamten Bereich der NS-Geisteswissenschaften sowie der NS-Naturwissenschaft, woher der Komplex der Rassenlehre seinen Eingang in die Geisteswissenschaften des ‚Dritten Reiches‘ gefunden hat, nach moralischen Kriterien zu beurteilen. Auf diese Weise glaubt er das Phänomen der Judenforschung in unverfälschter Reinheit erhalten und begreifen zu können, doch mit dieser Verfahrensweise sorgt er eher für Verwirrung denn für klare methodische und exegetische Verhältnisse. Die Distanzlosigkeit zu seinem Forschungsobjekt und zu dessen in zahllosen Zitaten vertretenen rassistisch-antisemitischen Botschaft hinterlässt den faden Nachgeschmack, dass er sich mit dem problematischen Gedankengut der Judenforschung und mit den theoretischen Ausführungen der NS-Rasseexperten und der NS-Geschichtsschreibung identifiziert. Auch bemüht sich Verfasser darum, die theoretischen Eckpunkte samt einschlägiger Terminologie der NS-Geisteswissenschaften nicht nur in seinen eigenen Diskurs einzubringen, sondern diesem Salonfähigkeit in der bundesrepublikanische Geschichtsforschung zu verschaffen.

Indem Verfasser eine objektive Beurteilung der „Judenforschung‘ wie der NS-Geistes- und Naturwissenschaften nicht zulässt, d.h. sich keiner Beurteilungskriterien von außerhalb seines Forschungsobjekts bedient, bleibt nur die Möglichkeit diese aus dem NS-„Wissenschafts“-Diskurs selbst abzuleiten. Davon macht der Autor ausgiebig Gebrauch, wodurch seine Ausführungen auf das Niveau einer Nabelschau des NS-Gedankenguts herabsinken. Alle NS-Textstellen, die zitiert werden, dienen nicht der Analyse oder Kritik, sondern funktionieren nur als Bestandteile einer apologetischen Argumentationsstrategie, die zudem an systematischer Apodiktik krankt. Rupnow hat auf jeden Fall ein recht fragwürdiges und kaum das letzte Wort bezüglich der NS-Judenforschung gesprochen.

 

Erstellt: 15.10.2012           Autor und © Klaus Popa

 

 

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1 Nachgeschichte (S.28-62); Institutionen – Akteure – Netzwerke (S.63-153); ‚Judenforschung‘ als Qualifikationsthema (S.192-226);Die ‚Judenforschung‘ und die Juden (S.227-255); Brüche und Kontinuitäten (S.316-353); Nachkrieg (S.357-387).

2 S.20; auch im Untertitel „Denkstil – Aufgaben – Funktion“, S.155.

3 S.388-422.

4 S.393-395, 405-409.

5 S.393.

6 Ebenda.

7 So heißt es S.25f.: Da es sich um wissenschaftliche Produktion und die Produktion von Wissenschaft geht, [...].

8 Wie Kocka, Oberkrome, Etzemüller. Dazu vgl. Peter Schöttler (Hg.), Geschichtswissenschaft als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997, S. 18 und Anm. 50,51,52.

9 S.394. Dies ist das erste Beispiele einer Folge von Beispielen fragwürdiger Qualität.

10 Schöttler (wie Anm.8), S.19 (Kursiv im Original).

11 S. 22.

12 S.24.

13 S.26.

14 S.27: „dass historische Forschung keine beruhigenden, einfachen Gewissheiten liefern, sondern vielmehr Fragen stellen und subversiv sein soll. Vermutlich nur mit einem solchen Wissenschaftsverständnis kann die ‚Judenforschung‘ adäquat beantwortet und auch heutige schlechte von guter Geschichtsschreibung unterschieden werden. Es geht um das Aufbrechen liebgewonnener und bequemer Einsichten, um Differenzierungen, manchmal um Komplizierungen, etc.“.

15 S.162.

16 Ebenda.

17 S.162f.

18 S.163. Hervorhebung K.Popa.

19 S.164.

20 Ebenda.

21 S.164-166.

22 S165.

23 S.166-169.

24 S.170.

25 S.169-171.

26 S.169. Ähnlich auch Klaus Schickert auf S.174, Anm.87.

27 S.260, im Unterkapitel „Radikalisierungen I“.

28 Ebenda.

29 S.268.

30 S.267-273.

31 S.271. Seraphin schreibt: „Aber so wenig die deutsche Wissenschaft jemals des völkischen Zieles und Sinnes, aus dem sie geboren wurde, und für den sie da ist, entraten darf, so wenig entzeiht sie sich der verantwortungsvollen Verpflichtung zu strengster Sachlichkeit der Anschauung.“

32 S.273f., im Unterkapitel „Radikalisierungen III“.

33 S.278.

34 S.296-301.

35 S.297.

36 Ebenda.

37 S.388-422.

38 S.389f.

39 S.393.

40 393-394.

41 S.395.

42 S.396.

43 S.397.

44 Ebenda.

45 S.397-405.

46 S.399f. Es ist nicht eindeutig, ob diese Gedankengänge auf Bourdieu zurückgehen, den Verfasser auch kurz zitiert.

47 S.400.

48 S.401.

49 S.402.

50 Ebenda.

51 S.403. Diese Attribute entstammen dem Jargon der NS-Judenforscher, wie Anm.42 nachweist.

52 S.405-409.

53 S.405.

54 S.406f.

55 S.407 und Anm.50, 52 ebenda.

56 S.407f. und Anm. 53, S.408, wo auf den NS-Rasseexperten Klaus Schickert verwiesen wird.