So wendet sich Breuer im Unterkapitel "Denker der Staatsnation" (S.79-84) gegen Darstellungen, "die von einer immer schon gegebenen Praedominanz des ethnischen oder ‚voelkischen' Nationsverstaendnisses ausgehen", nachdem bei den "starken politischen Stroemungen wie dem Konservatismus und dem Liberalismus eine deutliche Neigung zur Staatsnation festzustellen ist" (S.83).
Im Unterkapitel "Alter und neuer Nationalismus" (S.149-157) meint Breuer auf den Spuren von Wolfgang Mommsen (1977) im Zusammenhang mit den imperialen und kolonialen Bestrebungen der Nationalliberalen oder der Freikonservativen Parteien, man sollte, "Um Positionen dieser Art gerecht zu werden, [...] sie zunaechst im Rahmen dessen sehen, was damals in der westlichen Welt ueblich war. Die Unterschiede duerften sich als weniger gross erweisen, als oft behauptet wird." Denn "Eine Relativierung der heute beliebten, meist von absoluten moralischen Massstaeben aus getroffenen Verdikte ergibt sich aber auch dann, wenn man die exaltierten Versionen hinzuzieht, die der Nationalimperialismus schon im Kaiserreich gefunden hat. Diese Exaltation hing eng mit der Transformation des alten in den neuen Nationalismus zusammen [...]." Das von Breuer reklamierte "im Rahmen dessen sehen, was damals in der westlichen Welt ueblich war" erinnert verblueffend an das relativierende Paradigma des "Zeitgeistes", womit NS-Uebertreibungen verharmlosend rechtfertigt werden sollen. Und Breuer ist eigentlich auf die Relativierung dessen bedacht, was die von ihm pauschal als "Verdikte" apostrophierten Stellungnahmen kritisieren, indem er die deutsche Entwicklung zumindest in den westeuropaeischen Zeitrahmen gestellt wissen will, um sie so entschaerfen zu koennen (S.154).
Im Zusammenhang mit dem Alldeutschen Verband, dem das Unterkapitel "Gescheiterte Synthese. Der Alldeutsche Verband" (S.162-166) gilt, will Breuer "Ein nicht minder diffuses und widerspruechliches Bild" in dessen Publizistik erkennen (S.162), wie er das fuer den im Vorkapitel behandelten "Fundamentalistischen und voelkischen Nationalismus" (S.157-161) erkannt haben will. Auf die "Widerspruechlichkeit" als beliebtes Argument der Relativierung muss weiter nicht eingegangen werden.
In Verbindung mit dem "Imperialismus der NSDAP" stellt Breuer fest, dass "die in der NSDAP zusammengeschlossenen nationalistischen Stroemungen - im wesentlichen der voelkische und der neue Nationalismus - so stark auf das Ziel einer Wiedergewinnung der nationalen Souveranitaet fixiert" waren "dass weitergehende expansive Absichten nur selten formuliert wurden." (S.181). Dazu muss gesagt werden, dass so etwas nicht extra formuliert werden muss, wenn der Expansionismus im System, in der Ideologie vorgegeben ist. Wohl im Bewusstsein, dem NS-Imperialismus zu sehr entgegengekommen zu sein, versucht Breuer die obige Behauptung abzuschwaechen, konstruiert aber eine erneute verharmlosende Aussage: "Wie weiter oben dargestellt, schlossen jedoch weder der voelkische noch der neue Nationalismus eine Verbindung mit dem Imperialismus aus, so dass man gut daran tut, die skizzierten Positionen nicht allzu prinzipiell zu nehmen" (S.182)
Ausser den einfuehrenden Worten zu der hier angewandten Typologie (S.15-18) nimmt der Verfasser dazu nicht weiter Stellung. Ausser in Verbindung mit der "nationalimperialistischen Reichsideologie", wo es ein ‚katholisches Reichsdenken' gegeben haben soll. "Diese Bezeichnung" sei "indes problematisch", weil "fuehrende Exponenten dieses Denkens" nicht katholisch waren (S.190). Bemerkenswert ist indessen, dass Breuer nicht an der eigenen Typologie, sondern an der von Breuning (Die Vision des Reiches. Deutscher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur (1929-1934), Muenchen 1969), Sontheimer (Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, Muenchen 1983) und Koenen (Der Fall Carl Schmitt, Darmstadt 1995) Anstoss findet. Breuer meint kritisch, mit diesem Begriff wuerde "ein Mass an typologischer Eigenstaendigkeit suggeriert", "das ihm bei naeherer Betrachtung nicht zukommt." Dass sein eigenes Begriffsinstrumentarium Gefahr laufen koennte, sich durch die durchgehende Typologisierung zu verselbstaendigen, daran denkt Breuer offenbar nicht.
Relativierend ist Breuers Bemerkung zu Stapels Ruf von 1924 bzw. 1929 nach "Kaempfer-Unternehmern" gegen "verbeamtete" Unternehmen in Kartellen und Syndikaten; so etwas "koennte" - laut Breuer - "von einem Anhaenger des Wirtschaftsliberalismus stammen." (S.214) In diesem Fall, wie in vielen anderen, faellt es auf, dass Breuer die schriftlichen Zeugnisse rechtspolitischer Irrationalitaet als Erscheinungen behandelt und eingestuft haben moechte, die, weil nur schriftlich und spekulativ-utopisch, in keiner Weise realitaetsgefaehrdend sein koennten. Das seien alles bloss "neutrale" Gebilde, von denen keinerlei Konsequenzen ausgehen koennen. Diese Sichtweise befremdet und steht fuer eine allzu grosszuegige Auslegung von hoechst gefaehrlichen Gedankengaengen und Auffassungen, die in den Bereich eindeutigen geistigen Brandstifter- und Schreibtischtaetertums zu verweisen sind.
In diesem Zusammenhang sei erwaehnt, dass Breuers Ausfuehrungen ausschliesslich expositiv verlaufen. Deshalb mutet die gelegentlich kritische Wortwahl (so im Unterkapitel "Der doppelte Antisemitismus der NSDAP", S.361-369) eher demonstrativ und gekuenstelt an. Es faellt auf, dass Breuer ueberhaupt nicht auf Distanz zu seinem Forschungsmaterial geht. Seine Objektivierung beschraenkt sich deshalb auf die Erstellung einer veraestelten, zuweilen schwer nachvollziehbaren Typologie. Distanznahme, ja Kritik ist bei dieser expositiven Schreibweise ausgeschlossen. Deshalb ueberrascht es auch nicht, dass Breuer soziale Un-Projekte der politischen Rechten einfach als "Utopien" abtut (so die des Christian v. Ehrenfels (S.253f.), oder die Ernst Juengers von 1932 (S.254f.). Bei dieser Behandlung des hochexplosiven Gedankenguts ist es nicht verwunderlich, wenn Breuer im Zusammenhang mit Willibald Hentschel und dem "Mittgartbund" von "voelkischer Utopie" spricht und behauptet, Ideen der Volkszuechtung, der Rasenpflege haetten zu ihrer Zeit (1906, 1918) keine Rezeptionschancen gehabt, weil sie sich "zu sehr von den gegebenen sozialmoralischen Standards" entfernten (S.258). Noch bedenklicher ist, dass Breuer "den oft behaupteten Einfluss" dieser Ideen "auf die SS" entschieden zurueckweist. Er raeumt zwar ein, dass es "eine Linie von Hentschel zu den Artamanen und damit zu Himmler" gab, doch habe Himmler grossen Wert darauf gelegt, "die SS aus einem Maennerbund in eine Sippengemeinschaft zu verwandeln, in die auch die Ehefrauen eingegliedert waren etc." (Anm.29, S.258). Es befremdet, mit welcher Unbeschwertheit Breuer die Gleichheit der Formen, Inhalte und Zielsetzungen der Vor-SS- und der SS-Zeit ignoriert.
Wenn die Jugendbewegung vor 1918 so "hoechst polyphon" war, dass sie "sich im uebrigen auch nicht pauschal rechts verorten laesst" (S.256), dann bleibt Breuer die Belege dafuer schuldig. Denn bekanntlich entwickelte diese Jugendbewegung ein rechtsextremes Potential, das schliesslich im NS aufging.
Ein weiteres Beispiel problematischer Argumentation, die Breuer indessen zum Teil von anderen, gesinnungsverwandten Autoren uebernimmt (z. Voegeli, Nazi Family Policy: Racist Terrorism and Constitutive Element of the Modern Welfare State, 1999), beruht auf dem 'pars pro toto'-Verfahren: so gehoert die NS Bevoelkerungs- und Familienpolitik "auch in die Kontinuitaet des modernen Sozialstaates" (S.262). Eine solche Behauptung erzeugt den Eindruck, dass damit eine Entschuldigung fuer das NS-Sozialsystem aufgebaut werden soll.
Recht befremdend ist Breuers Aeusserung in Verbindung mit Goebbels wiederkehrender Forderung nach ‚puritanischer Grausamkeit gegen sich selbst', woher die Ueberzeugung herruehre, "Werkzeug im Dienste des goettlichen Willens zu sein" (Goebbels 1927) (S.323). Eine auf kritische Distanz bedachte Einschaetzung solcher glaubens- und religionsverachtender Faseleien ist von Breuer nach den bisherigen Feststellungen auch nicht zu erwarten, beispielweise die Einschaetzung, dass diese ‚puritanische Grausamkeit gegen sich selbst' mit den grenzenlosen Grausamkeiten gegen das "Untermenschentum" verbunden sein koennte.
Und was soll von Breuers Ansichten ueber eine "politische Religion" des NS (S.325-326) gehalten werden? Breuer bestreitet, dass es etwas aehnliches gab, weil "erstens, die Zentrierung auf eine Botschaft", "zweitens, eine Botschaft mit einem bestimmten Gehalt an Normen, durch die die Alltagswelt strukturiert wird"; drittens der "Primat der Religion im Bezug auf das Politische" "weder vor noch nach 1933 zu erkennen" sei (S.325). Stattdessen will Breuer eine betraechtliche Portion "Opportunismus" beim NS erkennen, die er folgendermassen definiert: "Die Faehigkeit, gleichzeitig auf mehreren Registern zu spielen, sich auf konkrete Situationen einzulassen und in ihnen okkasionell zu entscheiden, war jedenfalls so ausgepraegt, dass sie sich nur schwer in das Konzept einer zentrierten und mit einer klaren Hierarchie von Werten operierenden politischen Religion einfuegen laesst. In dieser Hinsicht waren die Nazis einfach zu modern, zu sehr Kinder einer vom ‚Polytheismus der Werte' (Max Weber) bestimmten Epoche." Also eine vermeintliche Elastizität, eine Anpassungsfaehigkeit des NS, die zudem *modern* sei!
Diese Ausfuehrungen Breuers befremden im mehrfacher Weise. Am auffallendsten und damit weitreichendsten fuer seine Typologisierung des Gedankenguts der deutschen Rechten ist, dass Breuer mit diesem Kommentar nicht nur ernsthafte Zweifel ueber die Effizienz seiner Typologisierung erweckt, sondern damit unter Beweis stellt, dass diese und die damit operierende Interpretation ungeeignet und unfaehig ist, sich der Komplexitaet des NS-Phaenomens zu naehern, zu schweigen davon, dem ideologisch-politischen Komplex gewachsen zu sein.
Breuers Verneinung des NS als politische Religion und die damit verbundenen Ausfuehrungen verkennen den Knack- und damit Kernpunkt der NS-Lehre: die bis zur Besessenheit gehende Fixierung auf das Deutschtum, auf das Deutsch-Sein als zentraler Bezugspunkt und Wertmasstab. Auch das, was dieser fanatische Glaube ermoeglichte, die Skrupellosigkeit, mit der dabei verfahren wurde, die Grenzen, die eingerissen wurden, um auch das zu verwirklichen, was unter sonst hergebrachten, tradierten Verhaeltnissen unmoeglich schien oder sonst strafbar war, das alles ist fuer Breuer irrelevant. Er bescheinigt dem NS eine aus angeblichem "Opportunismus" und wohl auch aus Pragmatismus abgeleitete "Modernitaet", was dicht an der Grenze der Verhoehnung der NS-Opfer zu liegen kommt.
Auch das vierte Argument, das Breuer gegen die Auslegung
des NS als politische Religion bringt, geht an dessen Realitaet vorbei.
Breuer schreibt: "Von politischer Religion ist endlich auch deshalb nicht
zu sprechen, weil der NS mitnichten eine Definition kollektiver Identitaet
im Sinne von Ganzheit, Homogenitaet etc. zu geben vermochte""(S.326). Die
"Rhetorik der Volksgemeinschaft", der "nationale Sozialismus" seien "durch
die - in sich ebenfalls alles andere als einheitlichen - Rassenlehren"
konterkariert worden, die angeblich
Wie oberflaechlich
Breuer hier argumentiert, muss nicht hervorgehoben werden. Ob nun seine
Sichtweise den Maengeln seiner typologisierenden Interpretationsweise zuzuschreiben
ist, ist nebensaechlich, wenn man sich vergegenwaertigt, dass Breuer die
angebliche Uneinheitlichkeit und die Diskontinuitaeten der NS-Ideologie
ausschliesslich an externen Aspekten, an Aeusserungsformen ("aesthetische
Inszenierung", "kollektive Paranoia") und an Einzelakteuren ("das persoenliche
Charisma des Fuehrers") festmacht. Breuer vermeidet es, den NS nach den Kraeften, nach der inneren Motivation, nach der in Gewaltexzessen ausartenden Eigendynamik zu befragen. Deshalb stellt er auch nicht
die Frage, ob diese Kraefte, diese Motivation vielleicht kohaesiv waren. Und damit entgeht
ihm eben das Wesentliche am NS."einen Keil in eben diese Ganzheit
trieben, sie als eine zusammengesetzte, heterogene, der permanenten Purifikation
beduerftigen Groesse definierten und eine allgemeine Aura der Unsicherheit
ueber die Zugehoerigkeitskriterien erzeugten. [...] Was die auseinanderstrebenden
Richtungen zusammenhielt, war am Ende nicht viel mehr als das persoenliche
Charisma des Fuehrers, die aesthetische Inszenierung von ‚Gemeinde' und
das sich Hineinsteigern in eine kollektive Paranoia."
Damit ist ein zentraler Kritikpunkt angesprochen. Hier wird offensichtlich, dass das typologisierende Verfahren Breuers hilfreich bei der Identifizierung verschiedener Aeusserungsformen und Bestandteile der rechten Ideologien ist, dass aber damit nur der erste Schritt in der Ergruendung der rechten Phaenomenologie getan ist. Den Schritt zur Synthese schafft Breuer mit dieser Methode jedenfalls nicht. Deshalb liefert er das Bild einer uebermaessig fragmentierten rechten Ideenlandschaft und deshalb kann er beim NS auch nicht das Verbindende, die kohaesiven Kraefte benennen. Sein ausschliesslich auf die Herausstellung von Formen befaehigtes typologisierendes Verfahren bleibt auf der Ebene von Formen, auf der formalen Ebene haengen, es formalisiert und fragmentiert. Und Breuer schliesst vorbehaltlos von dieser Methode bzw. vom Ergebnis der Methode her ganz unspezifisch auf das Forschungsobjekt, auf dessen Beschaffenheit, was den Raum fuer grobe Verfaelschung schafft.
Breuers Methode mag in paedagogischer Hinsicht produktiv sein, doch im Forschungsbetrieb erweist sie sich als unzulaenglich. Aus den genannten Gruenden ist sie nicht in der Lage, ein Gesamtbild des rechten Ideendschungels zu liefern. Sie liefert zwar Bausteine dazu, eignet sich aber nicht zur Synthese der wesensinternen, kohaesiven Merkmale und Eigenheiten, weder der vor-NS-, noch der NS-Ideologie.
Im Unterkapitel "Radikaler Antisemitismus" legt Breuer eine recht bedenkliche Leichtfertigkeit in der Beurteilung eindeutig antisemitischer Bestimmungen im 3. Punkt des Parteibeschlusses der Deutschsozialen Reformpartei vom 10./11. September 1899 an den Tag. Dort heisst es, die "Judenfrage" duerfte im Laufe des 20. Jahrhunderts zur "Weltfrage" werden und wird "von den anderen Voelkern gemeinsam und endgueltig durch volle Absonderung und (wenn die Notwehr es gebietet) schliessliche Vernichtung des Judenvolkes geloest werden."(S.341) Breuer meint dazu ganz unbeschwert: "Dies alles sollte nicht ueberschaetzt werden."
Breuer greift auch den angeblichen "Chauvinismus" Goldhagens an, "der neuerdings im Gewande der Moral" daherkommt und von "einer tiefen kulturellen Verwurzelung des deutschen Antisemitismus" schreibt (S.342). Und die von Breuer fuer Ideologen wie Max Hildebert Boehm, Ernst Juenger und Wilhelm Stapel aufgestellte Differenzierung hinterlaesst einen faden Nachgeschmack. Was aendert es an der Irrwitzigkeit und Gefaehrlichkeit des von diesen proklamierten Antisemitismus, wenn Boehm 1933 die Juden "als eine Volksgruppe eigenen Stammes und eigener Art" vom deutschen Volk trennen moechte; oder wenn Juenger sich wie Stapel von der "biologisch-rassischen Begruendung der Judenfeindschaft distanziert hat", aber "fuer eine politische und kulturelle Dissoziation von Deutschtum und Judentum" eintritt (was die "Ausweisung oder Austreibung" der Juden nicht ausschloss (1930))? Diese, wenigstens im Fall des Antisemitismus willkuerlich und kuenstlich anmutende Differenzierung ist hoechst problematisch. Denn der Antisemitismus ist, in welcher Form, in welcher "Differenzierungs"-Hypostase er auch artikuliert wird, grundsaetzlich abzuweisen.
Im Zusammenhang mit dem, was Breuer "Paranoider Antisemitismus" nennt (Kap. S.348-355), behauptet Verfasser in euphemistisch-abmildernder Weise, die Wahrnehmung der "Position der Juden in der Welt" sei "bereits verzerrt." (S.348) Eigentlich haette es heissen muessen, dass die rechten Theoretiker irrwitzige Spekulationen in Verbindung mit den Juden aufstellten, wie der mit Juenger befreundete Wilhelm Heinz, der 1928 fuer die Notwendigkeit eines neuen Staatsbuergerrechts eintrat, in dem die "staatsbuergerliche Leistung und die voelkische Verbundenheit" massgeblich sein sollten, wodurch den Juden die Moeglichkeit genommen werden sollte, "zersetzend auf deutsches Volkstum wirken (zu) koennen." Auch sollte "jeder Versuch, gegen die ungeschriebenen und geschriebenen Sittengesetze des deutschen Volkes zu verstossen", "unnachsichtich" geahndet werden (S.344).
Ebenso problematisch, weil verharmlosend, ist die Art und Weise wie Breuer ueber den fanatischen Antisemiten Hans F.K. Guenther, bekannt als "Rassen-Guenther", schreibt. Diesen ordnet Breuer seinem Typus des "Neoaristokratismus" zu, statt klar zu schreiben, dass Guenther einen ueberbordenden Rassismus vertrat. Und was nun der "Antisemitismus 'sine ira et studio' " (1922) darstellen soll, den Guenther angeblich anstrebte (S.346), ist schon suspekt genug, um nicht wort-woertlich aufgefasst zu werden, was Breuer leider ganz unkritisch tut.
Im "Exkurs: Vernichtungsantisemitismus im 19. Jahrhundert" schreibt Breuer ueber Wagners und Nietzsches Antisemitismus (S.356-360). Breuer stellt in Verbindung mit Wagner fest, es fehle "Entscheidendes, um (bei Wagner) von einem voll ausgebildeten, paranoiden Antisemitismus zu sprechen." (S.357) Dazu kann nur bemerkt werden, dass Antisemitismus paranoid ist, in jeder Form - oder in jedem "Typus" -, so, wie jede Form von Hass paranoid ist. Laut Wagner sei das Judentum "eine Schuld, eine Defizienz" (ebd.). Dies nach dem Verhaltensmuster, dass es Schuld und Defizienz in der Welt geben muss, um seine eigene Schuld und Defizienz verbergen bzw. verneinen zu koennen. Der Irrationalismus, der hinter solchen Deutungsmustern steckt, ist bekanntlich nur zu Selbstlob, Selbsteingenommenheit und Ueberheblichkeiten, aber nicht zu Selbstreflexion und Selbstkritik faehig. Auch ueberbietet er das denkbare an Hassausbruechen und Zerstoerungswut gegen tatsaechliche und vermeintliche Gegner.
Aehnlich farblos-neutral und "verstaendnisvoll" aeussert sich Breuer ueber Nietzsches Antisemitismus. Die von Nietzsche entwickelte "Verschwoerungstheorie von welthistorischen Dimensionen", wo "Israel" oder "Judaea" eine "grosse Politik der Rache" betreibe, "deren Hauptinstrument das Christentum sei" (S.359), das soll nicht paranoid sein? Breuer meint, das sei lediglich "in der Tendenz paranoider Antisemitismus", "der sich nicht mit einem radikalen Antisemitismus verband, ihm vielmehr sogar entgegengesetzt war." (ebd.) Einfach eine Zumutung, was Breuer hier schreibt! Womit Breuer diese Behauptung stuetzen will, die "fuer alle radikalen Antisemiten irritierenden, zahlreichen Sympathiebekundungen (Nietzsches) gegenueber den zeitgenoessischen Juden", ist eigentlich nur ein Ausdruck der Sprunghaftigkeit, der Gegensaetzlichkeit Nietzsches.
So nimmt es nicht Wunder, wenn Breuer aus den angefuehrten Beispielen darauf schliessen will, dass der paranoide Antisemitismus "ein eher vager Terminus" sei (S.360). Breuer meint, "Diese Vagheit mag manchen als Nachteil erscheinen." Damit spielt er auf die Interpreten an, die nichts von Ergebnissen, wie die Breuers halten, die mit Mitteln der Typologisierung und mit willkuerlicher, objektwidriger Differenzierung das Phaenomen bzw. die Realitaet der rechten Ideologie bis zur Verharmlosung relativieren. Breuer behauptet, die Vagheit wuerde "der Sachlage jedoch gerechter als eindeutigere Termini wie ‚Erloesungsantisemitismus' oder 'Vernichtungsantisemitismus'" (ebd.).
Breuer wendet sich gegen den von Hartmut Zelinsky,
"Verfall, Vernichtung, Weltentrueckung. Richard Wagners antisemitische
Werk-Idee als Kunstreligion und Zivilisationskritik und ihre Verbreitung
bis 1933" (in: Friedlaender u. Ruesen (Hgg.), "Richard Wagner im Dritten
Reich", Muenchen 2000, S.318) gebrauchten Begriff des ‚Vernichtungsantisemitismus'
wie folgt: Ein so gestalteter Verharmlosungsdiskurs
kann nur von einem Autor stammen, der sich an seine Typologisierung klammert,
die, weil rein systematisierend, den eigentlichen Schritt hin zur Kritik,
zur Wertung, nicht tut und sich in seiner typologisierenden Selbstgenuegsamkeit
tummelt. So nimmt es nicht Wunder, dass Breuer die antisemitischen Angriffsziele
Wagners simplifizierend zu "Kategorien" bzw. "Typen" umfunktioniert, woher
er dann die "Insinuation", "das Hineinlegen von Intentionen" konstruiert."'Vernichtungsantisemitismus' knuepft ein spezifisches Heilsprogramm
an die physische Ausloeschung der Juden und geraet dadurch auf eine Bahn,
die methodisch gesehen problematisch ist: die der Rueckprojektion spaeterer
Ereignisse in die Absichten und Sinnkonstruktionen von Handelnden, die,
wenn sie von Vernichtung sprachen, damit meist eine Kategorie oder einen
Typus meinten, nicht aber deren empirische Traeger. Auf diese Weise tritt
anstelle der Interpretation die Insinuation: das Hineinlegen von Intentionen,
der staendige Rekurs auf zweifelhafte Kontexte und noch zweifelhaftere
Subtexte, das Hinzuziehen von privaten Aeusserungen, die - ganz besonders
im Fall Richard Wagners - nur indirekt und gebrochen durch sehr persoenliche
Interessen ueberliefert sind etc." (S.360)
Bei solch verwundenem und leichtfertigem Umgang mit dem hochsensiblen Thema des Antisemitismus bzw. Rassismus verwundert es ueberhaupt nicht, wenn Breuer im Unterkapitel "Der doppelte Antisemitismus der NSDAP" erwaehnt, das Parteiprogramm der NSDAP von 1920 "wird mitunter als eine Sammlung von Leerformeln angesehen, die fuer die Politik der Partei ohne Bedeutung gewesen sei." Wozu diese einschraenkende Bemerkung, um anschliessend zu behaupten: "Tatsaechlich drueckte es jedoch exakt aus, was ein erheblicher Teil der Fuehrungskraefte in bezug auf die Juden anstrebte." ? (S.361)
Auf der Linie grober Umdeutung liegt der Kommentar Breuers zur Beteiligung Gottfried Feders an der Formulierung des NSDAP-Parteiprogramms. Feder habe naemlich mit der Formel ‚Brechung der Zinsknechtschaft' eigentlich "nicht die Ausschaltung der Juden als solcher" gemeint, sondern lediglich "eine gegenueber Kategorien des Blutes und des Glaubens letztlich neutrale oekonomische Struktur" anvisiert. (S.362) Also auch hier dieselbe kategorielle Makellosigkeit, die eindeutig antisemitische Aussagen und Intentionen, wie im Fall des Wagnerschen Antisemitismus, auf "Kategorien" reduziert.
Und was ist von einem weiteren Trick zu halten,
der die von Hitler in "Mein Kampf" formulierte Notwendigkeit, gegen das
"Zerstoerungswerk" des Judentums vorzugehen
dahingehend abzuschwaechen versucht, dass Hitler doch gleichzeitig auch
die Vernichtung der Nichtjuden anspricht. Und nicht genug damit. Breuer
betont, dass Siegt der Jude mit Hilfe
seines marxistischen Glaubensbekenntnisses ueber die Voelker dieser Welt,
dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser
Planet wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Aether ziehen.
auch hier gilt, wie schon bei Eckart [Breuer behandelt diesen
S. 363-365]: Es ist eines, von Vernichtung zu reden, ein anderes, sie zu
planen und umzusetzen, ganz besonders dann, wenn sich vor dieses langfristige
Ziel kurz- und mittelfristige Aufgaben schieben, wie etwa die Wiedergewinnung
der nationalen Souveranitaet, der Aufruestung, der politischen und militaerischen
Expansion, der Gewinnung von Lebensraum. [...] (S.368).
Leider ist diese Argumentationsweise Breuers stark
revisionismusverdaechtig. Denn sie moechte die Intentionalitaet nur fuer
die konkrete Ebene der verwirklichten Judenvernichtung gelten lassen, nicht
aber bei der schriftlichen oder muendlichen Aeusserung von Vernichtungsgedanken.
Die Kohnsequenz einer derartigen Sichtweise ist in vielfaeltiger Weise
verheerend, weil sie historisch verbuergte Aussagen ganz allgemein von deren Intentionalitaet
entkoppeln will. Was in der Konsequenz bedeutet, dass eigentlich alles
gesagt und geschrieben werden darf, ungeachtet von dessen Gefaehrlichkeit,
weil ja damit noch nichts geschehen sei, nichts konkret verwirklicht werde.
Die Gefahr sei nur bei konkreten Taten gegeben und erst dann haetten auch
moralische Bedenken ihre Berechtigung. Ob Breuer etwas von Vorbeugung,
von Warnung, von "wehret den Anfaengen!" gehoert hat?
