©Klaus Popa
Vorerst einige Worte über den Namen "Siebenbürgen". Es liegt eine reichhaltige Literatur zu diesem Thema vor. Die lateini- sche Form "Transilvania" steht für "das Land hinter dem Wald". Die älteste Lautung war "Ultrasilvania", was für "Land (nicht nur) jenseits des Waldes", aber auch "noch nicht in ungarischem Besitz" stand. Der Name "Tansilvania" setzt hingegen die politische, wirtschaftliche und militärische Verbindung zu Siebenbürgen als Teil des ungarischen König- reichs voraus. Das deutsche "Siebenbürgen" bedeutet wort-wörtlich "Sieben Städte" oder "Sieben Burgen". Doch diese Ethymologie ist zu offensichtlich, um zuzutref- fen. Der Name scheint eher auf die mundartlichen Gepflogenheiten der ersten, vornehmlich niederdeutsche, flämischen und holländischen Sied- lern, in deren Herkunftsländern Bergzüge "Zevenbergen" (in Südholland) oder "Sevenbergen" (östlich von Hameln) heißen. Der Volksname "Sachsen" ist erstmals in einer königlichen Urkunde des Jahres 1206 bezeugt (1). Bis dahin wurden die aus Westeuropa zugezogenen Kolonisten hospites (d.h. Gäste) oder Flandrenses (Flande- rer) genannt. Es gab auch zahlreiche Wallonen und Lateiner (Latini) unter den Siedlern, die unter Geisa II. (1141-1162) kamen. Diese siedelten vor allem im Gebiet südlich von Hermannstadt. Es hat den Anschein, daß die Reichskanzlei wegen der heterogenen Herkunft der Siedler seit Andreas II. (1204-1235) die Bezeichnung "Sachsen" für alle siedelnden "Gäste" in Um- lauf brachte, obwohl diese mit Sachsen kaum etwas zu tun hatten. Die siebenbürgischen Siedler werden erstmals 1186 durch Béla III. (1172- 1196) in Verbindung mit seinen Bemühungen um die Hand von Maria Capet, der Tochter des französischen Königs Ludwig VII. erwähnt. König Béla führt in der Aufzählung seiner Jahreseinnahmen die alienis hospitibus regis de Ultrasylvas an, von denen er einen Jahreszins von 15.000 Silbermark (wohl der Martinszins) einnehm (2). Das ist keine unbedeuten- de Summe, die auf die wirtschaftliche Leistungsstärke der Siebenbürger Sachsen bereits in der frühen Siedlungsphase hinweist.1) Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen (Ub), 1. Bd., Hermannstadt 1892, S. 9f., Nr. 17. 2) Die Urkunde wird von Paul Binder, Ein dokumentarischer Hin- weis auf die "hospites" in Siebenbürgen, in: Forschungen zur Volks- und Landeskunde (FVLk), Jahrg.19/Heft 2,1976, S. 37-39 be sprochen. Die Urkunde liegt bereits in der Urkundensammlung "Codex diplomaticus Hungariae religiosus ac civilis" von Georgius Fejér, Tomus II, S. 217 vor.
Seite 2Die Ansiedlung scheint in Siebenbürgen in der Mitte des 11. Jahrhunderts unter der Regierung von Andreas I. (1046-1060) begonnen zu haben. Das erste Siedlungsgebiet war der sogenannte "Unterwald" mit den Städten Broos (Orastie, Szászváros), Mühlbach (Sebes-Alba, Szász-Sebes) und Weissenburg (Alba Iulia, Gyulafehérvár). Der Nösnergau (Vorort Bistritz (Bistrita, Beszterce)) und das Zwischenkokelgebiet (zwischen den beiden Kokel-Flüssen (Tîrnava, Küküllö) wurde unter Ladislaus I. (1077-1095) besiedelt. Massenhafte, gut organisierte und planmäßige Kolonisierung setzte unter Geisa II. (1141-1162) ein, dem die Über- lieferung der Sachsen die Erstansiedlung zuschrieb (deshalb wurde in den Jahren 1992-93 die 850-Jahrfeier veranstaltet). Geisa II. war der erste König, der den Siedlern das Gebiet in Süd- und Südostsiebenbürgen zuwies, das strategische Funktion hatte und unter der Bezeichnung desertum (Wüste) bekannt war. Der politische Status der Deserta wurde widersprüchlich erörtert. Wir erblicken in den sieben- bürgischen deserta nicht nur bevölkerungsleere oder entvölkerte Grenzgebiete sondern ausgedehnte Kronländer, in denen keine Besitzungen verliehen worden waren. So wurden die Gebiete der späteren Stühle Her- mannstadt, Leschkirch, Schenk, Reps and Burzenland durch Geisa II. und dessen Nachfolgern Stefan III. (1162-1172)und Bela III. (1172-1196) als Siedlungsgebiet freigegeben. Die ausländischen Siedler behielten ihre gewohnheitsrechtlichen Freihei- ten in der Ausübung von Handwerk, Handel, niederer Gerichtsbarkeit, von gemeinschaftlichem und kirchlichem Leben. Diese Freiheiten führten zum Zusammenschluß der Siedler zur sogenannten "Nationsuniversität" (3).
3) "National" in der ursprünglichen Bedeutung "in derselben territorialen Einheit gebürtig". "Universität" ebenfalls in der ursprünglichen Bedeutung eines repräsentativen Organs (hier politischer Natur). Zu die- sem Thema vgl. Gruppenautonomie in Siebenbürgen. 500 Jahre siebenbür- gisch-sächsische Nationsuniversität, hg. von Wolfgang Kessler Siebenbürgisches Archiv, Bd. 24), Köln Wien, 1990.
Seite 3Das "desertum" Geisas II. bildete den Kern der Sieben Stühle, die das Herzstück des Sachsenlandes waren. Die Bewegung hin zur Vereinigung der Sachsen im Geisanischen Desertum begann auf kirchlicher Ebene. Béla III. hatte beschlossen, die Kolonisten des Desertums in die kirchliche Unabhängigkeit von Weissenburg (Alba Iulia, Gyulafehérvár), wo das sieben- bürgische Bistum und Kapitel saß, zu entlassen. Dieser Beschluß ist in unmittelbarem Zusammenhang mit dem privilegierten Status des Desertums und seiner Bewohner zu bringen. 1188-89 wurde die Hermannstädter Propstei gegründet, die dem Erzbistum in Gran (Esztergom, unweit von Budapest) untergeordnet war. Der neue Propst versuchte auch jene Flandrenses seiner Propstei anzuschließen, die außerhalb des Geisanischen Desertum siedelten. In diesem Zusammenhang bestätigte ein Legat des Papstes, daß die Ausdehnung der Propstei nicht die Grenzen des Geisanischen Desertums überschreiten sollte, was auch der erklärte Wunsch von König Béla III. gewesen war. Die Bestätigung des Legaten wurde dann vom neuen Papst Coelestinus III. bekräftigt (4). Die Besiedlung des BURZENLANDES (Tara Bîrsei, Barcaság) (Terra Barcensis), meiner Heimatprovinz, erfolgte auf eigenartige Weise und beeinflusste zweifelsohne seine gesonderte Entwicklung und den Sonder- status, den es zuweilen im Königreich Ungarn spielte. Man bedenke auch die empfindliche geopolitische Lage des Burzenlandes: fünf Gebirgspässe verbinden es mit der Moldau und Walachei: (Oituz, Oitoz; Bosau (Buzau, Bodza), Schanz-Pass (Predelut); Tömösch (Predeal, Tömös), Törzburg (Bran, Törcs). Hier erfolgten wiederholte Einfälle. An der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert waren es die Kumanen (5). Das Burzenland spielte also eine hervorragende strategische Rolle. Die Ungarn hatten es kurz vor der Jahr- hundertwende erobert. Aber auch Rom hatte ein Interesse am Burzenland, das eine Brückenfunktion zu den damaligen Staaten der Kreuzfahrer auf dem Balkan und im Nahen Osten (im Heiligen Land) erfüllen konnte. So begrüßte Rom die Entscheidung von Andreas II(1204- 1235) das Burzenland dem Deutschen Orden zu verleihen. Nicht begeistert waren die Lateiner am königlichen Hof. Die ungarischen Potentaten waren in zwei gegnerische Partein zerspalten, die im großen und ganzen den Kreuzfahrerparteien entsprachen, die die im byzantinischen Reich und im heiligen Land eroberten Positionen vertraten.
4) Die einschlägigen Urkunden in Ub. I, Nr. 1 und Nr. 2. Sie werden von Karl Reinerth, Die freie königliche St.Ladislaus-Propstei zu Hermannstadt und ihre Kapitel, in: Deutsche Forschungen im Südosten, I, 1942, S. 1-43; 567-597 besprochen. Siehe auch Klaus (Nicolae) Popa, Kreuzzüge als Quelle einer Ansiedlung in Siebenbürgen (Der un- zensurierte Titel lautet: Zur Frage der Verbindung der Kreuzzüge mit der Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen), in: FVLk Jahrg. 32, Heft 1, Buka- rest-Hermannstadt 1989, S. 111-116, besonders S. 113f. Weitere Werke über die Ansiedlung: Karl Kurt Klein, Saxonica Septemcastrensia, Marburg 1971; Ders., Transsylvanica (Studeinsammlung), München 1963. Thomas Nägler, Die Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen, Bukarest 1979. Jüngst: Harald Zimmermann, Die deutsch-ungarischen Beziehungen in der Mitte des 12. Jahrhunderts und die Berufung der Siebenbürger Sachsen, in: Von Schwaben bis Jerusalem. Facetten staufi- scher Geschichte, hg. von Sönke Lorenz and Ulrich Schmidt, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1995, S. 151-165. Siehe auch die Besprechung des letzteren Titeal von Klaus Popa, Wann und wie kamen die Hospites?, in: Siebenbürgische Zeitung, 15. März 1996, S.10 (auch auf dieser Web Site, S. 6: "Festgabe für Dr.Dr.Dr. h.c. Harald Zimmermann". 5) Die Kumanen waren ein Nomadenvolk aus Znetralasien, das die Moldau und Walachei erobert hatte. Ihre Gefahr wurde erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts durch Ludwig I. (1342-1382) gebannt.
Seite 4Der Erfolg des Deutschen Ordens, die Verleihung des Burzenlandes zu er- wirken geht zweifelsfrei auf die engen verwandschaftlichen Kontakte von Andreas II. zu deutschen Adelsgeschlechtern zurück. So war Gertrud, seine erste Gattin, aus dem damals einflußreichen Grafengeschlecht Andechs-Me- ran. Elisabeth, die Tochter von Andreas II. und Gertrud, gelangte im Kindes- alter auf den Hof der Landgrafen von Thüringen, wo sie 1221 den jungen Landgrafen Ludwig IV. ehelichte. Sie wurde später als die heilige Elisa- beth bekannt und 1235 heiliggesprochen (6). Der Widerstand gegen die "teutonische" (deutschfreundliche) Partei war die Ermordung von Königin Gertrud im Jahr 1213. Auf diese Weise verstärkte die "lateinische" Partei, deren prominentester Anhänger der junior rex Bela (König 1235-1270) war, ihren Druck und führte die miltärische Vertreibung des Deutschen Ordens aus dem Burzenland durch. Doch der Orden hatte auch Anlaß dazu gegeben, indem er manche Bestimmung der um den 7. Mai 1211 ausgestellten Schen- kungsurkunde (7) mißachtete. Unsere Forschungen haben gezeigt, daß der Orden das Burzenland vornehmlich mit Kolonisten aus dem deutschen Sprachraum besiedelte. Da der Orden sei- nen Siedlern vollständige Kommunalautonomie zusicherte, welche Verwaltungs- freiheit die meisten vor dem Burzenland besiedelten, außerhalb des Geisa- nischen Desertums liegenden Gebiete eingebüßt hatten, setzte eine gewisse Abwanderung ins Burzenland statt, welche König Andreas II. in seiner Wie- derverleihungsurkunde (ausgestellt um den 7. Mai 1222) ausdrücklich verbot (8). Der Orden hatte ein klares Kolonisationskonzept. So war Kronstadt (Brasov, Brassó) als Stadtanlage vorgesehen, deren Bevölkerung vornehmlich aus Hand- werkern und Kaufleuten zusammengesetzt war. Die übrigen Ortschaften waren Landgemeinden, Marienburg (Feldioara, Földvár) ausgenommen, wo der Orden seinen Sitz hatte. So besaß das Burzenland einen kirchlichen und admini- strativen Vorort, Marienburg, und Kronstadt als Handelszentrale (9). Der Orden verzeichnete gute Erfolge im Kampf gegen die kumanisch-mongoli- sche Macht in der Südmoldau und in der östlichen Walachei, wie aus der Wiederverleihungsurkunde ersichtlich ist: die Grenzen des Burzenlandes er- streckten sich bis zur Donau im Süden und bis zur Donaumündung des Siret. Münzfunde deuten in dieselbe Richtung (10). Die Münzfunde belegen auch, daß der Orden und seine Schützlinge, die Kauf- leute aus Kronstadt, an der Unteren Donau Einfluß gewonnen hatten, was nur durch die Militärpresenz des Ordens möglich war. Er hatte damit den Haupt- zweck der Verleihung des Burzenlandes, den Schutz gegen die Kumanen, er- füllt. Doch die Widersacher in der lateinischen Partei meinten, der Orden sei zu gefährlich geworden. Dieser Partei ist wohl in der Hauptsache die Ausstellung des "Goldenen (Andreanischen) Freibriefs" 1224 zuzuschreiben (11).
6) Anläßlich des 750. Todestages von Elisabeth (1981) wurde ein Band veröffentlicht, der zahlreiche Studien über Elisabeths Persönlichkeit und Ausstrahlungskraft veröffentlicht: "Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1981. Jüngst: Gábor Klaniczay, Königliche und dynastische Heiligkeit in Ungarn; und Matthias Werner, Mater Hassiae - Flos Ungariae - Gloria Teuto- niae. Politik und Heiligenverehrung im Nachleben der hl. Elisabeth von Thüringen, beide in: Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter (Vorträge und Forschungen XLII), Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1994, S. 343-361 und 449-540. Vgl. auch die Besprechung dieser Aufsätze durch Klaus Popa in "Ungarn-Jahrbuch. Zeitschrift für die Geschichte Ungarns und verwandte Gebiete" 1995-96, München, das erscheinen wird. 7) Ub. I, S. 11f., Nr. 19. Zur Geschichte des Deutschen Ordens im Bur- zenland vgl. Harald Zimmermann, Der deutsche Ritterorden in Siebenbürgen, in: Die geistlichen Ritterorden Europas (Vorträge und For- schungen XXVI), Sigmaringen 1980. 8) Ub.I, S. 18-20, Nr. 31. 9) Über das Besiedlungskonzept des Deutschen Ordens im Burzenland vgl. Klaus Popa, Siedlungsgeschichtliche Auslotung der Burzenländer Sprachlandschaft, in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde (ZfSL), Heft 1/1993, S. 1-11. 10) Die Münzfunde wurden von Klaus Popa in der Besprechung des Buches "Rascoala si statul Asanestilor" (Der Aufstand und Staat des Asse- niden), in: ZfSL, Heft 1/1990, S. 106f. interpretiert. 11) Ub.I, S. 34f., Nr. 43.
Seite 5Die im Andreanischen Freibrief festgelegten militärischen Pflichten der Ansiedler scheinen zumindest in einem Punkt das kurzfristige strategi- sche Ziel der Vertreibung des Deutschen Ordens aus dem Burzenland ver- folgt zu haben. Die Kolonisten sollten bei Militäroperationen innerhalb des Reiches 500 Mann stellen, außerhalb - wenn der König persönlich im Feld erschien - sollten es 100 und in seiner Abwesenheit nur 50 Mann sein (12). Auch die wichtige Maßnahme der Neuregelung der bisher von Broos bis Draas existierenden Komitate (comitatus) (13), indem alle außer dem von Hermannstadt aufgelöst wurden, sollte wohl dem kurz- fristigen Ziel der Vertreibung des Ordens dienen. Die Siedler von Broos bis Draas bildeten nun einen geschlossenen Mili- tär- und gerichtlichen Distrikt, der bis in die Mitte des 19. Jahrhun- derts bestand und unter der Bezeichnung "Königsboden" bekannt ist. Mit den Bestimmungen des Andreanischen Freibriefes versuchte der König und seine lateinischen Ratgeber (14) das militärische, politische und wirt- schaftliche Potential des neuen Komitats dem Burzenland des Deutschen Ordens entgegenzustellen. Wir dürfen also schlußfolgern, daß die Episode des Ordens im Burzenland die Vereinigung des nun völlig kolonisierten Desertums mit den westlich gelegenen Stühlen Reussmarkt (Miercurea Sibiului, Szerdahely), Mühlbach (Sebes Alba, Szász-Sebes) and Broos (Orastie, Szászváros) beschleunigte. Aber damit war das Burzenland und Kronstadt zunächst politisch, anschließend auch wirtschaftlich isoliert, welcher Zustand im großen und ganzen bis zur österreichischen Eroberung (zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts) andauerte.
12) Ub.I, S. 34. 13) An der Spitze des Komitats stand ein Komes (comes, der sowohl militärische als auch richterliche Oberhoheit ausübte. 14) Nach der Ermordung von Königin Gertrud (1213), die aus dem Hause Andechs-Meran stammte, heiratete Andreas II. die Französin Yolanthe de Courtenay, deren Geschlecht Interessen in den Kreuzzugsstaaten auf dem Balkan und im Heiligen Land hatte.
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Dokument.../Ansiedl.htm/ Erstellt: 15.12.1996. Letzte Änderung:13.07.2012 ; Autor und ©: Klaus Popa