Die Umweltkatastrophe an Theiß und Donau wurde fahrlässig verursacht. Ein Lokalaugenschein.

profil online 21.2.00


Mit ausgebreiteten Armen steht Sandor Pocs am Heck seines selbst gebauten Holzkahns. Wie aus einer Tonne ragen die grünen Ärmel aus der Trägerhose. Seine Augen sind wach. Dazwischen weinen sie, immer wieder. In diesen Momenten dreht sich der Fischer verschämt um. Er zitiert jenen Vers, der der Theiß (Tisza) anhaftet wie ein Untertitel: "Die Theiß ist ein Friedhof, wenn sie blüht." Eine Hymne an jenen Juni- oder Julitag, an dem Myriaden von Eintagsfliegen schlüpfen, über das Wasser schwirren, sich begatten, sterben und Ungarns zweitgrößten Fluss mit einem dicken gelben Teppich überziehen. Sandor betont, das mit dem Friedhof sei symbolisch gemeint. Umso schmerzhafter das Paradox, in das sich die Hymne vor drei Wochen verwandelt hat: Jetzt ist die Theiß tatsächlich ein Friedhof. Die nächste Blüte kommt nicht so bald.

Am zweiten Februar, einem Mittwoch, fuhr Sandor Pocs wie jeden Morgen um drei Uhr früh von Abadslalok, einem kleinen Ferienort, etwa zwei Autostunden von Budapest entfernt, zum Fluss. Er wusste aus den Fernsehnachrichten, dass er tote Fische finden würde. Nicht aber, dass damit tonnenweise Kadaver gemeint waren. "Das Herz hat uns geblutet. Fische, so groß, wie wir sie in unserem Leben noch nie gefangen hatten. Die sind zu klug, um ins Netz zu gehen", weiß Sandor. Drei Tage lang packten er und seine Freunde dann bis zu hundert Kilo schwere Barsch- und Karpfenleichen mit Baggern und Kränen in den Kahn. Fünf Lkw-Ladungen brachten sie zur Verbrennungsanlage in Debrecen. Aber nicht nur die Fische sind tot, auch das Plankton, der Tang, die Insekten, die Fischotter, die Seeadler – kurz: Die biologische Nahrungskette der Theiß ist von einem Ende bis zum anderen ausgelöscht.

Der Grund des Desasters? Mehr als 100.000 Kubikmeter einer Lösung aus hochgiftigem Zyanid und Schwermetallen, die am 30. Jänner um zehn Uhr abends den Damm des Klärbeckens der rumänischen Goldaufbereitungsanlage Aurul bei Baia Mare durchbricht. Der Schlamm rinnt über ein Feld zu einem Bach, von dort in den rumänischen Fluss Somes und weiter in die Theiß. Zurzeit arbeitet sich die Giftlauge mit etwa drei Kilometern pro Stunde in der Donau zum Schwarzen Meer vor.

Der Hintergrund? Vermutlich simple Fahrlässigkeit, denn die Betreiber – der rumänische Staat und der australische Mehrheitseigentümer und Gold-Multi Esmeralda – hatten das Giftbecken mit Erd- und Sandwällen statt soliden Betondämmen umgeben. Starker Regen fiel auf eineinhalb Meter Schnee, der Damm brach. Die Katastrophe hat demnach einen klaren Schuldigen, der für das ökologische, soziale und wirtschaftliche Desaster in Rumänien, Ungarn, Serbien und der Ukraine zahlen müsste. Hätte. Denn alle Verantwortlichen – australische Goldfirma, rumänische und ungarische Regierung – übertreffen sich in Vertuschungsversuchen und wüsten Verschwörungstheorien. Als das unliebsame Geschenk vergangene Woche auf den Donauwellen Belgrads herbeischwamm und man Trinkwasseralarm ausrief, schickte auch Ungarn endlich SOS-Rufe an UNO und EU.

Die EU-Umweltkommissarin zögerte nicht lang: Bei Schnee und Nebel kreuzte Margot Wallström am Donnerstag im Hubschrauber zwischen Fischern und Fluss in Ungarn und Mine und Ministern in Rumänien herum, bis sie schließlich am trostlosen Flughafen von Baia Mare saß wie die gute autoritäre Fee aus Brüssel, die Geld, eine Untersuchungskommission und jede Menge sanften, aber ernst gemeinten Druck in Sachen Umweltschutz mitbringt. Rechts von ihr Ungarns Umweltminister, links der rumänische. Der sagte jetzt erstmals: "Sobald wir den Schaden kennen, kommen wir dem Gesetz nach." Soll heißen: Rumänien wird zahlen, denn Frau Wallströms Grundsatz ist das "polluter-pays-principle" ("Es zahlt der Verschmutzer").

Wird Ungarn deshalb auch die Firma Esmeralda verklagen?

"Ja, denn nur weil das Gift davonfließt, können die nicht einfach die Verantwortung von sich schieben", sagt Zoltan Illes, Fidesz-Umweltsprecher des ungarischen Parlaments. Seine Anklage formuliert er bei einer seltsamen Veranstaltung in der Weinstadt Tokaj: dem Begräbnis für die Theiß.

Wie begräbt eine Stadt ihren Fluss? Der übermächtig und stumm weiterzieht, braun von der Schneeschmelze in den Karpaten? Mit Streichermusik aus dem Lautsprecher, einem Steinpodest vor dem örtlichen Kreisverkehr, eisigem Wind im Nacken und hunderten Bürgern auf der Brücke. Aus der Masse ragen eilig gebastelte Transparente mit Slogans wie "Das Wasser-Tschernobyl", "Gold? Fisch?", "Die Theiß ist gestorben" und "Was wird aus uns, wenn wir nicht einmal mehr ein Glas Wasser trinken können?" Niemand spricht. Niemand weint. Drei grobgesichtige Bauern lehnen an einem Auto, in der einen Hand die Zigarette, in der anderen Lilien. Sie werfen sie in den Fluss. Kränze treiben, auch Rosen und Gestecke, und von der Brücke flattern schwarze Fahnen mit aufgenähten Fischskeletten in Neongelb. "Da unten", sagt Peter Ballint, 19, und nickt Richtung Nordosten, "war unser Geheimplatz zum Angeln. Vielleicht dauert es Jahre, bis wir wieder fischen dürfen." Die Theiß sei für die Menschen hier "das ganze Leben". Ausgerechnet in Tokaj erforschen Jugendliche in einem Öko-Gymnasium das Biosystem der Theiß, hier eröffnete der Schweizer Biologe Walter Wettstein die Ausstellung "Flussgeflüster". Jetzt sorgt er sich um Schwermetalle wie Blei und Zink, die in den nächsten Monaten für eine zweite, schleichende Vergiftung sorgen werden. Bis vor drei Wochen war die Theiß das intakteste Flusssystem Mitteleuropas, berühmt für gutes Wasser und edlen Fisch, sogar in der ungarischen Nationalhymne schwülstig besungen: "Wo der Theiß, der Donau Lauf, wälzet seine Wogen, wuchsen Arpads Söhne auf, ward ein Volk erzogen." Diese Vergiftung, meint eine alte Krämerin in Tokaj, sei so schlimm wie ein Krieg.

Sie übertreibt nicht: Ostungarn kämpft mit Armut, Mangel an Industrie, Abwanderung. 250 Familien sind wie jene von Sandor Pocs Vollerwerbsfischer, drei Viertel der Bevölkerung leben vom bescheidenen Sommertourismus. Denn auch Österreicher und Deutsche haben den billigen Badeurlaub an der Theiß entdeckt. "Die Gäste werden uns jetzt meiden", sagt Istvan Racs, 53-jähriger Bauer mit einer kleinen Fremdenpension. Obwohl man erst im Frühling abschätzen können wird, wie viel Leben sich doch noch in der Theiß regt, haben viele die Hoffnung schon ganz verloren.

Sandor Pocs nicht. Er bemüht sich zumindest, glaubt an ein Überleben der Theiß. Seine Großväter waren Fischer. Sein Sohn ist Fischer. "Die Theiß hat eine Seele. Diesen Tod hat sie nicht verdient", seufzt er. Zu gern stünde er wieder um drei Uhr früh auf, um seinen Job zu machen.

Hosted by www.Geocities.ws

1