Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Donnerstag, 17.02.2000 Nr.40 7
NZZ 17. Feb. 2000d
bt. Die rund 100 000 Kubikmeter Lösung mit cyanidhaltigen Abfällen aus dem Abbau von Gold, die am 30. Januar im Norden Rumäniens, bei Baia Mare, aus dem Rückhaltebecken eines Bergwerks schliesslich in Theiss und Donau gelangten, sind laut Angaben des WWF in Wien am Mittwoch nun im Eisernen Tor, einem Staubecken bei Turnu Severin, angelangt. Zwar liegt die Cyanid-Konzentration immer noch deutlich über dem Grenzwert von 0,05 Milligramm pro Liter (Trinkwasser in Deutschland), aber sie ist deutlich tiefer als noch vor ein paar Tagen. Der WWF spricht auf Grund von Behördenangaben von Messwerten um 0,38 Milligramm pro Liter. In Rumänien und in den nördlichen Bereichen der Theiss in Ungarn dagegen sollen Werte in der Grössenordnung von 30 Milligramm und mehr pro Liter, bei der Mündung in die Donau von 1,31 Milligramm pro Liter und in Belgrad laut anderen Quellen noch von 0,7 Milligramm pro Liter gemessen worden sein.
Cyanid ist ein hochwirksames Atmungsgift, das in zu hohen Mengen sofort zum Tod führt, aber keine Langzeitwirkung aufweist. Mit der zunehmenden Verdünnung sinkt die akute Gefährdung daher rasch. In den oberen Flussläufen sind laut WWF jedoch auf einer Strecke von rund 200 Kilometern fast alle Kleinlebewesen und Wassertiere vernichtet worden. Insgesamt wurden über 100 Tonnen toter Fische an Land gezogen.
Das ökologische Vakuum in den durch hohe Konzentrationen verwüsteten Flussbereichen dürfte sich, so haben die Erfahrungen nach der Chemiekatastrophe in Schweizerhalle gezeigt, aber relativ bald wieder durch Zuwanderung aus nicht tangierten Nebenflüssen auffüllen. Wieweit auch Tiere, die von Fischen leben, gefährdet sind, indem sie durch den Verzehr von durch Cyanid getöteter Beute selber vergiftet werden, ist unklar - sicher ist ihre Existenz aber durch den Mangel an Nahrung beeinträchtigt. Beim WWF fürchtet man sodann zurzeit vor allem um die in Ungarn beobachtete Fischotterpopulation, die verschwunden scheint. Langfristig allerdings kritischer als die Auswirkungen des Cyanids könnte allenfalls die Belastung durch die in der Giftwelle ebenfalls enthaltenen Schwermetalle sein, die sich in den Sedimenten absetzen und sich in der Nahrungskette anreichern.