NZZ, 17. Feb. 2000c
Ende Januar sind im Norden Rumäniens aus dem Auffangbecken einer Goldmine grosse Mengen giftiger Lauge mit Cyaniden schliesslich in Theiss und Donau gelangt. Die Giftwelle hat auf über 200 Kilometern zum plötzlichen Tod fast der gesamten Flussfauna geführt. Als das langfristig grössere Problem könnte sich aber die Belastung mit Schwermetallen erweisen. Die Gefahren von Minenabfällen sind allerdings seit längerem bekannt.
bt. Die Umweltkatastrophe, die sich zurzeit an Theiss und Donau abspielt, weist die typischen Merkmale einer Flussvergiftung auf. Auch wenn die Konzentrationen und die Schadstoffe variieren, ist die Art der Katastrophe keineswegs neu. Das in der Schweiz bekannteste Beispiel ist die Vergiftung des Rheins am 1. November 1986 durch den Chemiebrand von Schweizerhalle. Zwar handelte es sich nicht um die toxischen Abfälle aus dem Bergbau, sondern um Löschwasser, aber auch hier wurden 10 000 Kubikmeter einer hochgiftigen Brühe in den Fluss geschwemmt. Die Folge war zum einen ein Sterben von Fischen und Mikroorganismen bis 250 Kilometer rheinabwärts, zum andern die Verseuchung der Flusssedimente mit Substanzen wie Quecksilber, die langfristig das Leben im Fluss schädigen. Auch hier kam es zu Diskussionen mit den flussabwärts liegenden Nachbarländern über die Haftungsfrage. «Schweizerhalle» hat in der Folge denn auch die Entwicklung des Umweltrechtes, national und international, massgeblich beeinflusst. Die folgenden Monate zeigten allerdings, dass der Rhein sich deutlich schneller erholte als erwartet.
Bereits 1983, so berichtete eine Delegation aus der Moldau zuhanden eines Seminars der Europäischen Wirtschaftskommission (ECE) über die Verhinderung und Begrenzung der Auswirkungen von Chemieunfällen auf grenzüberschreitende Gewässer vergangenen Oktober in Hamburg, war es auch am Dnister zu einer ähnlichen Flussvergiftung gekommen: Der Damm eines Rückhaltebeckens für Minenabfälle in Stebnik brach, und 4,5 Millionen Kubikmeter einer hochkonzentrierten Salzlösung ergossen sich in den Fluss und töteten auf über 200 Kilometern Länge sämtliches aquatisches Leben. In einem flussabwärts gelegenen Auffangbecken konnte gemäss dem Bericht die Giftwelle dann jedoch aufgehalten und in den anschliessenden anderthalb Jahren sukzessive stark verdünnt und kontrolliert ins Schwarze Meer abgelassen werden. Laut dem Berichterstatter aus Chisinau entstanden dabei nicht nur grosse Schäden am Ökosystem des Dnister, sondern es kam auch zu erheblichen wirtschaftlichen Einbussen im ukrainischen und moldauischen Teil der Dnistermündung.
Deutlich mehr Publizität erhielt dagegen eine ähnliche Katastrophe 1998 in Andalusien, wo sich am 25. April gut 30 Kilometer von Sevilla entfernt aus dem Auffangbecken eines Bergwerkes, in dem Zink und Blei abgebaut werden, und das knapp ein Jahr zuvor von der schwedischen Firma Boliden Limited aufgekauft worden war, rund fünf Millionen Kubikmeter giftigen Schlamms, der Arsen und eine Vielzahl von Schwermetallen enthielt, in einen kleinen Zufluss des Guadiamar ergossen.
Gegen 40 Tonnen toter Fische mussten eingesammelt werden und weit über 4000 Hektaren Land, die zum Teil der Landwirtschaft dienten und zum Teil zum für Zugvögel wichtigen Naturschutzgebiet Doñana gehören, wurden von dem Giftgemisch überzogen. In der Folge musste auf grossen Flächen die oberste Schicht des Bodens abgetragen und als Sondermüll entsorgt werden.
Zu schaffen macht den Experten heute vor allem noch die chronische Schadstoffbelastung. So wurden auch in nicht verseuchten Teilen des Doñana-Nationalparks in toten Vögeln erhöhte Schwermetall-Werte in der Leber und im Fleisch gefunden. Blutuntersuchungen bei lebenden Tieren allerdings ergaben keine Anzeichen auf eine Vergiftung. Vor allem für ohnehin bedrohte Arten, von denen einige in der Naturschutzzone zu finden sind, könnte sich eine zusätzliche Belastung durch Schadstoffe jedoch als gefährlich erweisen. Auch die Sanierung des Bodens beschäftigt die Experten nach wie vor, insbesondere die Reduktion des Arsens scheint Probleme zu machen. Ebenso wird eine Freisetzung von schwermetallhaltigen Stäuben durch das Austrocknen der Schlammschicht und das Eindringen in die Grundwasservorräte befürchtet. Auch nach der Katastrophe von Doñana gab es zahlreiche politische und juristische Nachspiele. Insbesondere wurde den Behörden eine Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflichten vorgeworfen, wobei sich Madrid und Sevilla gegenseitig den Schwarzen Peter zuschoben. Knapp zwei Wochen nach dem Unglück erklärte sich der Bergbaukonzern zwar bereit, umgerechnet 9,5 Millionen Franken Entschädigungszahlungen zu leisten, betonte aber, dass die Firma nicht haftbar sei.
Der World Wide Fund for Nature (WWF) liess in der Folge eine Studie erstellen, die zum Schluss kam, dass die in Rückhaltebecken gelagerten Abfälle aus dem Bergbau eine schwere Gefährdung für Mensch und Umwelt darstellten, zum einen als akut wirksame Gifte, zum andern durch die Langzeitfolgen von schwer abbaubaren Giftstoffen wie insbesondere Schwermetallen. Als EU- Länder mit bedeutenden Bergbauaktivitäten listete der WWF vergangenen April in seinen Vorschlägen zuhanden der EU Finnland, Griechenland, Schweden und Spanien auf. Weniger wichtig sei die Branche in Österreich, Frankreich, Irland und Portugal. Verlassene Minen gebe es allerdings auch in Belgien, Deutschland, Dänemark, Italien, Luxemburg, den Niederlanden und Grossbritannien, und Abfälle aus dem Bergbau lagerten noch in Auffangseen in Italien, Spanien, Schweden, Irland, Portugal und Grossbritannien. In verschiedenen EU-Ländern komme es sodann immer wieder zu grösseren Verschmutzungen.
Der WWF fordert die EU insbesondere auf, eine umfassende Liste der in den Mitgliedsländern vorhandenen Rückhaltebecken mit giftigen Abfällen aus dem Bergbau zu erstellen. Auch am ECE-Seminar vergangenen Oktober in Hamburg lautete denn eine der sechs Empfehlungen, es sei eine Expertengruppe im Rahmen des ECE-Sekretariats zu schaffen, die mögliche Sicherheitsvorkehren zum Schutz vor Unfällen bei Rückhaltebecken im Bergbau untersuche. Nach wie vor ungelöst ist laut den Experten zudem die Frage der Haftung bei solchen Unfällen.