NZZ, 11. Feb. 2000b
A. O. Der vor zehn Tagen von Cyaniden und Schwermetall-Lösungen verursachte schwere Umweltschaden in den Flüssen Theiss (Tisza) und Szamos ist am Donnerstag in der westrumänischen Stadt Oradea vom ungarischen Umweltminister Pepo und dem Staatssekretär im Bukarester Umweltministerium, Vlad, erörtert worden. Die Giftstoffe, die aus der Kläranlage des rumänisch-australischen Bergwerkunternehmens Aurul in die Gewässer gelangt waren, dezimierten auf ungarischem Gebiet in beiden Flüssen den Fischbestand. Aus der Theiss wurden in den letzten Tagen tonnenweise tote Fische geborgen, und man befürchtet auf ungarischer Seite, dass das volle Ausmass der Umweltkatastrophe über das bisher Bekannte noch weit hinausgeht.
Pepo und Vlad kamen in Oradea überein, in Zusammenhang mit dem Fall drei gemischte Kommissionen ins Leben zu rufen. Sie sollen sich jeweils mit der Abklärung der rechtlichen Lage, der Beurteilung der Schäden und der Planung präventiver Massnahmen befassen. Beide Seiten betonten die freundliche Atmosphäre, in der die Gespräche stattfanden. Eine gewisse Gereiztheit auf ungarischer Seite ist dennoch unverkennbar. Sie erscheint als Reaktion auf rumänische Stellungnahmen, in denen davon die Rede ist, dass man in Ungarn die Schwere des Unglücks übertreibe. Der Präsident des australischen Unternehmens liess vom anderen Ende der Welt ebenfalls schlicht ausrichten, er schenke den Berichten über die Katastrophe keinen Glauben.
Der ungarische Ministerpräsident Orban trat am Mittwoch in einem Radiointerview dafür ein, in die Umweltverträge mit den Nachbarländern durch Verhandlungen Klauseln einzubauen über die Haftung für allfällige Schäden. Er habe nicht gewusst, sagte Orban, dass in den bestehenden Abkommen Bestimmungen über Schadenersatz fehlten. Loyola de Palacio, Vizepräsidentin der EU-Kommission, die am Donnerstag in Budapest von Aussenminister Martonyi empfangen und über das Vorgefallene orientiert wurde, sprach sich für die Deckung der Schäden nach dem in Westeuropa üblichen Verursacherprinzip aus.
In der ungarischen Presse sind mittlerweile einige grollende Leitartikel über das Thema erschienen, die, soweit es sich um oppositionelle Blätter handelt, auch mit der Regierung in Budapest ins Gericht gehen: Sie habe das Ausmass des Umweltunglücks zu spät erkannt, sie trete Bukarest gegenüber zu weich auf und mache keinen Lärm, damit der Fall die gebührende internationale Beachtung finde. Erwidern liesse sich darauf, dass die Katastrophe in ihrer ganzen Schwere allen, auch den Medien, erst bewusst wurde, nachdem es sich gezeigt hatte, dass die Cyanid- Konzentration entgegen den Hoffnungen auch im mittleren und unteren Lauf der Theiss noch weit über der zugelassenen Norm blieb. Was wiederum das Auftreten gegenüber Rumänien betrifft, so kann es in Budapest gegen eine Regierung der rechten Mitte stets ebenso schnell zum Vorwurf kommen, sie gefährde mit harten Tönen die zurzeit guten, aber gebrechlichen ungarisch-rumänischen Beziehungen.