Dammbruch bei einer Kläranlage in Rumänien

NZZ 4. Feb. 2000

 

Cyanide in Gewässern im Grenzgebiet zu Ungarn

A. O. Budapest, 3. Februar

Ein Dammbruch bei der Kläranlage eines privaten Bergwerkunternehmens in der Nähe der Stadt Baia Mare in Nordwestrumänien hat in Zuflüssen der Theiss das Wasser mit Cyaniden verseucht und auch auf ungarischem Gebiet zu schweren Umweltschäden geführt. Das fragliche Unternehmen, das sich nach Presseberichten in Budapest in rumänisch-australischem Besitz befindet, befasst sich damit, aus dem Taubgestein alter, stillgelegter Silber- und Goldminen mit einer Technologie, die Cyanidlösungen verwendet, Edelmetall zu gewinnen. Der Dammbruch geschah Sonntag nacht, und die etwa 25 Meter lange Bruchstelle konnte erst am Mittwoch in den frühen Morgenstunden wieder abgedichtet werden. Man schätzt, dass in der Zwischenzeit mehr als 100 000 Kubikmeter mit Cyaniden und Schwermetallösungen verseuchtes Wasser ausgetreten und zuletzt in den Fluss Somes gelangt war. Der Somes (ungarischer Name: Szamos) mündet westlich der Grenze auf dem Gebiet Ungarns in die Theiss.

 

Ungarns zweitgrösster Fluss betroffen

Die Verseuchung, die im Zeichen einer verbesserten Zusammenarbeit von rumänischen Fachleuten den ungarischen Kollegen früh gemeldet worden war, erreichte am Dienstag das Staatsgebiet Ungarns, und einen Tag später wurde sie auch in der Theiss (Tisza) nachgewiesen. Die Theiss, der zweitgrösste Fluss Ungarns, durchquert die ostungarische Tiefebene vom Norden bis zur jugoslawischen Grenze im Süden, und neben zahlreichen kleinen Siedlungen berührt sie auch grössere Städte wie Szolnok und Szeged.

Die Angaben über die Schwere der Cyanid- Verseuchung in den ungarischen Medien variieren, und auch die von Fachleuten im Radio genannten Werte weichen oft voneinander ab. Das in Budapest erscheinende Blatt «Nepszabadsag» berief sich in seiner Ausgabe am Donnerstag auf den Leiter der Umweltbehörde am Oberlauf der Theiss. Nach dessen Mitteilung hatte man beim Grenzübertritt des verseuchten Wassers im Szamos 32,5 Milligramm Cyanid pro Liter nachgewiesen, das heisst das 325fache der erlaubten Menge. Die gleiche Zeitung gab am Donnerstag auf der ersten Seite ihrem Bericht über den schweren Fall von Umweltschaden den dramatischen Titel «Der Szamos ist für eine Zeit tot - Die Cyanid-Verseuchung vernichtet die Lebewesen - Von heute an Gefahr auch für jene, die an der Theiss leben».

Strenge Vorsichtsmassnahmen

Da die ins Wasser gelangten Schadstoffe löslich sind, ist es nicht möglich, der Verschmutzung mit mechanischen Mitteln Herr zu werden. Man hofft indessen, dass ihre Konzentration in der Theiss, die wesentlich mehr Wasser führt, bald einmal stark abnimmt. Eisbildung auf den Flüssen behindert die Messungen und eine erste Schätzung der Schäden. Massen toter Fische, die im Szamos treiben, scheinen jedoch schlimme Befürchtungen zu bestätigen. Die Behörden riefen die Einwohner aller Ortschaften entlang dem Szamos und dem Oberlauf der Theiss dazu auf, jede Berührung mit dem Wasser der Flüsse zu meiden, und sie verboten das Fischen sowie den Gebrauch von Brunnen, die sich in der Nähe der Ufer befinden. Sie machten sodann darauf aufmerksam, dass die toten Fische auch an Tiere nicht verfüttert werden dürfen. Betont wird zugleich, dass für die Versorgung der Bevölkerung mit Leitungswasser keine Gefahr bestehe. Aus Rumänien verlautete mittlerweile, dass der Präfekt des Kreises Maramures die Betriebsbewilligung des am Ursprung des schweren Umweltschadens stehenden Bergwerkunternehmens eingezogen hat.

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