Ausland
Autor: Von Peter Fürst, Tokaj
Der 27-jährige Biologe Walter Wettstein ist letztes Jahr von Zürich-Wollishofen
ausgezogen, um
die Welt ein Stück lebenswerter zu machen. Schon Anfang der 90er-Jahre,
als Student, hatte es
ihn erstmals an die Gestade der Theiss verschlagen. Einerseits interessierte
ihn die politische
Wende nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, andererseits lockte den
Vogelkundler ein Biotop,
das jeden Ornithologen in Verzückung versetzte: die Ufer der Theiss
und die Feuchtgebiete der
Puszta. Hier gab es nicht nur Europas dichteste Population von Eisvögeln
und Uferschwalben, in
der Tiefebene um Ungarns zweitgrössten Fluss nisteten auch seltene
Spezies wie der
Löffelreiher, der Schwarzstorch oder der Seeadler.
Nach Studienabschluss gründete Wettstein im Sommer 99 in Zürich
den Verein Pro Theiss und
übersiedelte ins ostungarische Provinzstädtchen Nyiregyhaza.
Auch das Zürcher Arbeitsamt war
angetan von seinem Engagement. Die ihm zustehende Arbeitslosenunterstützung
verwendete
Wettstein als "Startkapital" für sein Projekt. Er machte sich
daran, Strukturen für den
Naturschutz aufzubauen, kümmerte sich um die Sanierung illegaler
Mülldeponien und setzte sich
für die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft ein.
Eine Katastrophe in mehreren Teilen
An einem Gymnasium der Weinstadt Tokaj fand er Verbündete. Zusammen
mit
Umweltpädagogen und Schülern plante er eine erlebnisorientierte
Ausstellung über jenen Fluss,
der vor dem Schulhaus majestätisch dahinzieht: die Theiss. Kein
anderer Lebensraum in
Mitteleuropa, so waren die Ausstellungsmacher überzeugt, zeige
so anschaulich die gegenseitige
Abhängigkeit von Natur, Mensch und Kultur.
Dann geschah am 31. Januar dieses Jahres eine Katastrophe. Aus einer
Goldmine in Rumänien
hatte sich ein tödlicher Cocktail aus Zyanid und Schwermetallen
in den Theisszufluss Somesul
ergossen: 100 000 Kubikmeter. Die Folgen waren sichtbar, allein in
Ungarn wurden 1240
Tonnen toter Fische eingesammelt. Am 10. März folgte Teil 2 des
Umwelt-GAUs. Im Bergwerk
Borsa an der rumänisch-ukrainischen Grenze brach der Damm eines
so genannten Klärbeckens.
Über 22 000 Tonnen schwermetallbelastete Bergbaureste - Blei,
Zink, Kupfer - verseuchten
den Oberlauf der Theiss, der von der Zyanidwelle verschont geblieben
war.
Verheerende Bergwerksunglücke
Ein 70 Kilometer langer, grauschwarzer, klebrig-schlammiger Schmutzlaugenteppich
bahnte sich
den Weg durchs Flussbett und die Naturschutzgebiete entlang der Theiss.
Nur fünf Tage später
folgte aus dem gleichen Bergwerk die nächste Schwermetallflut,
30 Kilometer lang. Und letzten
Montag, den 27. März, musste das rumänische Umweltministerium
die Behörden in den
Nachbarländern Ungarn und Ukraine erneut alarmieren. Tauwetter
und starker Regen hatten im
Bergwerk Borsa Giftschlamm weggeschwemmt. Die Theiss ist wiederum aschgrau
gefärbt.
"In fluvius Tybiscus princepes est", schrieb der ungarische Chronist
Antal Szirmay 1805: "Der
edelste unter den Flüssen aber ist die Theiss." Die Mystik und
die Emotionalität der Ungarn ist
eng verknüpft mit jenem Wasserlauf, der durch das Herz ihres Landes
fliesst und die ungarische
Tiefebene, die Puszta, gestaltet hat. In unzähligen Gedichten
und Liedern wird die Theiss
besungen. Auch der bis heute verehrte ungarische Nationaldichter und
Unabhängigkeitskämpfer
Sandor Petöfi (1823 bis 1849) setzte der "Tisza" ein lyrisches
Denkmal: "Zwischen seinen
lockren Uferrändern sah ich zahm und glatt den Strom hinschlendern,
so als wollt er, dass der
Sonne Gold ungestört in ihm baden sollt . . . gelber Sand vor
mir das Ufer deckte, das sich wie
ein Teppich weit erstreckte."
Das Ökosystem ist aus den Fugen
"Der gelbe Sand", sagt Gabor Szilagyi, Direktor des Nationalparks Hortobagy,
"ist jetzt mit
schwarzem Giftschlamm zugedeckt." So getrübt wie die Theiss ist
inzwischen auch seine Freude
darüber, dass die Vereinten Nationen den Puszta-Nationalpark am
1. Dezember 1999 zum
Weltnaturerbe erklärt haben. Heute verwaltet Szilagyi ein völlig
aus den Fugen geratenes
komplexes Ökosystem. "Wir beobachten und stellen dabei beispielsweise
fest, dass die rund
400 hier ansässigen Fischotter verschwunden sind", sagt er. "Von
den 38 Fliegen- und
Libellenlarvenarten haben nur 2 überlebt, weil sie zur Zeit der
Katastrophe 40 Zentimeter tief im
Schlamm des Flussbettes steckten. Ob sie allerdings mit Schwermetallen
belastet sind und auch
schlüpfen können, wissen wir noch nicht."
Fragen über Fragen: Was sollen die Eisvögel fressen, wenn
es keine Fische mehr gibt? Werden
die in Europa als Rarität geltenden Libellenarten wie die gelbe
Keiljungfer und die
Herbstmosaikjungfer jemals wieder durch die Lüfte schwirren? Welche
Schwermetalle und in
welcher Konzentration wurden im Flusssediment und in den riesigen Überschwemmungsgebieten
abgelagert? Wie steht es um die Zukunft der seltenen Fischarten wie
dem Zingel, dem Streber,
dem Schrätzer? "Wir werden noch lange keine wissenschaftlichen
Antworten haben", sagt der
Nationalparkdirektor, "aber wir haben schreckliche Vorahnungen. Die
Zyanidkatastrophe war
vergleichsweise harmlos, denn dieses Gift baut sich relativ rasch ab.
Die Schwermetalle hingegen
bleiben uns über Generationen erhalten und reichern sich in der
Nahrungskette zusätzlich an."
Janos Deri nennt sich Pusztadoktor, ist Tierarzt, trägt einen eleganten
Schnauzbart und wäre der
ideale Held für eine TV-Vorabendserie. Rund um seine einsam gelegene
Praxis schnattert eine
ansehnliche Gänseschar, zwei junge Katzen balgen sich in einem
Heuhaufen, ein ausgestopfter
Seidenreiher begrüsst den Gast im Entree. Aus dem Badezimmer strömt
ein strenger, ätzender
Geruch. Hier hat der Pusztadoktor seinen prominentesten Patienten einquartiert,
einen
Weissschwanz-Seeadler. Der stolze Vogel mit einer Flügelspannweite
von über zwei Metern
steht am Ende der Nahrungskette und ist schwer angeschlagen.
Die Diagnose lautet Bleivergiftung
Kurz nach der Zyanidwelle wurde der Adler völlig entkräftet
aufgefunden. Veterinär Deri stellte
bald die Diagnose: Bleivergiftung. Die Beine des Vogels waren gelähmt,
die Fänge total
verkrampft. Zweimal täglich muss er sich einer einstündigen
Behandlung unterziehen.
Kalziuminjektionen sollen die Schwermetalle im Körper einbinden.
Das Blei soll sich in den
Knochen des Adlers ablagern. Zusätzlich muss er zwangsernährt
werden. Ob der stattliche
Vogel die Behandlung überleben wird, muss sich erst noch zeigen.
Aber der Pusztadoktor und
sein Seeadler sind zum Symbol dafür geworden, dass einst Leben
in die Theissregion
zurückkehren soll.
Symbolischen Charakter haben auch die Aktivitäten des Fischereivereins
von Tiszafüred. Mit
Stolz verweist Vereinspräsident Laszlo Veres auf die Rettungsaktion
von drei Welsen mit 20 bis
30 Kilogramm Gewicht. Nach mehreren Wochen intensiver Pflege wurden
sie vergangene
Woche wieder ausgesetzt. Hinter der Rückenflosse tragen sie einen
orangefarbenen
Plastikbändel, unter der Haut einen Chip, der Signale aussendet.
Es sei nur ein Versuch, sagt
Veres, denn niemand wisse, wovon sich die Riesenfische im toten Fluss
ernähren sollen.
Mit Existenzproblemen sind aber auch die mehreren Hundert Berufsfischer
an der Theiss
konfrontiert. Die vom Staat versprochene Hilfe lässt auf sich
warten, und mit einer Rückkehr der
Fische ist in den nächsten Jahren nicht zu rechnen. "Viele meiner
Kollegen", so Laszlo Veres,
"stehen jeden Tag fassungslos am Ufer, starren in die Fluten und warten,
bis sich etwas
verändert." Sie teilen das Schicksal mit jenen, die in den letzten
Jahren Restaurants und kleine
Pensionen eröffnet haben. Der sanfte Ökotourismus, auf den
sie dank der einmaligen Fauna und
Flora gesetzt haben, wird sich in absehbarer Zeit kaum einstellen.
"Jetzt erst recht", sagt sich Walter Wettstein. Bis Mitte Mai werden
seine Schüler und er die
Theissausstellung fertig gestellt haben. Für später strebt
er ein Schüleraustauschprogramm mit
Zürcher Zöglingen an. Der Verein Pro Theiss verhandelt mit
dem Schweizer Vogelschutz (SVS)
über eine längerfristige Zusammenarbeit. Und über den
Tag hinaus hat sich Biologe Wettstein
auch privat in der Puszta eingerichtet und Anfang März eine Ungarin
geheiratet.