Noch keine Gewissheit über den Zustand der Theiss
Vor einem Jahr sind in der Nähe der westrumänischen
Bergwerkstadt Baia Mare aus einer defekten Kläranlage
über hunderttausend Kubikmeter mit Cyaniden und
Schwermetallen versetztes Wasser in Nebenflüsse der
Theiss gelangt. Die Gewässer im Gebiet sind geschädigt,
und ihre Sicherheit gilt auch heute noch nicht als
gewährleistet.
A. O. Ein Jahr nach dem Cyanid-Unglück von Baia Mare,
dessen grösster Leidtragender Ungarn und die Bevölkerung
entlang dem Fluss Theiss waren, hat der ungarische
Regierungsbeauftragte für die Rehabilitierung der Theiss,
Janos Gönczy, am Dienstag vor der Presse eine vorläufige
Bilanz gezogen. Gemäss den Untersuchungen mehrerer
staatlicher und gesellschaftlicher Organisationen ist die
Wasserqualität der Flüsse Szamos und Theiss gegenwärtig
gut und entspricht den landwirtschaftlichen und
touristischen Ansprüchen. Demgegenüber sind im
Ökosystem Änderungen eingetreten, die Fähigkeit der
Gewässer zur Selbstreinigung hat gelitten, ebenso
verzeichnet man im Fischbestand der Theiss bei einzelnen
Arten dauernde Verluste. Die Wiederherstellung des
Zustands vor dem Unglück könne man erst nach Jahren
oder sogar Jahrzehnten erhoffen.
Forderung nach Schadenersatz
Ungarn führt zur Begründung seiner Forderungen nach
Schadenersatz vier Punkte an: Verluste im wirtschaftlichen
Bereich durch die Verseuchung der Flüsse, Schäden an
Flora und Fauna, Aufwendungen für die Rehabilitation sowie
Verwaltungskosten. Die Dokumentation über die Schäden
wird im Auftrag von einer englischen Firma erstellt. Der
vorläufig auf Schätzungen beruhende Gesamtanspruch
Ungarns beträgt 29,3 Milliarden Forint (etwa 175 Millionen
Franken). Zur rechtlichen Lage hiess es, Ungarns
Regierung habe beschlossen, gegen die Verursacher des
Unglücks, so gegen die rumänisch-australische Firma Aurul
und gegen den australischen Mehrheitsbesitzer, das
Unternehmen Esmeralda, Prozesse anzustrengen.
Verhandlungen mit der Esmeralda, die inzwischen Konkurs
angemeldet hat, sind im Gange, ebenso mit der Regierung
Rumäniens zur Klärung der Verantwortung des
rumänischen Staates. Gegen Aurul will Ungarn nicht nur auf
Schadenersatz klagen, sondern auch die Einstellung des
gefährlichen und mittlerweile technisch nur minimal
modifizierten Betriebs verlangen.
Fortbestehende Gefährdung
Gönczy erklärte, dass man mit ähnlichen, von Rumänien
ausgehenden Verschmutzungen der Theiss weiterhin
rechnen müsse. Er berief sich dabei auf eine
Untersuchungsgruppe der EU, die in ihrem am
15. Dezember 2000 veröffentlichten Bericht Fehler bei der
Planung, der Bewilligung und dem technischen Betrieb als
Hauptursachen des Cyanid-Unglücks genannt hatte.
Bedrohung geht nach dem Bericht auch von weiteren
Industrieanlagen in Rumänien aus. Die Länder der Region,
namentlich Ungarn und Rumänien, wenden sich
gemeinsam an die EU mit der Bitte um technischen und
finanziellen Beistand zur Eliminierung dieser
Gefahrenherde. Benötigt werden dazu nach ungarischen
Schätzungen zehn Millionen Dollar sowie mehrere Jahre zur
Ausführung der Arbeiten. Unter den zahlreichen Aufgaben,
die seinem Amt künftig noch obliegen, nannte Gönczy die
Vorbereitung eines Abkommens der Theiss-Länder, das bei
einer Verseuchung die Haftung regeln und die Grundlage zu
einem gemeinsamen Umweltprogramm abgeben soll.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 31. Januar 2001,
Nr.25, Seite 5