Tages-Anzeiger vom 15. Feb. 2000
Gegenmassnahmen in den zyanidvergifteten Gewässern gebe es keine, sagt die Umweltwissenschafterin Laura Sigg.
Mit Laura Sigg sprach Martin Läubli
In den beiden von der Giftkatastrophe am stärksten betroffenen Flüssen in Rumänien und Ungarn sind bis zu 80 Milligramm Zyanid pro Kubikmeter Wasser gemessen worden, der Grenzwert wurde damit 800fach überschritten. Sind diese Flüsse jetzt tot?
Bei diesen Konzentrationen hatten Fische und Kleinlebewesen keine Überlebenschance. Bereits bei 0,05 Milligramm Zyanid pro Liter Wasser sind bei Fischen schon Schäden beobachtet worden.
Liegt der EU-Grenzwert von 0,1 Milligramm Zyanid pro Liter also zu hoch?
Nach unserem Wissen ja.
Wie wirkt denn Zyanid auf den Organismus?
Die beim Goldwaschen verwendeten Zyanidsalze lÖsen sich im Wasser und bilden Blausäure, welche die Atmung der Lebewesen blockiert; ihr Blut kann keinen Sauerstoff mehr aufnehmen, die Tiere ersticken.
Ist es denn bei wasserlöslichen Substanzen überhaupt möglich einzugreifen?
In den Gewässern selbst gibt es keine MÖglichkeit zu reagieren. Wichtig ist es nun, alle Trinkwasserversorgungen zu prüfen. Betroffene Anlagen müssen sofort gestoppt werden. Mit chemischen Methoden kann das Zyanid wenigstens in den Aufbereitungsanlagen eliminiert werden.
Kann Zyanid auch natürlich abgebaut werden?
Ein Teil des Gifts wird mit der Zeit in Form von Blausäure an die Luft abgegeben. Spezialisierte Bakterien im Fluss können zudem Zyanid abbauen. Allerdings nur, wenn keine allzu hohen Konzentrationen mehr vorliegen. Wie schnell das geht, ist nicht abschätzbar.
Die Katastrophe erinnert an das Unglück in Schweizerhalle. Damals vergingen Jahre, bis sich der Rhein wieder erholte. Wie ist die aktuelle Katastrophe einzuschätzen?
Die beiden Ereignisse kann man nicht vergleichen. In Schweizerhalle waren chemische Substanzen im Spiel, die sich im Sediment anreicherten und weniger schnell abgebaut wurden. Zyanid hingegen wirkt vor allem akut und bleibt nicht lange im Ökosystem. Im Sediment des Flusses zurück bleiben werden aber die mit der Giftflut mitgeführten Schwermetalle.
Silber, Blei und Kupfer: Sind sie eine Zeitbombe?
Im Gegensatz zum Zyanid wirken die Schwermetalle über einen längeren Zeitraum toxisch, da der Stoffaustausch zwischen dem Wasser und dem Sediment nur langsam vor sich geht. Es ist also mit längerfristigen Folgeschäden zu rechnen.