Der Tod reist mit vier Stundenkilometern

Tages-Anzeiger vom 15. Feb. 2000

 

Die Giftflutkatastrophe in der Theiss und der Donau überfordert die betroffenen Staaten. Jetzt will die EU helfen und weiss nicht wie.

 

Von Peter Fürst, Wien

 

Katastrophen kennen keine Grenzen. Nach Rumänien und Ungarn haben die hochgiftigen Bergwerksabwässer am Montag die jugoslawische Donau erreicht. Mit vier Stundenkilometern reist der Tod weiter in Richtung Schwarzes Meer. In mehreren Vororten Belgrads mussten die Wasserleitungen aus der Donau abgeschaltet werden. Die Haushalte bleiben auf ungewisse Zeit ohne Trinkwasser. Zisternenwagen bieten eine Notversorgung. Während die serbischen Staatsmedien die BevÖlkerung beruhigen und davon sprechen, dass keine Gefahr für die menschliche Gesundheit bestehe, berichten unabhängige Medien über Tonnen getÖteter Fische.

 

Zu späte Information

Widersprüche prägen das Krisenmanagement mit diesem Umwelt-Super-GAU, den Naturschützer als "die grÖsste Katastrophe seit Tschernobyl" bezeichnen. Als sich die Giftflut in der Nacht auf den 31. Januar im Nordwesten Rumäniens in einen Seitenfluss der Theiss ergoss, herrschte zuerst einmal Funkstille. Die rumänischen BehÖrden behaupteten zwar, die Nachbarstaaten Ungarn, Bulgarien und Jugoslawien umgehend informiert zu haben, räumen aber heute ein, dass die schlechte Nachricht die Adressaten wegen eines Computerfehlers erst drei Tage später erreicht habe. Während am Anfang von 10 000 m3 schwermetallhaltiger Schadstoffe die Rede war, musste die Menge bald auf rund 100 000 m3 korrigiert werden.

Die todbringende Zyanidwelle hat seither längst selbst unverrückbare Fakten geschaffen. In der Theiss, dem zweitgrÖssten Fluss Ungarns, und der Donau ist jegliches Leben auf über 400 Kilometern vernichtet. Mehr als 92 Tonnen toter Fische wurden bisher geborgen; Welse, StÖre (deren Laich zu Kaviar verarbeitet wird), Huchen (die seltenen Donau-Lachse), Zander, Barsche und alle mÖglichen Weissfische. "Nicht einmal Bakterien haben überlebt", sagt der serbische Umweltminister. In Ungarn wurden bereits die ersten toten Seeadler gefunden, die sich wie die bedrohten SchwarzstÖrche, Graureiher und MÖwen von den umgekommenen Fischen ernähren.

Die Trinkwasserversorgung ist vor allem in jenen unzugänglichen, ländlichen Regionen nicht mehr gewährleistet, die mit Uferfiltrat-Brunnen arbeiten. In diesen Gegenden ist eine Notwasserversorgung nicht rasch einzurichten. Informationen darüber, ob es schon zu Engpässen gekommen ist, oder ob wirklich alle diese Brunnen nicht mehr benützt werden, fehlen weitgehend. Bekannt ist hingegen, dass Hunderte von Berufsfischern über Jahre hinweg keine Arbeit mehr haben werden. Den Laden dicht gemacht haben auch unzählige Fischrestaurants und Hotels entlang den vergifteten Flüssen. Und vergiftet ist auch das Klima zwischen den betroffenen Ländern. Die grÖsste bulgarische Tageszeitung rät der EU, wie sie künftig mit Rumänien umzugehen habe: "Rumänien versteht nur die Argumente des Schlagstocks."

Die Rufer in der Wüste

Gegenüber Wiens grÖsster Bierbrauerei, mitten im Arbeiterbezirk Ottakring, liegen die Büros des Österreichischen WWF (World Wide Fund for nature). Seit Jahren bemüht man sich hier, ein grenzübergreifendes Donau-Karpaten-Programm auf die Beine zu stellen. Mit folgenden Prioritäten: Wiederherstellung des Ökosystems Donau, Reduktion der Wasserverschmutzung und Schutz der Tausenden von Tierarten, die hier ihren Lebensraum haben. Mit dem Programm soll zudem der Beweis erbracht werden, dass sich der Naturschutz auch Ökonomisch und sozial auszahlt.

"Jetzt kÖnnen wir wieder bei null anfangen", zieht eine WWF-Mitarbeiterin eine erste Zwischenbilanz. "Unsere Projekte für die FÖrderung von naturnahem Tourismus in diesen wenig entwickelten Regionen sind um Jahre zurückgeworfen. Aber es ist jetzt nicht die Zeit zum Jammern." Stattdessen versucht der WWF das zu machen, wozu die zuständigen BehÖrden offensichtlich nicht im Stande sind, nämlich grenzübergreifende Informationen zusammenzutragen. Und man ärgert sich in den Büros der Umweltschützer grün über die EU-Kommission. Vor einem guten Jahr hatte der WWF diese dringend aufgefordert, ein Inventar jener Bergwerke in Mittel- und Südosteuropa zu erstellen, die eine Bedrohung für die Umwelt darstellen - ohne Erfolg.

Die EU ihrerseits bietet 14 Tage nach Ausbruch der Katastrophe bürokratische Hilfe an. Die zuständige Kommissarin will rasch in die betroffenen Regionen reisen, um sich ein Bild vom Ausmass der Umweltschäden zu machen. Zudem stünden Experten bereit, die eine genaue Bestandesaufnahme des Desasters vornehmen kÖnnten. Die rumänische Regierung will die Betreiber jener Goldmine, welche die Katastrophe zu verantworten hat, auf rund 40 000 Franken Schadenersatz verklagen. Die jugoslawische Regierung droht Rumänien mit einer Klage vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Mindestens fünf Jahre, so die WWF-Fachleute, wird es dauern, bis sich in den Wasserläufen von Theiss und Donau wieder ein Teil jenes Lebens regt, das jetzt vernichtet wurde. Und von einem Glücksfall wissen die Umweltschützer zu berichten. Die Theiss verfügt über viele Zuflüsse mit einem intakten Ökosystem. Von den Seitenarmen her werde das Leben die toten Flüsse zurückerobern.

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