Tages-Anzeiger vom 14. Feb. 2000
Der Unfall in einer rumänischen Goldmine entwickelt sich zur schwersten Umweltkatastrophe seit Tschernobyl.
Von Misha Savic, AP
Belgrad. - Es ist wieder einmal ein Beweis dafür, dass Umweltschäden an den Grenzen nicht Halt machen. Die Giftwelle, die vor zwei Wochen nach einem Dammbruch aus einer Goldmine im Nordwesten Rumäniens austrat, schwappt mittlerweile in die Donau, hat Rumänien und Ungarn hinter sich gelassen und fast alles Leben in den betroffenen Flüssen vernichtet.
Umweltexperten sprechen von der schwersten ökologischen Katastrophe in Europa seit dem Atomunfall von Tschernobyl im Mai 1986. 100 000 Kubikmeter schwermetallhaltiger Schlamm floss noch in Rumänien in den Somes, der in Ungarn in die Theiss mündet. Dort sind mittlerweile 80 Prozent der Fische verendet. Der zweitgrösste Fluss des Landes hat für die Magyaren symbolische Bedeutung. Viele Poeten widmeten ihre Gedichte dem Gewässer, das oft nur die "blonde Tisza" genannt wird. Am Freitag versammelten sich mehrere Hundert Menschen in Szeged und warfen Blumen in den toten Fluss.
Wenige Kilometer weiter, auf jugoslawischer Seite, kamen am Samstag in der Kleinstadt Senta Vertreter von Behörden zusammen, um über Hilfsmassnahmen zu beraten. Die amtliche Nachrichtenagentur Tanjug meldete, es würden adäquate Massnahmen ergriffen. Bei dem Treffen habe sich kein Vertreter der Regierung aus Belgrad blicken lassen, beklagte Atila Juhas, Bürgermeister von Senta. Tote Fische trieben zu Tausenden auf dem Wasser. Restaurants in der Gegend nahmen Fischgerichte von der Speisekarte.
In Ungarn sind wegen des beherzten Handelns der Behörden keine Menschen zu Schaden gekommen. Aber die Population von ohnehin gefährdeten Fischadlern ist nun akut vom Aussterben bedroht, da viele Tiere von vergiftetem Fisch gefressen haben. Umweltminister Pal Pepo sagte, das Gift habe die Umwelt in dramatischer Weise aus dem Gleichgewicht geworfen. An einigen Stellen wurde der Grenzwert für Zyanid vorübergehend um das 800fache überschritten.
Ungarn hat die Europäische Union um Mithilfe gebeten. Eine Kommission solle grenzüberschreitend eine Schadenbegutachtung vornehmen, sagte Pepo.
Die EU-Kommissarin für Verkehr und Energie, Loyola de Palacio, sprach nach einem Besuch in Budapest von einer europaweiten Katastrophe. "Die Theiss ist ein toter Fluss", sagte Istvan Backulin, Bürgermeister einer anderen jugoslawischen Anrainergemeinde. Bis hinunter zu den Kleinstorganismen stirbt alles ab. Nachdem das wasserlösliche Zyanid, das in der Goldmine bei Baie Mare zum Auslaugen von Edelmetallen verwendet wurde, mit der Fliessbewegung des Wassers weggeschwemmt worden ist, bleiben Schwermetalle - Silber, Blei und Kupfer - zurück, die sich im Boden anreichern und weiteren Schaden anrichten. Die Metalle sinken zu Boden und töten alles, was noch überlebt hat, wie der Metallurg Gedeon Pasztor von der Universität Miskolc erklärt.
Die Giftwelle bewegt sich mit etwa vier Kilometern pro Stunde flussabwärts. Die Theiss mündet in die Donau, an der auch die Hauptstadt Belgrad liegt. Europas längster Fluss führt wesentlich mehr Wasser, dennoch dürfte auch hier der Schaden gross sein. In stark verdünnter Form bekommt Rumänien das Zyanid schliesslich wieder zurück - die Donau bildet über mehrere Hundert Kilometer die Grenze zu Jugoslawien, bevor sie auf rumänischem Gebiet ins Schwarze Meer mündet.