NZZ-Kommentar vom 15. Februar 2000
Ob der Damm der Kläranlage riss, wie die ersten Nachrichten vor gut zwei Wochen lauteten, oder ob Schnee- und Regenfälle die Wassermassen zum Überfliessen brachten, wie es die australischen Betreiber des Industriewerks wahrhaben wollen, ist belanglos. Fest steht, dass sich aus einem Staubecken des Unternehmens Aurul im Nordwesten Rumäniens über hunderttausend Kubikmeter mit Cyaniden und Schwermetall- Lösungen verseuchtes Wasser in Nebenflüsse der Theiss ergossen hat. Das Gift richtete an Flora und Fauna der Gewässer im rumänisch-ungarischen Grenzgebiet, dann in Ungarn entlang der Theiss und zuletzt noch im Norden Jugoslawiens schwerste Schäden an. Nun erwartet und hofft man, dass die Konzentration der Schadstoffe nach der Einmündung der Theiss in die Donau definitiv unter die kritischen Werte fällt. Ende gut, alles gut? Keineswegs.
Die Geschichte ist weder gut, noch ist sie zu Ende. Das Ausmass der Vernichtung an der Theiss wird sich erst allmählich abschätzen und mit Zahlen belegen lassen. Die verendeten Fische, die man in den letzten zwei Wochen tonnenweise barg, sind, wie Umweltfachleute festhalten, nur das sichtbarste Zeichen des Unglücks. Was die Unterbrechung der natürlichen Nahrungskette für die Lebewesen bedeutet, wie die Cyanid-Verseuchung der Ufer und die im Flussbett verbliebenen Schwermetalle sich auswirken, wieviel Zeit - wohl Jahre - die Theiss zur Regenerierung braucht, die Antwort auf all diese Fragen kennt heute niemand mit Gewissheit. Und ebenso ungewiss ist das weitere Schicksal der Menschen, die ihr Auskommen dem Fluss entlang bisher dank der Fischerei und dem Fremdenverkehr fanden.
Die vor kurzem in Budapest weilende Vizepräsidentin der EU-Kommission, Loyola de Palacio, sprach von einer europäischen Umweltkatastrophe. Die Reaktionen ausserhalb der heimgesuchten Region passen allerdings schlecht zu diesem Urteil. Die meisten europäischen Medien scheinen das Geschehene erst nachträglich, in diesen Tagen, zu bemerken; für manches grosse internationale Blatt war das Unglück bisher lediglich einige wenige Zeilen wert. Diskret geblieben sind auch die grünen Organisationen, die ihre Stimme im Westen selbst bei kleineren Umweltunfällen ganz anders zu erheben pflegen. Doch Osteuropa ist fern, seine Geographie kaum jemandem geläufig. Der Name «Theiss» reicht als Reizwort nicht aus; was dort auch geschieht - es bleibt eine Katastrophe zweiter Klasse. Zur Alarmierung der Geister muss das Gift erst einmal einen Fluss wie die Donau erreichen.
Die Regierung Rumäniens, von dessen Territorium die Cyanid-Verseuchung ausgegangen ist, anerkannte nach einigem Zögern die eigene Verantwortung. Bukarest werde die Ansprüche auf Schadenersatz in Betracht ziehen müssen, hiess es in einer Stellungnahme von Ministerpräsident Isarescu. Anders die australischen Mitbesitzer des am Ursprung des Unglücks stehenden Unternehmens. Sie leugnen das Offenkundige und geben arrogant selbstbewusst zu Protokoll, ein Zusammenhang zwischen dem Versagen ihrer Kläranlage und dem erschreckenden Umweltschaden sei nicht beweisbar.
Die Sprache zeugt vom Glauben, in diesem Teil der Welt getrost Dinge tun zu können, die in den entwickelten Industrieländern unter Verbot fallen. Osteuropa, von der kommunistischen Herrschaft ohnehin in bedrückender ökologischer Lage zurückgelassen, ist in den letzten zehn Jahren der Tummelplatz westlicher Abenteurer-Firmen geworden: Schutthalde für hochgiftige Abfälle und Gelände für gefährliche, andernorts nicht mehr zugelassene Technologien. Der Fall des australisch-rumänischen Bergwerkunternehmens fällt offenbar in die letztgenannte Kategorie.
Kein Zweifel, dass die Behörden der osteuropäischen Länder an solchen Zuständen eine Mitschuld tragen. Die Hoffnung auf fremde Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen überlagern oft alle amtlichen Bedenken. Und wo die Skrupel zu gross bleiben, lässt sich diese oder jene Betriebsbewilligung auf dem Wege der Bestechung - wer schmiert, der fährt - zumeist doch beschaffen. Machenschaften solcher Art abzustellen und dafür zu sorgen, dass streng formulierte Umweltgesetze nicht nur vorhanden sind, sondern ihnen auch nachgelebt wird, ist, wie die Verseuchung der Theiss zeigt, für die jungen osteuropäischen Demokratien lebenswichtig. Wieweit aber der schöne Umwelt- Wahlspruch «Eine einzige Erde» auch Osteuropa einschliesst, wird man jetzt am westlichen Helferwillen und daran messen, ob die Urheber des Unglücks für das Geschehene geradestehen müssen.
A. O.