| Zeitungsbericht |
T�chter ohne M�tter trauern ihr Leben lang Gef�hle von Hilflosigkeit und Verlassensein kehren immer wieder zur�ck / Jede Trennung erinnert an den Verlust Die Beziehung zur Mutter z�hlt zu den pr�gendsten, intensivsten und zu den l�ngsten Beziehungen im Leben von Frauen. Fast alle T�chter sind davon �berzeugt, da� M�tter, besonders die eigene, unsterblich sind. Umso schwerer trifft es sie, wenn die Mutter stirbt. Anne liebte ihre Mutter. So wie die meisten M�dchen, die sie kannte, ihre Mutter bewunderten und sehr gern hatten. Und wie fast alle jungen Leute dachten auch Anne und ihre Freundinnen nicht daran, da� sie die Mutter pl�tzlich verlieren k�nnten. Zahlen sprechen eine andere Sprache: 125 000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene verlieren j�hrlich ihre M�tter durch den Tod. Vor allem f�r das Leben der T�chter hat dies gravierende Folgen. Der Tod der Mutter beeinflu�t ihr Verhalten dauerhaft und pr�gt ihre Beziehungen zu anderen Menschen erheblich. "Der Verlust der Mutter ist das einschneidenste Erlebnis im Leben einer Frau", stellt Hope Edelman in ihrem Buch "T�chter ohne M�tter" fest. Diese Erfahrung der Autorin, deren Mutter starb, als sie selbst 17 Jahre alt war, best�tigen fast alle der etwa 250 mutterlosen Frauen, die sie befragt hat. Durch den Tod der Mutter wird das Grundvertrauen der M�dchen, das Gef�hl der Sicherheit und Geborgenheit, ersch�ttert. Sie f�hlen sich einsam, hilflos und verlassen. Weil sie keinen weiteren Verlust riskieren wollen, vertrauen sie niemandem mehr. Auch als Erwachsene f�llt es mutterlosen Frauen oft schwer, mit Trennungen und Verlusten umzugehen. Viele gehen aus Furcht vor einem neuen Verlust auch als Erwachsene keine engen Beziehungen ein. Andere mutterlose Frauen erleben jede Trennung als Wiederholung des Todes der Mutter und halten lange an bereits �berlebten Beziehungen fest. Halt durch den Vater Wie T�chter den Tod der Mutter verkraften, h�ngt vor allem davon ab, ob sie einen Menschen haben, der auf ihre Bed�rfnisse eingeht, ihnen das Gef�hl vermittelt, liebenswert und wichtig zu sein. Der Vater kann diese Rolle ebenso �bernehmen wie eine Verwandte oder Bekannte. Geschwister sind mit dieser Aufgabe meist �berfordert. Wichtig f�r die weitere Entwicklung ist auch, da� Kinder und Jugendliche Gelegenheit erhalten, ihren Gef�hlen freien Lauf zu lassen. Leugnen, Verwirrung, Schuldgef�hle, das Gef�hl der Leere und des Mangels und vor allem Wut sind typische Reaktionen nach dem Tod der Mutter. Nicht selten sch�men sich Kinder, weil sie ihre Mutter verloren haben. Sie vermeiden es, �ber den Verlust und ihre Gef�hle zu sprechen und schieben ihre Trauer zur Seite. Oft setzt der Trauerproze� erst Jahre nach dem Tod der Mutter ein. Die Trauer ist kein kontinuierlicher, in sich abgeschlossener Proze�, sondern sie kommt und geht in Zyklen. Viele Frauen trauern noch Jahre nach dem Tod um ihre Mutter. Zwar werden die Abschnitte zwischen den Trauerphasen mit der Zeit l�nger, aber die Sehnsucht h�rt nach Einsch�tzung Hope Edelmans nie auf. Vor allem in wichtigen Situationen, zum Beispiel bei der Heirat, in der Schwangerschaft oder bei der Geburt eines Kindes, stellt sich das Gef�hl, hilflos und verlassen zu sein, wieder ein. Die Trauer beginnt von neuem; die Reaktionen von einst wiederholen sich. Und so haben viele mutterlose Frauen das Gef�hl, in ihrer Entwicklung steckengeblieben, dem Alter, in dem sie waren, als die Mutter starb, nie entwachsen zu sein. Fast alle mutterlosen T�chter haben in sp�teren Beziehungen den starken Wunsch, vom Partner bemuttert zu werden, und �berfrachten ihre Beziehungen mit Erwartungen, die nicht erf�llt werden k�nnen. Schneller erwachsen Der Tod der Mutter kann die Entwicklung der Tochter verz�gern; h�ufig beschleunigt er jedoch den Reifeproze�: Die M�dchen, vor allem die �ltesten T�chter, m�ssen oft die Verantwortung f�r ihre Geschwister �bernehmen und werden dadurch schnell erwachsen. Die �bernahme von Verantwortung kann die T�chter �berfordern; sie hilft den M�dchen jedoch auch, den Verlust zu verarbeiten. Sie haben das Gef�hl, kompetent zu sein, und entwickeln Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Da� sie stark, unabh�ngig, entschlossen und selbstsicher sind, betrachten die vielen mutterlosen Frauen als positive Konsequenz des Verlustes. In ihrem Beruf sind sie h�ufig sehr erfolgreich. Auf andere Frauen wirken sie jedoch oft einsch�chternd und unnahbar. Nicht selten verhalten sie sich, so Hope Edelman, eher m�nnlich als typisch weiblich. Verwunderlich ist dies nicht. Denn mit ihrer Mutter haben die T�chter nicht nur eine wichtige Bezugsperson, sondern auch ein wichtiges Vorbild f�r die Rolle als Frau verloren. Die V�ter k�nnen diese Aufgabe nicht erf�llen. "Ich habe nie gelernt, mich wie eine Frau zu verhalten", berichtet eine mutterlose Frau. Und so f�llt es vielen mutterlosen Frauen schwer, sich als Frau zu akzeptieren; nicht wenige f�hlen sich als "Wesen zwischen Mann und Frau". Die Furcht, das Schicksal ihrer M�tter zu wiederholen und ebenfalls fr�h zu sterben, sitzt bei vielen mutterlosen Frauen tief. Vor allem das Alter, in dem die eigene Mutter gestorben ist, ist eine kritische Zeit. Wenig N�he Aus Angst, ihre eigenen Kinder mutterlos zur�ckzulassen, legen sie bei der Erziehung gro�en Wert auf Selbst�ndigkeit und Unabh�ngigkeit. Weil sie ihren Kindern den eigenen Schmerz ersparen wollen, lassen sie mitunter keine N�he zu. "Die Kinder wachsen in der Vorahnung eines Traumas auf, das niemals eintritt", bedauert Hope Edelman. Und so sind mitunter auch in der n�chsten Generation die Folgen des Verlustes noch zu sp�ren. Hope Edelman: T�chter ohne M�tter. Vom Verlust der Geborgenheit. Wilhelm Heyne Verlag, M�nchen 1995, 400 Seiten, 36 Mark. Aus dem Berliner Zeitung, 29.07.1995 weitere Artikel auf Kinder- und Jugendseite |
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