Br�ckenbauer Nr. 44, 28.10.2003
Mit Kindern trauern 2


An Allerheiligen und Allerseelen gedenkt man auch in der Schweiz der Verstorbenen. Tipps, wie Erwachsene den Kindern beim Tod von nahen Angeh�rigen beistehen k�nnen.

Wenn Manuela (10) das Familienfoto der letzten Weihnachtsfeier betrachtet, werden ihre Augen feucht. Denn inzwischen ist ihre Grossmutter �Nonna�, die sie sehr gern gehabt hat, gestorben.

�Als Mami mir sagte, Nonna sei tot, wollte ich es erst gar nicht glauben�, erz�hlt Manuela. Erst zuvor sei sie bei der Grossmama gewesen und habe bei ihr zu Mittag gegessen. Und da sei sie noch ganz munter gewesen.

Niemand h�tte geglaubt, dass die r�stige 60-J�hrige einen Schlaganfall erleiden w�rde und pl�tzlich nicht mehr da w�re.

�Ich war sehr traurig, und auch Mami hat viel geweint�, sagt das M�dchen. �Aber Mami hat mir gesagt, dass die Nonna in unseren Herzen und unseren Erinnerungen weiterlebt.�

Obwohl Manuela weiss, dass die Nonna nicht mehr zur�ckkommen wird, hofft sie irgendwie immer noch, dass diese pl�tzlich in der T�r stehen wird - so wie fr�her - und sie zum Mittagessen abholt.

Trauer nicht verbergen

�Sterben und Tod ist in den meisten Familien ein Tabuthema�, sagt Ursula Zuber-Alber, Systemtherapeutin bei der Stiftung �Begleitung in Leid und Trauer� in Winterthur. Das ist einerseits verst�ndlich, denn Eltern wollen ihre Kinder vor Leid sch�tzen. Andererseits wird die Lage erst recht schwierig, wenn der �Ernstfall� eintritt und Eltern nicht nur mit der eigenen Trauer, sondern auch mit der ihrer Kinder konfrontiert werden.

Manche Erwachsenen versuchen deshalb, ihren Schmerz zu verbergen und ein m�glichst unbeschwertes Verhalten an den Tag zu legen. Kinder sind jedoch nur schwer zu t�uschen: Sie sp�ren schnell, dass etwas nicht stimmt.

�Eltern sollten deshalb m�glichst bald dem Kind offen erkl�ren, was passiert ist�, r�t Ursula Zuber-Alber. Und sie pl�diert daf�r, dass Kinder den verstorbenen Menschen sehen und ber�hren d�rfen und dass sie bei der Beerdigung mit dabei sind.

�Kinder lernen den Tod durch direkte Erfahrung kennen, also ist es wichtig, dass sie hier nicht ausgeschlossen werden.� So k�nnten sie Abschied nehmen und schneller begreifen, dass das Grossmami oder der Grosspapi nie mehr zur�ckkommen wird.

Viele Kinder geben dem geliebten Menschen auch gern etwas Pers�nliches mit - eine Zeichnung, ein Brief oder einen sch�nen Stein, den sie gefunden haben. �Und zu Hause kann man kleine Rituale pflegen. Man kann zum Beispiel eine Kerze f�r den Verstorbenen anz�nden, �ber ihn sprechen, zusammen sein Lieblingslied singen oder �hnliches�, empfiehlt die Psychologin. Kindern helfe es oft am meisten, wenn sie ihre eigenen Rituale erfinden d�rften, die sie dann manchmal auch �ber l�ngere Zeit beibehalten k�nnten.

Entscheidende Faktoren

Je nach Entwicklungsstand des Kindes ist die Vorstellung vom Tod unterschiedlich. Mit zunehmendem Alter wird der Verlust eines geliebten Menschen immer deutlicher wahrgenommen. Dabei ist nat�rlich ganz wichtig, welche Beziehung das Kind zum Verstorbenen hatte. Je n�her sich die beiden standen, desto l�nger d�rfte es dauern, bis das Kind �ber den Verlust hinwegkommt.

Eine grosse Rolle spielen auch die Umst�nde des Todes: War der geliebte Mensch bereits lange Zeit krank? Hat man sich schon Gedanken �ber seinen allf�lligen Tod gemacht? Wenn der Tod wie im Fall von Manuelas Grossmutter �berraschend kommt, ist es noch schwieriger zu begreifen, dass dieser Abschied endg�ltig ist.

Doch ganz unabh�ngig davon, ob Kinder die Endg�ltigkeit des Todes erfassen k�nnen oder nicht - den Verlust und die Trauer um den geliebten Menschen sp�ren schon die Allerkleinsten.

�Es ist deshalb ganz besonders wichtig, dass man mit den Kindern das Thema Sterben und Tod fr�hzeitig thematisiert und deren Fragen ernst nimmt und ehrlich beantwortet�, sagt Zuber-Alber.

Schiebt man Gespr�che �ber den Tod auf, bis dieser ganz real eintritt, ist man oft hilflos und �berfordert.

�Eltern sollten sich in diesem Fall nicht scheuen, eine professionelle Begleitperson anzufordern�, sagt die Fachfrau. Diese steht der Familie beratend zur Seite und kann dank ihrer Erfahrung helfen, die Zeit von Leid und Trauer anzugehen und zu verarbeiten.

Je nach Situation - beispielsweise bei einer unheilbaren Krankheit - kann es auch hilfreich sein, wenn man sich bereits vor dem absehbaren Todesfall um Beistand bem�ht.

Kinder trauern anders

�Wenn Kinder trauern, kann sich das nicht nur in Tr�nen, sondern auch in Aggressionen oder vollst�ndigem R�ckzug �ussern�, hat Zuber-Alber beobachtet. Und von einem Moment auf den andern k�nnen sie wieder lachen und herumtoben.

Die Gef�hle wechseln schnell, und es ist deshalb wichtig, dass der gewohnte Alltag f�r eine gewisse Stabilit�t sorgt. �Die Regeln, die auch sonst gelten, sollten eingehalten werden�, r�t die Psychologin, �und die Kinder d�rfen selbstverst�ndlich ihre Freunde treffen, zusammen spielen und so weiter - einfach das tun, was sie �blicherweise auch tun.�

Doch in jedem Fall gilt: Trauern braucht Zeit - f�r Kinder ebenso wie f�r Erwachsene.

Marianne Siegenthaler
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