Hier habe ich nun für Euch die Sage der Deirdre aus dem Englischen übertragen.


Vorbemerkung:
"Erin" ist ein alter Ausdruck für Irland
"Alba" ist ein alter Ausdruck für Schottland

Die Geschichte der Deirdre

Es war einmal ein irischer Mann namens Malcolm Harper. Dieser lebte gut und zufrieden mit seiner Frau. Eines Tages kam ein Wahrsager in die Stadt. Er kam auch in das Haus von Malcolm. Von ihm wünschte der Ire sich Auskunft über seine Zukunft. Der weise Mann erbat sich Bedenkzeit und sprach dann:
"Ich sehe eine Tochter von dir, für welche die größte Menge an Blut fließen wird, die jemals in Erin vergossen wurde. Und drei der berühmtesten Helden, die es jemals gab, werden ihretwegen den Kopf verlieren."
Als Malcoms Frau ihm dereinst eine Tochter gebar, besann er sich dieser Weissagung. Um das große Leid zu verhindern, sandte er seine Tochter Deirdre mit einer Amme weit fort in die Wildnis. In einem kleinen Häuschen in einem Hügel sollte Deirdre fern von aller Zivilisation aufwachsen.
Hier wuchs das Mädchen auf und lernte alles, was es über die Natur zu wissen gab. Nie begegnete sie jedoch einer anderen Menschenseele denn ihrer alten Amme.
Eines trüben Winterabends begab es sich aber, dass ein Jäger die Spur der Jagd verlor und sich verirrte. Eine Schläfrigkeit überkam ihn und so legte er sich neben einem Hügel nieder und schlief ein. Dies war der Hügel, in welchem Deirdre und ihre Amme lebten. Im Traume fing der Mann an zu rufen und ward von der jungen Deirdre gehört. Diese öffnete entgegen der Anweisungen ihrer Ziehmutter die Tür und fand den schlafenden Mann. Er erwachte. Deirdre gewährte ihm die Gastfreundschaft ihrer kleinen Behausung.
Als der Mann am nächsten Tage gehen wollte, beschwor die Amme ihn, niemandem von seiner Begegnung zu berichten.
"Nun", entgegnete der Jäger, "ich könnte das tun - meinen Mund geschlossen und meine Zunge in Zaum halten, da mir in diesem Hause große Gastfreundschaft widerfuhr. Doch wenn einige der Leute von diesem wunderschönen Wesen erführen, würden sie es kaum bei Euch belassen, gute Frau."
"Was für Leute?", entfuhr es Deirdre.
Und der Jäger erzählte von Naois, dem Sohn von Uisnech, und seinen beiden Brüdern Allen und Arden.
"Sie haben rabenschwarzes Haar, schwanenweiße Haut und Wangen so rot wie das Blut des gescheckten Kalbes. Sie besitzen die Schnelligkeit des Lachses und die Anmut des Rehs. Und Naois ist das Haupt und die Schultern von Erin."
Die Amme schickte den Jäger unverzüglich von dannen.
Dieser eilte sogleich in den Palast des Königs Connachar und berichtete von der jungen Schönheit, die mit ihrer Ziehmutter in den Hügeln lebte. Der König bat den Mann ihn zu ihr zu führen.
"Ich glaube aber nicht, dass es der Amme recht wäre", entgegnete der Jäger.
Nichtsdestotrotz führte er seinen König und dessen Gefolge in die Hügel, verweilte aber einiger Entfernung der kleinen Behausung.
Connachar klopfte an und vernahm die Stimme der alten Amme:
"Niemand anderem als einem König werde ich die Tür öffnen. Wer also ist dort?"
"Ich bin es, Connachar, König von Ulster!", lautete die Antwort.
Hastig öffnete die Amme die Tür. Als der König nun die junge Frau sah, derentwegen er gekommen war, war er sich sicher, nie ein schöneres Wesen gesehen zu haben. Augenblicklich entbrannte er in Liebe zu ihr. Er ließ sie auf die Schultern seines größten Begleiters setzen und zusammen mit der Amme an seinen Hof bringen. Dort wollte er Deirdre auf der Stelle heiraten. Diese bat ihn jedoch um einen Aufschub von einem Jahr und einem Tag.
"Ich will dir dies gewähren", sprach der König, "so schwer es mir fällt, wenn du mir das zuverlässige Versprechen gibst, mich nach Ablauf dieses Jahres zu heiraten."
Und sie gab ihm das Versprechen.
Connachar gab ihr eine Lehrerin und Zofen zur Gesellschaft. Deirdre erwies sich als klug in den weiblichen Pflichten und Tugenden. Connachar dachte bei sich, dass er nie ein Wesen gesehen hatte, das ihm besser gefiel.
Eines Tages saßen Deirdre und ihre Gefährtinnen draußen in der Sonne. Da sahen sie drei Männer des Weges kommen. Deirdre betrachtete sie aufmerksam und erkannte in ihnen die drei Söhne des Uisnech, von denen der Jäger gesprochen hatte. Die drei Männer gingen vorbei ohne die jungen Mädchen auch nur eines Blickes zu würdigen. Doch Deirdre entbrannte beim Anblick Naois' in Liebe und konnte nicht anders als ihm zu folgen.
Allen und Arden hatten von der wunderschönen Frau, die am Hofe des Königs verweilte, vernommen. Sie befürchteten, ihr Bruder würde Interesse an ihr zeigen, da sie nicht mit dem König vermählt war. Als sie die junge Frau nun hinter ihnen hereilen sahen, beschleunigten sie ihre Schritte. Diese jedoch rief ihren geliebten Naois, der innehielt. Die beiden trafen aufeinander. Deirdre küsste Naois dreimal und gab seinen Brüdern je einen Kuss. Naois dachte, dass er niemals zuvor eine schönere Gestalt gesehen hatte und schenkte ihr all seine Liebe. Zusammen mit ihr verließ er Erin und begab sich nach Alba. Am Ufer des Loch Ness ließen sie sich nieder.
Nun aber kam die Zeit, dass Deirdre den König heiraten sollte. Connachar entschloss sich, sie mit Waffengewalt zurückzuholen, sei sie bereits mit Naois vermählt oder nicht. So arrangierte er ein großes Fest und ließ die Kunde verlauten, dass er all seine Verwandten um sich wünsche, so auch Naois, Allen und Arden. Die Brüder schickten sich an der Einladung zu folgen, doch Deirdre versuchte sie davon abzuhalten. Sie erzählten ihnen von einer Vision:
"Ich sah drei weiße Tauben, die über einen See flogen. Sie hatten Honigtropfen in den Schnäbeln. Dann sah ich drei graue Falken, die über den See flogen. Die roten Tropfen, die sie in den Schnäbeln trugen, waren mir lieber als mein Leben."
Doch Naois Antwort lautete:
"Dies ist nichts als die Angst einer Frau und der Traum einer Nacht."
Deirdre mochte Alba nicht verlassen, doch sie begleitete Naois. Connachar bat Naois und seine Brüder in einem kleinen Häuschen zu übernachten, bis er zu ihrer Begrüßung bereit sei. Dann schickte er einen seiner Männer zu dem Haus, um zu erkunden, ob Deirdre auch nichts von ihrer Schönheit verloren hatte.
"Ist sie noch so schön", sprach der König, "so werde ich sie mir mit Hilfe des Schwertes holen. Ist dem nicht so, so kann Naois sie haben."
So ging der Mann, um den Befehl seines Königs auszuführen. Deirdre besaß eine Besonderheit: Immer wenn jemand sie ansah, errötete sie. Als der getreue Mann des Königs nun durch das Schlüsselloch spähte, errötete Deirdre. Daher wusste Naois, dass sie beobachtet wurden. Er nahm einen Würfel vom Tisch und warf ihn mit solcher Wucht durch das Schlüsselloch in das Auge des Beobachters, dass dieser erblindete und entstellt war. Er kehrte zum König zurück und berichtete, was geschehen war. Er bestätigte, dass Deirdre nichts von ihrer Schönheit verloren hatte. Dann fügte er hinzu, dass er sie auch mit nur einem Auge gerne weiter angesehen hätte, wenn sein König nicht auf seine Rückkehr gewartet hätte.
Nun sandte Connachar Männer, die Deirdre mit Waffengewalt zurückholen sollten. Doch Naois, seine Brüder und drei Vettern, die ihnen beistanden, besiegten die Angreifer. Schnell machten die Brüder sich auf den Rückweg nach Alba.
Connachar schickte nach dem besten Magier und sprach:
"Duana Gacha Druid, ich habe dir die Ausbildung in den Künsten der Magie finanziert. Dieses Geld ist verschwendet, wenn wir diese Leute nicht aufhalten können."
"Ich werde sie aufhalten", entgegnete der Magier.
So schuf er einen Wald, den kein Sterblicher zu durchqueren vermochte - doch Naois, seine Brüder und Deirdre gingen einfach hindurch. Daraufhin verwandelte er die grüne Ebene, über die die vier Menschen gingen, in einen grauen See. Die drei Brüder zogen ihre Kleider aus und banden sie hinter ihren Köpfen zusammen. Naois nahm Deirdre auf seine Schultern. So gingen sie weiter, dem kalten Wasser trotzend. So versuchte der Magier eine dritte Methode. Er verwandelte das Wasser in felsige Hügel, scharf wie ein Schwert. Noch gingen die Brüder voran, doch bald verspürte Arden eine Müdigkeit und wollte aufgeben. Da hob Naois ihn hoch und trug ihn auf seiner rechten Schulter. Lange saß er da, als er schließlich starb. Doch Naois wollte ihn trotzdem nicht loslassen. Als Allen dann auch zu Tode erschöpft war, riet Naois ihm, sich an ihm festzuhalten. Doch irgendwann konnte er sich nicht mehr halten und starb. Als Naois sah, dass seine beiden Brüder tot waren, brach es ihm sein Herz und auch er starb.
Der König befahl dem Magier nun die Zauberei aufzuheben und eilte zu Deirdre. Diese kniete sich neben die toten Brüder und weinte bitterlich. Sie stimmte einen Klagegesang an und sprach:
"Ich werde niemals wieder essen oder lächeln können."
Connachar grub den Brüdern ein Grab und legte ihre Körper hinein. Kaum war dies getan, sprang Deirdre hinterher und war auf der Stelle tot. Der König befahl, sie aus dem Grab zu holen und beerdigte sie auf der anderen Seite des Sees.
Bald wuchs ein Ast aus Deirdres Grab und einer aus Naois Grab. Sie trafen einander in der Mitte des Sees; dort wuchsen sie zusammen. Der König befahl, die Äste zu trennen. Doch nach einiger Zeit wuchsen sie erneut und der König ließ sie wieder trennen. Als sie ein drittes Mal zusammenwuchsen, hielt die neue Frau des Königs ihn von einer neuen Trennung ab, sodass die Zweige auf immer vereint waren.

Die Geschichte ist von mir aus dem Englischen übertragen und ein wenig gekürzt worden.
(Quelle: "Celtic Fairy Tales")
Diese Formulierungen unterliegen also meinem Copyright. Wenn sie jemand in irgendeiner Form verwenden möchte, so bitte ich Kontakt mit mir aufzunehmen. Feedback darf auch gerne an diese addy gesendet werden. ;-)


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