| ~*Die Baum-Mörder*~ davon wie ein Idyll sein Ende fand |
| Ein fast frühlingshafter Januartag war es. Fast frühlingshaft deswegen,weil die abgestorbene Vegetation des Vorjahres und die grauen und braunen Töne der Umgebung nicht so recht zum Frühling passten. Über Jahrzehnte war der Garten nicht grossartig verändert geworden,die meisten grossen Apfel- und Birnbäume standen seit gut 60 Jahren,mein Grossvater,den ich nie kennenlernte,und der,so sagen die Alten,mir so sehr ähnlich gewesen sei,hatte diese Bäume gepflanzt. Es war ein Parkgarten- Idyll von seltener Urwüchsigkeit. 9 Monate vorher war meine Tante verstorben,mit 61,nach langen,krankheitsgebeutelten Jahren. Auch sie hatte nie viel verändert,seit der Großvater nicht mehr da war. Erinnerungen an Ihn,an ihren Vater hatten sie wohl in Achtung vor seiner Ästhetik und seiner Naturliebe gelassen. In dieser geheimnisvollen,beruhigenden Umgebung hatte ich,wie ihre Tochter,so viele unbeschwerte Kindertage verbracht,eine Zeit wo Blumen,das hohe Gras der Wiese und die verknorrten Äste,die Gebüsche und Sträucher und die Ecken mit den übermannshohen Brennesselbeständen noch eine Entdecker-Seele begeistern konnten. Ihre Tochter,die mir in den letzten paar Jahren durch das Entwickeln ihrer Wesensart immer befremdlicher erschien. Menschen die keine Achtung vor der Natur,keine Wertschätzung für ein Biotop und keine übrigen Gedanken für das Leben eines Baumes,den Habitat von Tieren und Blumen und Gräsern haben,gibt es extrem Viele in unserer heutigen,konsum- und zweckorientierten,profitdienlichen Welt. Eine Welt in der immer zuerst zählt,was dem Menschen am Ehesten Gewinn bringt. Aber bei ihr hätte ich diese Herausbildung einer äusserst ignoranten und rücksichtslosen Wesensart aufgrund ihrer so verbrachten Kinder- und Jugendjahre nicht wirklich erwartet.......wenn ich länger nachdenke vielleicht eventuell,falls sie ihrem Vater nachgekommen wäre,was teilweise der Fall ist. Aber nicht in dieser Art wie es sich in letzter Zeit immer deutlicher gezeigt hatte,jedenfalls. In diesem Garten war durch den Wildwuchs ein Refugium für etliche Arten entstanden,die man zum Teil heute schon mit der Lupe suchen müsste,vor Allem Kerbtiere und Schnecken,Spinnen und Insekten,aber auch seltenere Amphibien,der kleine Bergmolch,der sich unterm alten morschen Stamm versteckte und die Leopard-Nacktschnecke,die wir *Tigerschnecke* nannten. Wo fand man schon noch die Herbstzeitlose,das Wiesenschaumkraut,die Fetthenne oder die Schlüsselblume in ihrer wilden Form,kaum ein Garten hier in der Gegend -- und ich kenne mich wirklich gut aus hier -- der noch solche Wildblumen aufweisen konnte. Früher erinnere ich mich an wilde Akelei,an Schneeglöckchen und die Maragariten,aber die verschwanden schon eher. In den umgebenden,bewirtschafteten Wiesen findet man solche Blumen nicht mehr oft. Durch die 3- 5 Mahden können sich besonders empfindliche Pflanzen nicht mehr halten. Und in den knorrigen Bäumen hielten sich Vögel auf,die in vielen Gärten auch nicht mehr unterkommen können,weil moderne Menschen alles adrett und nett haben wollen,jeden Busch und Baum stetig beschneiden und ausputzen müssen damit der Nachbar etwas hat worauf er neidisch sein kann! Sogar Turteltauben waren zu Gast,ein Grünspecht der regelmässig kam,ein Buntspecht,der sogar einen Sommer in Einem der grossen Pflaumenbäume gebrütet hatte,Baumläufer und sogar der Wendehals. Zur Kinderzeit hatte ich ein einziges Mal sogar einen Wiedehopf dort gesehen,aber der war bestimmt nur auf dem Zug durchgekommen oder war aus südlicheren Gefilden auf Irrflug hier durchgekommen. Sperber und Eulen frassen ihre Beute hier,und die Türkentauben schliefen in den Kronen der Apfelbäume. Elstern brüteten im Sommer und die Eichelhäher kamen im Herbst,und ganze Trupps von Staren und Wacholderdrosseln konnte man beobachten,die den Boden nach Würmern oder Schnecken durchkämmten. Sogar Waldbewohner wie Kleiber und Baumläufer,Goldhähnchen und der Ziplzalp brüteten hier schon. Grauschnäpper und Trauerfliegenschnäpper zusammen mit Fledermäusen als regelmässige Fliegenesser. Rotkehlchen,Singdrossel und Amsel natürlich,und mein Lieblingsvogel,die Heckenbraunelle. Das Alles wird nicht mehr so werden jetzt. Seit die jähe Gewalt der Motorsäge die Schönheit dieses Ortes zerschnitt,mit ohrenbetäubendem Lärm den unkonform Gewachsenen ein Ende bereitete. Keinen interessiert wie lange ein Baum braucht um 50 cm Durchmesser zu erreichen.... Menschen von heute sind ganz anders gesteuert. Haben andere Werte,andere Vorstellung von Ordnung oder Ästhetik. Natur ist ein unerwünschter Widersacher der bekämpft und gezähmt,bezwungen werden muß um jeden Preis. Nichts darf seinen Weg gehen,ohne daß je ein Mensch dem Wesen einen Schnitt hier und einen Stich dort versetzt hätte. Und Alles muß aufgeräumt werden,gejätet und beschnitten,zur Ertragsoptimierung,zur 'Verjüngung' des Bestandes,zum Vorzeigen für die Anderen,die einen Grund vorgesetzt haben sollen der sie neidisch macht! Auch wenn man das selbstverständlich niemals zugeben würde.... Danach ob Jemand eine besondere Liebe,eine Beziehung zu diesem Idyll gepflegt hätte,wurde nie gefragt,nein,wer so etwas in Erwägung zöge müsste sich ja lächerlich machen. Gibt ein Mensch heute zu daß er zu Pflanzen spricht oder an Bäumen hängt,wird er verlacht und als nicht mehr ganz 'kiki' dargestellt. In anderen Kulturen wäre das völlig üblich,so wie Hundebesitzer ja auch zu ihrem Hund sprechen,obwohl der die Worte nicht deuten kann. Sondern sich nach dem Tonfall richtet.Nach der Ausstrahlung des Menschen. Und so kamen sie mit ihren Sägen,mit ihren radikalen Vorstellungen und modernen Ansichten,und nahmen sich 3 Tage Zeit um zu zerstören was die Kraft der Natur,die Prozesse des Lebens und die Zyklen in 60 Jahren erschaffen hatten. Verstümmelte blieben zurück,Andere wurden einfach entsorgt,abgeschnitten,Alles was nicht senkrecht stand,Alles was nicht exakt wirkte,Alles was im Wege stand mußte fallen. Sie sahen nicht hin wer da stand,oder welche Art es war,nein,sie schlugen und schnitten Alles weg was weniger Umfang als ein Arm hatte,alte Obstsorten,die man nicht mal mehr in Landwirtschafts-Museen kennt,in diesen Freilichtmuseen die es doch gibt. Und all die Bäumchen die ich als Kind gesammelt und gepflanzt hatte,die auf dem Grundstücksteil waren den sie einst zugekauft hatten,und von Denen ich gehofft hatte,sie könnten dort 500 Jahre stehen bleiben. Nichts dergleichen. Die Tage ging ich weg,konnte es nicht mit ansehen,wahrscheinlich bin ich ein Jammerlappen in den Augen des modernen Menschen. Jedes Mal,des Nächtens wenn sie verschwanden,und ich in den Garten ging überkam mich diese seltsame Leere,wenn ich die Reste sah. Alles weg,verblieben ein paar auf Stumpen reduzierte Stämme,in einer Art zurückgeschnitten wie Intensiv-Obstbauern ihre hochgezüchteten Bestände schneiden,ertragstrachtend und erntebequem. Und das obwohl sie die Äpfel noch nie wirklich zu schätzen wussten,es theoretisch ganz egal gewesen wäre wie viel Obst des Jahres gezählt würde. Die Bäume hatten immer reichlich Obst,auch ohne radikale Massnahme,die letzten 3 Jahre war es ein Überfluss gewesen,wir hatten gutes Obst als Mostobst verkauft nur um es verwertet zu haben. Kahles Erwachen am Tag danach. Ich starrte auf dieses Feld blosser Verwüstung,ein Orkan könnte kaum gründlicher sein,und Viele mussten für immer gehen. Die Krummen und die Knorrigen,die Wilden und die Sämlinge,die Nicht-Obstbäume,die Flieder und die kleinen gelben Minipfläumchen die die Banausen als Unkraut verkannten. Kein kleinster Sinn für irgendeine Form der Naturachtung,kein Respekt vor Rarität oder kleinen Wundern. Und so grabe ich meine Gedanken hier ein,die mich dieser Tage bewegten,mich unbeschnittenen,das Unkonforme und wildwüchsig Knorrige verehrenden und unterstützdenden dummen Kerl,mich sensiblen und oh wie albern kindisch denkenden Naturfreak,der in Trauer weilt,weil Holz gehauen wurde. Mögt ihr,mögen sie,die Mörder der Bäume,so denken. mögen sie mich einen Spinnerten schimpfen und sich an ihre hohlen Köppe langen und sich totlachen über so viele Gedanken um das Leben eines Idylls. Aber ich denke mir meinen Teil dazu,graviere meine Schlüsse in das innere 'Buch über die Menschen' und lerne draus. So wie sie möchte ich nicht werden,möchte ich nicht denken können,nicht empfinden in dieser gleichgültigen Ignoranz. Lieber bin ich der ewige Spinner,der in unbeobachteten Momenten einem Baum über die Blätter streicht und bewundert wie aus einem Samen,den er vor 20 Jahren dort in der Erde versteckte,in der Zwischenzeit ein stattlicher junger Baum geworden ist. Ein Nachhall der Gedanken für Zweige,Äste,Stämme,Holz und Blätter,die für mich ein Stück Geborgenheit,für meine oft gegrämte Psyche der Kinderjahre und noch heute eine Stütze,ein Ort des Trostes,ein Idyll des Wunderns und Verweilens waren...... (c) by Pit Van Calvin II -- February 2002 -- |