Seitenaufrufe seit 16.5.2005
Hundebegegnungen
Dolly Dackel erzählt.
Eberhard Kamprad
„Komm!“,
dringt das Kommando an mein Ohr, doch ich bleibe meinem Dackelimage treu. Wenn
ich nicht hören will, bin ich wie taub. Schließlich liege ich gerade dösend in
meinem Körbchen. Erst die Wiederholung in schärferem Ton bringt mich dazu, die
Augen zu öffnen. Aha, mein Herrchen will mit mir spazieren gehen. Richtige Lust
habe ich nicht, es ist nass und kalt. Durch unsere kurzen Pfoten ist der Bauch
so nah an der Erde und bekommt alles ab. Außerdem muss ich bestätigen, dass ich
ein richtiges Dackelmädchen bin und damit sehr eigensinnig.
Ich
wälze mich aus meinem Körbchen heraus und strecke mich ausgiebig. Jetzt wird
Herrchen ungeduldig, wedelt mit der Leine. „Ja, ja, ich komm doch schon.“ Ich
werfe ihm meinen berühmten vorwurfsvollen Dackelblick zu und schleppe mich zu
ihm. Jeder muss doch sehen, wie ich leide. Aber er glaubt nicht, dass es mir
schlecht geht, packt mich im Genick und schüttelt mich. So machte es meine
Hundemama mit mir, wenn ich nicht hören wollte. Also muss ich wohl oder übel
gehorchen und laufe ordentlich neben ihm aus dem Haus.
Kaum
auf der Straße packt mich die Wut. Der Geruch meines Erzfeindes fährt mir in
die Nase. Offenbar ist er hier auf meinem Weg entlanggegangen. So eine
Unverschämtheit!
„Wau,
wuff, huhuuuu“, sage ich lautstark meine Meinung.
„Aus,
auus, auuus“, befiehlt mein Herrchen mit wachsender Lautstärke.
Na,
er macht mindestens ebenso viel Krach wie ich.
Unser
Lärm ruft die Hundehasser an die Fenster.
„Ruhe
da unten!“
„Verdammter
Köter!“
„Schlafenszeit“
Kann
ich was dafür, dass ich so ein kräftiges Organ habe? Das haben die Menschen mir
mit Absicht angezüchtet. Schließlich muss man mich hören, auch wenn ich tief im
Fuchsbau stecke.
Endlich
habe ich mich soweit beruhigt, dass wir weitergehen können. Da mein Herrchen
nicht „Fuß“ befohlen hat, laufe ich im Schnuppergang; immer mit der Nase am
Boden. Schließlich muss ich der Bezeichnung „Erdhund“ gerecht werden. Die
Menschen meinen dann: Ich sähe aus der Ferne wie ein Staubsauger mit Beinen
aus. Na, wenn‘s ihnen Spaß macht. Aha, endlich eine angenehme Nachricht. Mein
Freund Moritz Westie ist vor kurzem hier entlanggegangen. Ich erfahre, dass es
ihm gut geht und hinterlasse auch eine Nachricht.
In
der Ferne schiebt sich etwas in mein Blickfeld, dass wie ein Artgenosse
aussieht. Also zur Vorsicht erst einmal stehen bleiben. Soll der Andere
herankommen. Jetzt hat er mich offenbar auch entdeckt und bleibt ebenfalls
stehen. Wir Hunde haben ja Zeit, unsere Menschen leider nicht. Sie zerren uns
aufeinander zu. Dabei sind wir noch gar nicht zur einer Begegnung bereit. Nun
erkenne ich, dass es Robert ist, ein gutmütiger schwarzer Rottweiler-Rüde.
Große Artgenossen gefallen mir sowieso am besten. Sein Frauchen erzählt:
„Robert denkt immer, er ist ein Schoßhund. Dann legt sich mit seinen 30 Kilo
auf mich, wenn ich auf der Couch liege. Nur bekomme ich dann keine Luft mehr.“ Robert
muss seinen Hals weit nach unten strecken, um bei mir schnuppern zu können,
aber ich kann leider nur mal an seinem Bein riechen und das ist nicht sehr
ergiebig. Auf die Idee, sein Hinterteil zu mir herunterzulassen, kommt Robert
natürlich nicht, typisch Mann! Kein bisschen Feingefühl und Rücksichtnahme. Na,
wenigstens kennt er mich und gibt sich mit einmal Schnuppern zufrieden.
Unentschlossene Rüden dagegen kann ich gar nicht leiden. Jedes Mal spielt sich
dasselbe ab. Der Rüde schnuppert, geht weiter, bleibt nach fünf Schritten
stehen, denkt nach und kehrt wieder um, offenbar in der Meinung, sich geirrt zu
haben. Schnuppert wieder ausgiebig. Die gleiche Prozedur. Dann fange ich zu
knurren an und gucke wütend nach hinten, dass er sich endlich eine Meinung
bilden soll. Wenn er unschlüssig bleibt, fahre ich wütend auf ihn los. Ein
erfahrender Rüde muss doch den Geruch einer kastrierten Hündin kennen. Einmal
habe ich einen großen Schäferhund-Rüden über die ganze Wiese gejagt. Mein
Herrchen wird nicht müde, das zu erzählen: „Ein Bild für die Götter, ein
riesiger Schäferhund flüchtet vor einem laut bellenden Dackel.“ Offenbar kommt
es bei uns gar nicht so sehr auf die Größe an, um auf den anderen Eindruck zu
machen, sondern auf das ausgestrahlte Selbstbewusstsein. Na, und das habe ich
genug.
Wenn
mir diese Schnupperei zu viel wird, setze ich mich einfach auf mein Hinterteil
und schlage den Schwanz ein. Dann ist alles außer Reich- vielmehr
Schnupperweite. Inzwischen ist auch Robert fertig geworden. Bei ihm, als alten
Bekannten, habe ich etwas mehr Geduld. So, jetzt bin ich in der richtigen
Stimmung, um mein „Geschäft“ zu erledigen, wie die Menschen sagen. Da es erst
einmal darum geht, die Blase zu entleeren, drücke ich mein Hinterteil breit.
„Gute Dolly“, sagt mein Herrchen. Wenn ich anderen Hunden eine Nachricht
hinterlassen will, habe ich nämlich eine andere Methode: Dann stehe ich wie ein
Rüde auf drei Beinen und bin sehr sparsam, damit ich für alle Nachrichten etwas
habe.
Mein
Vater wartet geduldig. Es ist wichtig, dass wir Hunde zum „Geschäft“ unsere
Ruhe haben. Schlimm dran war eine Schäferhündin, die ich kannte. Ihr Herrchen
ging so selten mit
ihr
raus, dass sie es gerade noch bis zur Haustür aushielt. Da sie aber
weitergezerrt wurde, war immer eine breite Spur quer über den Fußweg.
„Das
ist aber nicht gut für den Hund.“
„Halten
Sie Ihre Klappe und kümmern Sie sich um ihren Kram. Ich weiß selbst, was für
meinen Hund gut ist.“
Ich
habe Glück, dass ich bei vernünftigen Menschen lebe.
An
der Ecke steht plötzlich meine Namensvetterin vor mir. Dolly ist ein Pitbull
und damit in den Augen dummer Menschen ein Kampfhund, obwohl es diese Rasse gar
nicht gibt. Denn ein Hund ist immer das, was die Menschen aus dem Welpen
machen. Dolly ist viel freundlicher und zugänglicher als ich. Im Sommer läuft
sie auf der Wiese immer zu anderen Familien und will sich mit auf deren Decke
legen. Diese schreien entsetzt: „Hilfe! Ein Kampfhund!“ Dolly zeigt dann, wie
lieb sie ist, legt sich auf den Rücken und strampelt mit den Pfoten, so dass
die Leute meistens ihre Meinung ändern. Ich begrüße sie mit einem freundliche
Beller. Wie beschnuppern uns kurz und jeder erfährt, dass es dem Anderen gut
geht.
Da
kommt Dorothea, mittlerweile ein hübscher Teenager, der sich nicht mehr für
Hunde interessiert. Sie nickt uns nur flüchtig zu. Vor vier Jahren, als ich neu
im Wohngebiet war, war das ganz anders. Da war sie ganz verrückt nach mir.
Insbesondere die Namensgleichheit bot Anknüpfungspunkte, da sie Dolly gerufen
wurde. Jetzt hat sie wohl andere Interessen.
Nun ist eigentlich Zeit für die „freundliche
Mutter“. Wir nennen sie so, weil sie immer gute Laune hat, wenn sie ihre
Tochter in den Kindergarten bringt. Hat sie sich heute verspätet oder sind wir
zu zeitig? Ein silbergraues Auto nähert sich und parkt schwungvoll ein. Dem
Fahrstil nach könnte sie es sein. Ja, sie winkt uns schon vom Fahrersitz aus
zu. Sie läuft um das Auto herum, öffnet die Tür und kriecht halb hinein, um das
angeschnallte Kind zu befreien. Dabei präsentiert sie uns ihr ausnehmend
hübsches Hinterteil. Jedenfalls scheint das mein Herrchen zu meinen. Er bleibt
immer wie gebannt stehen und starrt auf die Rundungen. So habe ich Zeit zum
ausgiebigen Schnüffeln. Er tut natürlich so, als ob er wegen mir stehenbliebe.
Hallo
Geschlechtsgenossinnen! Habt ihr eigentlich mal daran gedacht, welchen Anblick
ihr bietet, wenn ihr mit dem Vorderteil im Auto steckt und den Hintern in die
Luft reckt? Nach meinen Beobachtungen muss das für vorübergehende Männer
äußerst interessant sein. Für mich ist das Wesen eines Menschen wichtiger.
Trifft man gleich früh so einen, wie die freundliche Mutter, ist der ganze Tag
voll Sonnenschein. Als sie mit dem Kind auf dem Arm wieder aus dem Auto
auftaucht, lacht sie uns ihr freundliches „Hallo!“ zu.
Jetzt
wird es aber Zeit, dass ich ein Weilchen meine Ruhe habe. Sonst komme ich zu
nichts, schließlich darf ich erst wieder nach Hause, wenn ich mich „gelöst“
habe, wie es die Menschen vornehm nennen. Manchmal wird mein Herrchen böse,
wenn ich erst jeden Grashalm abschnuppere, aber wir Hunde müssen eben in die
richtige Stimmung kommen. So auf Kommando geht das nicht. Aha, eine Nachricht!
Da muss ich erst einmal meine dazu setzen.
Ich
bin gerade fertig geworden, da kommt Suse um die Ecke. Sie ist auch ein
Rauhaardackel wie ich, sieht aber wie ein Bär aus und ist bedeutend größer. So,
zehn Kilo wird sie wohl auf die Waage bringen. Man sieht, dass ihr das gute
Futter anschlägt. Ihre Herrchen bekam sie geschenkt, als er 60 wurde. Da lag
sie wie ein Igelkind in ihrem Körbchen. Inzwischen ist er über siebzig und Suse
schon lange nicht mehr mit einem Igel zu verwechseln. Sie interessiert mich
nicht, aber von ihrem Herrchen will ich gestreichelt werden. Das ist eine
Eigenart von mir, dass mich häufig die Menschen mehr interessieren, als die
dazu gehörigen Hunde.
Hinter
uns nähern sich rasch klappernde Absätze. Aha, die Bürofrau kommt. Wie kennen
sie nicht näher, wir treffen sie nur
jeden Morgen, grüßen uns, wechseln ein paar Worte über das Wetter. Aber so
korrekt, wie sie immer gekleidet ist, geht sie bestimmt in ein Büro. So hat sie
ihren Namen bekommen. Sobald ich das Geräusch ihrer Schuhe höre, bleibe ich
ruckartig stehen und gehe nicht weiter, bis sie vorbei ist.
Vier
Schulkinder kommen auf uns zu.
„Kann
man den Hund streicheln?“
Mein
Herrchen erklärt ihnen, wie man einen Hund begrüßt.
„Die
flache Hand zum Beschnuppern hinhalten, damit er sich auf Hundeart eine Meinung
bilden kann, an der Körpersprache sieht man dann, ob er Kontakt will oder
nicht. Euch würde es auch nicht gefallen, wenn euch jeder Vorübergehende
einfach über den Kopf streifen würde, niemals von oben kommen, da das der Hund
als den Angriff eines Raubvogels auffassen kann ...“
Die
Kinder sind von diesem Vortrag nicht sehr begeistert und ziehen weiter. Ich bin
froh darüber, denn ich bin sehr eigenwillig und mag nicht jeden; und vor allem:
Ich zeige es auch. In der Wahrnehmung der Menschen mutiere ich dann vom lieben
Hundilein zum widerlichen Köder. Aber so sind die Menschen nun einmal. Denken,
sie sind die Größten und betrachten uns als Plüschtiere, die zufällig laufen
können.
Nun
fehlt nur noch Charly Wolfsspitz. Unsere Frauchen treffen sich häufig beim
Nachmittagsspaziergang im Park und haben immer viel Uninteressantes zu bereden.
Charly ist schon älter und stammt aus Polen. Da hat sein Frauchen Glück, dass
es ihr nicht wie Bekannten erging. Die hatten auf einem polnischen Wochenmarkt
einen Hund gekauft. Als er beim Wachsen immer mehr das Aussehen eines
Hundebabys verlor, gingen sie mit ihm zum Tierarzt. Es war ein junger Bär.
Als
ich noch jünger war, dachte Charly immer, er müsse mich verteidigen, aber
inzwischen komme ich sehr gut allein zurecht. Da ist er schon. Ich bin aber
wieder mehr an seinem Frauchen interessiert und versuche an ihr hochzuspringen,
um meine Liebkosungen zu bekommen. Das hinterlässt natürlich Spuren an ihrer
weißen Hose.
Potz
Blitz und Wackeldackel! Von rechts kommt Gerhard, mein Erzfeind, mit seinem
Frauchen. Die Beiden haben mir gerade noch gefehlt! Wo ich Airedales mit ihrem
viereckigem Gesicht nicht ausstehen kann. Die Beiden bleiben auch noch neben
uns stehen.
„Die
Hundis wollen sich doch sicher mal Guten Tag sagen.“
Ich
will aber mit dem Blödmann nichts zu tun haben und strebe weiter.
„Der
Kleine ist wohl noch ein bisschen ängstlich?“
So
ein Unfug! Wenn es um das Selbstbewusstsein geht, stecke ich den Kerl dreimal
in die Tasche, aber ich will ihn nicht sehen. Mein Herrchen kennt mich und
folgt mir, die beiden ebenfalls.
„Wir
gehen jetzt linksrum“, sagt mein Vater.
„Wir
auch.“
„Gut,
dann gehen wir eben rechtsrum. Dolly muss jetzt ihre Ruhe haben und sich auf
ihr „Geschäft“ konzentrieren.“
Na,
endlich bleiben sie zurück.
Jetzt
brauche ich etwas Ruhe, um mein „großes Geschäft“ zu erledigen. Ich muss aber
erst einen Platz erschnüffeln, der mir zusagt. Am besten ist es, wenn sich in
der Nähe schon Artgenossen verewigt haben. Das bringt mich in die richtige
Stimmung. Na, endlich! Diese Stelle sagt mir zu. Ich mache meinen runden
Rücken, der allen signalisiert: Jetzt ist es soweit und ich brauche Ruhe und
Konzentration. Am wenigsten kann ich leiden, wenn mich da ein vorbeikommender
Passant unbedingt ansprechen muss. Dann ist es mit der Sammlung vorbei. Ich
horche in meinen Körper hinein: So, das war’s. Mein Herrchen greift schon nach
dem Tütchen, denn natürlich habe ich mir einen Vorgarten herausgesucht. Das
wilde Gelände, an dem wir eben vorbei kamen, sagte mir nicht zu.
Nun
geht es schnurstracks nach Hause. Dort, weiß ich, wartet schon mein voller
Fressnapf und dann muss ich ausgiebig schlafen und verdauen. Es war schließlich
ein aufregender und anstrengender Spaziergang.
©
Eberhard Kamprad, Okt. 2004