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Erste
Erfahrung
Kurzgeschichte
Eberhard
Kamprad
Ein
warmer Sommerabend senkte sich auf das Ferienlager. Militärisch ausgerichtet
umringten die Sechzehn-Mann-Zelte den Appellplatz. Ab und zu klirrten die Ringe
der Fahnenleine im Luftzug. Melodiefetzen der „Caprifischer“ wehten vorbei. Vor
dem Helferzelt entlockte ein junger Mann seinem Akkordeon die neuesten
Schlager, umringt von größeren Mädchen, die leise mitsummten.
Ich
gehörte zur jüngeren Gruppe, die Elf- und Zwölfjährigen, und trottete ziellos
durch das Lager. Es war „Freizeit“, keine organisierten Veranstaltungen und das
war mein Problem. Ich hatte keine Freunde und langweilte mich. Unter den
Mädchen, die den Akkordeonspieler umringten, erkannte ich Blanka aus dem
Nachbarzelt an ihrem hellen Schopf. Sie wiegte sich im Rhythmus der Melodie;
ihr Blick verlor sich im Nirgendwo. Ich stellte mir vor: „Ich stehe hinter ihr,
lege die Arme um sie, drücke ihr Hinterteil gegen meinen Bauch, wiege mich mit
ihr im gleichen Takt.“ Da ich mich nicht zwischen die Mädchen traute,
schlenderte ich weiter.
Als
ich an einem der Zelte vorbeikam, sah ich am Eingang ein Paar der größeren
Gruppe auf der Holzpritsche sitzen, jeder die Hand zwischen den Beinen des
anderen. Ich wurde immer unruhiger, ein mir unbekanntes Gefühl durchströmte
mich, konzentrierte sich in meinem Unterbauch. Hinter dem Zelt stieß ich
plötzlich auf Blanka. Hatte sie mich gesehen und war mir gefolgt? Ihre Bluse
hatte sie vorn verknotet, ihr freier Bauch leuchtete hell. „Na du“, sagte sie.
Ich blickte auf ihre nackte Haut, wusste nicht, was ich antworten sollte. Sie
gab mir einen freundschaftlichen Schubs, ich schubste zurück und dann balgten
wir uns wie zwei Jungen. Ihre kleine Brust streifte meinen Arm, meine Hand
geriet an ihren Schenkel, mein Gesicht landete auf ihrem Bauch, meine Nase
atmete den Geruch ihrer Haut ein. Ich hörte plötzlich auf. Etwas war anders als
bei einem sportlichen Ringkampf. Ich wusste nicht weiter. Doch sie hatte schon
die Leinwand hochgehoben und kroch ins Innere des Zeltes. Draußen war es noch
eine warme Sommernacht gewesen, aber drinnen herrschte eine Temperatur, wie in
einem Backofen. Blanca zog mich neben sich auf die Holzpritsche, streckte ihre
Beine aus und fächelte sich mit dem Rock Luft zu. Ich versuchte, einen Blick
auf ihr Höschen zu erhaschen.
Am
Eingang zeichnete sich als Schatten, das Paar der großen Gruppe ab und auf
einmal spürte auch ich Blancas Hand bei mir da unten. Mein Herz raste. Ich lag
ganz still. Auch Blanca rührte sich nicht, hielt nur fest, was sie mit einem
ungeschickten Griff gepackt hatte. Vorsichtig schob ich eine Hand unter ihren
Rock und ertastete die mir unbekannten Körperformen, fühlte die Furche, die in
ihren Körper führte. Alles war so anders als im Biologieunterricht. Da hatten
wir durch unsere Witze die Mädchen in Verlegenheit bringen wollen. Hier war es
einfach nur schön. Blanca kam mir entgegen, indem sie sich bequemer hinlegte.
Auch ihre Hand setzte sich nun in Bewegung und erzeugte mir bisher unbekannte
Gefühle. Es war, wie wenn wir Jungen uns beim Duschen nach dem
Schwimmunterricht scherzhaft am Glied packten, aber auch anders, ging mir durch
und durch und dauerte nicht nur ein paar Sekunden. Ich merkte, dass Blanca mit
ihren Fingern das Wachsen meines Gliedes neugierig verfolgte und unser Atem
wurde schneller. Da warf der große Junge, der sich am Zelteingang mit seinem
Mädchen beschäftigte, plötzlich ein Kissen nach uns und rief: „Was treibt ihr
den da, ihr Ferkel, ihr junges Gemüse. Hört auf, verschwindet und stört uns
nicht!“
Ich
fuhr erschrocken auf, schob Blanca beiseite, kroch hinten wieder aus dem Zelt.
Angst befiel mich, etwas Verbotenes getan zu haben, gleichzeitig Wehmut, nicht
weitergemacht zu haben. Bis zum Trompetensignal stürmte ich durch das Lager,
hatte Zorn und wusste nicht worauf. Auch als ich dann auf meinem Strohsack lag,
konnte ich nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder malte ich mir aus, was ich noch
alles mit Blanca hätte machen können. Es blieb nur noch die Fantasie. Wenn wir
uns später auf der Lagerstraße begegneten, taten wir, als würden wir uns nicht
kennen.
©
by Eberhard Kamprad, Mai 2002
Überarbeitung des
Beitrages „Fantasie“ vom April 2002 in der Internet-Schreibwerkstatt
www.fiction-writing.de
Veröffentlicht
in: Federwelt, Zeitschrift für Autorinnen u. Autoren, Nr. 41, Aug./Sept. 2003,
S. 47, ISSN 1439-8362, www.federwelt.de