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Dollys
Dackelgeschichten
Ein
Hund erzählt aus seinem Leben.
Eberhard
Kamprad
Vorbemerkung:
Dollys Dackel-Geschichten sind kein dokumentarischer Bericht, sondern ein
literarisches Produkt, dem wirkliche Ereignisse und Personen als Vorlage
gedient haben. Die Ausgestaltung erfolgte aber in dichterischer Freiheit, so
dass NICHT aus den Geschichten auf den tatsächlichen Ablauf von Ereignissen und
den Charakter von Personen geschlossen werden kann; insbesondere die Sicht des
Hundes ist ein Fantasieprodukt und bedeutet keine Wertung des Autors.
Um den Eindruck der Geschichten zu vertiefen, können Sie auch einen Blick in Dollys Fotoalbum werfen.
Die erste Empfindung in meinem Leben,
an die ich mich erinnere, ist der warme Körper meiner Hundemama. Zum Glück
mussten wir uns nur zu dritt die fünf Zitzen meiner Mutter teilen, so dass
genug Milch da war. Sonst hätte es schlecht für mich ausgesehen, denn meine
kräftigen Brüder, richtige Rabauken, hatten mich von den besten Milchquellen
verdrängt: Kein bisschen Rücksichtnahme auf ein zartes Mädchen, aber ich war
bescheiden und brauchte nicht viel. Ab und zu guckte ein brummiges, zottiges
Wesen in unsere Kiste und beschnüffelte uns. Im Laufe der Zeit bekam ich mit,
dass das mein Hundevater war. Er machte keinen freundlichen Eindruck auf mich
und schien sich nicht besonders über unser Dasein zu freuen. Meine Mutter
guckte ihn auch immer misstrauisch von der Seite an und knurrte warnend, wenn
er uns zu nahe kam.
Ich wuchs und wuchs und wuchs. Bald
verließ ich mit meinen Brüdern für kurze Ausflüge unsere Höhle. Dabei lernte
ich große, zweibeinige Gestalten kennen. Sie nannten sich Menschen. Da meine
Mama ihnen vertraute, machte ich es ebenso. Auch stillten sie unseren Hunger,
als wir anderes wollten, als die Milch unserer Hundemama. Es war aber gar nicht
so einfach. Die Milch trank man und sie rutschte hinunter. Die neue Nahrung
musste man erst erschnüffeln und wenn man sie gefunden hatte, mühsam aufnehmen
und dann auch noch hinunterschlucken. Ich beobachtete meine Mama und versuchte,
es ihr nachzumachen. Nach einer Weile klappte es schon ganz gut.
Die Ausflüge wurden von Mal zu Mal
immer länger. Unsere Hundemama zeigte uns die neue Welt außerhalb der Kiste.
Auch die Menschen lehrten uns viel Neues, das mit Hunden eigentlich nichts zu
tun hatte, wie zum Beispiel das Geräusch, dass eine Art Hund macht, den die
Menschen hinter sich herziehen. Mit der Schnauze des Dings wedeln sie hin und
her. Das wäre ein herrliches Spielzeug zum Fangen, wenn nur nicht dieser
grässliche Lärm wäre. Meine Hundemama sagte mir, dass die Menschen das Ding Staubsauger
nennen. Was sie damit machen, konnte sie mir aber nicht erklären.
Ich wohnte inzwischen mit meiner Mama in einem Zimmer für uns. Dort hatten wir
unsere Ruhe vor meinem HundeHerrchen und meinen Radaubrüdern. Es gab nur einmal
etwas Aufregung, als ich für kurze Zeit herausgeholt und anderen Menschen
gezeigt wurde. Die befühlten mich, guckten mir ins Maul und machten komische
Dinge mit mir. Auf einmal zwickte es ganz doll in mein rechtes Ohr. Aber bevor
ich protestieren konnte, war es schon wieder vorbei. Meine Hundemama sagte mir,
dass die Menschen das Wurfabnahme nennen, doch was es damit auf sich hat,
wusste sie auch nicht.
Eines Tages wurde ich herausgeholt und
zwei Menschen gezeigt; es waren ein großer Mann und eine kleine Frau. Sie
betrachteten mich und verglichen mich mit meiner braunen Cousine, die ich
einmal flüchtig kennengelernt hatte. Auch meine Mutter und mein Herrchen wurden
vorgezeigt. Dieser knurrte mich an, wieso ich immer noch da sei. Nanu, wo
sollte ich denn sonst sein? Die Frau sagte. „Den nehmen wir!“ Es war aber
kaum etwas zu verstehen, da meine Brüder einen Mordspektakel vollführten und an
der Absperrung ihres Zimmers auf und nieder hüpften. Dann verschwanden alle
wieder und ich ging mit meiner Mutter in unser Zimmer zurück, froh, wieder Ruhe
und diese merkwürdige Begebenheit überstanden zu haben.
Plötzlich wurde ich gepackt und in die
Transportkiste gesteckt, die ich schon einmal kennen gelernt hatte, als es zu
einem Mann im weißen Kittel ging, der mich piekste. Ich rief meiner Mama noch
zu: „Bis nachher!“, doch sie drehte sich weg und beachtete mich nicht weiter.
Heute glaube ich, sie wusste, dass das ein Abschied für immer war.
Die schaukelnde Kiste mit mir darin wurde in ein rollendes Haus gepackt und los
ging es. Ich machte mich ganz klein und wimmerte vor mich hin. Das war anders
als der Kurzbesuch bei dem weißen Mann. Die beiden fremden Menschen waren auch
mit dabei. Jetzt konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich musste ein Häufchen,
wie die Menschen das nannten, machen. In der nächsten Kurve rutschte ich in
eine Ecke und dabei mitten in das Häufchen hinein. Igittigitt, jetzt war auch
noch mein Fell beschmutzt und eklig klebrig.
Schaukelnd bewegte sich die Transportkiste. Die Frau, die bisher meine Mama und
mich betreut hatte, nahm mich heraus und gab mich dem großen Mann auf den Arm.
Gleich war auch seine Jacke mit ... vollgeschmiert.
Musst du sie auch an dich drücken“,
sagte die Frau. „Halt sie von dir weg.“
Nun baumelte mein Körper in der Luft.
Das gefiel mir noch weniger und ich strampelte heftig. Die Frau kam mit Tüchern
und begann mich zu reinigen. So lernte ich gleich diese für einen Wohnungshund
wichtige Prozedur kennen.
Ich war mit den zwei fremden Menschen
allein. Die Frau nahm mich auf den Arm.
„Hallo, Dollymäuschen, ich bin deine
neue Mama.“
Ich protestierte lautstark, einmal bin ich ein Hund und keine Maus und dann
habe ich ja meine Hundemama und brauche keine neue. Aber da diese nicht da war
und ich Angst hatte, schmiegte ich mich doch an die Frau. Wenigstens war sie
warm und so unangenehm roch sie gar nicht.
Vorsichtig erkundete ich zunächst die
neue Umgebung. In einem kleinen Raum fand ich ein Körbchen, das zu meiner
Körpergröße passte. Dahinein hatte der Mann auch das mitgebrachte Deckchen und
das Spielzeug gelegt, das noch ein bisschen nach meiner Mutter roch. Ich
vermisste den Lärm meiner Brüder und den warmen Körper meiner Hundemama. Da war
es vielleicht am besten, erst einmal ein wenig zu schlafen. Ich kletterte in
das Körbchen, legte meine Nase auf das Stückchen Heimatdecke und schlief ein.
© by Eberhard Kamprad, 2001,
überarbeitet Mai 2005
Veröffentlicht in: Zeitschrift
"Kurzgeschichten", Ausgabe 6/2005, S. 51, ISSN 1613-432X
2. Der erste Tag
Hallo, ich hatte also
meine Menschen kennengelernt und war in meiner neuen Heimat eingeschlafen. Von
meinem Tiervorgänger, einem Kater, hatte ich einen Korb geerbt und so war es
ganz gemütlich. Als ich erwachte, merkte ich sofort, bevor ich die Augen
geöffnet hatte, dass etwas anders war als sonst. Ich war allein und es roch
anders. Ein wenig vertrauter Duft war noch da, aber wirklich nur ein wenig.
Richtig, ich war ja gar nicht mehr bei meiner Hundemama. Was mochte mich
erwarten, wenn ich die Augen öffnete. Nun ja, ändern konnte ich doch nichts mehr.
Also: Augen auf!
Um eines meiner Hinterpfoten hatte sich der Lappen gewickelt, den mir meine
vorigen Menschen mitgegeben hatten und der den vertrauten Geruch ausströmte.
Das war aber auch alles, was ich von meiner alten Heimat hatte. Die kleine
Frau, also meine neue Mama, beugte sich über mich und streichelte mich. Sofort
wurde mir etwas wohler. Ich kletterte aus meinem Korb und tappte hinter ihr
her. Der große Mann (mein neuer Herrchen) lag noch in seiner Schlafkiste und
die Frau kroch auch in eine solche. Und was wurde aus mir? Hilf Dir selbst! Ich
gehörte ja schließlich zum Rudel. So spannte ich meine Hinterpfoten an, holte
durch Auf- und Niederwippen Schwung und sprang mit einem Satz in die
Rudelschlafkiste. Später bekam ich mit, dass die Menschen das Ding Bett
nannten. Nun war das ganze Rudel beisammen, Warum nicht gleich so? Das war
natürlich viel angenehmer als wie ein vom Rudel Verstoßener in einem Korb zu
liegen. Ich kroch zu meiner neuen Mama unter die Bettdecke und kuschelte mich
an sie. Dort war es schön warm und roch auch angenehm.
Doch die Ruhe währte nicht lange. Mein neuer Herrchen, offensichtlich der
Rudelführer, rappelte sich auf und meinte, dass er mit mir Gassi gehen müsste.
Was war denn das nun wieder? Meine Mama entgegnete, dass in den Büchern stünde,
dass ich vorsichtig an das Halsband gewöhnt werden müsse. Schon wieder etwas
Neues! Mein Herrchen setzte mich auf die Erde und kam mit einem komischen Ding,
dass er an meinem Hals festmachen wollte. Ewig fummelte er an mir herum. Ich versuchte
stillzusitzen und den Rudelführer nicht zu verärgern, aber das Ganze war schon
ziemlich lästig, wenn man auch nicht sagen konnte, es sei nicht auszuhalten.
Endlich war alles fertig. Ich dachte schon, ich hab es geschafft und wollte
davon springen, aber wieder war es nichts damit. An das Ding um meinen Hals,
hakte er noch etwas anderes, dessen Ende er in der Hand hielt. Nun waren wir
beide verbunden. Eigentlich nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte. Ich
gehörte offensichtlich als etwas Besonderes zum Rudelführer und fühlte mich
gleich doppelt so stark, als ich in Wirklichkeit war.
Aber jetzt kam der Haken
der ganzen Sache. Mein Herrchen sagte zu mir „Komm!“, zog an der Leine und mir
blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Nur kurz versuchte ich, mich
steif zu machen, aber da schnitt sich das Halsband schmerzhaft ein. Wir kamen
vor das Haus, das nun meine neue Heimat geworden war, aber der Empfang war gar
nicht freundlich. Es war kalt und mit Schneeflocken vermischter Regen fiel vom
Himmel. Nein, ich wollte nicht mehr. So fest ich konnte stemmte ich meine
Pfoten gegen den Boden. Dazu sollte ich auch noch über ganz komischen
Untergrund gehen; mit lauter Löchern. Später wusste ich, dass das eine Rampe
mit Gitterrosten war, um wegen meinem empfindlichen Rücken das Treppensteigen
zu vermeiden. Nebenbei konnten auch die Menschen ihre Kinderwagen oder
Einkaufsroller hoch schieben. Doch zurück zu meinem ersten Ausgang. Schließlich
trug mich mein Herrchen ein Stück und setzte mich dann ab. Ich merkte, dass er
auch ganz aufgeregt war, mindestens ebenso wie ich. So hatten wir wenigstens
eine verbindende Gemeinsamkeit. Ich klemmte meinen Schwanz zwischen die
Hinterpfoten. Mein Herrchen hatte eine gekrümmte Haltung eingenommen und
versuchte, beruhigend auf mich einzureden. Ich sei schließlich sein erster Hund
...
So kamen wir mühsam 50 Meter voran. Ich begriff nun, dass ich mich LÖSEN
sollte, wie die Menschen das in ihrer umständlichen Art nannten und machte ein
kleines Pfützchen. Endlich ging es wieder nach Hause. Dort erwartete mich schon
meine Mama mit mehreren Tüchern unterschiedlicher Art, die sie nach einem nur
ihr verständlichen System an meinem Körper zur Anwendung brachte. Das war mir
äußerst lästig, aber ich hatte schon gelernt, dass man den Menschen im
Allgemeinen ihren Willen lassen muss, um ein einigermaßen ruhiges Hundeleben zu
führen. Dann bekam ich endlich etwas zu fressen. Nach den Aufregungen rollte
ich mich erst einmal in meinem Korb zusammen und schlief ein wenig. Als ich
aufwachte, ging das Ganze wieder von vorn los, nur dass mich jetzt mein
Herrchen abtrocknete. Der nahm wenigstens nur ein beliebiges Tuch und wischte
einmal flüchtig über Bauch und Pfoten. Bei solchen Hundewetter (Was haben wir
eigentlich mit schlechtem Wetter zu tun?) schaufeln wir uns ja mit unseren
kurzen Vorderpfoten den Dreck direkt an den Bauch. Zeit meines Lebens behielt
ich durch diese ersten Tage in meinem neuen Zuhause mit matschigem Schneeregen,
einen Widerwillen gegen schlechtes Wetter und das Ausführen überhaupt.
Einmal hatten meine
Menschen auch zulange gewartet und ich hatte ein Pfützchen auf den Teppich
gemacht. Zum Glück schimpfte Mama nicht mit mir, sondern mit meinem Herrchen,
warum er das nicht vorausgeahnt hätte und früher mit mir hinausgegangen wäre.
Ach, ist das Leben kompliziert! Aber ansonsten war mein Herrchen sehr streng
mit mir. Ich hatte gleich erkannt, dass er der Rudelführer war. Da konnte ich
eher einmal bei Mama mein Glück versuchen, mit meinem unschuldsvollen
Dackelblick etwas durchzusetzen. So ging mit Fressen, Schlafen und Ausführen
der erste Tag in meinem neuen Zuhause herum. Als das Rudel schlafen ging, nahm
ich gleich meinen eroberten Platz in der großen Schlafkiste ein. Noch nass, vom
letzten Ausführen wärmte ich mich erst einmal beim Herrchen auf und wechselte
dann im Laufe der Nacht zu Mama unter die Decke. So hatte jeder etwas von mir.
3. Wie meine Menschen auf den Hund kamen
Aus den Gesprächen meiner
Menschen bekam ich Folgendes mit: Dreizehn Jahre lebten sie mit einem Kater
zusammen und teilten Freude und Leid mit ihm; zuletzt mehr Leid als Freude,
bevor sie ihn einschläfern lassen mussten.
Als ihn die Tochter an
einem kalten ungemütlichen Wintertag, mitbrachte, war er ein kleines, halb
verhungertes Bündel Fell mit zwei wachen Augen in einem großen Kopf. Die
Tochter war damals ein Teenager und es hatte eine der in diesem Lebensalter
häufigen Auseinandersetzungen mit den Eltern gegeben. Sie war wütend weggerannt
und kam nach einer Weile mit dem Kater wieder, der sich an sie schmiegte. Wie
sich herausstellte, „wohnte“ er unter der Eingangstreppe. Sie hatte ihn schon
eine ganze Weile mit dem Leberkäse, den sie nicht mochte, gefüttert. Nun waren
die Menschen erst einmal froh, dass sie wieder da war, so dass sie wegen der
eingeschleppten Katze keinen neuen Streit vom Zaun brechen wollten.
Die Gefühle meines
Herrchens waren zwiespältig. Als Kind wollte er Tier, aber seine Mutter hatte einen
Abscheu vor Haustieren und ordnete sie in die Kategorie unnützes und
schmutzbringendes Ungeziefer ein. Ihre Abneigung ging so weit, dass sie
Menschen, die ein Tier besaßen, sofort ablehnte. Bis zu diesem Zeitpunkt war es
ihm noch nicht gelungen, sich völlig von diesem Einfluss zu lösen. So stritten
in ihm die Erfüllung des Kinderwunsches und die vermittelte Antipathie
miteinander, als seine Tochter mit dem Kätzchen vor ihm stand. Wie so oft im
Leben, ging es durch einen Kompromiss weiter: Eine Nacht darf es erst einmal
dableiben und sich aufwärmen.
Aus der einen Nacht wurden
dreizehn schöne Jahre. Die Tochter hatte von Schulfreundinnen von einem
Katzenfutter „Wiska“ (Whiskas) gehört und da es ein Junge war, sollte er Wisko
heißen. Als die Tochter auszog, um ihre eigene Familie zu gründen, ließ sie den
mittlerweile stattlichen Riesenkater da und mein Frauchen hatte weiter etwas zu
bemuttern. Der Kater hatte von der ganzen Wohnung Besitz ergriffen, die überall
katzengerecht mit Kletter- und Kratzmöglichkeiten eingerichtet war. Nichts war
vor ihm sicher, außer man schloss es weg, da er auch auf jeden Schrank
hinaufkam. Die letzten Jahre plagte er sich im Winter mit Fellproblemen;
teilweise sah er wie ein Punker aus, wenn er nur noch auf dem Rücken einen „Kamm“
hatte. Doch mit Hormonspritzen erholte er sich immer wieder, bis es einmal doch
zu Ende ging. Er wurde unsauber und meine Menschen suchten verzweifelt nach der
Ursache, denn Unsauberkeit eines ansonsten stubenreinen Tieres ist immer ein
Signal. Auch der Tierarzt wusste keinen Rat. Der Kater wurde in ganz kurzer
Zeit träge und lustlos, lag nur herum und Herrchen versuchte, ihn zu überreden,
sich in sein Katzenklo zu entleeren. Hinterher ist meinen Menschen klar
geworden: Er fühlte sich schlecht und protestierte, dass sie ihm nicht
unterstützten, denn in seinem Katzenleben halfen sie ihm ja immer göttergleich
bei allen Problemen. Dass es gegen den Tod keine Hilfe gibt, wusste er zum
Glück nicht.
Als sie ihn wieder zum
Tierarzt brachten, war die Diagnose klar: Nierenversagen. Das zeigte schon der
urämische Geruch. Der Körper versuchte verzweifelt, die Giftstoffe, die die
Nieren nicht mehr herausfilterten, über die Haut auszuscheiden. Sie entschieden
sich gleich, ihn nicht länger leiden zu lassen. Als er schon die
Betäubungsspitze bekommen hatte, kroch er noch einmal zu meinen Menschen und
stupste jeden kurz mit der Nase an. Dann schlief er ein und sie gingen. Der
Tierarzt gab ihm dann die zweite Spritze, die zum Herzstillstand führte. Den
Körper ließen sie da. Er symbolisierte für sie nicht das Lebewesen, mit dem sie
dreizehn Jahre ihres Lebens geteilt hatten. Dann schon eher die Fotos, bei
deren Ansehen man dann oft sagt: „Weißt du noch, als ---„ Meine Menschen hätten
gleich wieder einen übriggebliebenen Kater mitnehmen können, der beim Tierarzt
nach einer Behandlung nicht abgeholt worden war, doch sie wollten erst einmal
Abstand gewinnen.
Nach und nach entwickelte
sich bei ihnen der Gedanke, es doch einmal mit einem Hund zu versuchen, denn
ein Tier wollten sie wieder. Zu ungemütlich war die Wohnung, wenn niemand herum
raschelte und mit atmete. Eine Katze fesselt einen aber an die Wohnung. Man
strebt möglichst schnell wieder nach Hause, um sie nicht so lange allein zu
lassen. Nun sind sie sowieso sehr häuslich und reisen nicht. Ein Hund dagegen
muss mehrmals täglich ausgeführt werden und die Spaziergänge tun auch den
Menschen gut. Nur wegen der zeitlichen Organisation verschoben sie es auf ihre
Rentnerzeit. Doch wie es ist, wenn die Menschen planen: Das Schicksal richtet
sich nicht danach, weder im Guten noch im Bösen - und die Rentnerzeit kam durch
eine chronische Krankheit von Herrchen schneller als gedacht. Als er nun auf
einmal den ganzen Tag zu Hause war, galt es dem Tagesablauf - und damit dem
ganzen Leben - wieder Struktur und Sinn zu geben. Nun war es soweit: Ein Hund
sollte her!
Das war leichter gesagt,
als getan. Wie kommt man zu einem Hund? An einschlägiger Literatur ist kein
Mangel, aber die Entscheidung muss man schließlich selbst treffen. Der Mietwohnung
entsprechend sollte er nicht zu groß sein und vor allem pflegeleicht; also
nicht langhaarig. Da die Tochter als Kind einen Beagle regelmäßig ausführte,
kamen sie auf diesen lustigen, bunten Gesellen. Die Hürde der Einwilligung des
Vermieters bewältigten sie unkompliziert, solange es kein Kampfhund sei. Im
Genehmigungsschreiben wurde ihnen sogar „viel Erfolg bei der richtigen Auswahl
Ihres künftigen Hausgenossen“ und viel Spaß gewünscht.
Nun brauchten sie nur noch
einen Züchter in der Nähe, da sie ohne Auto waren. Über die Welpenvermittlung
des Beagle-Klubs fanden sie auch eine Züchterin, meldeten sich an und fuhren
mit dem Zug hin, um sich die Tiere anzusehen. Leider entsprach der Empfang
nicht den Vorstellungen. Die Züchterin hatte die Verabredung vergessen, betonte
ständig dass sie keine Zeit habe und das Vorführen der Tiere bestand darin,
dass sie auf den Hof wies, wo sich zirka zehn Hunde tummelten und sagte: „Das
sind die Hunde.“ Das konnten sich meine Menschen natürlich auch so denken; sie waren
aber auf detaillierte Erklärungen eingestellt. Durch die Gesprächssituation
zwischen Tür und Angel kam aber überhaupt keine Atmosphäre auf: Nur die
Mitteilung über den Preis, wobei sie 1700 Mark doch etwas schockierten und das
es im Frühjahr wieder Welpen gäbe. Am meisten schreckte Frauchen und Herrchen
jedoch ein angekündigtes Kontrollrecht zum Aufenthalt des Tieres ab. Der Hund
sollte ihnen gehören und die Vorstellung, dass immer wieder jemand unverhofft
vor der Tür stünde und den Zustand des Hundes kontrollieren wolle, stieß sie
ab. Ihr Gedanke war, dass man bei einem guten Verhältnis zum Züchter, diesen
sowieso ab und zu über das Wohlergehen des Tieres informiert und ihm ein paar
Fotos schickt, aber an ein gutes zukünftiges Verhältnis glaubten sie schon
nicht mehr. Nach kurzer Zeit wurden sie verabschiedet und mussten nun noch zwei
Stunden auf dem Bahnhof des kleinen Ortes verbringen, ehe sie zurückfahren
konnten. Dabei war ihnen schon klar, dass das Vorhaben Beagle gescheitert war.
Aber wie nun weiter.
Hundeliteratur hatten sie nun nach einem halben Jahr Vorbereitung auf die
Anschaffung des neuen Hausgenossen genug gelesen und wollten in die Praxis
gehen. Auch eine Hundeecke war schon in der Küche eingerichtet. Nun sagte
Herrchen, dass er bei einer Körpergröße von 1,95 m keinen Dackel wolle, da das
zu komisch aussähe. Aber irgendwie kamen meine Menschen über diese
Gedankenverbindung auf den Rauhaardackel, kleiner als ein Beagle, aber für
Frauchen von 50 kg Körpergewicht auch besser handhabbar und man kann ihn sich
auch einmal unter den Arm klemmen. So richteten sie nun ihr Interesse auf einen
Rauhaardackel.
So gab Herrchen im Januar
2000 folgende Anzeige auf:
Beagle oder Rauhaardackel,
bis 1 J., aus Raum ***, von älterem Ehepaar zu kaufen ges. Tel. ***
Als erstes meldete sich eine Frau, die nicht richtig lesen konnte und einen
Hund kaufen wollte, dann wollte sie ein Mann zu einem Cocker Spaniel überreden.
Herrchen las inzwischen in der Zeitung den „Tiermarkt“ und da stand es:
Sehr schöne Rauhaardackelwelpen m. Pap. gei., entw. Tel. ***
Er stürzte gleich ans
Telefon und vereinbarte mit der Züchterin einen Termin für kommenden Samstag.
Nach zehn Minuten rief er noch einmal an, ob man den Welpen gleich mitnehmen
könne, wenn man sich einig werde? Ja, sie sind schon fünfzehn Wochen alt und
können also von der Mutter weg. Nach weiteren zehn Minuten klingelt das
Telefon. Eine Frau bot Rauhaardackelwelpen an, die Stimme kam Herrchen bekannt
vor. „Haben wir nicht schon vor zehn Minuten zusammen gesprochen und den Termin
für Samstag vereinbart?“ Ja, es war die gleiche Züchterin. Sie hatte nun die
Anzeige gelesen und sie hatten sich sozusagen über Kreuz angerufen. Die
Züchterin wollte nur noch das Alter des „älteren Ehepaares“ wissen und war über
die Auskunft 55/50 beruhigt. Sie hatte bei der Formulierung mit 75/70 gerechnet
und hätte dann keinen Welpen verkauft.
Am Samstag fuhren sie dann
beizeiten los; mit der Straßenbahn. Vorher kauften sie noch Welpenfutter und nahmen einen Tragekorb mit Decke und
Halsband mit. Als sie ankamen, kehrte die Züchterin gerade vor ihrem Laden die
Straße. Sie kamen schnell ins Gespräch und waren sich sofort sympathisch.
Drinnen bekamen sie dann erst einmal einen Kaffee angeboten und Frauchen und
Herrchen berichteten über ihre Vorstellungen und Gründe des Hundekaufs. Dann
ging es zu den Hunden. Das ganze kleine Haus schien voller Dackel zu stecken.
Zwei auf den Hof ausgesperrte protestierten lautstark und verlangten
eingelassen zu werden, um zu erfahren, was es Interessantes gäbe.
Sie bekamen zuerst eine
kleine braune Hündin gezeigt, die wegen einem Zahnfehler billiger war, aber der
Funke sprang nicht über und so holte die Züchterin dann ihr Prachtstück hervor:
mich, Dolly von der Parthenaue. Sie wussten sofort: Die ist es.
© by Eberhard Kamprad,
2001, überarb. Okt. 2008
4. Der Spaßball
5. Die Zuchtschau
Heute geht es um meine
Erlebnisse auf der Zuchtschau unserer Dackelgruppe. Für meine Menschen bin ich natürlich
sowieso der schönste Dackel, aber die anderen Vereinsmitglieder und auch meine
Zweitmama, die Züchterin, überredeten sie, sich das amtlich bestätigen zu
lassen: Eben durch die Vorstellung auf der Zuchtschau.
Mein Herrchen hatte sich vorher darüber
informiert, was ich alles können sollte und mit mir „Im-Kreis-laufen“ und „Maul
auf!“ geübt. Das Maul musste ich auf Kommando aufmachen, weil der Richter die
Zähne kontrollieren will. Wer den Richter beißt, wird disqualifiziert; so steht
es in der Prüfungsordnung. Da mein Frauchen mit wöchentlich die Zähne putzt,
war mir das sowieso nicht neu. Das Im-Kreis-Laufen bereitete mir auch keine
Probleme; aber ich brauchte es gar nicht, wie wir später sehen werden.
Als der Sonntag der
Zuchtschau endlich herangekommen war, waren meine Menschen mindestens ebenso
aufgeregt wie ich. Die Züchterin hatte ihnen angeboten, uns mit dem Auto
abzuholen, um mir die Straßenbahnfahrt zu ersparen. Das war keine so gute Idee
für meine Nerven. Im Auto saß nämlich auch meine Cousine, die ebenfalls
vorgestellt werden sollte, und darüber regte ich mich wahnsinnig auf. Mein
Herrchen konnte mich kaum halten, weil ich auch noch ständig auf meine vor mir
sitzende Züchterin klettern wollte.
Als wir ankamen, mussten
wir uns zuerst anmelden. 25 Dackel waren registriert. Ich war im Programm als
die Nummer 8 genannt und ich war richtig stolz, dass ich dort mit all meinen
Daten stand. Auch mein Herrchen freute sich, als er seinen Namen als Besitzer
las.
Am Eingang wies ein Schild
nach rechts: Zum Löseplatz. Mein Herrchen führte mich hin und erklärte mir den
Sinn des abgesteckten Bereiches. „Wuzzi und Pfützi machen!“ Dass die Menschen
immer alles so kompliziert machen müssen. Warum sagt man nicht einfach
„Hundeklo“? Ich schnupperte, schnupperte und schnupperte. Potz Blitz und
Wackeldackel! Das war gar nicht der richtige Platz. Das merkte man doch auf dem
ersten Riecher. Aber hier, ein Stück neben der Absperrung, war es genau
richtig. Ich hockte mich hin. „Haben Sie keine Augen im Kopf!“, brüllte ein
Mann mit einer Armbinde mein Herrchen an. „Der Löseplatz in innerhalb der
Absperrung!“ „Wau! Wuff!“, versuchte ich dem Mann die Situation zu erklären.
Doch er verstand mich nicht. Meinem Herrchen kam eine Idee. Mit einem eleganten
Beinschwung beförderte er meinen Hinterlassenschaften in den abgesteckten
Bereich. Nun war die Menschenwelt wieder in Ordnung.
Dann ging es los. Der
erste Dackel wurde aufgerufen. Zuerst wurde er auf einen Tisch gesetzt und der
Richter und seine Assistentin guckten ihm ins Maul und zählten die Zähne. Dann
wurde das Fell befühlt und anschließend musste er mit seinem Frauchen im Kreis
laufen, wobei der Richter den Gang beobachtete und der Assistentin, einer
Richteranwärterin, Erläuterungen gab. Am Ende erklärte er laut die Vorzüge und
Mängel des vorgestellten Hundes und gab die Bewertung bekannt: SEHR GUT! Mein
Herrchen hatte mir erklärt, dass nur ein VORZÜGLICH oder höchstens SEHR GUT ein
Grund zur Freude sei, GUT ist lediglich eine Genehmigung zur Zucht und BEFRIEDIGEND
fast schon eine Diskriminierung. Das gilt aber nur für Teckel mit Ahnentafel.
Ein „Straßen“-Dackel muss mindestens ein SEHR GUT bekommen, um als Teckel
anerkannt zu werden. Womit sich die Menschen nur das Leben schwer machen, statt
sich mit uns zu freuen, dass ein schöner Tag ist und die Sonne scheint.
Am Rande des abgesteckten
Kreises wechselten inzwischen freudige und enttäuschte Gesichter der
Hundebesitzer einander ab, je nach dem Ergebnis der Bewertung. Manche Dackel
hatten zu dünnes Fell, andere „standen zu gut im Futter“, wieder andere hatten
einen unvorschriftsmäßigen Gang oder wackelten auf falsche Art mit dem
Hinterteil.
Endlich war ich an der
Reihe. Mein Herrchen hob mich auf den Tisch und sagte: „Maul auf!“ Ich öffnete
gehorsam den Fang, während mich mein Herrchen beruhigend streichelte. Der
Richter fing an, die Zähne zu zählen, stutzte, fing von vorn an, rief die
Assistentin herbei und in diesem Moment wusste ich, dass etwas schiefging. Mein
Herrchen wurde gefragt, ob er schon einmal die Zähne nachgezählt hätte, was er
verneinte. Dann suchte der Richter in seinen mitgebrachten Akten, rief noch
andere Experten herbei, um ihnen die Sensation mitzuteilen, dass zum ersten Mal
in seiner Richterlaufbahn die Zähne P 3 oben, rechts und links fehlten. Potz
Blitz und Wackeldackel! Ich hatte zwar nichts dagegen, eine Sensation zu sein,
doch nicht auf diese Art. Dann musste ich noch laufen, aber ich tat es ohne
rechtes Interesse, weil ich fühlte, dass es darauf nun auch nicht mehr ankam.
Dann verkündete der Richter das Ergebnis: Mangelhaft! Zur Zucht untauglich –
ein guter Gebrauchshund. Gut, meine Menschen wollten mit mir sowieso nicht
züchten, aber die Enttäuschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Mein
Herrchen ging ganz geknickt vom Platz und mein Frauchen konnte die Tränen kaum
zurückhalten. Da halfen auch die trostreichen Worte von Bekannten nicht. Dann
entspann sich unter den Unbeteiligten noch eine Diskussion, wer das vorher
hätte merken müssen. Die Einen meinten, die Züchterin, die Anderen der
Tierarzt. Meine Menschen hatten an diesen Diskussionen kein Interesse und
mussten den Schock erst einmal verdauen. Alle hatten ihnen Hoffnung auf eine
gute Bewertung gemacht und mich als wunderschönes Exemplar bezeichnet, was auf
mein Aussehen auch zutrifft. Auf ein eventuelles Problem mit den Zähnen hatte
uns niemand hingewiesen.
Mein Herrchen ging mit mir
erst einmal eine Runde in den Wald spazieren. Dann waren wir alle soweit, dass
wir wieder den irdischen Genüssen zusprechen konnten: ich einer Bratwurst und
meine Menschen stärkten sich mit einem Schluck „Jägermeister“
Später musste noch meine
Ahnentafel an das Zuchtbuchamt eingeschickt werden, um meine
Zuchtuntauglichkeit einzutragen. Dabei ist die Bewertung von „Mangelhaft“ in
„Disqualifiziert wegen Zahnfehler“ geändert worden, was ich auch gerechter
finde. Sonst klingt es so, als ob ich ein Krüppel wäre und ich bin doch ein
schöner Dackel; für meine Menschen sogar das allerschönste Dackelmädchen, das
es auf der Welt gibt.
© by Eberhard Kamprad,
2001, überarb. Nov. 2008
6. Das GEEIGNETE
BEHÄLTNIS
Hallo Dackelfreunde,
am liebsten laufe ich ja auf meinen eigenen vier Pfoten, aber ab und zu sind
die schönen Schnüffelgegenden, in die mich meine Eltern führen, nur mit Bus
oder Bahn zu erreichen. Das ist nun gar nicht so einfach, wie man als Hund
denkt. Prinzipiell muss für einen Hund oder ein anderes Tier (ein Pferd?) ein
Fahrausweis „Für Kinder“ gelöst werden, und dabei handelt es sich nicht nur um
ein paar Groschen. „Ausgenommen von der Beförderungsentgeltpflicht (Was für ein
herrliches Behördenwort! Da wedelt mein Schwänzchen vor Begeisterung.) sind
kleine Tiere und kleine Hunde (Ein Hund ist also kein Tier?!), die in
geeigneten Behältnissen untergebracht sind und im Verkehrsmittel keinen eigenen
Platz in Anspruch nehmen.“ Gut. Damit wäre erst einmal klar, das der fette,
große Kater von nebenan, der in seiner Transportbox hockt, wie ein Götze,
überhaupt nicht bezahlen muss. Aber so eine Transportart ist ja hundeunwürdig.
Wir brauchen schließlich den Kontakt zu unserem Rudelführer. Am liebsten sitze
ich bei Herrchen auf dem Schoß und damit fangen die Probleme, die sich die
Menschen gegenseitig bereiten, erst richtig an. Ich nehme keinen „eigenen
Platz“ in Anspruch a b e r bin nicht in einem „geeignetem Behältnis“. Potz
Blitz und Wackeldackel!
So hat sich mein Vater
bei den Verkehrsbetrieben erkundigt, ob unbedingt beide Voraussetzungen erfüllt
sein müssen, um nicht zu bezahlen; wie es ist, wenn man den Hund ohne Behältnis
auf dem Schoß hat. Nach wochenlangen Beratungen konnten sich die Tarifexperten
nicht einigen und ein Kundenberater sagte uns dann zu, dass man bei „Hund auf
Schoß ohne Behältnis“ eigentlich nicht bezahlen muss. Da meine Eltern nun aber
die hochkomplizierte Problematik nicht mit jedem Kontrolleur von Neuem
diskutieren wollen, haben sie sich entschieden, mich in eine Tasche zu stecken
und diese als „geeignetes Behältnis“ zu deklarieren. Zum Glück bin ich mit
sechs Kilogramm ein Leichtgewicht, so dass mich mein Vater noch bequem tragen
kann. Auch können mich meine Eltern schnell einmal unter den Arm klemmen, wenn
es nötig ist oder in der Tasche sogar längere Strecken tragen. Es gibt
allerdings in unserer Rasse auch Schwergewichte bis zu zwölf Kilogramm.
Abgesehen von denen, deren Gewicht aus der Größe resultiert, können einen die
meisten leid tun. So sehe ich häufig zwei Dackel, die so dick sind, dass die
Bäuche fast auf der Erde schleifen. Dazu müssen die armen Kerle auch noch
Treppen steigen, weil ihre Menschen sie nicht mehr tragen können. Da haben
diese ein gewichtiges Problem, aber eins, dass sie selbst geschaffen haben. So
etwas müsste bestraft werden, meine ich. Wir Hunde können nichts dafür. Wir
fressen nun einmal, was in uns hineingeht; in Erwartung „schlechter Zeiten“.
Aber die Menschen sollen ja angeblich Verstand besitzen, den sie uns
absprechen. Das Ergebnis: siehe oben. Ich halte eigentlich meine Figur. Wenn
mich in der Woche mein Vater betreut, muss ich mich sowieso auf etwas Fasten
einstellen; meine Mama ist da großzügiger. Manchmal streiten sich auch meine
Eltern und werfen sich gegenseitig vor, mich vollzustopfen. Einmal hatte ich
schon einen kleinen Ring um den Bauch, den musste ich dann wieder abtrainieren.
Zuerst wollten meine
Menschen das Geld für eine spezielle Hundetasche sparen und stopften mich in
eine alte Reisetasche. Aber das gefiel mir gar nicht und so machte ich
kurzerhand einer großen Schlatz hinein und sie damit unbrauchbar. War sowieso
ein altes Ding aus der Jugendzeit meines Vaters und mir nicht angemessen. Man muss
sich seine Menschen nur erziehen.
So entschlossen sich
meine Eltern nun doch, mir eine Hundetasche zu kaufen. Die ist außen aus
abwaschbarem Material, innen mit schönem weichen (Kunst)-Fell, damit man es
recht bequem hat. Wo der Kopf herausgucken soll, ist der Rand etwas niedriger.
Das ist aber Geschmackssache. Ein Artgenosse aus unserer Dackelgruppe besteht
darauf, immer verkehrt herum in seiner Tasche zu sitzen. Na ja, wenn es ihm
Spaß macht. Zum Tragen muss die Tasche zwei kurze Henkel haben und zum Umhängen
der leeren Tasche einen Schulterriemen, damit sie die Menschen bequem auf dem
Rücken tragen können, wenn wir uns auf unseren vier Pfoten fortbewegen. Über
dem Hunderücken kann die Tasche mit Klett- oder Reißverschluss geschlossen
werden. Klett ist besser, wenn wir in der Tasche herum hampeln und nicht
vorschriftsmäßig sitzen wollen.
Bei schlechtem Wetter,
ist die Tasche auch insofern nützlich, dass ich mich dann z.B. zum Tierarzt
tragen lassen kann, damit ich nicht ganz verdreckt dort ankomme. Wir Dackel
haben nun einmal das Problem unserer großen Bodennähe und schaufeln uns mit
unseren Vorderpfoten den Schlamm direkt an den Bauch.
Wenn man wo zu Besuch
ist, lässt sich der Rand der Tasche umschlagen und man hat ein gemütliches
Nest, was nach zu Hause riecht. Zum Abtreten der Pfoten kommt ein wuscheliges
Handtuch hinein und wenn es geregnet hat, muss einer uns an der Brust hochheben
und der andere wischt Bauch und Pfoten mit Wegwerf-Küchentüchern ab. Mein
Vater, als großer Hundeexperte, für den er sich hält, kann das aber auch
allein.
Übrigens – für die
warmen Tage, wenn es mir in der Tasche unbehaglich wird, habe ich ein
sogenanntes Tragerl, eine in einer Stoffhülle mit Henkeln steckende
Schaumgummiplatte, die mir unter dem Bauch durchgezogen wird. Beim Tragen
hängen unten die Pfoten heraus und wenn ich meinen Unwillen ausdrücken will,
rudere ich mit ihnen in der Luft herum. Dann wollen sich die Menschen immer vor
Lachen ausschütten. Im Verkehrsmittel deklarieren meine Eltern das Tragerl als
„geeignetes Behältnis“. Das Gegenteil soll erst einmal einer beweisen.
© by Eberhard Kamprad,
2001 überarb. Nov. 2008.
7. Am Hundestrand
Hallo, heute will ich
euch meine Erlebnisse am Hundestrand erzählen. Wir kamen an. Übergenau, wie mein
Vater ist, suchte er nach Informationen und fand einen Hinweis, dass Hunde,
Nackte und Angezogene sich an die ihnen zugewiesenen Strandteile zu halten
haben. Da Nackte und Angezogene durcheinander lagen, war schon diese
Unterscheidung schwierig, aber für mich nicht weiter von Interesse. Menschen
sind so oder so verhältnismäßig uninteressant, wenn sie nicht gerade zum
eigenen Rudel gehören und einen mit Fressen versorgen. Wo war nun aber der
Hundestrand? Von ehemaligen Schildern waren nur noch die leeren Pfähle da und
so sagten sich meine Eltern, wo die meisten Hunde zu sehen sind, wird schon der
Hundestrand sein und wir fanden einen Strand voller Hunde.
Na, endlich hatten
sich meine Eltern auf einer Bank nahe am Wasser eingerichtet, machten mich von
der Leine ab und ich konnte mich umsehen. Am Strand lagen Nackte, Hunde und
Angezogene durcheinander, oft zusammen auf einer Decke. Neben uns schliefen
zwei nackte Männer mit einem Rottweiler. Ich ging mal hin und schnupperte (bei
dem Hund natürlich), aber wurde kaum beachtet. Dann versuchte ich es mit dem
Wasser, das war schon interessanter. Ich war noch nie im Wasser gewesen und war
erst erschrocken, als ich die Wellen an meinem Bauch spürte. Aber dann merkte
ich, wie angenehm das bei der Hitze sein konnte und tappe weiter, versuchte
aber, nicht den Boden unter den Pfoten zu verlieren. Nun warf mein Vater meinen
Lieblingsball ins Wasser, hatte ihn aber vorsichtshalber an die Leine
angebunden. Unter Dackelfreunden geht nämlich die Story um, das einmal Menschen
alles Spielzeug ins Wasser geworfen hatten, um uns zur Wasserfreude zu
erziehen. Die Hunde betrachteten interessiert das Tun der Menschen, aber keiner
dachte daran, das Spielzeug wieder aus dem Wasser zu holen. Schließlich musste
sich einer der Menschen ausziehen, ins Wasser gehen und das Spielzeug
einsammeln. Da sieht man wieder, wie es um die angebliche Schlauheit der
Menschen bestellt ist. Doch zurück zum Hundestrand. Nun hatte mein Vater aber
nicht bedacht, dass der Ball (muss wegen meiner Beißfreudigkeit aus Vollgummi
sein) untergeht. Potz Blitz und Wackeldackel! Sollte ich vielleicht unter
Wasser das Maul aufmachen. Ich versuchte unterzutauchen und den Ball mit der
Pfote an die Oberfläche zu treiben. Dass man beim Untertauchen die Augen
schließen muss, hatte ich schnell begriffen. Schließlich sah mein Vater die
Unmöglichkeit meiner Versuche ein und zog den Ball an Land. Das nächste Mal
muss er mir eben ein schwimmfähiges Spielzeug mitnehmen. Man hat schon seine
Probleme mit den Menschen. Mein Frauchen war die ganze Zeit aufgeregt und
befürchtete, dass ich untergehen könnte. So ungeschickt bin ich nun auch wieder
nicht.
Schließlich entdeckten
meine Eltern noch auf einem Plan, dass wir am falschen Strand waren. Wir gingen
zum offiziellen Hundestrand, aber da waren keine Hunde und ich kam mir ganz
komisch vor. Nun haben meine Eltern ein Problem: Gehen wir das nächste Mal zum
offiziellen oder zum praktischen Hundestrand? Ein Glück, dass ich kein Mensch
bin und nicht solche Sorgen habe.
© by Eberhard Kamprad,
2001 überarb. Febr. 2009
8.
Hinterlassenschaften
Nach all den Aufregungen
hoffe ich, mit Herrchen einmal in Ruhe eine Runde drehen zu können. Obwohl, so
begeistert bin ich nicht, es ist nicht das ideale Spazierwetter. Schließlich
besteht die Gefahr, dass ein paar Regentropfen auf mein Fell fallen könnten.
Dazu pfeift ein kalter Wind. Aber wir Dackel sind ja gewohnt, einer Gefahr
mutig ins Auge zu sehen. Also los!
Wir trotten und trotten
und trotten. Ich habe Zeit, aber mein Herrchen offenbar nicht. Schließlich
ermahnt er mich, dass wir nicht zum Spaß bei diesem Wetter auf die Straße
gegangen seien. Ich solle nun endlich an mein Geschäft denken. „Wuzzi! Wuzzi!“
Gemach, gemach. Schließlich muss ich erst in Stimmung kommen und einen Platz
finden, der mir zusagt. Für die Stimmung dienen am besten ein paar
Hinterlassenschaften von Artgenossen. Aber leider halten sich viele
Hundebesitzer an die Stadtordnung und räumen alles in Tütchen weg. Na, endlich
was gefunden! Riecht gut! Oh, da komm ich gleich in die richtige Stimmung. Ich
hocke mich hin und mache einen runden Rücken. Potz Blitz und Wackeldackel!
Guckt da nicht mein Erzfeind, der Kater Blacky, um die Ecke. Nicht einmal in
Ruhe sch… kann man. Na, dem werde ich es zeigen! So, jetzt mit den Hinterpfoten
kräftig scharren, damit alles breit verteilt wird und viele etwas davon haben.
Jeder soll wissen, dass ich hier gewesen bin. Mit stolz erhobenem Schwanz
trotte ich weiter und blicke mich noch einmal um. Und was sehe ich da? Blacky
steht mitten auf der Wiese. Er
legt die Ohren zurück. Sein Mund ist verkniffen und seine Schnurrbarthaare
klappen nach hinten als würde ihm ein Sturm um die Ohren blasen. Die
Schwanzspitze zuckt und seine Bewegungen sind sehr majestätisch.
Ich spüre richtig, wie es in
seinem Kopf rattert und denkt: Meint dieser blöde Köter, er kann mir mit seinem
Gestank mein Katzenrevier vermiesen. Schnell frische Erde darüber. Und da und
dort! Man ist das eine Arbeit. Musste er seine Hinterlassenschaften auch über
das ganze Gelände verteilen. Dort liegt noch ein Stück. Endlich geschafft! Mein
Revier ist wieder in Ordnung. Nun noch schnell
ein paar kätzische Duftmarken setzen.
Doch der Triumph des
Katers wird nicht lange währen. Schließlich komme ich morgen wieder vorbei.
© by Eberhard Kamprad, Mai
2009