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Biorobot
SF-Kurzgeschichte
Eberhard Kamprad
Im blauen Licht der untergehenden
Sonne schwebte ich die Straße entlang. Während des Dahingleitens nahm mein
Universal-Strahlen-Adapter die Informationen aus der Umwelt auf. Ich war
unterwegs zu den Menschen, die ehemals den dritten Planeten des Systems Omega
besiedelt hatten. Schon lange waren sie eine Minderheit. Sie hatten den
Computern alle Verantwortung übertragen und nicht bedacht, dass sie damit eine
Maschinenevolution in Gang setzten. Die höchste Form waren wir Biorobots, eine
Verbindung von Elektronik und biologischem Nervengewebe. Allerdings hatte die
zweckgesteuerte Evolution bewirkt, dass uns vieles von dem, was die Menschen
Gefühle nennen, verloren ging. Einzig das Lösen von komplizierten
mathematischen und logischen Problemen konnte uns noch Lust und Freude
bereiten. Doch schon lange hatte mir der Zentralcomputer keine neuen Aufgaben
mehr gestellt. Vielleicht bekam ich durch die Menschen einen neuen Impuls. Sie
hatten zwar nur einen kleinen Speicher mit niedrigen Transferraten, doch sie
konnten unlogische Querverbindungen herstellen, eben jene Gefühle, die mir
unbekannt waren.
Plötzlich registrierte mein
Umweltadapter die menschliche Empfindung Todesangst. Die Quelle musste ganz in
der Nähe sein. Ich regelte ihn in den Bereich der Schallschwingungen und der
sichtbaren elektromagnetischen Wellen ein. Hohe Schreie dröhnten durch meine
Neuronen. Gleichzeitig erreichte mich das Bild eines Menschen im roten Overall.
Mein Speicher lieferte die Information: rot = erwachsene Frau. Vier andere
Menschen hielten sie am Boden fest. Ein fünfter traf Vorbereitungen, um mit
einem Trepanator ihren Schädel zu öffnen. Neben ihm lag griffbereit ein
Neuronenexhaustor. Schmerzempfindungen
durchrasten das Gehirn der Frau. Sie hatten ihre Ursache in den verdrehten und an
den Boden gepressten, Armen und Beinen der Frau. Die Todesangst aber fixierte
sich auf den Kopf.
Ich erinnerte mich, dass bei den
Menschen Geist und Körper eine Einheit bildeten. Ein Verlust des Einen zog den
Tod des Anderen nach sich. Die Menschenfrau wollte nicht ihr Gehirn verlieren,
weil sie dann sterben würde. Das nahmen die fünf anderen Menschen aber
offensichtlich in Kauf. Mir fiel jetzt auch auf, dass sie nicht die Overalls in
den vorgeschriebenen Farben trugen, sondern welche in einem undefinierbaren
Graugrün mit hellen und dunklen Flecken durchsetzt. Ich klinkte mich in den
Zentralspeicher ein und übermittelte die Situation. Nach einer ungewöhnlichen
Wartezeit – im Allgemeinen kam die Antwort fast sofort – erhielt ich die
Auskunft, dass es sich wahrscheinlich um Neuronenpiraten handelte. Sie seien
vermutlich auf der Jagd nach frischem Nervengewebe. Ich hatte mir bisher keine
Gedanken gemacht, wo das frische Nervengewebe herkam. Mir war aber bekannt,
dass man das vorhandene nicht unbegrenzt immer wieder klonen konnte, da sich
dann die Fehlerraten summierten. Der Zentralspeicher warnte mich vor
irgendwelchen Aktionen, da er die Situation nicht genau einschätzen könne. Ich
beschloss aber, der Menschenfrau zu helfen. Ich wusste selbst nicht, warum ich
das tat. Irgendein Teil meines Speichers verhielt sich nicht normgemäß und
stellte unlogische Verbindungen her.
Die Hauptgefahr ging
offensichtlich von dem Menschen mit dem Trepanator und Neuronenexhaustor aus.
Ich richtete meine U-Strahlung auf das Gehirn des Angreifers. Zum Glück ist die
Denkzentrale von Bio-Menschen nicht besonders geschützt. Ich suchte nach
umpolbaren Emotionen, um die Aktionen des Angreifers lahm legen zu können.
Endlich hatte ich eine Möglichkeit gefunden. Der Neuronenpirat tastete gerade
nach dem Einschaltknopf des Fräsers am Trepanator als ihm plötzlich
unwiderstehliche Lachlust überkam. Er ließ das Gerät aus der Hand fallen und
bog sich vor Lachen. Mit dem Finger zeigte er auf seine vier Kumpane, die auf
den gespreizten Gliedern der Frau hockten und ihn verständnislos anstarrten.
Immer wieder von neuen Lachanfällen geschüttelt, wankte er davon und ließ seine
Folterinstrumente zurück. Als ich heranschwebte, bemerkten mich die Anderen.
Wie auf Kommando sprangen sie auf und flüchteten.
Die Frau rappelte sich auf und
lockerte ihre verdrehten Gelenke. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf das
Sprach- und Hörzentrum in ihrem Gehirn. Da die Menschen am liebsten mittels
Schallwellen kommunizierten, simulierte ich diesen Effekt im Gehirn der Frau.
„Danke für die Hilfe“, stammelte die
Frau. „Das war knapp! Ich heiße Veri 23-15
und wer bis du?
Sie keuchte noch und schnappte nach
Luft. Ich übermittelte ihr, dass ich zu
den Menschen unterwegs sei, um neue Denkanstöße zu bekommen und Probleme zu
lösen. Das Denken sei nun einmal das Einzige, das mir Lust und Freude bereite.
„Na, da hast du gleich den richtigen
Anstoß bekommen“, erwiderte sie.
„Kommen solche Überfälle öfters vor?“,
fragte ich.
„Ab und zu, aber meistens nachts.
Deswegen bleibe ich da auch immer in meinem Bungalow. Dass sich diese Strolche
tags herauswagen, war bisher noch nicht da. Da muss eine fette Belohnung
winken. Fast hätten sie mir das Gehirn herausgesaugt und das wärs dann
gewesen.“
„Man muss etwas dagegen tun!“,
versuchte ich sie aufzumuntern.
„Aber was? Es war schon immer so?“
Ich senkte mich auf den Boden und
schwieg. Nach einer Weile übermittelte ich ihr das Ergebnis meiner
Überlegungen:
„Ich bin zu einer Lösung gekommen. Die
Bedrohung und das Chaos müssen aufhören. Ich werde mich dafür einsetzen, eine
logische Ordnung einzuführen. Das frische Nervengewebe brauchen wir. Also wird
ein Zufallsgenerator bei Bedarf jeweils einen Menschen als Spender auswählen
und die anderen können ohne Angst leben. Ich mache mich gleich an die
Verwirklichung meines Planes.“
„Warte doch ... Ich weiß nicht ... “, rief sie
mir nach.
Doch ich wollte nicht mehr mit ihr
diskutieren und schwebte davon. Mein Plan hatte Erfolg. Schon nach kurzer Zeit gab
der Zentralcomputer den Namen des ersten Menschen bekannt, der sich als Spender
von frischem Nervengewebe zur Verfügung zu stellen hatte: Veri 23-15. Seitdem
bin ich hier im Asyl für Biorobots mit gestörter Signalverarbeitung.