ACT 4
Kriegsgeflüster (Alles wie früher - Teil 1)
"Miss Peacecraft?"
Aus dem geräumigen Büro der Vizepräsidentin kam keine Antwort.
"Miss Peacecraft?"
Es vergingen einige Minuten, bis Jackall es wagte, die Tür einen kleinen Spalt breit zu öffnen.
"Miss Peacecraft?", flüsterte er leise in den Raum.
Warum nur hatten sie ihn geschickt?
Er war doch kein Laufbursche.
Und zu allem Überfluss schien sie nicht mal da zu sein.
Als er gerade dabei war, die Tür wieder zu schließen, kam es leise aus einer dunklen Ecke:
"Miss Peacecraft ist gegenwärtig abwesend!"
Es war eine hochnäsige, in Jackalls Ohren ziemlich unangenehm klingende Stimme.
"Aber wenn Sie wünschen, so kann ich ihr etwas ausrichten, Mr. ... ?"
"Mein Name ist Jackall."
Mit festem Schritt, doch einem recht mulmigen Gefühl, trat er ins Zimmer.
"Theodor Jackall, ich wurde vom Parteivorsitzenden Albrigth mit einer Botschaft für Miss Relena Peacecraft geschickt."
Aus einem altertümlich aussehenden Lehnstuhl vor den Vorhängen, welche das Büro verdunkelten, erhob sich eine Gestalt, welche sich nun - ins spärliche Dämmerlicht tretend - als ein junges, blondes Mädchen entpuppte. Es war schon recht spät am Abend ... die untergehende Sonne warf ihre letzten glühenden Strahlen auf das Anwesen des Ministerrates. Eine recht ungewöhnliche Zeit für Besucher ... obwohl ... bei näherem Betrachten, jetzt wo er sie etwas deutlicher erkennen konnte, kam Jackall diese merkwürdige Dame doch etwas bekannt vor ... lange Haare, welche durch einen strengen Haarreif zurück gehalten wurden, ausschweifende, elegante Kleider und dann dieser arrogante Ausdruck der Überlegenheit auf ihrem Gesicht, das ...
"Nun, mein Name ist ..."
Wie sie das "mein" betonte ... Jackall verzog angewidert das Gesicht. Er verabscheute Menschen, die derart von sich überzeugt waren.
"... Miss Catalonia!"
NEIN! Als hätte er es nicht geahnt! Dorothy Catalonia!
"Dorothy Catalonia", wiederholte sie mit Nachdruck und reichte ihrem Gast die Hand.
Jackall war sich nicht sicher, ob sie einen Händedruck oder einen Handkuss erwartete.
Er versteifte sich, nahm Haltung an und beugte leicht den Kopf im Sinne einer Verbeugung.
Sein Verlangen, ihre Hand zu berühren, hielt sich - gelinde ausgedrückt - in Grenzen.
Was machte die überhaupt im Büro von Relena Peacecraft?
Nach dem offiziellen Beginn des Krieges war die jetzige Vizepräsidentin nach einigem Zögern dem Ministerrat beigetreten, wo sie schon sehr bald eine pazifistische Gesinnung durchsetzen konnte und als stellvertretende Präsidentin des Rates Einfluss auf die Verhandlungen mit den Black Dragons hätte, so es denn irgendwann welche geben würde ... was sie bisher vorweisen konnten, durfte man ja nur schwerlich als "Verhandlungen" bezeichnen. Gesprächig waren ihre Gegner nämlich nicht gerade ...
Was aber der Punkt war: Allgemein bekannt wurde Dorothy Catalonia als eine überzeugte Anhängerin der neu gegründeten Babel- Fraktion gehandelt. Und da es deren oberstes Ziel war, den Feind ungespitzt in den Boden zu rammen, war es nicht sonderlich verwunderlich, dass Miss Peacecraft schon so einige Male im Bestreben eine friedliche Lösung für den Konflikt zu erzielen mit denen aneinander geraten war. Andererseits ... eigentlich kein Wunder, dass Babel nun SIE hierher schicken würde.
"Nun", Dorothy, die ihre Hand (ungeküsst und ein klein wenig enttäuscht) wieder zurückgezogen hatte, trat hinter Jackall und schloss die Tür. Es lief ihm kalt den Rücken runter ... sie bewegte sich wie eine Katze, die um ihre Beute schlich. "Kann ich ihnen vielleicht helfen, Mr. Jackall?"
Miss Peacecraft und Miss Catalonia verband eine gemeinsame Vergangenheit. Sie waren ... so etwas wie befreundet ... sicher war er sich da nicht so ganz, auf jeden Fall kannten sie sich schon lange ... Doch jetzt, wo er Dorothy Catalonia zum ersten Mal leibhaftig gegenüberstand, zweifelte er, ob sie denn so etwas wie wahre Freundschaft empfinden konnte.
Seit jeher war Jackall eine Person gewesen, die sich auf ihre tiefsten Instinkte verließ, und dadurch oft durch den ersten Eindruck ein bleibendes Bild von den Leuten gewann. Zugegeben, nicht immer das richtige Bild, doch er meinte genug Menschenkenntnis zu besitzen, um zu wissen, dass er sich bei seinem Gegenüber nicht so sehr täuschen könnte.
Er mochte diese Frau einfach nicht ausstehen.
„Ich danke Ihnen, Miss Catalonia“, erwiderte er förmlich, „aber ich muss persönlich mit der Vizepräsidentin sprechen. Wenn Sie vielleicht wissen, wo ich sie auffinden kann?“
Dorothy beäugte ihn interessiert, setzte dann ein übertriebenes Lächeln auf und antwortete in einem gefährlichen Sington: „Tut mir schrecklich leid, da kann ich Ihnen auch nicht behilflich sein.“
Sie trat näher an Jackall heran.
„Möchten Sie, dass ich ihr vielleicht etwas ... ausrichte?“
„Nein, danke. Sie soll mich lediglich so schnell wie möglich anrufen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich muss noch ...“
Er versuchte so schnell wie möglich von hier zu verschwinden, doch Dorothy unterbrach ihn:
„Wie lautet Ihre Nummer, Mr. Jackall?“
Für einen Moment stutzte er und sah sie misstrauisch an. Er traute ihr nicht.
Dennoch zückte er schließlich seine Visitenkarte.
„Es war mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen, Miss Catalonia!“, verabschiedete er sich hastig, als sie die Karte gemächlich entgegen nahm. Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, öffnete er die Tür, verbeugte sich leicht und machte sich davon, bevor ihr noch etwas einfiel, um ihn aufzuhalten.
Das war gar nicht gut.
Er würde sofort über dieses unangenehme und ungewollte Treffen Bericht erstatten müssen.
Allein in dem nun schon fast dunklen Büro zurückbleibend, starrte Dorothy noch eine Weile auf die geschlossene Tür.
„Na, und mir erst!“, lächelte sie verschlagen, währen sie die Karte zwischen ihren Fingern hin- und herdrehte.
Es war schon kurz vor Mitternacht, als sich die Bürotür abermals öffnete, und die Vizepräsidenten im Dunkeln leise hineinhuschte. Noch bevor sie Licht machen konnte, wurde sie von ihrem geduldigen Gast begrüßt:
„Willkommen daheim, Miss Peacecraft!“
Relena erkannte die Stimme sofort und beeilte sich daher nicht allzu sehr damit, den Schalter zu betätigen. Sie wusste, wen sie vorfinden würde.
Dorothy Catalonia.
Diese hatte es sich wieder in dem Lehnstuhl bequem gemacht und die Beine übereinander geschlagen. Herausfordernd sah sie Relena an.
„Hallo, Dorothy!“, meinte jene abgeschlagen, legte ihren Mantel ab und schleifte sich zu ihrem Schreibtisch hinüber. Sie wirkte sehr erschöpft.
Dorothy gab einen gekünstelten Seufzer von sich: „Hach, heute freut sich aber auch niemand, mich zu sehen ... Könntest du als meine Freundin denn nicht wenigstens so tun, als ob?“
„Ach, wir sind Freunde?“, erwiderte Relena kühl, nachdem sie in ihrem Stuhl Platz genommen hatte. Sie war verärgert, dass sie nicht einmal so spät am Abend ihre Ruhe haben konnte, doch gleich daraufhin bereute sie ihre Antwort, denn Dorothy schien dadurch wirklich gekränkt zu sein.
„Bitte verzeih mir, ich meinte es nicht so ...“, wollte sie sich entschuldigen, doch dazu war es offensichtlich zu spät:
„Schon gut, du brauchst dich für nichts zu schämen, liebe Relena! Nur weil wir uns jetzt duzen und einander ein paar Mal geholfen haben, heißt das noch lange nicht, dass uns mehr als eine ... funktionelle Bekanntschaft verbindet!“
„Nein, du bist keine Bekannte, ich bitte dich ...“, versuchte Relena ihren Fehler wieder gut zu machen, doch sie war einfach zu müde für eine ernsthafte Diskussion und ihre "Diskussionspartnerin" war schon in voller Fahrt.
„Es ist nicht zu leugnen, dass wir von jeher verschiedene Positionen vertreten haben ... und auch jetzt haben wir so ziemlich an den entgegengesetztesten Enden der Politik unsere Stellungen bezogen.“
Relena ließ den Kopf in die Hände sinken.
Das konnte noch dauern.
Sie kam gerade erst von einer anstrengenden Tagung auf einer der Kolonien mit dem dortigen militärischen Führungsstab zurück und hatte eigentlich auf einige Stunden erholsamen Schlafs gehofft. Aber einem Selbstgespräch von Dorothy Catalonia beizuwohnen, war ja auch nicht übel.
„Komme ich ungelegen?“, fragte diese plötzlich überraschend.
Relena blickte auf und war doch recht überrascht über das plötzliche Verständnis, das sie in Dorothys Gesicht lesen konnte. Es tat ihr wirklich leid, was sie soeben zu ihr gesagt hatte. Natürlich betrachtete sie sie als ihre Freundin, doch als es plötzlich hieß, dass Miss Catalonia die Babel- Fraktion und damit ein aggressives Vorgehen gegen die Black Dragons unterstützen würde, da fühlte sie sich ... irgendwie verraten. Ja, das war es wahrscheinlich. Sie hatte auf ihre Freundin gehofft ... nicht nur als moralische, sondern auch als politische Unterstützung. Früher mag sie eine begeisterte Kriegsanhängerin gewesen sein, doch seitdem hatte sich Dorothy sehr verändert und war schon in verschiedenen Situationen für den Frieden eingetreten ... nicht selten zusammen mit Relena. Doch jetzt ... es erinnerte sie an die Anfänge dieser "Freundschaft".
"Du hattest Besuch da",meinte Dorothy beifällig und setzte sich auf die Kante von Relenas Schreibtisch.
"Gutaussehenden Besuch", fügte sie betonend hinzu.
"Er schien nicht so geduldig wie du gewesen zu sein", merkte Relena leise an. Sie hatte nicht wirklich Lust, etwas zu sagen.
"Nein", lächelte Dorothy und zog die Visitenkarte hervor. "Nichts desto trotz hat der gute Mr. Albright dennoch wirklich ganz unterhaltsame Laufburschen."
"Mr. Albright?"
Mit einem Schlag war Relena hellwach.
Albright hatte einen Boten zu ihr geschickt?
Es musste wichtig sein ...
Sie stand energisch auf und riss Dorothy die Visitenkarte aus der Hand.
„Theodor Jackall?“, las sie stirnrunzelnd vor, während sie mit einer Hand zum Telefonhörer griff und begann die Nummer einzugeben, welche auf dem kleinen Stück Papier vermerkt war.
„Ja, ich glaube er mochte mich nicht besonders“, fuhr Dorothy ungestört fort. Sie schien wirklich Selbstgespräche zu führen, wobei sie sich von Relenas Anwesenheit jedoch keinesfalls stören ließ. „Aber er kannte mich halt noch nicht. Vielleicht hat er auch schlimme Dinge über mich gehört, was soll‘s.“
Relena hörte ihr überhaupt nicht zu, sondern konzentrierte sich verbissen auf das Läuten am anderen Ende der Leitung.
„Ich glaube, dass er etwas konservativ eingestellt ist“, plapperte ihr Besuch währenddessen munter weiter. „Das erkennt man einfach an dieser strengen Art, wie er sein Haar zurückgekämmt hatte. Aber süß war er dennoch und auf eine reizvolle Art irgendwie naiv. Ich weiß nicht ... ich glaub nicht, dass er schon lange in den Diensten von Albright steht, der hat doch sonst nur so alte Lackaffen und Wichtigtuer um sich herum versammelt, aber der Bursche schien richtig was auf dem Kasten zu haben ...“
„Ja, hallo! Bitte entschuldigen Sie die späte Störung“, wurde sie unsanft von Relena unterbrochen, welche endlich eine Verbindung hatte. „Mein Name ist Relena Peacecraft! Mr. ...“ Sie warf einen unsicheren Blick auf die Visitenkarte, um den Namen nochmals zu lesen. „Mr. Jackall war heute bei mir. Ist er zufällig noch zu erreichen?“
Während sie angestrengt der anderen Stimme am Telefon lauschte, welche ganz offensichtlich nicht die von Herrn Jackall, sondern die einer Assistentin oder Sekretärin war, wurde sie aufmerksam von Dorothy beobachtet.
"Oh, verstehe." Relena klang enttäuscht. Leise Panik flammte in ihr auf. "Können Sie ihm bitte ausrichten, dass ich angerufen habe? Ich bin unter der Nummer meines Büros zu erreichen ..."
"Er wird garantiert mit dir persönlich sprechen wollen", mischte sich Dorothy ein. "Und so wichtig wie die Botschaft sicher ist, wird er bestimmt nicht über ein Telefon darüber reden. Die sind ja so leicht abzuhören!" Sie blickte Relena mit großen Augen an.
"... wenn er die Möglichkeit hat, so bin ich morgen den ganzen Tag über im Landsitz des Ministerrates beschäftigt. Ja ... ja, ich werde mir die Zeit für ihn nehmen ... ich danke ihnen. Nein ... und entschuldigen Sie bitte nochmals die späte Störung. Eine gute Nacht wünsche ich."
Mit einem Seufzen legte sie den Hörer auf und ließ sich in ihren Sessel zurückfallen.
"Heute ist nicht mein Tag!" Erschöpft schlug sie die Hände ins Gesicht.
"Schwere Verhandlungen?", fragte Dorothy unschuldig.
Relena blickte sie böse zwischen den Fingern hervor an.
"Als ob du das nicht wüsstest!"
"Uh", gab Dorothy neckisch von sich. "Sei dir bitte immer der Tatsache bewusst, dass DU diejenige bist, die offensichtlich ein Problem hat, dass wir beide unterschiedlichen Parteien angehören. Aber im Grunde ... verfolgen wir doch eigentlich das gleiche Ziel, oder nicht Relena?"
Sie schwieg einen Moment und sah ihr Gegenüber eindringlich an.
"Wir wollen die Bürger der Erde und der Kolonien schützen! Wir kämpfen doch alle gemeinsam dafür! Da sollten wir es auf jeden Fall vermeiden, dass sich die Obersten mitten in diesem schrecklichen Krieg gegenseitig zu bekämpfen beginnen, oder?"
"Sag das nicht mir! Sag das den Vorsitzenden der Babel- Fraktion! Sie lehnen jegliche Versuche, friedlichen Kontakt zu unseren Feinden aufzunehmen entschieden ab."
"Ja, aber das scheint dich und deinen guten alten Albright nicht sonderlich aufzuhalten, oder?"
Der Ton, in welchem Dorothy dies von sich gab, ließ vermuten, dass hinter dieser Aussage mehr steckte.
"Was willst du damit sagen?", fragte Relena kühl.
Dorothy lehnte sich über den Schreibtisch vor und blickte ihr direkt ins Gesicht. Sie hatte anscheinend die Nase voll und kam jetzt endlich mit ihrem eigentlich Anliegen heraus, weswegen sie den ganzen Tag und die halbe Nacht geduldig in diesem Büro gewartet hatte.
"Man flüstert sich, dass ihr auf eigene Faust Kontakt zu den Black Dragons aufzunehmen versucht!"
Relena hielt Dorothys Blick misstrauisch stand.
"Und dass es euch ... auch gelungen ist!"
Ein kurzes Lächeln stahl sich über deren Lippen, als sie mit Genugtuung beobachtete, wie Relena ausweichend begann die Falten ihres Rockes zu glätten.
"So, sagt man das ...", meinte diese nur desinteressiert.
"Ja, man flüstert sich noch so einiges ... zum Beispiel macht das Gerücht die Runde, dass auch von Seiten unserer Super- Piraten ein Wille zur Kooperation erkenntlich ist ..."
"Nettes Gerücht ..."
"Sag DU mir, ob es wahr ist!", hauchte Dorothy zu ihr kaum hörbar hinüber.
"Haben sie dich deshalb hierher geschickt?", fuhr Relena sie streng an. "Um mich auszuhorchen? Um irgendwelche kursierenden Halbwahrheiten zu bestätigen?"
Dorothy zuckte erschrocken zurück.
Aufgebracht stand Relena auf und begann im Raum auf und ab zu schreiten.
"Wenn Babel etwas von mir wissen will, dann sollen sie gefälligst einen Termin vereinbaren und mich offiziell fragen und nicht unter irgendwelchen Vorwänden Personen zu mir schicken, zu denen ich eine persönliche Bindung habe!"
`Personen, zu denen ich eine persönliche Bindung habe´, fuhr es Dorothy durch den Kopf. `Nette Umschreibung, für das Wort "Freunde"´, dachte sie sich. `Warum sprichst du es nicht aus? Ist denn der Gedanke, Freunde zu besitzen, welche du vielleicht wieder verlieren könntest, nach allem was geschehen ist, wirklich so schmerzvoll für dich? Willst du nie wieder Freunde haben? Das ist keinesfalls dein ernst ... das weiß ich ... und noch bevor ich diesen Raum heute verlassen werde, wirst du das auch wissen.´
"Ich wurde nicht geschickt!", sprach sie letztendlich leise, dennoch deutlich hörbar zu Relena.
Diese drehte sich zu ihr um, sah sie einen Moment lang ernst an und meinte schließlich: "Um so schlimmer ist es ... dass du mich aus eigenem Antrieb aushorchst!"
"Nein, meine liebe Miss Peacecraft!"
Spöttisch schwang sich Dorothy vom Schreibtisch herunter und schlenderte zu den großen Fenstern hinter Relenas Schreibtisch, welche Ausblick auf den spärlich beleuchteten Park vor dem Gebäude gaben, der nun düster und gespenstisch da lag.
"Eigentlich bin ich gekommen ... um mit dir etwas zu ... tratschen!"
Sie lächelte in sich hinein.
"Ich halte nichts von derartigen Spielchen, Dorothy, das weißt du!"
"So, dann willst du also nicht wissen, dass Babel vorhat, dir einen Platz in seinem Gremium anzubieten?", kam es mit übertriebener Gleichgültigkeit zurück.
Relena blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihren Besuch fassungslos an.
Hatte sie sich soeben verhört?
Einen Platz im Gremium?
Einem der wichtigsten Entscheidungszentren dieser ... dieser kriegstreiberischen Organisation?
"Weißt du, nach außen hin mag es so wirken, als würde dieser Krieg von uns allen gemeinsam gekämpft werden und dass wir einheitlich hinter unseren Entscheidungen stehen ..." Dorothy seufzte tief. Es schien von herzen zu kommen. "Aber in Wahrheit ist das doch auch nur ein Trugbild. Ein schönes, das muss ich zugeben, denn in Zeiten wie diesen spendet es Hoffnung und Trost ... und den Soldaten an der Front besonders. Ja, ich glaube, dort stimmt es vielleicht sogar, aber uns beiden ist doch klar, Relena, dass in den oberen Kreisen die Spaltung bereits begonnen hat. Die Mächtigen wittern ihre Chancen noch mächtiger zu werden, man sucht Vorteile, Kompromisse mit dem Feind einzugehen, sich selbst aus all dem heil herauszubringen ... noch ist es ... nichts weiter als ein "Flüstern", das mag sein ... doch es wird lauter werden und wenn wir es deutlich hören, dann wird es zu spät sein!"
Sie drehte sich herum und sah ihre stumme und noch immer perplexe Zuhörerin fest an.
"Und das wird uns letztendlich vernichten! Nicht der Feind ist es, der uns in die Knie zwingt, sondern unsere eigene Gier und Uneinigkeit!"
Sie setzte sich frech in den Sessel, welcher dem Vizepräsidenten zusteht und machte es sich bequem.
"Babel weiß das ... und hat einstimmig entschlossen, dass eine Niederlage, sollte sie denn nicht zu vermeiden sein, durch die Hand unserer Gegner ... und nicht unsere eigene verursacht werden soll!"
Langsam begann Relena sich wieder zu regen. Sie griff nach einem nahe stehenden Schrank, um etwas Halt zu fassen.
"Du hast recht!“, fuhr Dorothy fort. “Wir streben eine militärische Lösung des Problems an, doch wir sind keine Narren! Wenn eine friedliche Lösung - sollte sie denn ernst gemeint sein - den Konflikt beenden könnte, so wären wir nicht so dumm sie einfach auszuschlagen ... An der Front kämpfen auch Mitglieder unserer Fraktion! Duechenne selbst, der Leiter der Streitkräfte der Kolonie L2 und Mitglied des Babel- Gremiums hat zwei Söhne, welche tagtäglich in diesen Kämpfen ihr Leben riskieren! Wir schicken unsere Soldaten nicht sinnlos in den Tod! Aber wir wollen diesen Krieg auch nicht verlieren, denn sonst drohen uns Chaos, Anarchie. Diese Black Dragons müssen gestoppt werden! Und der geeignete Platz dafür ist nun Mal das Schlachtfeld!"
"Ob es nun das All oder die Kolonien, die Erde oder der Vorgarten eines ganz normalen Bürgers ist, ist euch das dabei egal?"
Relena hatte endlich ihre Worte wieder gefunden und genug Fassung gesammelt, um Dorothy etwas entgegensetzen zu können.
"So weit wird es nicht kommen! Dafür haben wir ja schließlich die Gundams aus der drohenden Vergessenheit zurückgeholt!"
Relenas geschockter Gesichtsausdruck machte deutlich, dass auch dies eine für sie unerwartete Neuigkeit war.
"Ups", machte Dorothy lächelnd. "Noch so ein Gerücht, dem du sicher keinen Glauben schenken willst! Aber keine Sorge ..." Sie erhob sich von ihrem Sessel, schritt zu einer kleinen Garderobe neben dem Tisch und nahm ihren Mantel wieder an sich.
"In ein paar Tagen, wirst du dich selbst davon überzeugen können, ob es wahr ist oder nicht!"
Sie machte Anstalten zu gehen, doch Relena versperrte ihr den Weg.
Die Gundams ...
Sollten sie das wirklich getan haben?
Hatten sie wirklich vor, diese Todesmaschinen wieder auf die Menschheit loszulassen?
Und wenn ja ... wer würde sie steuern?
Ein Blick in Dorothys Gesicht gab Relena die Antwort.
Nein ... das durfte einfach nicht wahr sein!!!
Jetzt war wirklich alles wieder wie früher!
Anscheinend hatte niemand auch nur die leiseste Lehre gezogen aus den vorangegangenen Jahren.
Heero ...
Wie konnte er nur ...
Wie ...
Doch Relena stockte in ihren eigenen Gedankengängen ...
... der Krieg in den Vorgärten ganz normaler Bürger ...
Erinnerungen stiegen in ihr auf ...
Erinnerungen an Trümmer, zerstörte Hoffnungen ... verlorene Personen ...
Ihr war klar, wie Heero so etwas tun konnte ...
In seiner Position ... sie war sich nicht sicher, ob sie es nicht auch getan hätte ...
Seit damals hatte sie zu keinem ihrer Freunde mehr Kontakt gehabt.
Sie musste jeden Tag befürchten, von ihrem Tod zu hören. Das sie sich in irgendeinem selbstzerstörerischen Manöver, um den Feind in die Hölle zu befördern, ins Krankenhaus oder gar ins Jenseits gebracht hatten.
Hilde hatte kurz einmal angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie auf einer der kolonialen Wachstationen ihren Dienst antreten würde, doch als Relena sie dort erreichen wollte, war sie bereits versetzt worden und kaum noch aufzufinden.
Seit diesem Tag hatte Relena eine Liste gemacht ... eine kleine Liste, die sie ihrem Sekretär gegeben hatte.
Auf ihr standen Namen ... Namen von Personen, die Relena sehr wichtig waren ... Personen, die, wenn sie für sie anrufen würden, sofort zu ihr durchgestellt werden sollten ... egal ob es mitten in der Nacht war oder sie sich gerade in einer Besprechung befand ... Diese Leute hatten Priorität ... sie würden immer einen kurzfristigen Termin bei ihr bekommen ... Das waren Personen wie Heero Yui, Duo Maxwell oder auch Hilde Schbeiker. Auch Qautre, Trowa und Wufei standen auf der List ... wie auch Alan und Elbie, denen es hoffentlich gut ging ...
Bisher jedoch hatte noch niemand bei ihr angerufen.
Wenn das Telefon klingelte, so nur aus geschäftlichen Gründen.
Neben einigen anderen Personen standen ganz am Ende ihres Zettels noch zwei Namen ... und zwar Lucrezia Noin und Millardo Peacecraft ...
Relena war einfach noch nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben.
Oft hatte sie auch schon überlegt, einen dritten Namen hinzuzuschreiben ... er gehört einfach dazu, zu den Menschen, die ihr am herzen lagen ... doch sie konnte sich nicht dazu überwinden, es war einfach zu schmerzlich. Würde sie diesen Namen hinzuschreiben, so war das, als würde sie auch einsehen, dass sowohl ihr Bruder als auch Noin nicht mehr am Leben waren.
Sie fürchtete es ...
Im Innersten wusste sie es vielleicht ...
Aber so lange sie vor dieser Erkenntnis weglaufen und sich davor verstecken konnte ... so lange würde sie dies auch tun.
Dass Tamara aber tot war ... das konnte sie kaum abstreiten ...
Sie würde nicht mehr anrufen.
Ganz sicher nicht.
Deshalb durfte dieser Name nicht mit auf die Liste.
"Hör auf der Vergangenheit nach zu trauern!", hörte sie plötzlich wie aus weiter Ferne Dorothys Stimme.
Stimmt ja! Sie versperrte ihr noch immer den Weg zur Tür.
"Wo ist die Relena, die immer für die Zukunft gekämpft hat? Wo ist das Mädchen, das die Menschen, die sie liebte, vor allem Unheil beschützen wollte? Wo ist die Erbin des pazifistischen Königreichs Peacecraft?"
Für einen Moment entstand ein kurzes Schweigen, bis es leise von Relena kam: "Sie ist hier!"
Sie lächelte schwach und trat schließlich beiseite.
Für den heutigen Abend hatte sie genug Aufregung gehabt.
Dorothy öffnete die Tür.
Im Hinausgehen drehte sie sich noch einmal zu Relena um: "Mach dir keine Gedanken! Es wird sich alles schon irgendwie ergeben! Babel ist nicht dein Feind, sie ersuchen deinen Rat und deine Unterstützung, da sie fürchten vom Weg abzukommen. Jetzt sind ihre Absichten noch rein und klar: Sie wollen beschützen, was ihnen wertvoll ist ... so wie du ... Man hofft, dass du sie vor den Irrwegen des Kriegs und des Hasses bewahren kannst!" Sie lachte schrill. "Du siehst also, du bist noch immer ein Symbol des Friedens und der Hoffnung! Ich bin hergekommen, um dich darauf vorzubereiten, weil ich wollte, dass du darüber nachdenken kannst, bevor sie dich ansprechen."
Und schon war sie verschwunden.
Aus dem Gang hörte Relena sie noch rufen: "Und halt die Ohren offen! Kriegsgeflüster sollte in seinem Wahrheitswert nicht unterschätzt werden!"
Dorothys Worte hallten in Relenas Kopf wider.
Sie wurde aus ihr einfach nicht mehr schlau ... mal sprach sie von Babel, als ob sie nicht dazugehörte ... mal trat sie als festes Mitglied der Partei auf ... Was war sie nun? Wo stand sie?
Als die Antwort sich in ihrem Geiste breit machte, musste sie lächeln. Eigentlich lag es klar auf der Hand ... und das von Anfang an schon ...
Sie rannte hinaus auf den Gang und die Treppe hinunter, den Weg entlang, den auch Dorothy gegangen sein musste.
`Immerhin war sie hier gewesen, um mich zu warnen´, dachte sich Relena.
Kurz vor dem Ausgang holte sie sie endlich ein.
Völlig außer Atem blieb sie einige Meter von ihr entfernt stehen.
"Ob für oder gegen Babel", brachte sie keuchend hervor, "du stehst hinter mir, nicht wahr, Dorothy?"
Diese lächelte traurig.
"Ob dahinter oder davor ... auf jeden Fall bin ich bei dir, Relena! Und das werde ich immer sein!"
Der Nachtwächter am Empfangstresen sah die beiden Damen überrascht an, hielt sich jedoch dezent aus dem Gespräch heraus.
"Das du das jetzt erst bemerkst!", lachte Dorothy plötzlich spöttisch und drehte sich auf dem Absatz herum.
Noch im Weggehen rief ihr Relena hinterher:
"Du BIST meine Freundin, Dorothy!"
Und sie würde nie wieder daran zweifeln.