Es ist endlich vorbei

Da liegt es in meiner Hand. 
 Es fühlt sich gut an, so gut: zu wissen, dass es bald vorbei sein wird. 
 Die Qualen, die Schmerzen, einfach alles. Ich werde dem ein Ende setzen, 
 gleich, noch heute. 
 Mich hält nichts mehr am Leben. 
 
 Ich bin ein totaler Versager. In der Schule habe ich nichts auf die Reihe 
 bekommen; ich musste sie auch wegen der verschiedenen Missionen häufig 
 wechseln und konnte oft eine Zeitlang gar nicht zur Schule gehen, weil ich 
 einfach keine Gelegenheit hatte. Wenn ich länger an einer Schule war, 
 schrieb ich auch die Klassenarbeiten mit, dann bekam ich schlechte Noten. 
 dass ich nicht dumm bin, weiß ich durch die vielen Tests, die ich bei Doktor 
 J machen musste. Das waren keine Simulationsprogramme gewesen, sondern 
 richtige Klassenarbeiten, wie man sie in der Schule schreibt. Ich kann mich 
 verständigen, konnte mit meinen Sprachkenntnissen immer herausfinden, was 
 ich wissen musste; aber seitdem ich nicht mehr kämpfen muss, seitdem Frieden 
 herrscht, habe ich auch keine Missionen mehr. Und gelebt habe ich nur für 
 die Missionen. 
 dass ich überhaupt noch lebe, waistr eh nur ein Zufall - ein Zufall wie 
 schon so vieles in meinem Leben. 
 
 Warum ich mir damals, nach der verpatzten Mission, nicht das Leben genommen 
 habe, weiß ich noch genau. Ich hatte es vor, aber J kam zu mir und legte mir 
 meine Möglichkeiten dar. Ich dachte damals, es würde wieder besser werden, 
 und ich würde ein normales Leben führen. Ich war so dumm damals - ich hätte 
 wissen müssen, dass ich nie mehr in der Lage sein würde, normal zu leben wie 
 andere Schüler meines Alters. 
 Dieses Jahr würde ich meinen Abschluss machen - den Abschluss, das Tor zur 
 Welt, zum Leben. 
 Dabei habe ich mein Leben doch schon hinter mir. Tagtäglich frage ich mich, 
 wofür es sich überhaupt noch zu leben lohnt, und mir ist immer klarer 
 geworden: Es lohnt sich nicht. Nicht für mich. 
 
 Wahrscheinlich wird es viele geben, die in meinem Alter sind und so denken, 
 die sich dann aber mit Sätzen trösten wie "Das wird schon wieder" oder 
 sonstwas. 
 Wenn eine Glasplatte herunterfällt, ist sie kaputt; man kann sie vielleicht 
 reparieren, aber sie wird nicht mehr so sein wie vorher, man wird die 
 Sprünge sehen wie Narben. Ich habe auch oft versucht, mein Leben in Ordnung 
 zu bringen, zu reparieren; alles auf die Reihe zu bekommen, einen Sinn im 
 Leben zu finden. 
 Doktor J hat meinem Leben in gewisser Weise einen Sinn gegeben, aber 
 dadurch, dass ich diese Missionen erledigte, einen Gundam steuerte, verlor 
 ich auch einen großen Teil meines Lebens. 
 Vielleicht wäre ich ein ganz normaler Jugendlicher, würde in die Schule 
 gehen und ein paar gute wie ein paar schlechte Noten schreiben. Fakt ist 
 aber, ich bin kein normaler Jugendlicher: Ich bin Gundam-Pilot, und ich bin 
 es freiwillig geworden. 
 
 Wieder sehe ich auf das Messer in meiner Hand. Wie würden die anderen 
 reagieren, wenn sie davon wüssten? Wären sie entsetzt? Enttäuscht, dass ich 
 nie zu ihnen gekommen bin, wenn ich Hilfe gebraucht hätte? Ich wollte meine 
 Probleme immer allein lösen und habe dabei gar nicht gemerkt, dass sich 
 manche Probleme nun mal nicht allein lösen lassen. 
 
 Aber nun ist es zu spät. Sie alle werden in ein paar Tagen eine E-Mail 
 erhalten. Ich habe alles vorbereitet, habe genau festgelegt, wann die Mails 
 verschickt werden. 
 Langsam, fast andächtig streiche ich über die Pulsader. Schon verrückt, wie 
 ein einziges Blutgefäß über Leben und Tod entscheiden kann. 
 Das Messer ... Ich packe es fester, bestimmter. So, wie es ist, so ist es 
 gut. 
 Tief schneide ich in meine Haut, sehe, wie das Blut hervorquillt, sehe, wie 
 es meinen Arm hinabläuft und auf den Boden tropft. 
 Um mich herum wird es dunkel ... Schwärze ... endlich. Frieden, Ruhe, das 
 Ende der Qualen. 
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