KAPITEL 8

Freunde


TickTack

TickTack

Die Uhr im Gästesalon tickte unaufhörlich.

Tamara saß auf einem bequemen Sofa und hielt eine Tasse warmen Tee in ihrer Hand.

Sie hatte ja nicht gewusst, wie groß das Anwesen von Quatres Familie war. Sie blickte nachdenklich in ihren Tee, als wenn sie darin etwas anderes sehen würde, als die dunkle warme Flüssigkeit.

Quatre stand in einiger Entfernung und telefonierte.

Jedenfalls versuchte er es.

„Bei Duo geht auch niemand ran“, sagte er dann niedergeschlagen, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er setzte sich neben Tamara auf die Couch und dachte nach. Seine Mutter und seine Schwestern schliefen, da es ja schon so spät war. Schon halb 3 Uhr nachts. Er hatte schon bei Heero angerufen, aber dort hatte niemand abgenommen.

Bei Duo waren die beiden also auch nicht. Hilde schien ebenfalls nicht da zu sein.

Vielleicht übernachtete sie bei Relena? Quatre war recht froh, dass sie nicht da war, denn er wollte sie nicht beunruhigen. Er machte sich überhaupt viele Gedanken über diesen mysteriösen Angriff. Warum? Jetzt so plötzlich und ohne Vorwarnung. Was erhoffte sich der Angreifer davon? War es ein Attentäter? Wenn ja, auf wen war er angesetzt? Doch noch mehr Gedanken machte er sich um Heero und Duo. Warum meldeten sich die beiden nicht?
`Heero wird sich bestimmt nicht kampflos ergeben haben`, dachte Quatre, `und auch Duo ist ein guter Kämpfer. Die beiden haben also gute Chancen, aber wenn sie dennoch ... ach, du liebe Güte!` Quatre verkrampfte sich plötzlich und begann nervös seine Hände durchzuringen. Er wurde rot, denn erst jetzt fiel es ihm auf: Er saß allein mit Tamara in einem Zimmer. Auf der selben Couch. Und ... naja ... die beiden saßen nicht gerade an den entgegengesetzten Enden der Couch. Und wenn Quatre es so recht betrachtete, dann saßen sie sogar recht nah beieinander. Zu nah, als dass er sich gegen die aufkommenden Gedanken und Gefühle wehren konnte.

„Ähm, Tamara ... ich“, begann er stockend und leise. Tamara sah auf und blickte ihn fragend an. Quatre konnte ihr nicht ins Gesicht sehen. Er starrte stur auf den Tisch vor sich.

„Weißt du, ich wollte nur sagen ... ich meine ... du ...du bist ...naja, ich...“

DRIIIIING!!!!!!

Quatre und Tamara wurden durch das Klingeln des Telefons hochgeschreckt. Sie sahen sich erst verdutzt nach der Geräuschquelle um, doch als es ein zweites Mal klingelte, sprang Quatre auf und nahm ab. Tamara sah ihn eine Weile an, bis sich sein Gesichtsausdruck aufhellte und er sich erleichtert zu ihr umdrehte: „Es sind Heero und Duo!“

Tamara sprang nun ebenfalls auf und kam zum Telefon gelaufen, aber Quatre wusste geschickt zu verhindern, dass sie mithören konnte. Der Lautsprecher war defekt und das hätte ihm gerade noch gefehlt: Er und Tamara Kopf an Kopf, Wange an Wange beieinander am selben Hörer. Er hörte still zu, nickte ab und zu und verabschiedete sich dann. Tamara schien über dieses Gespräch etwas enttäuscht zu sein, da sie davon doch im Grunde gar nichts mitbekommen hatte. Als Quatre dann aufgelegt hatte, fragte sie besorgt: „Und? Wie geht es Heero?“ - „Gut. Es geht beiden gut. Ich habe mit Trowa gesprochen. Heero und Duo sind in einem Krankenhaus.“ - „Ein Krankenhaus?“, rief Tamara schockiert aus. „Ist Heero denn verletzt? Quatre, können wir nicht hinfliegen, ich ...“ - „Warte!“, unterbrach Quatre sie sanft. Er drückte Tamara vorsichtig auf die Couch zurück. „Hör zu, wir wollen dich da nicht noch weiter mit hineinziehen. Trowa hat mir die Lage geschildert und mir von Heero genaue Anweisungen übermittelt. Er möchte nicht, dass du auf die Erde kommst. Der unbekannte Angreifer wurde von jemand anderem, den weder Heero noch Duo gesehen haben, zur Strecke gebracht. Trowa wird sich später noch mal am Tatort umsehen und die Sache überprüfen, aber bis er nicht grünes Licht gegeben hat, möchte Heero nicht, dass du hinkommst. Verstehst du? Er hat es zwar nicht gesagt, aber er macht sich Sorgen um dich. Heero hat viele Prellungen und Schürfwunden, eine Platzwunde an der Stirn. Gefährlich sagen die Ärzte ist nur eine starke Verbrennung an seiner Hand, ansonsten geht es ihm gut. Duo hat es schlimmer erwischt. Er hat Splitter ins Bein bekommen und musste operiert werden, aber es sieht gut aus. Er hat ...“ - „Wie lange soll ich denn noch auf L4 bleiben?“, unterbrach Tamara ungeduldig. Es schien sie nicht sonderlich zu interessieren, wie es Duo ging.

„Trowa will die beiden dann im Zirkus verstecken, damit man ihnen keine unangenehmen Fragen stellt, aber er glaubt, dass Heero und Duo am Montag wieder zur Schule kommen ... also nur dieses Wochenende.“

„Na gut, ich schätze mal, das werde ich überleben“, lächelte Tamara Quatre an, so dass dieser fast seinen Kopf verlor und wieder rot wurde. Er erinnerte sich daran, was er Tamara sagen wollte, bevor Trowa angerufen hatte.

Und anscheinend erinnerte sich Tamara auch daran: „Was wolltest du vorhin denn sagen,Quatre?“

Er brachte es einfach nicht fertig, ihr zu sagen, dass es nichts war, oder sie zu belügen. Er musste mit ihr einfach mal darüber reden. Und dieser Moment war einfach ideal dazu.

„Weißt du, Tamara, du bist doch ... eigentlich ... recht hübsch ... und ... nein, also ... eigentlich bist du wunderschön! Und du hast so eine eigene Art, wie du die Menschen verzauberst und ...“

Tamara sah ihn fragend an, doch ihr Blick klärte sich nach und nach auf. Sie wusste, worauf Quatre hinauswollte. Er sah in ihre blauen Augen und bereute es, dass er davon begonnen hatte. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

„...ich meine, ich finde dich wirklich ... ich“

„Quaaaaaaaaaaatreeeeeeeee!“, hörte er da eine zarte kleine Stimme hinter sich.

Eine seiner jüngeren Schwestern hatte sich von hinten an ihn herangeschlichen und zupfte ihm nun an seinen Haaren herum.

Tamara blickte sich um und sah das kleine blonde Mädchen im Nachthemd überrascht an.

„Warum bist du denn noch so spät wach?“, fragte Quatre, der sich auf frischer Tat ertappt fühlte.

„Und warum bist du so rot?“, kam es zurück.

Tamara lächelte. Quatre hingegen war es schlicht weg peinlich. Die Kleine hängte sich um Quatres Schultern und sah Tamara neugierig fragend an.

Quatre bemerkte dies und meinte: „Darf ich vorstellen: Das ist Tamara Yuy, die Schwester von Heero; sie bleibt über das Wochenende bei uns. Tamara, das ist meine Schwester Isabella!“

Tamara lächelte freundlich und gab Isabella die Hand. „Hallo, Isabella. Ich freue mich, dich kennen zu lernen.“

„Hallo, Tante“, erwiderte diese.

Quatre verzog das Gesicht und raunte seiner Schwester leise zu: „Tamara! Nicht Tante!“

„Is gut“, sagte Isabella und dann an Tamara gewandt: „Soll ich dir mein Zimmer zeigen, Tante?“

Quatre zuckte wieder zusammen, doch Tamara lächelte freundlich, nahm Isabellas Hand und sagte freundlich: „Klar, ich freue mich darauf!“

Isabella zog sie zur Tür, doch im Weggehen drehte sich Tamara noch einmal zu Quatre um und sagte sanft: „Hey, Quatre! Lass uns Freunde sein, okay?“

Er sah ihr hinterher. „Gute Freunde!“ Sie verschwand mit Isabella.

Quatre sah ihr noch lange hinterher.

Das war ein Korb.

Wenn ein Mädchen zu einem Jungen sagte, sie würden Freunde sein, dann war das ein Korb. Das wusste auch Quatre, der doch wohlbehütet aufgewachsen war. Aber er war nicht traurig darüber.

Nein! Er lächelte.

Er hatte Tamara tief in die Augen geblickt und diese Augen hatten alles gesagt, was es zu sagen gab. Er hatte darin gelesen, dass Tamara niemals auch nur annähernd die selben Gefühle für ihn aufbringen könnte, wie er für sie. Dass sie ihn niemals lieben könnte. Aber diese Augen sprachen auch von Treue, von Freundschaft und der Hoffnung auf eine schöne Zukunft.

Das hatte er in ihren Augen gelesen.

Quatre freute sich darauf, nochmals in diese Augen einer Freundin zu blicken.

Aber Quatre hatte auch etwas anderes in diesen Augen gesehen.

Etwas Trauriges.

Etwas, von dem ihm sein Gefühl sagte, dass er sich davor in Acht nehmen sollte.

Quatre verdrängte diese Gedanken.

Er mochte Tamara.

Er vertraute ihr, obwohl er sie doch erst seit ein paar Tagen kannte.

Tamara war jetzt eine Freundin.

Eine gute Freundin!

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