KAPITEL 5

Auf zu Trowa!


„Bist du mir jetzt böse?“

Stille.

„Du bist mir böse!“

Keine Reaktion.

„Jetzt komm schon! Was muss ich tun, damit du wieder mit mir redest?“

Keine Antwort.

„HHHHHEEEEEERRRRROOOOOO!!!!!!!“

Heero blieb stehen und drehte sich nun um, sah Tamara streng an. Er konnte einfach nicht anders, wenn sie diesen nängernden Ton draufhatte.

Und dann sah sie ihn auch noch mit diesen treuen Hundeaugen an!

Da konnte Heero einfach nicht widerstehen. Er seufzte tief, ließ den Kopf hängen und ging weiter.

Tamara verstand das Zeichen, holte Heero schnell ein und hängte sich an seinen linken Arm.

Die Sonne stand schon sehr tief und es begann zu dämmern, als die beiden nach Hause gingen.

„Du hast mich wie einen Idioten vorgeführt!“, sagte Heero nachtragend.

„Hab ich nicht!“, kam es schmollend zurück. „Das hast du selbst.“

Sie lächelte Heero so lange an bis er nicht anders konnte und wegsah, um sein eigenes Lächeln zu verbergen.

„Du hast sehr nette Freunde, Heero“, begann Tamara wieder.

„Ja, Tam“, antwortete Heero nachdenklich. „Aber hast du denn keine eigenen? Äh ... also, nicht dass du nicht auch mit meinen Kumpels befreundet sein kannst, aber ...“

Tamara sah betreten auf den Boden. Sie lächelte nicht mehr.

„Wie verstehst du dich mit den Leuten in deiner neuen Klasse?“, fragte Heero behutsam.

Tamara ließ seinen Arm los und trottete nun lustlos neben ihm her.

„Gar nicht“, kam es trotzig zurück. „Ich kann die Typen nicht ab! Ich meine ... ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich komme mit denen nicht klar. Wir streiten uns nicht oder so, und sie sind auch alle nett zu mir, aber ... die sind irgendwie überhaupt nicht auf meiner Wellenlänge! Ich kann mit ihnen über nichts reden. Die Mädels quatschen nur über Make- up oder zerreißen sich die Mäuler über irgendwelche Musiker oder heiße Schultypen und die Jungs ... die kannst`e gleich abhaken, die versuchen dauernd nur, mir unter den Rock zu gucken ... diese elenden Kinder!“ Tamara verzog das Gesicht.

Heero grinste in sich rein: `Hähä, na warte mal, bis du Duo so richtig kennen lernst.`

„Ich bin einfach viel lieber mit Relena und den anderen zusammen.“

Sie sah Heero eindringlich an.

„Ich mag sie wirklich. Ich weiß, ich kenne sie noch nicht so lange wie du, aber ich kann mit ihr diskutieren und philosophieren, sie sagt mir ihre Meinung und heuchelt nicht. So sind auch Quatre und die anderen. Sie haben mir in der Pause das Schulhaus gezeigt und es war echt lustig. Schade, dass du nicht dabei warst.“

Heero sah in die Ferne. Er dachte nach. Tamara wusste zwar, dass er im Krieg gekämpft hatte, aber mehr hatte er ihr darüber auch nicht erzählt. Ob sie wusste, dass Relena, Hilde, Quatre, Duo und Chang auch in diese Sache verwickelt waren? Wusste sie denn, in was für eine eingeschworene Gesellschaft sie sich da hineindrängte?

„Ach ja, und wir haben uns alle zum Wochenende verabredet!“, erwähnte sie ganz nebenbei.

Heero horchte auf und erwiderte leicht verärgert: „Schön für euch.“

„Ich hab gesagt, dass du auch mitkommst!“

„WAS?“ Heero sah sie mit geweiteten und empörten Augen an. Tamara grinste wieder.

„Wir gehen in den Zirkus!“- „Hä?“ Heero konnte es nicht fassen.

„Wir wollen Trowa mal besuchen. Er war ja nicht in der Schule. Hihi ... die waren ganz schön überrascht, dass ich Trowa schon kenne, deshalb ... hey, Heero, hörst du mir zu? Warte! HEERO!“

Doch da nützte alles schreien nichts mehr. Heero lief stur geradeaus und hatte sich vorgenommen kein Wort mehr mit Tamara zu wechseln.

Seit nicht mal zwei Monaten wohnte sie bei ihm als seine nächste Verwandte und bisher ging alles gut. Ja, das Leben war schön mit ihr! Und kaum lernt sie Relena und die restlichen Piloten kennen, beginnt sie sein Leben vorherzubestimmen und ihn ohne sein Wissen zu verplanen. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn ihn vorher jemand gefragt hätte.

`Na dann, auf zu Trowa!`,dachte Heero missmutig.


„Wo bleiben die denn?“, maulte Duo nun schon am frühen Morgen herum.

Die Sonne schien, das Wetter war herrlich, es war Wochenende ... und er hatte nun schon zum 15. Mal bei Heero und Tamara geklingelt. Er, Hilde, Relena, Quatre und Chang wollten die beiden abholen und sich bei der Gelegenheit auch gleich mal Heeros neue Bude ansehen. Er und seine Schwester wohnten in einem kleinen Einfamilienhaus. Tamara hatte die Wohnung aufgetrieben und zu einem Spottpreis von ihren Ersparnissen erstanden. Heero wusste nicht, wie sie das angestellt hatte, und es war ihm irgendwie auch egal, denn die beiden brauchten eine Bleibe auf der Erde, die nicht so weit von der Schule weg war, da Tamara leicht reisekrank wurde. Das Häuschen lag abgeschieden und still und war - sehr zu Relenas Missfallen - nicht besonders gut gepflegt. Anscheinend waren Heero und Tamara beide kleine Schlamper. Aber drinnen sah es vielleicht besser aus ... wenn man in das Haus ja mal reinkäme!!!!! Duo klingelte nun schon zum 16. Mal! (Ja, er zählte mit!)

„TAAAAAMAAAAAARAAAAAAAAA!!!!!!!“, ertönte plötzlich Heeros schlechtgelaunte Stimme von drinnen.

„Verdammt noch mal! Jetzt mach endlich die beschissene Tür auf!!!!“

Duo und die anderen sahen verdutzt auf das Haus. Wäre die Tür nicht abgeschlossen gewesen, dann hätte er sich ja schon längst selbst zum Hereinkommen eingeladen, aber im neuen Haus seines Freundes gleich beim ersten Besuch die Tür einzutreten schickte sich einfach nicht.

„Uuuaahhhhhhh“, ertönte es nun aus dem zweiten Stock. „Ich will nicht“, konnte man Tamara aus dem zweiten Stock meckern hören. „Es sind DEINE Freunde! Mach DU doch auf!“

Eine Weile Stille. Dann erdröhnte wieder Heeros Stimme: „Es sind jetzt auch DEINE Freunde!“

Keine Antwort.

„Du kannst doch nicht den ganzen Tag lang pennen!!!!!“

Tamara gab sich wirklich alle Mühe, Heero zu ignorieren. „Du wirst schon sehen, wie ich das kann! Ich hab keinen Bock mehr! Die sollen weggehen!!!!!“

Also jetzt war Duo absolut baff. Tamara schien ein echter Morgenmuffel zu sein.

„So `ne Kacke“, begann Heero wieder zu fluchen. „DU HAST SIE EINGELADEN! DU HAST DIE VERDAMMTE TÜR ABGESCHLOSSEN! ALSO SCHWING ENDLICH DEINEN FAULEN HINTERN AUS DEN FEDERN UND MACH AUF!!!“

„Au, Mann. Heero scheint heute aber auch nicht gut drauf zu sein“, murmelte Hilde leise.

Irgendwas im Haus polterte ganz laut und fiel zu Boden, jemand schien die Treppe runter zu kommen - zu stampfen wäre der passendere Ausdruck - und Duo wollte gerade zum 17. Mal klingeln, als gewaltsam von innen am Schloss gerüttelt wurde und dann mit einem gewaltigen Schwung die Tür aufgerissen wurde. Und da stand Tamara. Im Pyjama. Ohne Hausschuhe. Und mit einer echt miesen Stinklaune.

Duo starrte ihr direkt ins Gesicht. Oder besser gesagt: in den großzügigen Ausschnitt ihres Pyjamas.

Tamaras scharfen Augen entging dies natürlich nicht und ihr bisher schon miesgelauntes Gesicht wurde (neben einer leichten Errötung) noch viel missmutiger. Genauso schwungvoll wie sie die Tür aufgerissen hatte, schlug sie sie nun nämlich auch wieder zu. Und zwar genau in Duos Gesicht!

„Autsch“, jaulte er auf, fiel zurück und hielt sich seine schmerzende Nase.

Hilde ging eiskalt an ihm vorbei, öffnete die Tür wieder und ging ins Haus. Auch Relena und die beiden anderen Jungen beachteten Duo nicht weiter und traten ein.

Das Haus sah von innen wirklich sehr gemütlich aus und wenn auch nicht vorbildlich, so war es doch recht gut gepflegt. Relena war sichtlich erstaunt.

Duo kam nun zur Tür hereingeschlichen, erblickte Tamara, wie sie noch immer im Pyjama am Treppenaufgang zum zweiten Stock stand und maulte sie voll: „Ich wette, du hast mir die Nase gebrochen!“ - „Oh, armes Baby! Soll ich schnell einen Arzt für dein Aua rufen?“, kam es frech zurück.

`Mensch, Tamara kann echt fies sein`, dachte Duo und knurrte sie unmerklich an.

Quatre hatte in der Zwischenzeit Heero in der Küche erblickt, welche nur durch einen kleinen Tresen vom Wohnzimmer getrennt war. „Hey, Heero ...“, begann er freundlich, wurde aber gleich von ihm unterbrochen: „Lass mich! Bin gleich soweit!Gnnnhhhh!“

Chang riss sich widerwillig von Tamaras Anblick los und lugte nun auch in die Küche: Da saß Heero auf dem Fußboden und hantierte mit allerhand Werkzeug herum, um eine Mikrowelle zu reparieren. Es sah echt kompliziert aus. „Was is`n da passiert?“, fragte Chang.

„Hn“, stieß Heero aus. „Mademoiselle hat wieder mal ihre Wieviel - kann - ich - gleichzeitig - in - eine - Mikrowelle - schieben - Spielchen gespielt! Das war zuviel für das Mistding! Und wag es jetzt ja nicht zu lachen, Duo“, rief er ins Wohnzimmer, „denn es ist gar nicht lustig, die ganze Nacht an dem Ding rumzuwerkeln!“

„Seltsam“, bemerkte Duo nur, „du kannst einen Gundam mit minimalem Werkzeugeinsatz in Null Komma Nichts reparieren, aber eine einfache Mikrowelle kriegst du nicht hin?“ Er lachte.

Tamara stutzte einen Moment, dann rief sie in die Küche: „Lass jetzt die doofe Mikrowelle, Heero, wir wollen los!“ - „Ach, plötzlich?“, kam es böse zurück. „Willst du etwa im Pyjama zum Zirkus?“ Heero sah über den Tresen nach Tamara, was sich als ein Fehler erwies, denn kaum hatte er seinen Kopf vorgeschoben, als auch schon ein Sofakissen im vollen Flug voll dagegenprallte. Tamara, die hinterhältige Werferin, ergriff schnell die Flucht und verschwand in ihrem Zimmer im zweiten Stock. Quatre nahm Heero das Kissen aus der Hand und brachte es ins Wohnzimmer zurück, während Relena und Chang ihm wieder auf die Beine halfen und Hilde die nun wohl unreparabel beschädigte Mikrowelle auf den Küchentisch stellte.

„Wow, ist Tamara jeden Morgen so drauf?“, fragte Relena.

„Nein, normaler Weise ... noch schlechter“, brummte Heero. „Ihr kennt sie einfach noch nicht richtig! Sie hat voll die Macken!“

„Na, wenn wir dich aushalten Heero“, ließ sich Duo vernehmen, „dann werden wir es wohl auch mit ihr aufnehmen können, oder nicht?“ Heero sah ihn nur genervt an.

„HEERO“, erschallte es aus dem zweiten Stock, „weißt du, wo ich meinen schwarzen Minirock hingetan hab?“

„Minirock?“, horchten Duo, Quatre und Chang auf. Hilde und Relena schüttelten nur den Kopf.

„Was weiß ich, wo du deinen Kram wieder hingeschlumpert hast! Zieh was anderes an!“, schrie Heero zurück.

„Kommuniziert ihr immer so? Durch geschlossene Türen hindurch, meine ich“, fragte Hilde vorsichtig. Die beiden schrien sich echt den ganzen Morgen lang nur an. Heero sah sie fragend an, als es wieder von oben kam: „Aber ich wollte ihn doch heute unbedingt anziehen? Was soll ich denn jetzt machen?“

„Ist mir egal!“, schrie Heero zurück. „Du hast noch drei Minuten, dann gehen wir ohne dich!“

„NEIN!“ Einige Momente Stille.

„Noch 2 Minuten!“, rief Heero drohend.

„Warte, ich beeil mich ja!“ Oben begann es zu poltern.

„Noch eine Minute!“

„Gleich ... autsch, verd...“Das Poltern nahm zu.

„Das war`s! Wir gehen!“, sagte Heero bestimmt und stand auf.

„Hey, die Minute ist noch niemals vorbei, du mieser Betrüger, du ...“ Und mit diesen Worten kam Tamara aus ihrem Zimmer gestolpert, wie immer in schwarz, mit einem schicken schwarzen Faltenrock und einer leichten Überziehjacke. Sie hüpfte die Treppe hinunter und versuchte sich dabei krampfhaft ihre Stiefel anzuziehen. „Wir können los!“, brachte sie hektisch und atemlos hervor.

Chang und Quatre starrten sie an, denn Tamara sah wieder mal hinreißend aus. Duo hingegen setzte sein Pokerface auf. Er hatte zwei Tage lang Zeit gehabt, sich an sie zu gewöhnen und seine Sprachlosigkeit und Röte bei ihrem Erscheinen unter Kontrolle zu bringen.

Die Gruppe brach unter Gelächter und starkem Radau zum Zirkus auf. Hätten Tamara und Heero Nachbarn gehabt, so hätten sich diese bestimmt über den Krach am frühen Morgen beschwert.

Na dann, auf zum Zirkus! Und: Auf zu Trowa!


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