KAPITEL 4
Schöne heile Welt - Die Zweite
Oh, Gott ... wenn dieser Tag so wird wie der gestrige, dann geb ich mir die Kugel, jammerte Duo am Morgen des nächsten Tages.
Reiß dich zusammen und hör auf rumzuheulen, mahnte ihn Hilde streng und sah sich im Klassenraum um. Es würde jeden Moment zum Unterricht klingeln. Chang und Heero saßen lustlos auf ihren Plätzen, während Quatre geschäftig seine Schulsachen ordnete. Sie sprachen kaum.
Nur Relena fehlte noch.
Und Trowa.
Also, was mit Trowa ist, weiß ich nicht, aber ... ich glaube nicht, dass Relena heute noch kommt, meinte Hilde schließlich.
Glaubst du, sie ist so sauer auf Heero?, fragte Duo.
Ich weiß nicht, ob sie überhaupt noch mal wieder kommen wird, sagte sie nachdenklich. Duo sah sie ernst an (was echt selten vorkommt): Meinst du, das ist das Ende?
Unter Freunden war schon längst klar geworden, dass sich zwischen Heero und Relena eine Beziehung der ganz besonderen Art entwickelt hatte, aber etwas Festes stand bisher nicht fest und es wäre schade, wenn das alles nun zerbrechen würde.
Das Stundenklingeln unterbrach ihre Unterhaltung. Der Unterricht begann quälend langweilig. Mathematik. Intergral- und Differentialrechnung. Als ob moderne Rechner das nicht von alleine könnten. Duo hatte echt null Bock, sich wie Quatre auf den Unterricht zu konzentrieren und heckte gerade irgendeinen gemeinen Scherz aus, als es an der Tür klopfte.
Der Lehrer unterbrach für einen Augenblick seine `hochinteressanten` Ausführungen (sehr zu Quatres Leidwesen und Duos Freude) und begab sich zur Tür. Er war es gewohnt, dass sein Unterricht ständig unterbrochen wurde, schließlich hatte er ja 5 Gundam Piloten in der Klasse gehabt. Er tuschelte etwas mit dem Störenfried und ließ dann Relena Peacecraft in die Klasse. Sie strahlte über das ganze Gesicht, hatte leicht gerötete Wangen und huschte geräuschlos an ihren Platz, wo sie schnell einige Sachen auspackte.
Bevor sie jedoch ihre Aufmerksamkeit - jedenfalls einen Teil davon - auf den Unterricht richtete, drehte sie sich nach hinten um und lächelte Heero herzlich an.
Guten Morgen, grüßte sie ihn glücklich.
Hn, war die gewohnte Antwort, was Relenas Glücksgefühl nur zu verstärken schien.
Duo, der das alles mit angesehen und gehört hatte, kapierte gar nichts mehr. Quatre und Chang schienen auch verwirrt zu sein, aber sie versuchten sich nichts anmerken zu lassen.
Hey, Hilde!, flüsterte Duo, ich hab ja schon mal was von `Vergeben und Vergessen` und von `Liebe deinen Feind` gehört, aber WAS IST HIER LOS?
Was weiß ich?, zischte Hilde verärgert, Warte gefälligst bis zur Pause!
Hey, die Pause ist erst in ...
Möchten sie etwas produktives zum Unterricht beitragen, Mister Maxwell?, traf die scharfe Stimme des Lehrers Duo plötzlich wie ein Blitz.
Ah, hähähähäh, grinste dieser zurück, ich hab gerade nur bemerkt, wie hochinteressant doch die höhere Mathematik ist, wenn ich an all diese niedlichen Integrationszeichen und Intervallsymbole denke. Duo grinste unverschämt unter dem Lachen seiner Mitschüler.
Der Lehrer fühlte sich blamiert. Er brannte regelrecht darauf, Duo diese Frechheit heimzuzahlen.
Gut, Mister Maxwell, dann seinen sie doch so freundlich und zeichnen mir einige dieser `niedlichen Integrationszeichen und Intervallsymbole` auf ein geeinzeltes Blatt, welches ich dann entsprechend ihren Leistungen bewerten kann!
Die Klasse lachte wieder, nur Duo grinste jetzt nicht mehr.
Einige Minuten lang versuchte er dann auch wirklich, sich auf die Aufgaben zu konzentrieren. Jedenfalls so lange, bis Quatre ihm den Brief gab.
Quatre, welcher in der letzten Reihe neben Duo auf Trowas Platz saß, hatte Relenas Freude bemerkt und vermutete dahinter einige aufklärende Ergebnisse in Sachen `Kampf gegen die blonde Schönheit`. Daher hatte er, ganz entgegen seinen strebermäßigen Gewohnheiten, ein kleines Zettelchen an Relena geschrieben, welches Duo erst Heero und dieser dann Relena weiterreichen sollte.
Doch als Duo den sorgsam gefalteten Papierbatzen mit der zierlichen Aufschrift AN RELENA in den Händen hielt, übermannte ihn (wieder mal) seine Neugier und er begann leise, so dass Quatre es nicht mitbekommen sollte, den Zettel zu entfalten.
`So`n, Mist`, dachte er dabei, `Quatre, was faltest du diese Briefchen auch immer so komliziert! Die kriegt ja keiner mehr auf ... das ist doch ...`
Autsch, durchzuckte es Duo plötzlich.
Quatre hatte sein kleines Lunzmanöver bemerkt und Duo böse mit dem Sift in die Hand gestochen.
Duo sah Quatre mitleidig an, doch da ihm von diesem lediglich ein mahnender Blick entgegen kam, begnügte sich Duo damit, seine `verletzte` Hand zu pusten und den halbgeöffneten Brief an Heero weiterzureichen. Dieser verdrehte zwar die Augen, reichte den Fetzen jedoch ohne weitere Widerworte an den Empfänger weiter.
Als Relena ihn gelesen hatte, drehte sie sich nur kurz nach Quatre um, lächelte und begann dann den Brief zu beantworten.
Minuten qualvollen Wartens vergingen.
Dann traf die Antwort ein.
Heero hielt hinter seinem Stuhl den gefalteten Zettel hoch. Duo sah ihn. Und er sah auch ganz deutlich die fette rote Schrift, mit welcher Relena ihre Rückantwort verziert hatte:
AN QUATRE und darunter stand:
WAG ES NICHT; DUO MAXWELL; ODER DU WIRST ES BEREUEN!
Duo nahm unbemerkt das Briefchen von Heero und ließ es unter seinem Heft verschwinden.
`Sie droht mir. Wie süß!`, dachte er hinterhältig.
Quatre war gerade mit hochkomplizierten Aufgaben beschäftigt - zu kompliziert für Duos Geschmack - so dass er nicht auf seinen neugierigen Banknachbarn achtete.
Duo nutzte dies aus und lehnte sich mit dem Stuhl weit zurück, so dass er sich nicht mehr in Quatres Blickfeld befand und während er so unauffällig kippelte, zog er schnell das Briefchen hervor und öffnete es (diesmal aber schneller, denn Relena schien nicht über Quatres Faltkünste zu verfügen).
Genüsslich zog er sich den Inhalt rein:
Du weißt doch etwas, Relena! Wer ist das blonde Mädchen von gestern?, hatte Quatre geschrieben.
`Aha!`, dachte Duo, `darum geht es! Das will ich auch wissen!`
Relenas Antwort:
Du bist ein Schnellmerker, Quatre. Halt dich fest! Sie ist ...
Quatre war ganz in seine Aufgaben vertieft und bemerkte gar nicht Duos Spionagetätigkeit, als er plötzlich von einem schrecklichen Gepolter neben sich aufgeschreckt wurde, gefolgt von einem kräftigen AUUUUUUUUUUTTTTSSSSSCCCHHHH! Verfluchte Sch.....
Duo war umgefallen und ziemlich derb auf dem Boden gelandet - samt seinem Stuhl. Tja, beim Abfangen solch brisanter Nachrichten sollte man halt nicht kippeln.
Während Duo sich seinen schmerzenden Schädel hielt und sich langsam wieder aufrappelte, schnappte sich Quatre den Brief, welchen er sofort erblickte, und las Relenas Antwort.
...Schwester!!!!!!!
Das war das Wort, bis zu dem Duo gekommen war und das eine solche Schockreaktion bei ihm ausgelöst hatte.
Schwester.
Quatre hatte nun auch Probleme sich auf seinem Stuhl zu halten. Er und Duo sahen sich fragend an.
Schester?
Relena drehte sich wieder um und lächelte geimnisvoll.
Auch Heero hatte sich umgedreht. Aber er lächelte nicht. Genausowenig, wie der Lehrer, welcher nun nach Duos Aufzeichnungen verlangte, welche - ehrlich gesagt - bei weitem nicht so umfangreich waren, wie sie es hätten sein sollen.
Der Rest der Stunde war für Duo und Quatre eine Qual. Sie saßen auf ihren Stühlen wie auf Kohlenzangen. Der Lehrer hatte sie nun nach diesen Vorfällen wachsam im Auge, so dass irgendeine Art von Kommunikation unmöglich war. Sie warteten nur noch sehnsüchtig auf das erlösende Stundenklingeln.
Duo sah ständig auf die Uhr, bis er dann seinen innerlichen Countdown auslöste:
`59, 58, 57, 56, 55, 54, 53, 52, ..., 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, Zero!`
DDDDDDRRRRRRRRRRIIIIIIINNNNNNNNNGGGGGGGGGGGGGGGGGGGGGGG!!!!!!!!!!!
Es war weniger wie ein Schulläuten, eher wie ein Startschuss; denn kaum war der Ton verklungen kam es wie Schüsse auf Relena zu:
Was soll das denn heißen? - Woher weißt du das? - Ist das sicher? - Das ist doch eigentlich gar nichht möglich! Duo und Quatre redeten wild durcheinander, bis Hilde endlich eingriff und beide zur Seite zerrte, wo sie sich einigermaßen beruhigten.
Relena drehte sich währenddessen in aller Ruhe zu Heero um und fragte:
Warum hast du mir denn nicht erzählt, dass du eine Schwester hast?
Totenstille.
Heero sah sie überrascht an. Woher wusste sie das?
Chang fielen vor Überraschung fast die Augen aus dem Gesicht und auch Hilde gab eine recht seltsame Mimik zum besten. Und dann kamen wieder die Schüsse:
SCHWESTER? - Woher denn so plötzlich? - Doch nicht etwa die kleine Blonde von gestern, oder? - Aber vor 2 Monaten hattest du doch noch keine? - Wo hast du die denn so schnell her? Wachsen solche Schwestern denn irgendwo auf Bäumen? Ich will auch so eine! (Von wem dieser idiotische Kommentar wohl kam?)
Alles redete wirr durcheinander ... bis sie endlich einsahen, dass Heero überhaupt nicht gewillt war, auch nur eine dieser Fragen zu beantworten. Seine Stimmung wurde immer mieser und er blickte Relena grimmig an.
Diese sagte freundlich: Ihr Name ist Tamara Yuy! Sie und Heero haben sich durch Zufall auf einer Krankenstation auf einer Randkolonie getroffen, wo der zuständige Arzt eine gewisse genetische Identität feststellte, was darauf schließen ließ, dass Tamara Heeros Schwester ist! Sie lächelte.
Heero lächelte nicht.
Es ist mir etwas peinlich, fuhr sie fort, ich hatte sie mir gestern nach der Schule zur Seite genommen und mich mit ihr mal ausgesprochen und im ersten Moment war ich natürlich auch total weg, aber heute morgen dann habe ich mich nochmal mit ihr getroffen und da hat sie mich dann etwas ins Bild gerückt!
Alle hatten sich um Relena versammelt, als Heero wütend, aber leise fragte:
Was fällt dir eigentlich ein, sie zur Seite zu nehmen und hinter meinem Rücken...
TAMARA!, rief Relena plötzlich laut aus. Sie schien Heeros drohenden Wutanfall völlig zu ignorieren.
Alle drehten sich zur Tür und sahen dort die kleine Blonde von gestern, Tamara.
Relena lachte, sprang auf und rannte wie ein kleines Kind zur Tür, wo sie das schüchterne Mädchen an den Händen packte und ins Klassenzimmer zerrte.
Komm, ich stelle dir Heeros Freunde vor!
Widerwillig ließ sich Tamara wegzerren, denn ihr war die Situation etwas peinlich. Relena anscheinend aber nicht.
Darf ich vorstellen: Das ist Hilde Schbeiker! Hilde lächelte und verbeugte sich höflich. Das ist Chang Wufei! Chang sah Tamara nur aus großen Augen an. Das sind Quatre Raberba Winner und Duo Maxwell! Beide hatten alle Mühe nicht wie reife Tomaten auszusehen. Und das ist ... naja, das sieht wie ein Heero kurz vor einer atomaren Kernexplosion aus! Heero schien echt gleich zu explodieren. Darf ich vorstellen: Das ist Tamara Yuy, Heeros Schwester, die er uns wohl vorenthalten wollte! Dieser leichte Vorwurf in Relenas Stimme war wohl nicht zu überhören.
Tamara verbeugte sich ebenfalls höflich und lächelte die seltsame Runde etwas verlegen an.
Freut mich, euch kennen zu lernen, ließ sie ihre melodische Stimme erklingen.
Wow, dass Heero eine Schwester haben soll ..., Hilde war etwas sprachlos.
Wundern würde es mich nicht, ließ Quatre vernehmen. Immerhin kannte Heero seine Eltern nicht. Und eine gewisse Ähnlichkeit zwischen euch beiden ist ja nun nicht zu verleugnen!
Tatsächlich sahen sich Heero und Tamara aus der Nähe betrachtet recht ähnlich.
Diese rümpfte jedoch verspielt die Nase, zog die Augenbrauen zusammen und fragte mit gespieltem Ernst: War das jetzt eine Beleidigung?
Die Gruppe lachte auf. Damit war das Eis vorerst gebrochen.
WAS SOLL DAS EIGENTLICH? TAMARA!, rief nur Heero aufgebracht aus.
Was soll was?, kam die prompte Frage zurück. Habe ich etwa nicht das Recht, deine Freunde kennenzulernen?
Du hättest mich vorwarnen können! Statt dessen kommst du einfach so mir nichts dir nichts hier hereingeschneit und machst einen auf vertraut mit Relena!
Relena genoss diese Eifersucht in Heeros Stimme sichtlich. Doch Tamara lächelte ihn nur verführerisch an und fragte herausfordernd:
Hey, du willst mir jetzt doch nicht etwa eine Szene machen, oder, Bruderherzchen?
Also das war Heero echt peinlich. Während sich nun alle über das Bruderherzchen amüsierten, versuchte Heero krampfhaft seine Fassung zu bewahren und seine peinliche Röte zu verbergen.
Sieh zu, dass du abhaust!, rief er Tamara eingeschnappt zu, welche spielerisch hinter Hilde Schutz suchte. Dein Unterricht fängt bald an und es macht einen schlechten Eindruck, wenn du zu spät kommst! Also zieh endlich Leine! Heero war unhöflich. Und laut.
Aber Tamara lächelte nur, verschränkte die Arme hinter ihrem Rücken und hüpfte leichtfüßig zur Tür. Na, wenn du mich unbedingt loswerden willst? Ich geh ja schon!
Ja! Und wag es bloß nicht noch mal hier aufzutauchen!, rief er seiner verschwindenen Schwester noch hinterher.
Keine Sorge, meldete sich nun auch endlich Duo zu Wort. In der nächsten Pause kommen WIR dich besuchen! BYE!!!
Heero sah Duo entgeistert an. Alle schienen ihm in den Rücken zu fallen. Er hatte die Situation nicht mehr unter Kontrolle.
Tamara winkte nochmal, bevor sie endgültig den Raum verließ, begleitet von den sehnsüchtigen Blicken der restlichen männlichen Belegschaft dieses Klassenraums, die Heeros Clique ernsthaft um diese Ehre beneideten, Tamara kennen zu dürfen.
Also, du warst echt unhöflich, Heero!, schalt ihn Relena.
Halt den Mund!, fauchte dieser zurück. Möchte echt wissen, was du mit Tamara zu schaffen hast, immerhin...
Immerhin ist sie ein nettes Mädchen, in dem ich eine potentielle Freundin sehe und die ich gerne näher kennenlernen würde, schnitt ihm Relena das Wort ab.
Heero wollte gerade etwas erwidern, als der Lehrer begleitet vom erneuten Unterrichtsklingeln den Raum betrat.
Flüsternd raunte Heero Relena zu: Das geht dich nichts an!
Relena lächelte überlegen zurück. Wir werden sehen!
Hn!
Duo betrachtete die beiden lächelnd. Zufrieden lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und murmelte leise: Die Nachrichtenstationen haben die große Ehre, ihnen die freudige Nachricht zu verkünden, dass die gefürchtete Schweigeritis soeben bis auf weiteres besiegt wurde!
Zu spät bemerkte die verständnislosen Blicke von Quatre und Chang.
Letzterer ließ den Kommentar vernehmen: Hör mal, Duo! Ich hab da von so`n paar Ärzten auf L4 gehört, die sollen sich auf solche Fälle wie dich spezialisiert haben. Ehrlich mal, die können dir vielleicht helfen .... ich glaube, man nennt sie dort `Klappsdoktoren`!
Hahaha, erschallte nun Duos verächtliches Lachen. Es erschallte wohl etwas zu laut, denn auch der Lehrer wollte nun den Grund für Duos erneute Heiterkeit erfahren.
Relena lächelte glücklich.
Sie war dankbar, dass ihre kleine schöne heile Welt nicht zerbrochen ist.
Schweigeritis ist besiegt worden.
Bis auf weiteres jdenfalls.