KAPITEL 12
Der Beginn des Zerfalls
Ach, du Scheiße! Chang! Wie siehst du denn aus?
Duo wäre fast von seinen Krücken gefallen, als er am nächsten Schultagmorgen Chang im Klassenraum sah. Und Wufei sah echt übel aus: Er hatte eine verbundene Platzwunde am Kopf und eine angeschwollene Oberlippe.
Du wurdest doch nicht etwa auch von diesem unbekannten Angreifer zusammengeschlagen?, machte sich Hilde Sorgen.
Pah!, ging Chang sie an. So `ne blöde Idee! Dann wäre ich heute doch bestimmt nicht in die Schule gekommen!
Genau, Hilde, machte sich Duo nun über seine beleidigte Mitbewohnerin lustig. Wie kommst du nur auf so eine dumme Idee! Dann wäre Chang doch jetzt bestimmt auf einem einsamen Rachefeldzug, um der Gerechtigkeit genüge zu tun.
Wufei blitzte Duo gefährlich an.
Er sagt, dass er mit einem neuem Trainingspartner einen kleinen Nahkampf ausgetragen hat, aber er will uns einfach nicht verraten, wer das ist, berichtete Quatre.
Gib`s doch zu, Chang!, mischte sich nun auch Tamara ein, welche neben ihrem schweigsamen Bruder saß. Du hast dich doch bestimmt mit Alan geprügelt, oder? Sie gaffte ihn neugierig an.
Onna no baka, zischte Chang zwischen den Zähnen hindurch.
Woher weißt du denn davon, Tam?, fragte Quatre sie überrascht.
Mensch, Quatre! Die ganze Schule redet doch schon darüber! Sag schon, Chang, habt ihr euch geprügelt?, nervte sie weiter. Mir kannst du es doch verraten!
Jaja, Tamara Yuy, die alte Klatschtante! Diese Seite kennen wir von dir ja noch gar nicht!, begann Duo zu sticheln, als er sich auf seinen Platz setzte.
Jaja, Duo Maxwell, der ewige Versager und Nichtskönner! Tamara grinste ihn überlegen an, doch Duo machte nur ein fragendes Gesicht, weil er anscheinend nicht verstand, wovon sie sprach.
Das beweist jedenfalls diese Note, Tamara hielt einige Zettel, die auf Duos Platz lagen hoch, die dir der Lehrer auf deine Ausarbeitungen am ersten Schultag gegeben hat!
Duo blieb fast der Atem weg. So ein Mist! Da hatte dieses kleine Miststück doch tatsächlich seine Arbeit in die Griffel bekommen.
Her damit, alte Kleptomanin!, rief er aus und versuchte ihr die Zettel wegzunehmen. Doch Tamara entwischte ihm geschickt und reichte die Note in der ganzen Gruppe rum.
Was? Mensch, Duo! Diese Note hatte ich echt nicht von dir erwartet!, rief Quatre aus.
Was denn?, fragte Duo. Ist sie so gut?
Na, rate doch mal!, neckte Tamara ihn weiter. Es ist eine wunderschöne runde Zahl ohne irgendwelche Ecken!
Duo überlegte einen Augenblick ... Es war keine 1 ... und keine 4 ... aber auch keine 3 oder 2 oder 5, denn die hatten ja alle eine Ecke ... blieb nur noch eine Note übrig ...
Bäh, ich will gar nicht mehr wissen, was ich hab! Duo sank auf seiner Bank zusammen und begann vor sich hin zu vegetieren. Alle sahen ihn einen Moment lang schweigend an.
Wer ist denn hier gestorben?, erklang von hinten Elbies Stimme.
Tamara blickte sich um und rief fröhlich: Duo! Er wird dieses Jahr ganz bestimmt in Mathematik durchfallen! - Halt doch mal deine dämliche Klappe!, kam es von dort scharf zurück.
Oh, bei euch herrscht ja `ne tolle Stimmung, beschwerte sich nun auch Alan.
Als Tamara ihn erblickte, stutzte sie jedoch. Sie hatte wirklich angenommen, dass er und Chang sich geprügelt hatten, doch Alan sah überhaupt nicht danach aus. Er glänzte wie eh und je, keine Schrammen oder sonstiges. Das hatte sie nicht erwartet. Er grinste unverschämt zu ihr und Hilde hinüber.
Auch die anderen Mitschüler, die schon im Klassenraum waren, sahen zu Alan und Elbie hinüber. Sie schienen enttäuscht zu sein, dass die beiden sich mit Tamara und Heeros Clique unterhielten, denn wenn sie erst zu denen Anschluss gefunden hätten, dann würde es schwierig sein, Kontakte zu Alan oder Elbie zu knüpfen. Man konnte zwar mit Heero und den anderen auskommen, aber sie sonderten sich doch immer ab und beachteten die anderen, die nicht zu ihrer Gruppe gehörten, gar nicht. Als wenn Heero und Kumpanen etwas Besseres, etwas Höheres wären. Sie waren irgendwie für die Normalsterblichen in der Klasse nicht erreichbar.
So war es auch mit Tamara. Sie war zwar immer zu allen freundlich, doch wenn jemand sie ansprechen wollte, dann tauchte immer Heero aus irgendeiner Ecke auf und weg war Tamara. Und nun sahen sie, wie auch Elbie und Alan sich mehr und mehr dieser Gruppe anschließen wollten.
Du scheinst hier ja öfters abzuhängen, Tammy, meinte Alan und setzte sich auf seinen Platz neben Relena.
Irgendwas dagegen?, schmollte diese nun.
Ja!, kam es aus Duos Ecke.
Ja!, kam es aus Heeros Ecke.
Ja!, kam es aus Relenas Ecke.
Letzteres erstaunte Tamara. Sie sah Relena geschockt und verletzt an. Ein Ausdruck, als wenn sie jeden Moment losheulen wollte, trat in ihr Gesicht, doch Relena lächelte entschuldigend und sagte:
Nur ein Scherz!
Alan schielte vorsichtig zu Chang hin, grinste ihn kurz an und fragte dann mit gespieltem Erstaunen: Hey, was ist denn mit dir passiert?
Chang antwortete nicht.
Ach, der sieht fast immer so aus!, bemerkte Duo beiläufig.
Wieder traf ihn ein böser Blick von der Seite.
Relena hatte keine Lust mehr, sich die ganze Zeit entweder über Changs Zustand oder Duos miese Noten zu unterhalten. Sie hatte bemerkt, dass Heero seit einigen Tagen wieder so still und schweigsam war und auch jetzt saß er beteiligungslos auf seinem Platz.
Wisst ihr schon, was die Schulleitung beschlossen hat?, fragte sie schließlich.
Alle hielten für einen Moment inne und sahen Relena an. Sie hatte wirklich ein Händchen dafür, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Zur Eröffnung der neuen Sporthalle, die noch fertiggestellt werden soll, wollen sie einen Ball für die Schüler und die Lehrerschaft veranstalten!
Wow, `ne Party hier an unserer sonst so öden Schule?, fragte Duo aufgeregt.
Relena verzog das Gesicht. Äh, nicht ganz Duo. Es ist ein Ball!
Sag ich doch, `ne Party! Duo sah sie verwirrt an.
Das ist aber keine Party, beharrte Relena.
Duo, versuchte Quatre es ihm zu erklären, ein Ball ist schon eine Art Party, bloß ... etwas formeller!
Quatre, ich fürchte ich weiß, was ein Ball ist, sagte Duo niedergeschlagen.
Ja, mischte sich Tamara ein, ein kleines rundes Ding mit dem man fein spielen kann!
Duo ignorierte sie: Es ist eine Party, bloß ohne Spaß!
Und ohne Alkohol, stimmte Alan zu.
Relena war etwas enttäuscht über diese Reaktion: Nun mal nicht so abweisend! Das wird bestimmt toll! Stellt euch vor, wir können uns dann alle abends so richtig in einem festlichen Look treffen und tanzen und ...
Laaaaaaangweilig!, unterbrach Duo sie.
Doch Quatre war von Relenas Neuigkeit ganz begeistert: Ich finde das großartig! Die Atmosphäre bei so einer festlichen Veranstaltung hat immer so etwas wunderschön glänzendes, etwas so ewiges!
Tamara war bisher eigentlich von diesem Ball auch nicht so begeistert, aber als Quatre sich so sehr dafür ereiferte, entflammte auch in ihr die Vorfreude auf dieses Ereignis.
Du meinst, wir müssen da in so richtig schicken Klamotten ankommen?, fragte sie neugierig.
Duo verleierte die Augen.
Ja! Dann können wir vorher noch mal richtig einkaufen gehen!, stimmte nun auch Hilde in den Jubelchor mit ein.
Duo sah sie schockiert an. Jetzt wollte da auch Hilde hin! Na, toll! Das würde bedeuten, dass sie auch ihn da hinschleppen würde. Na, spitze! Klasse! Genial! Los, jauchzet und frohlocket, wir gehen auf einen stinklangweiligen Snobby- Ball!
So ein Ball ist im Grunde aber eigentlich gar nichts schlechtes, bemerkte nun zu aller Überraschung auch Alan.
Was? Und sowas höre ich von DIR?, fragte Tamara ungläubig.
Nein, ehrlich jetzt, verteidigte er sich. Das ist cool. Man kann sich ganz fein benehmen und so tun, als ob man jemand wäre. Man zieht seine schicken Klamotten an, das Feeling ist übelst genial ... ach, und die Weiber sehen dann in ihren schmucken Fetzen eigentlich noch schärfer aus, als sonst!
Tamara, Elbie, Relena und Hilde ließen den Kopf hängen. Da war also der Haken! Er war wieder mal bloß auf die Mädels scharf. Aber Duo horchte auf.
Zu so einem Ball taucht man doch nicht ohne Partnerin auf!, fuhr Alan fort. Vorher wird nämlich übelst gekuppelt, man muss zusehen, dass man sich die besten Weiber gleich zu Beginn krallt, damit sie dir nicht ein anderer wegschnappt. Es entstehen die schrägsten Pärchen und wenn die nach dem Ball immer noch zusammen sind, dann halten diese Beziehungen meist ein Leben lang! Alan sah ernst in die Runde, doch ihm schien niemand so recht Glauben zu schenken.
Alter Traumtänzer, bemerkte Elbie, welche doch unmerklich rot geworden war.
Also abgemacht! Wir werden alle zu diesem Ball gehen!, beschloss Relena.
Die Mädchen und Alan stimmten ihr ohne zu zögern zu, Duo sah noch immer recht verwirrt aus, schloss sich ihnen aber dennoch an, Chang muffelte vor sich hin. Von Trowa und Heero kam keine Reaktion.
Beide waren in ihre eigenen Gedanken verstrickt.
Wenige Minuten vor Strundenbeginn ging Tamara in ihren eigenen Klassenraum. Doch noch bevor sie die Klasse verlassen hatte, streifte sie Elbie leicht an der Schulter und flüsterte ihr kaum hörbar zu: Das war wirklich gute Arbeit, wie du Alan wieder schultauglich gemacht hast! Elbie sh erschrocken auf und wurde bleich. Tamara aber grinste nur: Ein echtes Super- Schutzfeld hast du da um ihn generiert. Ich selbst hätte es fast nicht bemerkt, dass das nicht sein wahres Äußeres ist. Bin stolz auf dich! Aber in Zukunft: Haltet euch bitte an meine Befehle! Sie klopfte Elbie auf die Schulter und huschte dann aus dem Klassenraum. Elbie sah ihr bis zum Stundenklingeln sprachlos nach und dann seufzte sie erleichtert auf. Vor Tamara konnte man halt nichts verbergen.
Relena saß noch ziemlich lange noch der Schule in einem Klassenraum und traf Vorbereitungen für den Schulball. Es war zwar noch über einen Monat bis dahin, doch da sie die Schülersprecherin ihrer Klassenstufe war, trug sie die Verantwortung für die gesamte Organisation. Sie hatte sich vorgenommen, mit Heero zu diesem Ball zu gehen. Sie war schon lange nicht mehr mit ihm aus gewesen. Und allein deshalb, musste dieses Fest ein Erfolg werden. Sie hatte bereits verschiedene Gesellschaften angerufen, welche für die Verpflegung und die Ausstattung des Raumes sorgen sollten. Hilde, Tamara und Elbie hatten ihr versprochen, ihr dann später auch noch zu helfen. Und Heero und seine Freunde mussten ihr versprechen, dass sie dort erscheinen und sich anständig benehmen würden. Relena freute sich darauf. Sie überlegte, ob sie Heero höflich einladen oder lieber abwarten sollte, bis er den ersten Schritt tat ... obwohl: Da könnte sie wahrscheinlich ewig warten. Sie entschied sich für ersteres. Während sie so in Gedanken schwelgte, liefen auf dem Fernseher, welcher sich in dem Klassenraum befand, soeben die Tagesnachrichten. Relena verfolgte sie immer mit großem Interesse, doch da sich zur Zeit nur wenig in der Politik tat, konnte sie sich beruhigt ihrem Schülerleben widmen. Plötzlich jedoch schreckte sie auf. Sie erblickte im Fernsehen ein bekanntes Gesicht. ... keine Gefahr besteht, schnappte sie den letzten Teil des Satzes auf. Es war die Stimme von Lucrezia Noin gewesen. Relena war sich nicht ganz sicher, aber sie war jetzt mit voller Aufmerksamkeit auf den Bericht konzentriert, welcher gerade einige Randkolonien zeigte. Im Hintergrund hörte sie noch immer die Stimme von Noin. Sie war es ganz bestimmt!!! Die Regierung möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass sie die Situation unter Kontrollen hat. Die Piraten, welche von der Bevölkerung der äußeren Kolonien als die `Black Dragons` bezeichnet werden, haben bisher nur wenige Frachter in den Randgebieten angegriffen. Es gab keine direkten Drohungen und Ankündigungen, jedoch wurden bei den Überfällen auch keinerlei Personen verletzt oder getötet. Wir haben unsere besten Agenten auf die Spur dieser Kriminellen angesetzt. Das Gerücht, dass die `Black Dragons` ein Überbleibsel der OZ- Regierung sind, müssen wir strikt zurückweisen. Es sind lediglich gut organisierte Aktivisten, welche sich auf Kosten anderer bereichern wollen. Wir werden die entsprechenden Schritte einleiten, um die Kolonisten und deren Eigentum zu schützen. Danke. Und schon wurde über einen anderen Vorfall berichtet. In letzter Zeit waren die kleinkriminellen Gruppen ziemlich aktiv geworden. Doch Relena machte sich Sorgen. Was hatte Lucrezia da zu suchen? Hatte sie sich mit Zechs denn nicht zurückgezogen, um friedlich als Terraformer zu leben? Warum war sie zurückgekehrt? Und vor allem: Warum wusste sie nichts davon? Was auch dahinter stecken würde: Noin hatte ihre Vorsätze anscheinend aufgegeben und war wegen diesen Piraten in den Kriegsdienst zurückgekehrt. Sie ahnte, dass etwas Übles auf sie zukommen würde. Schon seit längerer Zeit hatte sie dieses Gefühl, doch als sie den Namen `Black Dragons` gehört hatte, war sie sich zum ersten Mal sicher. Ihnen drohte eine ungewisse Zukunft. Schnell wandte sie sich wieder ihren Planungen zu. Sie wollte wenigstens noch dieses Fest friedlich verbringen. Sie wollte nichts von neuen Problemen wissen. Sie wollte nichts von irgendwelchen Piraten hören, mit denen sich Noin herumschlagen musste oder auch wollte. Doch sie spürte es ganz genau: Ihre Schöne Heile Welt begann wieder zu zerbrechen. Doch diesmal, würde sie niemand retten können. Sie spürte es tief in ihrem Inneren. Relena wusste es. Es war der Beginn vom Verfall. Der Beginn vom Verfall ihrer Schönen Heilen Welt.
Tamara hatte auch die Nachrichten gesehen. Sie saß auf dem Dachboden ihres Hauses mit Heero, in ihrem eigenen kleinen Zimmer, und sah dabei die Nachrichten. Sie sah den selben Bericht wie Relena. Auch sie spürte das drohende Unheil. Doch sie kannte die Ursachen. Sie lächelte. Dann schaltete sie ihren Computer ein und begann, einige wichtige Befehle einzugeben und an getarnte Adressen zu schicken.
Nur Sekunden später erwachte er nach langer Zeit zum Leben. Seit vielen Jahren hatte er geschlafen, da seine Herrin ihn nicht benötigt hatte. Doch nun wurde er reaktiviert. Er würde sich mit Energie aufladen und wieder zu Kräften kommen. Er würde kampfbereit sein. Er würde wieder töten können.
Teiwaz war erwacht.
Die ultimative Vernichtungswaffe.