KAPITEL 11

Prügelkumpanen


„Meinst du dieser Heero ist wirklich ihr Bruder?“

Alan träumte vor sich hin.

Elbie hatte eigentlich auch keine Antwort auf ihre Frage erwartet. Sie hatte nicht damit gerechnet auf der neuen Schule gleich auf so viele Probleme zu stoßen: Trowa, der jeden ihrer Schritte überwachen wird; der unbekannte Angreifer, der eine ihrer Waffen benutzte; Tamara, die keine weiteren Fehler dulden würde und Alan, der schon wieder dabei war, sich jede Menge Feinde in Zivil zu schaffen.

„Hey, Elbie“, sprach Alan sie plötzlich an. Sie schreckte kurz hoch und sah ihm dann in sein verschmitzt grinsendes Gesicht.

„Wie wär`s? Du gehst schon mal vor und ich komme dann später nach, ja? Ich will hier noch .. naja, was überprüfen! Okay?“

Elbie zog verächtlich die Augenbrauen hoch: „Alan, du bist ein guter Kämpfer, aber ein echt mieser Lügner! Rutsch doch mal ein wenig zur Seite!“

Und damit schob sie ihn auch schon derb nach links, so dass sie freie Sicht auf die vor ihnen liegende Straße hatte. Tja, und wen sah sie da wohl?

Chang Wufei, wie er ungeduldig an der Kreuzung wartete.

Elbie konnte eins und eins hervorragend zusammenzählen. Sie sah Alan vorwurfsvoll an.

„Verstehst du DAS etwa unter ´Lass die Finger von Wufei!´? Also meiner Rechnung nach ergibt ein Wufei und ein Thomas zusammenaddiert eine deftige Prügelei, genau so wie Tamara sie uns verboten hat!“

„Hey“, konterte Alan empört. „Das ist keine Prügelei, sondern ein ...“

„... ein Duell. Ich weiß!“ Elbie klang gelangweilt. „Tja, dann wünsche ich dir mal noch weiterhin viel Spaß auf deiner Suche nach einem würdigen Gegner!“

Sie beschleunigte ihren Schritt und ging schnell an Chang vorbei, welcher sie feindlich anblitzte.

Alan wartete eine Weile, bis Elbie verschwunden war, dann schlenderte auch er zu Chang Wufei hin.

Er war ihr dankbar. Sie war nett und sie akzeptierte ihn so, wie er war. Schon oft hatte sie für seinen Blödsinn den Kopf hingehalten und sie tat es immer wieder. Die gute alte Elbie.

Aber nun freute sich Alan erst mal auf sein Duell mit Wufei. Er warf seine Schultasche achtlos auf den Boden, zog seine Jacke aus und krempelte sich die Ärmel hoch.

Chang sagte kein Wort, aber er trat auf die Mitte der Straße hinaus und nahm Kampfposition ein.

Alan folgte ihm wortlos und postierte sich auf der Chang gegenüberliegenden Seite.

Beide fixierten sich einen Moment und schätzten die Stärke ihres Gegners ein - und sie unterschätzten sich beide gewaltig.

Chang war der Erste, der angriff. Es war ein Kampf ohne Waffen.

Wufei schnellte vor, holte mit der rechten Faust aus und zielte in Alans Gesicht, mit der Absicht seinen Gegner mit diesem Angriff niederzuschmettern.

Doch Alan konterte überraschender Weise extrem gut: Er ergriff mit seiner linken Hand Changs Gelenk und schleuderte ihn mit voller Wucht hinter sich.

Dies war eine unerwartete Reaktion. Chang hatte seine Herausforderung eigentlich mehr aus Interesse ausgesprochen. Mit einem Gegner, der wirklich die höheren Kampfkünste beherrschte, hatte er nicht gerechnet. Doch seine Instinkte übernahmen nun die Oberhand. Chang hörte auf zu denken. Wie ein Raubtier drehte er sich in der Luft und rollte sich bei der Landung so geschickt ab, dass er sofort wieder kampfbereit auf seinen Beinen stand.

Nun war es Alan, welcher überrascht auf Chang blickte. Dann grinste er ihn fröhlich an.

Er hatte anscheinend einen würdigen Gegner gefunden. Nun würde er nicht mehr so zimperlich mit ihm umgehen.

Der zweite Angriff kam von Alan: Blitzschnell täuschte er links an, ließ sich aber rechtzeitig fallen, so dass er mit dem rechten Bein einen derben Schlag nach Changs Knie ausführte. Dieser bemerkte die Finte jedoch rechtzeitig und sprang aus dem Stand derart hoch in die Luft, dass Alans Tritte nur die Luft unter ihm zerteilten. Als Chang wieder aufkam, versuchte er seine Faust wieder mit voller Wucht in Alans ungeschütztes Gesicht zu rammen. Dieser jedoch hatte seine Hand schnell genug erhoben, um diesen Schlag nur wenige Zentimeter von sich entfernt abzuhalten. Er funkelte Chang kampfesfreudig an.

„Hey, ich brauche mein hübsches Gesicht noch für all die tollen Mädels an eurer Schule!“, grinste er unverschämt.

Chang verzog verachtend das Gesicht. Ein Macho! „Dann solltest du dich lieber mal rechtzeitig von deiner Fratze verabschieden! Ich verspreche dir, dass du dich morgen früh selbst nicht mehr im Spiegel erkennen wirst!“, stieß er amüsiert aus.

Er sprang zurück und nahm erneut Anlauf. Alan erwartete, dass nun wieder ein Schlag in Gesicht oder Brustregion kommen würde und bereitete sich dementsprechend auf den Angriff vor, doch Chang täuschte die Schläge nur an und rammte Alan im entscheidenden Moment sein Knie mit voller Wucht in die Magengegend.

Alan keuchte kurz, holte aus und verpasste Chang dafür einen rechten Kinnhaken.

Beide entfernten sich einige Meter voneinander, holten etwas Luft und ließen ihre ersten Wunden schmerzen. Dieses Duell begann richtig Spaß zu machen.

Die Sonne stand schon sehr tief. Das letzte Shuttle an diesem Abend würde in nur wenigen Minuten abheben und Alan war immer noch nicht da.

Elbie sah nervös auf die Uhr.

Sie war noch nicht allein nach Hause geflogen. Sie wusste doch ganz genau, dass niemand auf sie warten würde. Aber dafür wartete sie auf Alan.

Aber noch länger konnte sie nicht hier bleiben, denn sie würde sonst auf der Erde übernachten müssen, und wenn Tamara davon Wind bekommen würde, dann kämen sie und Alan in echte Probleme.

Noch 5 Minuten.

Dann müsste sie wirklich losgehen.

Elbie saß da und beobachtete den Sonnenuntergang. Es war ein wirklich schöner Sonnenuntergang.

Solche Momente machten sie immer schrecklich depressiv.

Warum nur? Warum hatte sie kein Leben, so wie die anderen Menschen hier auf der Erde? Nur, weil sie an einem anderen Ort geboren worden war? An einem Ort, der so weit entfernt lag, dass ...

Das war`s! Wenn sie jetzt nicht gehen würde, dann käme sie zu spät.

Schweren Herzens stand Elbie auf, seufzte tief und wollte gerade losgehen, als sie den Schatten hinter sich bemerkte.

Sie drehte sich schnell um und sah Alan. Einen verletzten und schlimm zugerichteten Alan.

„Hey, keine Sorgen ... ah ... Chang sieht auch nicht viel besser aus!“, er grinste.

Alan konnte doch auch wirklich in jeder Situation grinsen!

„Noch auffälliger ging`s wohl nicht, oder? Tamara müsste doch blind sein, um morgen diese Wunden zu übersehen!“ Aber Elbie war nicht wirklich böse, sie war eher besorgt.

Alan hatte ein böse angeschwollenes Auge und hinkte stark. Seine Kleider waren dreckig und zerrissen und aus seiner aufgesprungenen Lippe quoll rotes Blut. Seine zahlreichen Schürfwunden und blauen Flecke brauchte sie dabei gar nicht mehr zu beachten.

„Hey, Elbie! Ich bin mir sicher, du kriegst das hin!“ Er lächelte sie hoffnungsvoll an.

Elbie legte ihren Arm um seine Schulter und half ihm beim Gehen. Sie mussten sich beeilen, um das Shuttle noch zu erreichen.

Als sie davongingen, fragte sie so nebenbei: „Und? Wer hat denn gewonnen?“

„Keiner“, antwortete Alan leise.

„Was?“, rief Elbie erstaunt und enttäuscht zugleich aus. „Ihr prügelt euch hier das Blut aus dem Körper und dann hat noch nicht mal einer von euch gewonnen? Wozu habt ihr denn dann gekämpft? Ich dachte immer, der Sinn eines Kampfes ist es, ihn zu gewinnen!“

„Hach, Elbie“, seufzte Alan, „du bist ein echt helles Köpfchen, aber von Kämpfen und Ehre hast du keine Ahnung!“

Elbie grummelte vor sich hin: „Und was hatte die Aktion denn dann für `nen Sinn? Ich kann deswegen echte Probleme kriegen und ich will wenigstens wissen, wofür!“

„Für meine Ehre?“, grinste er sie wieder an.

„Chang ist ein echt starker Gegner und ein fairer Kämpfer. Es war total lustig!“

„Lustig?“, Elbie konnte diese Gefühle einfach nicht nachvollziehen.

„Ja! Wir hätten noch ewig weiterkämpfen können, aber Chang hatte sich noch mit seinen Freunden verabredet und musste dann los, deshalb haben wir es bei einem Unentschieden belassen! Aber wir wollen uns am Freitag zum Training treffen!“

„Training?“ Besorgnis schwang in Elbies Stimme mit.

„Aber keine Angst! Da stehen nur Trockenübungen auf dem Plan. Also nichts mit Wunden und Verletzungen und so. Ich kann noch viel von Chang lernen, er hat `ne echt irre Kampftechnik drauf! Er hat mir auch versprochen, dass er mir den Umgang mit einem Schwert beibringt! Ich wollte schon immer mal lernen, wie man mit einem Schwert kämpft!“ Alan begeisterte sich immer mehr.

„Ja, ja“, seufzte Elbie da nur noch, „ich freue mich sehr, dass ihr so gute Freunde geworden seid!“

Alan wurde still und wiederholte leise Elbies Worte: „... Freunde ...“

Dann lächelte er traurig: „Ja, wir sind wohl Freunde geworden ...“

Elbie verzog das Gesicht zu einer Grimasse: „Ja, und was für Freunde! Prügelkumpanen seid ihr!“

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