KAPITEL 1
Schöne heile Welt
Es war ein Tag, wie er im Bilderbuch stehen sollte: Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Die Natur blühte. Alles war gut gelaunt und fröhlich.
`Warum also muss ich heute zur Schule gehen?`, dachte Duo missmutig, während er allein im Klassenzimmer saß. Er war zu früh da (was bei ihm eigentlich so gut wie nie vorkommt), denn Hilde hatte ihn schon um 5 Uhr aus dem Haus gezerrt, damit sie am ersten Schultag des neuen Schuljahres auch ja nicht zu spät kommen würden. Und jetzt war Hilde mit ihren Freundinnen plauschen und Duo saß allein im Klassenzimmer. Allein. Verlassen. Und zu Tode gelangweilt. Er vergrub den Kopf in seinen Händen und versank in Selbstmitleid. Er hatte viel gekämpft und mit seinen Freunden viel durchlitten. Gerade jetzt, wo halbwegs Frieden zwischen den Kolonien und der Erde herrschte, hatte er auf etwas Entspannung und Freizeit - ja, vor allem auf viel Freizeit gehofft. Er hatte echt null Bock jetzt in diesem Raum seine Schulzeit abzubüffel. Warum auch?
Ja, warum auch?, sprach er laut aus, schnappte sich seine Schultasche und machte sich auf den Weg in Richtung Tür mit dem festen Entschluss, diesen Raum nicht mehr zu seinen Lebzeiten zu betreten.
Als er gerade hinaus wollte, kamen ihm Quatre und Chang entgegen. Duos miese Stimmung schlug von einem Moment auf den anderen in eine von Freude überquellende Hyperaktivität über.
Quatre! Chang! Wo wart ihr so lange? Ich warte schon die ganze Zeit! Man, ich freu mich total euch wiederzusehen! Was habt ihr in letzter Zeit so getrieben? Wie geht es eigentlich deinen Schwestern Quatre? Habt ihr Trowa nicht dabei? Hat einer von euch eigentlich eine Ahnung, ob Heero hier auch mal auftauchen wird, oder hat der große Krieger sich vom normalen Leben eines Schülers bereits verabschiedet? Habt ihr Hilde gesehen? Sie ist auch schon da, aber sie...
Changs strenger Blick brachte ihn wieder auf den Boden zurück. Duo lächelte entschuldigend und Quatre konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Zu dritt setzen sie sich nun in den nicht mehr so leeren Klassenraum. Während Chang nur wenig Interesse zeigte, sich Duos Neugierde auszuliefern, beantwortete Quatre bereitwillig von Duos Fragen.
Nach einigen Minuten trudelten dann die nächsten Schüler ein, welche schon recht verwundert waren, dass Duo, Chang und Quatre bereits so früh in der Schule waren. Von Quatre war man im allgemeinen zwar ein vorbildliches Verhalten gewöhnt, aber dass nun auch Duo und Chang zu Strebern mutieren würden, das machte den meisten doch etwas Angst.
Duo grinste jeden von ihnen unverschämt lange an.
Es hat sich doch gelohnt, so früh in die Schule zu kommen. Allein, um deren verdutzte Gesichter zu sehen. Oder? Es war Hilde, die diese Frage stellte und sich nun zu dem Trio gesellte. Duo sah sie bockig an und schmollte dann. Auf Hildes fragenden Blick erwiderte Quatre nur: Tja, du darfst ein kleines Kind doch nicht so lange allein lassen, Hilde. Alle lachten. Es war ein befreiendes Lachen, unbeschwert, als ob sie nie etwas anderes als normale Kinder mit einem normalen Leben gewesen wären. Der Krieg und die Kämpfe waren vergessen ... oder jedenfalls wollte man sie vergessen.
Sie unterhielten sich noch eine Weile über ihre Ferien und was sie sonst alle so getrieben hatten in letzter Zeit, bis Quatre endlich 5 Minuten vor Unterrichtsbeginn bemerkte: Also langsam könnten Heero und Trowa auch mal kommen. - Ich weiß nicht so recht, aber Relena wollte eigentlich auch kommen. Sie hat zwar immer noch viel mit der Politik zu tun, da sie immer noch offiziell als Botschafterin fungiert, aber sie hatte doch den Wunsch geäußert, wenigstens ihre Ausbildung beenden zu wollen. Dabei sah sie nachdenklich zur Tür.
Duo grinste gemein: Ausbildung beenden ... so`n Quatsch! Sie hofft doch bloß, dass sie hier wieder Zeit mit ihrem Heero verbringen kann, hihihi. Zuerst sahen ihn die anderen entsetzt an, doch dann lachten auch sie los.
Was ist denn so lustig? Vielleicht darf ich mitlachen?
Duo schreckte auf. Da stand Relena plötzlich hinter ihm. Wieviel hatte sie mitgehört? Ihm blieb das Lachen im Halse stecken. Jetzt war guter Rat teuer. Quatre half ihm aus dieser peinlichen Situation heraus: Wir haben uns nur an alte Zeiten erinnert. Schön, dass du auch kommst, Relena!
Er lächelt höflich, während Relenas Blick schon wieder durch die Klasse schweifte.
Hilde bemerkte dies, wie sie auch Duos wiederkehrendes Grinsen bemerkte. Sie stieß ihn derb mit dem Fuß an - ein eindeutiges Zeichen, welches ihm zeigte, dass er sich jeden weiteren Kommentar verkneifen sollte. Doch Duo konnte dem Drang einfach nicht widerstehen.
Du brauchst dich gar nicht so sehnsüchtig umzuschauen, Heero ist nicht da. Wer weiß, vielleicht wird ja gar nicht mehr zur Schule kommen?
Relena sah ihn mit einem Blick an, welcher eine Mischung aus leicht aufkommender Panik und totaler Ich-könnte-dich-dafür-umbringen-Wut war. Noch bevor sie darauf regieren konnte, klingelte es jedoch zum Unterricht. Die beiden Mädchen setzten sich widerwillig auf ihre eigenen Plätze, während Quatre sich brav in eine optimale Lernstellung begab und Duo seinen Kopf derb auf die Bank aufknallen ließ. Jetzt geht der Terror wieder los, ließ er nur noch vernehmen, als der Lehrer den Raum betrat. Chang tat nichts dergleichen, sondern sah auch weiterhin unbeteiligt aus dem Fenster. Er hatte anscheinend wirklich vor, seine bewährte Außenseiterrolle in der Klasse wieder einzunehmen.
Der Unterricht bestand wie gewohnt zu Schuljahresbeginn aus sinnlosen Belehrungen, Höflichkeitsfloskeln und Verhaltensregeln ... mit anderen Worten: Der Lehrer redete und keiner hörte zu. Duo, Hilde und Relena schrieben sich Briefchen.
Quatre, welcher krampfhaft versuchte, den Ausführungen des Lehrers trotz der Unruhe in der Klasse zu folgen, bemerkte plötzlich einen leicht angespannten Ausdruck auf Changs Gesicht. Er starrte jetzt regelrecht zum Fenster hinaus. Als auch Quatre sich leicht vorbeugte, um einen Blick erhaschen zu können, sah er auch warum: Da kam nämlich Heero mit einem Wahnsinns-Sprint zur Schule gestürmt. Doch auch wenn dies ungewöhnlich genug war, so war das doch nicht der Grund für Quatres und Changs Verwunderung.
Erstaunt waren sie über das blonde Mädchen, welches er hinter sich herzog. Quatre konnte die beiden zwar nur kurz sehen, doch er erkannte auf den ersten Blick, dass sie recht hübsch sein musste. Entgeistert versuchte er sich wieder halbwegs auf den Lehrer zu konzentrieren, als Duo ihn flüsternd ansprach: Hey, Quatre! Was`n los? Quatre sah ihn nur einen Moment lang an, dann antwortete er: Heero kommt gerade... Mehr brachte er nicht raus. Kein Wort über die mysteriöse Fremde. Was vielleicht auch besser war, denn Duo hätte sich sicherlich wieder eine eigene idiotische Geschichte zusammengesponnen.
Cool, sagte dieser. Hey, Relena, hör mal, dein...
Weiter kam er nicht, da die Tür des Klassenzimmers ohne Anzuklopfen abrupt aufgerissen wurde. Ein atemloser Heero stand da und sah den verdutzten Lehrer grimmig an. `tschuldigung, brachte er schließlich heraus und setzte sich ohne ein weiteres Wort auf seinen angestammten Platz. Duo musste sich echt zusammenreißen, damit er nicht laut loslachte. Der Lehrer seufzte nur hoffnungslos. Tja, schön zu sehen, dass wieder alles beim Alten ist. Er wusste, wie sinnlos es war, Heero Yuy zur Verantwortung ziehen zu wollen. Irgendwie schien er gehofft zu haben, dass Heero wohl überhaupt nicht mehr kommt.
Duo grinste seinen Freund frech von der Seite an. Er freute sich echt tierisch, ihn wiederzusehen. Vor allem, weil Heero nicht irgendwie verletzt war: Da waren keine gebrochenen Knochen, geprellte Rippen oder sonstige blaue Flecken.
Relena drehte sich um und lächelte Heero von tiefstem Herzen an. Jeder andere Junge wäre bei diesem Lächeln dahingeschmolzen, doch Heero tat nicht dergleichen.
Und? Schöne Ferien gehabt, Heero?, fragte Duo. Ein Hn! war die einzige Antwort, die er von Heero auf alle Fragen in dieser Stunde erhielt.
Relena lächelte noch immer. Es war alles wie früher. Bloß ohne Krieg. Bloß ohne Kampf. Es war eine schöne heile Welt, dachte sie sich.
Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es für immer so bleiben würde.
Doch wie uns die Geschichte lehrt, wissen wir, dass es keine `schöne heile Welt`gibt.
Es gibt immer etwas, das diese Welt zerstört.
Und dieses Etwas steckte dann zu Beginn der anbrechenden Pause seinen hübschen blonden Kopf durch die Tür herein.