Kapitel 3 - Dritter Tag: Montag


Am Tag darauf fuhr Catherine wieder ins Krankenhaus. Trowa wurde nun entlassen und sie wollte ihn abholen. Er empfing sie sehr gut gelaunt, er war wahrscheinlich froh, endlich wieder gehen zu können. Sie packten zusammen seine Sachen, meldeten sich ab und verließen das Krankenhaus.

Machst du heut Abend Nudelauflauf?“ fragte Trowa gleich, als sie im Auto saßen. „Ich brauch was Vernünftiges zu essen, das Zeug dort war furchtbar.“ Catherine lachte und stimmte zu. Es war schön zu wissen, dass er ihr Essen so schätzte.

Tut mir leid wegen gestern.“ meinte er dann. „Aber ihr behandelt mich manchmal echt wie ein Kind!“ Catherine seufzte. „Wir machen uns nur Sorgen.“ – „Ja, aber ich bin keine 10 Jahre alt mehr.“

Catherine erwiderte: „Okay, mach was du willst. Du bist für dich selbst verantwortlich. Aber meine Meinung werde ich wohl noch äußern dürfen?“ – „Ja, schon gut.“ Das Thema war beendet, sie schwiegen. Bis Trowa wieder sagte: „Aber einen Auflauf machst du mir doch trotzdem noch?“


Wufei war schon früh am morgen aufgestanden. Er hatte eine furchtbare Nacht hinter sich, konnte einfach nicht einschlafen. In der Küche machte er sich schnell ein Sandwich und trank ein Glas Wasser hinterher. Er legte nicht viel Wert auf ein großes, gemütliches Frühstück, und allein sowieso nicht.

Er wollte einfach raus und etwas frische Luft schnappen. Es war zwar noch Zeit, bis er zum Dojo gehen würde, aber was sollte er zu Hause schon großartig machen? Im Flur viel ihm allerdings der Stapel Kleinholz ins Auge und er verfluchte sich selbst. Was sollte er nun mit dem Zeug machen?

Wufei beschloss, während des Spazierganges darüber nachzudenken. Er verließ das Haus und streifte ziellos durch die Gegend. Dieser Tag war sehr schön, es regnete nicht mehr und es waren kaum Wolken am Himmel zu sehen.

Nach einiger Zeit hatte Wufei schließlich keine Lust mehr und begab sich langsam zum Dojo. Er trainierte ein paar Jungen zwischen 10 und 16 Jahren. Sie waren alles Anfänger und Wufei nervte es langsam aber sicher, keinen ernst zu nehmenden Gegner zu haben. Und Schränke konnten sich nicht wehren. [9]

Er hatte an dem Tag keine richtige Lust, den Kiddies etwas beizubringen, aber hatte er eine Wahl? Es war zwar sein Laden, aber die Eltern bezahlten schließlich dafür, dass ihre Kinder was lernten. Und Geld brauchte er nun mal.


Relena betrachtete nun schon seit zehn Minuten den Neubau. Sie war nach Winsonton gekommen, um Heero zu besuchen. Um etwas wichtiges mit ihm zu besprechen. Aber irgendwie war sie sich unsicher geworden, kam ins Schwanken. Sie überlegte, ob es richtig war, was sie tat.

Was machst du da?“ fragte plötzlich eine ihr bekannte Stimme und riss sie aus ihren Gedanken. Heero. Sie drehte sich um und erblickte ihn. Er war also nicht zu Hause gewesen. „Ich habe auf dich gewartet.“ antwortete Relena, nun gab es kein Zurück mehr. Heero reagierte nicht darauf.

Er lief zur Eingangstür und sie folgte ihm langsam. Obwohl sie kaum miteinander redeten, verstanden sie sich. Das war ein Grund dafür, warum Relena Heeros Verhalten nicht verstand. Warum ignorierte er sie, wo sie sich doch so gut verstanden hatten?

Sie fuhren zusammen mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage und Relena folgte Heero den langen Flur entlang. Schließlich blieb er vor einer Tür stehen, öffnete sie und die beiden traten ein. Relena war überrascht: sie hatte mit einer unordentlichen Wohnung gerechnet, aber danach sah es nicht aus.

Alles war sauber und übersichtlich, diese Ordnung machte sie fast sprachlos. Heero schenkte Relenas Verblüffung keine Beachtung, stattdessen setzte er sich an seinen Laptop. Relena ließ sich auf einen Stuhl nieder und wartete. Wartete darauf, dass er irgendetwas sagen, oder sich zumindest ihr zuwenden würde.

Nichts geschah. Heero beschäftigte sich mit dem Beantworten seiner E-Mails, seine Gedanken waren aber nicht ganz bei der Sache. Er wusste ganz genau, warum Relena hier war. Trotzdem konnte er sich nicht dazu überwinden, etwas zu sagen. Was hätte er auch rausbringen sollen?

Innerlich versuchte Heero die Fragen zu beantworten, die sie ihm möglicherweise stellen würde. Aber diese Antworten waren alle gelogen, er wollte ihr nicht einfach an den Kopf werfen, dass er sie aus Neugierde, aus Spontanität geküsst hatte. Das er alles andere als mit seinen Emotionen klarkam. Das war zu grausam, er wusste nicht, wie sie das auffassen würde.

So schwiegen sie einige Zeit, aber irgendwann musste Heero ja mit seinen Mails fertig werden. Die Stunde der Wahrheit war gekommen und er drehte sich schließlich zu Relena um. Sie sahen sich beide schweigend an, verblieben unbeweglich.

Dann brach Relena endlich das Schweigen und sagte: „Ich möchte mir dir reden. Ich denke... ich hoffe, du weißt, warum.“ Heero nickte. Relena fiel es schwer, die passenden Worte zu finden, aber sie musste einfach wissen, warum er ihr das antat. Warum er sie ignorierte, ihr aus dem Weg ging.

Ich... ich möchte nur wissen... warum?“ Relena war nicht in der Lage, ganze Sätze zu bilden. Es hatte sie schon große Überwindung gekostet, die paar Wortbrocken herauszubekommen. Sie hoffte einfach, dass Heero sie verstehen würde. Und das tat er.

Er seufzte und antwortete schließlich: „Es tut mir Leid. Ich... es war falsch. Ich kann es leider nicht rückgängig machen.“ Heero war darum bemüht, es Relena schonend beizubringen ohne die Wahrheit sagen zu müssen, aber er bewirkte damit nur das Gegenteil.

Relenas Augen weiteten sich entsetzt. Er bereut es, dachte sie verstört. Ihr Gehirn arbeitete und suchte verzweifelt nach einem Fehler, den sie begannen haben musste. Sie war sich sicher, dass es an ihr lag, dass sie irgendetwas Dummes getan haben musste.

Ihr fiel ein, dass sie in der Woche nach dem Vorfall immer wieder seine Nähe gesucht hatte. Sie wollte bei ihm sein, wollte mit ihm reden. Sie war so glücklich, einen Schritt näher gekommen zu sein und nun hatte sie ihr eigenes Glück zerstört.

Relena gab sich die Schuld, ihr Herz zog sich vor Schmerz zusammen. Sie hätte wohl am liebsten geweint, aber sie konnte und wollte das nicht – nicht vor Heero. Sie überwand sich letztendlich und fragte mit einem leicht bittenden Ton in der Stimme: „Bleiben wir Freunde?“


Abends klopfte es laut an dem Eingangstor der Dojos. Genervt rief Wufei seinen Schülern zu: „Macht allein weiter! Wenn ich wieder komme und einer ruht sich aus, schrubbt ihr alle nachher den Fußboden!“ Die Jungen verzogen das Gesicht, wagten aber keinen Widerspruch. Wufei sollte man lieber ernst nehmen, das wussten sie.

Wufei war voll in seinem Element. Er konnte bei diesem Beruf trainieren und herumkommandieren, sogar das Dojo konnte er sauber halten, ohne einen Finger dafür krumm machen zu müssen. Manchmal kam es eben vor, dass ein Schüler aus der Reihe fiel und dies wusste Wufei immer gut auszunutzen. [10]

Er lief durch die kleine Vorhalle und öffnete die Schiebetür. Eine Mischung aus Wut und Überraschung spiegelt sich in seinen Augen wider, als ihm klar wurde, wen er dort vor sich hatte. Es war das Mädchen, dass er vor zwei Tagen traf.

Auch sie war verwirrt, schien ebenfalls nicht erwartet zu haben, Wufei hier vorzufinden. Beide starrten sich sekundenlang schweigend an, bis Wufei schließlich fragte: „Was ist?“ – „Kann ich bitte mit dem Leiter des Dojos sprechen?“ fragte das Mädchen und wich seinem Blick aus. „Der steht vor dir.“

Wieder erschien ein überraschter Gesichtsausdruck auf ihrem Gesicht. Was sollte sie nun machen? Gar nichts, beschloss sie. Sie antwortete nicht. Wufei wollte gerade den Mund aufmachen, um sie endlich zum Reden zu bringen, als ihm ein roter Fleck an ihrem rechten Arm auffiel.

Das Mädchen trug noch immer die zerlumpten Sachen, nur dass sie diesmal etwas zerrissener waren. Und blutig. Zumindest an ihrem Arm. Wufei verstand, warum sie hergekommen war und fragte: „Brauchst du Verbandszeug?“ Sie nickte und folgte ihm in die Vorhalle.

Sie wünschte sich nun, woanders nachgefragt zu haben, aber nun war es zu spät. In einem Dojo musste es Verbandszeug geben, das war klar, aber sie hatte nicht erwartet ihn hier zu treffen. Sie fragte sich, ob das nun Zufall oder Schicksal war, hoffte aber auf ersteres.


Relena lächelte, als sie sich umdrehte, um sich von Heero zu verabschieden. Sie waren nach draußen gegangen und Heero sagte: „Wir sehen uns ja spätestens Samstag.“ – „Ja, bei Wufei. Bis dann“, antwortete Relena und winkte ein letztes Mal zum Abschied.

Heero war erleichtert. Er hatte gehofft, dass sie es verstehen würde und sein Plan war aufgegangen. Er hatte zwar ein schlechtes Gewissen, aber der Gedanke, dass sie weiterhin Freunde blieben und alles in Ordnung war, beruhigte ihn. Zumindest glaubte er, alles sei in Ordnung. Aber das war es nicht.

Für Relena brach eine Welt zusammen. Sie hasste sich selbst, ohne genau zu wissen, was sie getan hatte. War es denn so falsch gewesen, sich dem Menschen zu nähern, den man liebte? Heero gegenüber hatte sie sich fröhlich gegeben, aber diese Fassade bröckelte nun.

Noch während sie am Laufen war, rannen ihr die Tränen über die Wangen. Er hatte ihr nicht einmal den Grund genannt, aber war das nun so wichtig? Sie beeilte sich, schnell nach Hause zu kommen, sie wollte einfach keinen anschauen müssen.

Relena ließ sich auf ihr Bett fallen und begann fürchterlich zu weinen. Die Tränen wollten einfach nicht weniger werden. Als sie sich nach einiger Zeit wieder etwas beruhigt hatte, erblickte sie den kleinen Teddy, den Heero ihr mal geschenkt hatte, und erneut strömten die Tränen aus ihr heraus.

Ich kann... es nicht ertragen...“ sagte sie zu sich selbst. Sie würde es nie können, nicht, solange sie jeden Samstag Heero sehen würde. Sie ergriff den Teddy und sagte schluchzend, aber überzeugt: „Es tut mir leid. Aber ich kann nicht anders. Ich werde dem ein Ende setzen.“


Wufei holte den Verbandskasten und kehrte in die Vorhalle zurück. Das Mädchen saß dort seelenruhig auf einem Stuhl und niemand hätte wohl gedacht, dass sie so aufbrausend sein konnte, wie sie es am Samstag gewesen war.

Sie begann, den Stoff um die verwundete Stelle zu lösen und deutete Wufei mit den Augen an, ihr zu helfen. Er stutzte erst, kam dann aber näher, um sich die Wunde anzusehen. Er erkannte sofort, dass es sich um eine Schnittwunde handelte, sehr wahrscheinlich von einem Messer verursacht.

Warum bist du verletzt?“ fragte er, um ihre Ehrlichkeit zu prüfen. „Ich wurde von einem Hund gebissen“, antwortete sie und Wufei hatte die Bestätigung, dass sie ihm misstraute. Sie hatte gelogen, das wusste er, denn nie im Leben war das ein Hundebiss gewesen.

Aber das war Wufei egal. Warum sollte sie ihm auch anvertrauen, was wirklich passiert war? Er begann schließlich, die Wunde zu verarzten. Er wunderte sich zwar schon, warum sie solch eine große Schnittwunde hatte, fragte aber nicht danach.

Wie heißt du?“ Das Mädchen unterbrach seine Gedanken. „Wufei“, antwortete er trocken, stellte allerdings keine Gegenfrage. „Ich heiße Alexa. Wegen vorgestern...“ – „Schon gut.“ unterbrach Wufei sie. Er hatte keine Lust darüber zu reden. Sie gab sich damit zufrieden und so schwiegen sie wieder.

Als Wufei den Arm verarztet hatte, stand Alexa auf und bedankte sich kurz. Sie ging zum Ausgang, drehte sich aber, bevor sie hinaus ging, noch einmal um und fragte: „Hast du jemals in deinem Leben geweint?“ Wufei bleib abrupt stehen und starrte sie an. Hatte sie das eben wirklich gefragt?

Nur als ich klein war“, antwortete er schließlich, in der Hoffnung, sie endlich los zu werden. Sie sah ihn nun mit fast mitleidigen Augen an und erwiderte: „Dann solltest du es mal wieder tun.“

Damit drehte sie sich um und ging. Wufei blieb sprachlos zurück. Er stand da, als hätte sie spanisch gesprochen. [11] Er fragte sich langsam wirklich, aus welcher Anstalt das Mädchen entflohen war.


Life – Leben


Große Jungs führen Kriege, feiern ihre Siege

Würden lieber erfriern als ihr Gesicht zu verliern

Denn jeder will der stärkere sein, jeder kämpft für sich allein

Eine Niederlage könnten sie sich nicht verzeihn


Denn du hast deine Ziele, keine Zeit für Gefühle

Du musst immer wissen, was du willst, weil du nur dann was giltst

Es ist wie es ist, doch wenn du ehrlich bist

Gib es zu, du hast es manchmal schon vermisst


Life – Leben [C]


[9] Man lernt nie aus, nicht?

[10] Wenn einer Schuld war, mussten die anderen auch mitziehn... Harte Sitten...

[11] Ich wollte erst chinesisch hinschreiben, aber das wär ja was geworden... Der Gag schlecht hin!


[C] Ausschnitt aus „Große Jungs weinen nicht“ von Tic Tac Toe



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