SCHICKSAL DER WESTERNISIERTEN SANCT-PETERSBOURGER MITTELSCHICHTSIPPE
DER
TARASSENKO
Verwandt mit Jekimow, Klosse, Henkel
Zwei Repr�sentanten der Sippe Tarassenko sind in Sanct-Petersbourg bekannt: Grigori, F8, und sein Bruder Wassili. Beide waren sp�te Neuank�mmlinge Ende des 19. Jhs., als eine Welle Migranten von Wei�russland und der Ukraine die industrialisierte Stadt �berschwemmte. �ber Wassili ist fast nichts bekannt, aber Grigori machte die traditionelle Verwestlichung durch und stieg in die Mittelklasse der echten Petersbourger auf. Zur gleichen Zeit lie�en sich der dritte Bruder Iwan Tarassenko, F9, mit seiner Frau Eugenia, G1, in Moskau nieder (beim �bergang der zwanziger in die drei�iger Jahre wohnten sie in Ostankino und wurden von ihrer Nichte H8 besucht). Es gab auch den vierten Bruder Michael (wenn H8 sich an das Jahr 1935 erinnerte, erw�hnte sie ihre Onkel, die sie nach dem Tod ihres Vaters F8 alleine lie�en; das erlaubt die Vermutung, dass Michael zu dieser Zeit auch in Petersbourg wohnte) und die Schwester Alexandra, G2, verheiratet mit Alexej Stulow, dessen Tochter Viktorine, N7, � verheiratete Pomeranzew, eine Kusine und nahe Freundin von H8 war.
Alle erw�hnten Tarassenkos waren Kinder von Georg und Euphrosine Tarassenkos aus einer kasachischen Miliz-Grenzsiedlung Krasnoselowka im Bezirk Bogutschary im S�den des Gouvernements Woronesch. Georg war mit aller Wahrscheinlichkeit nicht die erste Generation Ukrainer in Russland, daher ist es nicht klar, ob er Ukrainisch sprach. Seine Frau war reine Ukrainerin, ein frischer Neuank�mmling. Am Ende des 19. Jhs. besa�en sie ein gro�es Haus mit Garten in der Stadt Jeletz. Das Haus besteht bis heute, es ist nach 1917 verstaatlicht worden, aber seine Zukunft ist nicht klar.

GRIGORI TARASSENKO (1874-1935), F8, war ein erstklassiger Violaspieler des Kaiserlichen Philharmonischen Orchesters.
1897 heiratete er eine Petersbourgerin
Marie Klosse, F7, mit der er drei Kinder hatte: Anatole (1898), N2, Eugen (1900), N3 und Tatjana (1910), H8 (s. Postkarte aus dem Jaht 1912, geschrieben von A7 an ihren Bruder Konstantin Klosse in Nowgorod, mit dem Foto von H7 und F8; s. auch das Foto von H8 mit ihrem Vater F8).
In den amtlichen Urkunden der zaristischen Epoche wurde der Familienname in russifizierter Form, Tarassenkow, geschrieben, obgleich dieser selbst auf seinem Foto vom 24. M�rz 1897 als Tarassenko unterzeichnet hatte. Erst die Kinder von F8 nahmen nach 1917 die ukrainische Form Tarassenko wieder auf. F8 bediente sich der russifizierten Form seines Namens bis zu seinem Tod.  
F8 war Agnostiker und Pragmatiker ohne jegliche romantische Vorstellung und eine sehr schwierige Natur, charakterisiert durch impulsive Anf�lle von Raserei, wobei er sich nicht mehr steuern konnte. Er war pr�destiniert f�r Pessimismus, entt�uscht von den Menschen und hatte kein Vertrauen in sie. Er sagte h�ufig auf seine sarkastisch Art:
Wse ludi bratja, lublju s nich brat ja ("Alle Leute sind Br�der, es sind angenehm, durch sie zu profitieren").

Zur Heirat von F8 und von F7 erhielt die junge Frau ein
Sommerhaus als Geschenk in Terijoki  (nach 1940 wurde Terijoki als Selenogorsk in Sowjetrussland eingegliedert) im finnischen Karelien nordwestlich von Sanct-Petersbourg. Da die Adresse Uttu-Gesch�ft war, kommt die Frage auf, ob das Haus (oder ein Teil davon) nur gemietet war und nicht gekauft. Die Familie wohnte dort die  Sommer �ber, wenn F8 im Philharmonischen Orchester engagiert war, doch kehrten sie zu dem Besitztum von F7 nach Nowgorod, Slawnaja-Str. 12, zur�ck, wenn F8 Urlaub hatte. Alice K�tzberg, G5, enge Freundin von F7 und Patin von H8, war Gast auf beiden Sommerwohnsitzen, w�hrend Boris Mironenko, der Pate von H8, zumindest Gast im Sommerhaus von Terijoki war.

Die Adressen der Familie F8 in Sanct-Petersbourg waren: 1899 -Neva-Allee 63, (dann wohnte B4 im selben Haus, aber ihr Sohn wohnte 1900 ebenfalls dort), 1900 - Kolomenskaja-Str. 27, 1907 -Dworjanskaja-Str. 12, 1908 - Karpowka 21, 1909 - Plutalow-Str. 3, 1910 � Malaja Dworjanskaja-Str. 7, 1911 - Kronwerk-Querstr. 51, 1912, 1913 - Alexander-Allee 7, 1923 - Sophia Perowskaja (Malaja Konjuschennaja)-Str. 4. Es war 1923, als Wassili Tarassenko(w) in der Usatschew-Querstr. 3 wohnte.

W�hrend des Ersten Weltkrieges nahm sich das Leben der Familie st�ndig schlechter aus, aber nach 1917 wurde es hart und der Kampf gegen den Hunger begann. An den Folgen starb 1922 F7, w�hrend F8 Tuberkulose bekam. Im Kampf, die Tuberkulose zu �berwinden, verbrachte F8 in den sp�teren Jahren die Sommer im S�den, in Pjatigorsk,
Kislovodsk, Anapa. Dennoch entwickelte sich die Krankheit weiter, in den letzten Jahren hustete F8 Blut. Er arbeitete fast bis zu seinem Ende (s. ein der letzen seinen Fotos, 1935). F8 starb am 20. M�rz 1935.

Obgleich F8 selbst eine Verwestlichung durchgemacht hatte und in den elit�ren Schichten von Petersbourgern Eingang gefunden hatte, passten er und sein Bruder Wassili, als sie nach Sanct-Petersbourg kamen, sich der neueren Epoche an, einer Epoche der Industrialisierung mit ihrem Zustrom von Tausenden neuer Bewohner aus Wei�russland und der Ukraine im letzten Viertel des 19. Jhs.. Im Gegensatz zu den fr�heren russischen Arbeitern, die tempor�r und saisonal blieben, konsolidierten sich die neuen Invasoren nicht nur als Arbeiterklasse sondern drangen auch in die Mittelschicht ein, die nicht imstande war, solch eine Zahl von  Neulingen zu verwestlichen. Die aktuelle Politik Alexanders III reagierte empfindlich und pr�zise auf dieses Ph�nomen und wandte sich vom Westen ab in Richtung slawophile Ideologie, die selbstm�rderisch war, nicht nur f�r Sanct-Petersbourg sondern f�r die Gottorps-Dynastie selber. Ein �hnlicher Fehler wurde auch von solchen Leuten wie Maria Klosse,
F7, Michael Ekimov, D5, und sein Sohn Georg, K6, gemacht. Der R�ckzug der westlichen Metropole begann, der nat�rlich nach 1917 endete, durch ihre Niederlage und die R�ckverwandlung ihres Reiches in das Moskau-Russland der pr�peterischen Epoche.
So kann die Sippe der Tarassenkos, die an der Grenze dieses ethno-kulturellen Bruches auftauchte, zur Illustration davon dienen.
F8 wurde noch Petersbourger, aber seine S�hne �bernahmen nicht die Petersbourgische Tradition.
ANATOLE, N2, konnte sie wegen seines sozialen Status nicht �bernehmen, der durch seine Invalidit�t bedingt war. Es war Laura Klosse, B4, die, als m�sste sie ihre Ablehnung der ungesetzlichen Kinder ihres Sohns Konstantin, F2, ausgleichen, ihre Liebe den Kindern ihrer Tochter Marie bewies. Ihre Postkarte ist aufbewahrt worden, eine Art deutscher idealistischer Traum, die sie ihrem kleinen Enkel Anatole, N2, geschickt hatte. Darauf ist ein Idyll abgebildet: Ein Paar sch�ne Liebende an Weihnachten, im Hintergrund eine gotischen Kirche. Was Anatole selbst anbelangt, ist eine Postkarte von ihm erhalten, die er seiner Kusine Stania (Constance Klosse, M6) in Helsinki geschickt hatte. Leider stand das Leben von Anatole in Kontrast zum Idyll seiner Gro�mutter: ohne irgendeinen Schatz mit dem Hintergrund des schmutzigen bolschewikischen Russlands.
Anatole starb vor dem Zweiten Weltkrieg.

EUGEN, N3, hatte gute M�glichkeiten, aber er blieb Fremder in Bezug auf Sanct-Petersbourg, obgleich die fehlende Initiative seitens seines Vaters auch ein Grund gewesen sein mag. F8 bemerkte die gute Stimme seines Sohnes und w�nschte, er m�ge das Konservatorium besuchen. N3 stellte sich dem Willen seines Vaters entgegen, aber F8 zwang ihn nicht. Nach 1917 wurde N3 Trompetenmajor in einem Milit�rorchester.
Bereits vor dem Krieg zog er nach Moskau, wo sein Onkel
IWAN TARASSENKO, F9, Bruder von F8, sich niedergelassen hatte.
In Moskau heiratete N3 zuerst eine j�dische Frau, dann eine gew�hnliche Russin, eine
Maria, N4. Er hatte eine Tochter Sinaida, U2, aus der ersten Ehe (verheiratete Stepnowa, sie starb  2001).
Er hatte die T�chter Swetlana, U3 (verheiratete Sacharowa) und Ludmila, U5, aus seiner zweiten Ehe (s. ein
Foto aus 1939).
N3 war ein sehr pessimistischer und entt�uschter Mensch. Er pflegte zu sagen:
Sudjba igraet tschelowekom, tschelowek igraet na trube ("Das Schicksal spielt mit dem Menschen, der Mensch spielt auf der Pfeife"). Er blieb nach dem Krieg einige Jahre in Dresden in der sowjetischen Besatzungs-Armee und beendete seine Karriere als Sergeant, dem Alkoholismus verfallen (s. ein Foto aus 1960).
Eugen Tarassenko. 1960. Er starb in Moskau 1972. An seiner Beerdigung wurde die Hymne der UdSSR von einer Blaskapelle seiner pensionierten Milit�rkameraden gespielt. Solcherart war das letztendliche Resultat von Marie Klosses, F7s, Konversion zur Orthodoxie (siehe
Klosse).

Die Sippe Tarassenko ist mit der Sippe Klosse durch Heirat von F8 und F7 verwandt.
Die Sippe Tarassenko ist mit der Sippe Jekimow durch Heirat von H8 und H7 verwandt.



                                                                                                       
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