Chiles gespaltene Gesellschaft

 

Auch 30 Jahre nach dem Putsch des Generals Pinochet ist der Ex-Diktator bei Freund und Feind präsent

 

Anmoderation:

 

„Ohne das Gestern gibt es kein Morgen,“ nennt die chilenische Regierung des Sozialdemokraten Ricardo Lagos ihr Programm zur Aussöhnung mit den Verbrechen der Militärdiktatur. Wenige Tage, bevor sich der blutige Putsch des Generals Augusto Pinochet am 11. September zum 30. Mal jährt, will die Regierung offenbar einen Schlussstrich unter die dunkle Vergangenheit setzen.

 

Doch der Geist des 87jährigen ist in der chilenischen Gesellschaft weiterhin präsent. Der Fanatismus seiner Anhänger hält an, und auch die Angehörigen der Opfer gehen immer wieder auf die Straße. Denn weiterhin sind die Amnestie-Gesetze in Kraft, mit denen Pinochet die Täter vor Strafverfolgung schützen wollte.

 

Rund 30 Millionen Dollar will man nun in die Wiedergutmachungszahlungen für Angehörige der rund 3000 Menschen investieren, die den Händen der Folterer zum Opfer gefallen sind. Ist das der Preis für die vielzitierte Aussöhnung? Kann es überhaupt eine Aussöhnung geben in einem Land, dessen Gesellschaft in der Frage der Diktatur tief gespalten ist?

 

                   Ein onda-Beitrag von Andrés Pérez aus Santiago de Chile

 

Moderation:

 

Augusto Pinochet will diesen Tag im kleinen Rahmen verbringen. Alte Bekannte, Politiker, Bürgermeister und Künstler wolle er in seiner Residenz empfangen, eben jene Freunde, die ihm immer treu gewesen seien, lässt der General wissen. Am Abend will der Ex-Diktator dann im exklusiven Kreis den 30. Jahrestag des blutigen Militärputsches feiern, mit dem er am 11. September 1973 der Regierung des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende ein Ende setzte.

 

87 Jahre sei er alt, sagt Augusto Pinochet, und nun fühle er sich desillusioniert und vergessen. Carlos Huneeus, der Leiter des Zentrums für Zeitgenössische Studien, entdeckt in Pinochets Rückzug ins Private sogar eine gewissen Trostlosigkeit. Trotzdem kann Huneeus, der früher als Botschafter Chiles in Deutschland arbeitete, kein wirkliches Mitleid aufbringen.

 

 

O-Ton Carlos Huneeus (pino 2):

 

Für einen gealterten Diktator, der mit Bitterkeit auf die 1990 eingeführte Diktatur blickt, geht es ihm sehr gut. Ich würde sagen, er ist ein trauriger Diktator, der wahrscheinlich bedauert, dass er sich nicht früher aus der Politik herausgezogen hat und nichts dafür getan hat, dass er in die Geschichte eingeht.

 

 

Moderation:

 

Das sehen viele Chilenen und Chileninnen anders. Nicht eben wenige blicken mit Bewunderung auf jenen Mann, der die „Revolution der Empanada und des Rotweins“ beerdigt hat, wie man den chilenischen Weg zum Sozialismus nannte.

 

Einer seiner Freunde ist HermógeNEs Pérez de Arce, ein streitbarer Kolumnist der Tageszeitung EL Mercurio. Seiner Meinung nach haben die 17 Jahre des diktatorischen Regimes den südamerikanischen Staat positiv verändert:

 

 

O-Ton Pérez de Arce (pino 1):

 

Was wäre denn die Alternative gewesen? Eine jener so genannten realsozialistischen Regierungen, ähnlich denen hinter dem Eisernen Vorhang? Eine, die so totalitär gewesen wäre wie Kuba heute ist? Nein, da muss man schon sagen: Pinochet war der zweite Befreier Chiles. Der erste war O´Higgins, mit Blick auf die spanische Krone, und der zweite, mit Blick auf die sowjetische Krone, war Augusto Pinochet.

 

 

 

Moderation:

 

Besonders die Pinochetisten der Fundación Augusto Pinochet, eine Ansammlung erfolgreicher Unternehmer und Generäle a.D., sind von dieser Haltung überzeugt. Die Stiftung tritt derzeit wieder verstärkt in Erscheinung, um den Jahrestag des Putsches gebührend zu feiern. Pinochet-treue Politiker wie etwa der Ex- Innenminister Carlos Cáceres bemühen sich, das Bild der Diktatur zu reinigen. Und wie die Fundación Augusto Pinochet wissen lässt, hat es sich bei den Ereignissen jener Septemberjahre nicht um einen Staatstreich, sondern um eine „militärische Erhebung“ gehandelt.

 

Folgerichtig ist der Anwalt und Journalist Pérez de Arce der Meinung, dass es während der Zeit des Pinochet-Regimes keine systematischen Menschenrechtsverletzungen gegeben. Die 3000 Gefolterten und in den Händen des Geheimdienstes Verschwundenen seien lediglich den Exzessen einiger Militärs und Carabineros zuzuschreiben, meint Pérez de Arce. Der damalige Abgeordnete der konservativen Partido Nacional ist überzeugt: Eines Tages werde die Geschichte mit Wohlwollen über Pinochet urteilen. Schließlich habe der General wirtschaftsliberale Reformen konsolidiert.

 

 

O-Ton: Pérez de Arce (pino 6):

 

Ich beschäftige mich mit Begeisterung mit der antiken Geschichte, zum Beispiel über die Figur Alexander des Großen, 400 Jahre vor Christi Geburt. Da liest man ganz selbstverständlich, dass er diesen und jenen Erfolg hatte. An einem Tag ärgerte er sich über irgendjemand und schnitt ihm persönlich den Hals ab. Er bleibt trotzdem ein Überlegener, er wird der Große genannt, obwohl er jemand mit seinen eigenen Händen geköpft hat und obwohl er betrunken war. Die Geschichte wird alles aufgreifen, und Pinochet wird als historische Figur stehen bleiben, die eher Gutes als Schlechtes getan hat.

 

 

Moderation:

 

Von solchen seltsam historisierenden Interpretationen des einstigen Armeechefs hält der Soziologe Tomás Moulián wenig. Moulián ist renommierter Intellektueller der außerparlamentarischen Linken und interpretiert den General Pinochet aus einem psychologischen Blickwinkel.

 

O-Ton Tomás Moulián (pino 3):

 

 

Für mich ist und bleibt von Pinochet immer das Bild des Verräters. Er den Verrat bis an die Grenze der Tragödie getrieben hat. Denn seine Macht kommt von Allende, Allende ist der Vater seiner Macht. Jener Pinochet, den wir kennen, wurde durch das Vertrauen Allendes geboren, in dem Moment, in dem er als Chef des Militärs angegriffen hat.

 

In diesem Sinne können wir davon sprechen, dass Pinochet den Vater getötet hat. Er musste den Vater töten, um seine eigene Macht zu errichten. Ich denke, das kennzeichnete die Diktatur, und zwar in dem Sinn, dass der Vatermord notwendig war für Pinochet. Man muss das mit symbolischen Codes betrachten, nicht nur mit pragmatischen.

 

Moderation:

 

Im vergangenen Jahr wurden mit dem Dokumentarfilm „I love Pinochet“ erstmals die fanatischen Anhänger des Ex-Staatschefs in den Mittelpunkt gestellt. Der Film hatte großen Erfolg, nicht zuletzt weil die Regisseurin Marcela Said herausgearbeitet hat, dass Pinochet auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Pinochet ist demnach kein Außerirdischer gewesen, der plötzlich auf Chile niedergefallen sei. Soziologe Moulián, der auch Autor des Buches „Chile aktuell: Anatomie eines Mythos“ ist, teilt diese Auffassung. Schließlich habe Pinochet bei einem Plebiszit 42 Prozent der Stimmen für sich verbuchen können.

 

O-Ton Moulián (pino 4):

 

 

Pinochet hatte eine Masse von Anhängern. Ein Teil Chiles, der autoritäre Teil, traf sich also mit Pinochet. Das ist so und das müssen wir auch so anerkennen.

 

(pino 5):

 

Pinochet zwingt uns, in den Spiegel zu schauen, und dieses Bild Chiles, das dieser Spiegel reflektiert, ist nicht das idealisierte und mystifizierte Bild, das wir im Kopf haben, das Bild, das unsere Eliten, unsere Politiker und Historiker, Intellektuellen und wir alle gerne von Chile hätten. Nein, Pinochet offenbart ein schlechtes (VERFLUCHTES?) Chile.

 

 

Moderation:

 

Der Pinochetismus manifestiert sich in der geringen Toleranz und einem Vorgehen, das politischem Handeln und kritischen Denken konträr gegenübersteht, sagt der Politikwissenschaftler Carlos Huneeus. International betrachtet könne man Pinochet auf der Liste großer Diktatoren des 20. Jahrhunderts hinter Hitler und Stalin einreihen.

 

O-Ton Carlos Huneeus (pino 7):

 

Und das auch, weil Pinochet dazu angehalten hat, international von ihm ein Bild des schlechten Menschen zu schaffen. Er tat nichts dagegen. Auf diese Art erntet Stürme, wer Wind sät, und die Stürme halten lange an.

 

Moderation:

 

        

Die unter Pinochets Gnaden mitregierenden Parteien waren nach dem Rücktritt des Generals im Jahr 1990 bemüht, das schlechte Bild Chiles in der Außenwelt zu verändern. In einer Welle formaler Distanzierungen sagten sich die rechten Parteien Union Demócrata Independiente und die Renovación Nacional wie das Militär von ihrer dunklen Geschichte los. Dabei waren beide Parteien an Folter und Morden beteiligt. Heute stellen sie knapp der Hälfte der Abgeordneten im Parlament.

 

Auch der sozialdemokratische Staatschef Ricardo Lagos kann sich dem Einfluss der alten Recken nicht entziehen. Noch immer berät der Unabhängige Sicherheitsrat, ein von Pinochet in der Verfassung verankertes Gremium, den Präsidenten in Fragen der nationalen Sicherheit. Dem Rat wohnen hohe Militärs bei, die auch dem Ex-Diktator treue Dienste leisteten.

 

Dennoch startete die Regierung Lagos in Einklang mit der Opposition eine neue Initiative, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Mit einem Etat von 30 Millionen Dollar will sie die Zahlungen für die Angehörigen der Opfer auf das Doppelte aufstocken. Zudem sollen die Gefängnisstrafen herabsetzen, um rangniedrige Täter der Diktatur dazu zu bringen, ihr Schweigen zu brechen. Das soll helfen, die noch etwa 1200 Fälle von Verschwundenen aufzuklären.

 

Mit diesen Maßnahmen will die Regierung einen Schritt zur Aussöhnung beitragen. Doch in den Freundeskreisen Pinochets sieht man keinen Grund zur Reue. Befragt über den Begriff Aussöhnung erzählt Journalist Pérez de Arce eine Anekdote über eine Begegnung mit Gladys Marín, der Präsidentin der Kommunistischen Partei Chiles. Während einer Fernsehdebatte waren die beiden aneinandergeraten:

 

 

O-Ton Hermógenes Pérez de Arce (pino 9):

 

 

Das Programm begann und sie griff mich gewaltsam an. Schließlich konterte ich mit einem Gegenangriff. Wir sagten uns Dinge, mit denen wir völlig falsch lagen, veraltetes Zeug. Sie nahm nicht war, was passiert war. Und ich sagte ihr, dass sie den Hass kultiviere und alles andere, während sie und ich kein Problem miteinander hätten. Ich glaube, das passiert uns ständig und überall. Ich habe kein Problem mit niemandem, der anders denkt, und Leute, die völlig anders denken als ich, passiert dasselbe. Nur ganz selten beschimpft mich jemand, weil ich ein anderes Extrem vertrete. Man könnte sich fragen, warum die Leute das nicht haben, diesen latenten Hass.

 

Moderation:

 

Zweifellos existiert unter vielen Angehörigen der Opfer ein großer Hass (GROLL? SIE WOLLEN EINFACH JUSTIZ), auch wenn der alte Pinochet-Freund Pérez de Arce diesen nicht wahrnehmen will. Nicht zuletzt die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes vom vergangenen Jahr, Pinochet aus Krankheitsgründen nicht vor Gericht zu stellen, hat diese Wut noch verschärft. Zumal die Londoner Regierung den Ex-General zuvor im Jahr 2000 trotz eines Haftbefehles des spanischen Richters Baltazar Garzón ungestört in sein sicheres Heimatland Chile hatte ausreisen lassen.

 

Angesichts dieser bis heute herrschenden tiefen Gespaltenheit der chilenischen Gesellschaft glaubt Soziologe Moulián nicht daran, dass es eine Aussöhnung geben kann. Ohnehin hält er wenig von diesem Begriff.

 

 

O-Ton Tomás Moulián (pino 8):

 

Das Thema Aussöhnung ist ein falsches Thema, es geht von falschen Voraussetzungen aus. Wir sollen lernen, mit Toleranz zu leben, aber warum soll ich einen Folterer lieben. Nein. Das ist eine rein mystische Illusion. Das sind Worte der theologischen Sprache, die in der politischen deplaziert sind. Nein, wir müssen Bedingungen für einen politischen Frieden schaffen, weil die für alle besonders notwendig sind.

 

Moderation:

 

 

Der politische Frieden lässt auf sich warten. Erst Mitte August kam es in der Hauptstadt Santiago wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Angehörige der Diktatur-Opfer hatten von der Regierung gefordert, endlich Maßnahmen gegen die Straflosigkeit zu ergreifen. Das von Pinochet verfügte Amnestiegesetz, das viele der Täter vor Strafverfolgung schützt, müsse endlich abgeschafft werden, fordern Angehörige und Linke Organisationen. Dafür aber, sagt Staatschef Lagos, habe er „nicht die politische Macht“.

 

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