MANUSKRIPT

 

Chilenische Sicherheitskräfte gehen mit Gewalt gegen rebellische Indigenas vor. Droht in Chile ein zweites Chiapas?

 

Von Andres Pérez González, Santiago de Chile und Wolf-Dieter Vogel

 

 

Beitrag:

 

O-Ton:

 

Musik der Mapuche: (Track 1)

 

Während den ersten Worten der Moderation rausziehen.

 

 

Moderation:

 

„Marrichiwew“ – „Zehnmal werden wir siegen“, lautet einer der Schlachtrufe, die im Süden Chiles immer lauter werden. „Marrichiwew”, rufen Tausende von Mapuches, die „Menschen der Erde“, wie sie ihren Namen übersetzen. Die Geduld der Ureinwohner ist erschöpft. Immer wieder wurden sie von ihrem Land zurückgedrängt: einst von spanischen Kolonisatoren, dann von den Schergen der Militärdiktatur Augusto Pinochets. Heute nun kaufen transnationale Forstunternehmen widerrechtlich den Boden auf, um mit schnellwachsenden Bäumen ebenso schnelles Geld zu machen. Durch den Bau von sieben Wasserkraftwerken droht mindestens 30 000 Menschen die Umsiedlung. Schon jetzt lebt etwa die Hälfte der 1,5 Millionen Mapuches Chiles in den Städten, verdammt zur Armut.

 

O-Ton:

         Musik der Mapuche (Track 2)

 

Während der letzten Moderation rein, kurz hochziehen und bei der nächsten wieder rausziehen.

 

Moderation:

 

Deshalb, so erklären die Führer der Indigenas, klagen sie nun mit Aktionen zur Wiedereroberung des Bodens die historische Schuld des chilenischen Staates ein. Sie besetzen Land oder blockieren den Abtransport des angebauten Pinienholzes. Immer wieder kommt auch Gewalt ins Spiel. So etwa verübten sie Anschläge gegen das Unternehmen Endesa España. Der spanische Konzern plant den Bau eines Staudamms am Bio-Bio-Fluss, genau auf jenem Stück Land, das die Indigenas einst rechtlich zugesprochen bekamen. Zuletzt ließen militante Mapuche am 3. Januar von sich hören: Eine Gruppe zündete mehrere LKW zweier großer Forstbetriebe an.

 

Solche Aktionen bringen den Ureinwohnern den Vorwurf ein, mit Terroristen in Verbindung zu stehen. Und damit auch Anklagen nach einem Antiterrorgesetz, die vor dem Militärgericht verhandelt werden. Obwohl das umstrittene Gesetz noch aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet stammt, rechtfertigt der sozialdemokratische Abgeordnete aus der betroffenen Region Eugenio Tuma dieses Vorgehen:

 

O-Ton:

 

Eugenio Tuma: (Track 3)

 

“Sólo en aquellos casos .....

 

Voice-Over:

 

Zwar kann man dieses Gesetz nur in Fällen anwenden, in denen es Verbindungen zu paramilitärischen Organisationen oder Terroristen gibt. Doch genau dies hat sich jetzt herausgestellt: die Mapuches sind zwar Zivilisten, es gibt aber Verbindungen zwischen Patria y Libertad und den Mapuches .

 

O-Ton:

 

... Patria y Libertad y los Mapuches.”

 

 

Moderation:

 

 

Der Parlamentarier Tuma bezieht sich auf angebliche Kontakte zwischen Mapuches und ehemaligen Mitgliedern der ultrarechten Patria y Libertad - Vaterland und Freiheit, eine Organisation, die sich an der Destabilisierung der Regierung des Sozialisten Salvador Allende im Jahr 1973 beteiligt hatte. Cristián Melillan, der Sprecher der städtischen Mapuche-Vereinigung Meli Wixan Mapu weist solche Vorwürfe zurück:

 

O-Ton

 

Cristián Melillan: (Track 4)

 

“Lo que se pretende...

 

Voice-Over:

 

Man will mit diesem Vorgehen unsere Organisationen zerschlagen. Man will sie als eine terroristische Vereinigung definieren, die mit Teilen der Rechten verbunden sei. In der einen Woche behauptet man dies, in der anderen behauptet man, hinter ihr stünden linksradikale Gruppen.

 

O-Ton:

 

... se dice que está manejada por sectores de ultraizquierda.”

 

 

Moderation:

 

Für keine der Beschuldigungen gibt es bislang Beweise. Dennoch haben sie für die Indigenas weitreichende Konsequenzen. Mindestens 350 Mitglieder indigener Gemeinden saßen in den letzten Jahren im Gefängnis. Gegen viele laufen vor dem Militärgericht Verfahren nach dem fragwürdigen Antiterrorgesetz. Insbesondere die Arauco-Malleco-Koordination ist betroffen. Sie gilt als die radikalste Fraktion der Mapuche.

 

20 Mapucheführer, die sich auf politischer Ebene betätigt haben, sind abgetaucht. Aus Angst vor Verfolgung. Gefangene werfen den Behörden Folter und Misshandlung vor. Auch bei den Landbesetzungen eskaliert die Gewalt: Anfang November starb der 17jährige Mapuche-Junge Edmund Lemun bei Auseinandersetzungen mit der Militärpolizei durch die Kugel eines Beamten

 

O-Ton:

 

         Musik der Mapuche          (Track 5)

 

Moderation:

Solche Zustände riefen zahlreiche Menschenrechtsorganisationen auf den Plan: Im vergangenen Jahr warf amnesty international der chilenischen Polizei vor, sie gehe mit nicht zu rechtfertigender Gewalt gegen die Mapuche vor. Am 10. Dezember übergab die chilenische Kommission gegen Folter der Regierung einen Bericht, in dem das Gremium die Diskriminierung und Stigmatisierung der Mapuches verurteilte. Jahrhundertealte Wut treibe die Ureinwohner dazu, ihre Rechte auf direktem Wege einzuklagen, nachdem sie sich lange Zeit vergeblich an die Justiz gewandt hätten. Auch der sozialistische Abgeordnete der betroffenen Region, Alejandro Navarro, kritisiert das Vorgehen der Regierung.

 

O-Ton:

 

Alejandro Navarro: (Track 6)   

 

“Veo que es un error ...

 

Voice-Over:

 

Es ist ein Fehler, wenn man im Innenministerium meint, dass die Zerschlagung der Arauco-Malleco-Koordination den Mobilisierungen zur Wiedereroberung des Bodens ein Ende setzen wird. Das wird nichts nutzen. Es offenbart lediglich ein tiefes Unwissen über die Wurzeln dieses Kampfes.

 

O-Ton:

.... los raíces de la lucha.”

 

Moderation:

Das entschlossene und teilweise gewalttätige Vorgehen der Mapuche stellt für einige die ersten Schritte hin zu einem „chilenischen Chiapas“ dar. Gemeinsamkeiten gibt es auch an anderen Punkten: Wie die Zapatisten im südmexikanischen Chiapas fordern die Mapuches die Anerkennung des Abkommens 169 der Internationalen Organisation der Arbeit, nach dem sie das Recht haben, als eigenständiges Volk mit ihrer Kultur und Sprache auf chilenischem Territorium zu leben, während sie gleichzeitig als chilenische Staatsbürger ihre Rechte ausüben können.

Doch obwohl sie wie ihr mexikanisches Pendant die Gesichter hinter Masken verstecken, lehnt Cristián Melillan von der Mapuche-Organisation Meli Wixan Mapu solche Vergleiche ab. Allerdings befürchtet er: wenn der chilenische Staat nicht einlenkt, könne nur ein Massaker verhindern, dass die Indigenas weiterhin ihre Forderungen auf ihre Weise einklagen.

O – Ton:

 

Cristián Melillan: (Track 7)

 

“Nuestras demandas....

 

Voice-Over:

 

Unsere Forderungen wurden bis heute nicht eingelöst. Man hat die Mapuche-Bewegung verteufelt, hat behauptet, dass sie einen eigenen Staat und eigene Grenzen etablieren wollten. Das ist Blödsinn. Wir Mapuches sind seit langer Zeit Teil der chilenischen Gesellschaft, schon länger, als diese chilenische Gesellschaft überhaupt existiert.

 

O-Ton:

 

.... desde antes que existiera la propia sociedad chilena”.

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