Home    Geschichten   

Ein Wochenende an der Playa

Etwa um 4:30 entnehme ich dem Kühlschrank zwei Teige. Den Brotteig knete ich nochmal durch und schiebe ihn in den bereits angeheizten Backofen. Es folgt ein erstes Käfeli aus dem ach so praktischen Automaten und auch der Computer hat endlich BILLSHIT hineingeschaufelt Bibip. Das Börsenhandelsprogramm meldet den Kauf eines Paketes TOI und auch bereits zwei Trades von CSGN. Um 548 schneide ich ein paar Scheiben des noch heissen Brotes ab, streiche einen Ankebock und bringe ihn mit einem zweiten Kaffe an Frauchens Bettrand.
Dann haben wir noch eine Stunde "quality time" und allerlei zu besprechen. Ja, dieses Wochenende ist wieder einmal Englisch angesagt. Hanni zöpft die beiden Schlangen zusammen und ich schiebe sie in die Röhre. In einem Telefonat in die Schweiz versuche ich Vater zum Geburtstag zu gratulieren, aber die Eltern sind offenbar auswärts.
Punkt 8 Uhr stehe ich mit unserem Autöli vor der Kette des Supermarktes. Auf meine Geste hin rutscht ein junger Packboy von seinem Rolly und gibt den Parkplatzeingang frei. Eine Minute später begrüsst mich der Gerant als ersten Kunden. Ein paar Tüten Orangensaft, eine fünfliterflasche Wasser, Joghurt, gesalzene Butter und ein Sack Kartoffeln...
Ich donnere die Avenida Castellana hoch -shit, tanken vergessen!? Ja, ich bin nervös, aber warum. Wegen dem kleinen Ausflug, oder wegen Schwiegermüeti, wo im Spital liegt, oder weil meine Frau nächstes Wochenende in die Schweiz jettet, oder...
Die vielen Vorbereitungen vertreiben die Gedanken. Pfft, melden sich die Kartoffeln unter Hochdruck, Düdädödä das Handy, und Blublip eine Chica per MSN. Unser Flitzer ist schon voll, aber erst halb beladen. Also muss platzsparender gepackt werden, als in unserem "Lastwagen" in der Schweiz, wo ein paar Qubikmeter mühelos platz haben. Nun, dafür fährt er auch doppelt so schnell.
Um 11:08 Uhr habe ich doch tatsächlich Zeit für ein paar Runden Abkühlung im Pool, während ich die Pendenzenliste nochmal geistig durchgehen kann. Scheibenwaschwasser muss noch in den kürzlich reparierten Tank eingefüllt werden!...
Gegen halb Zwei stehe ich an der Tankstelle. Für den 400 Km Trip brauchen wir für knapp 3 Franken Treibstoff. Dann hole ich Hanni ab vor dem modernen Bürohochhaus und treffe in der Tiefgarage auf Jo, die Engländerin, welche auch am Einpacken ist.
Punkt 14 Uhr fahren wir gemeinsam los, auf die Autobahn, dann Vollgas -oder fast. Shit, das gekühlte Wasser vergessen und auch die Zusatzakkus, naja...
Nach 150 Km halten wir am Strassenrand, kaufen ein paar Kilo Bananen. Dann fährt mir die Lady zu langsam und ich habe Durst. An der Provinzgrenze müssen wir anstehen und Strassengebühr bezahlen: Hanni grabscht ein 20gi hervor! Dann wollen nochmal ein paar bewaffnete "Guardia Nacional" unsere Nasen sehen. Dazwischen geniesse ich unseren schnellen Flitzer auf schnurgerader Strasse, höre ab und zu von meiner Beifahrerin ein leises Knurren bei einem Überholmanöver und halte schliesslich in Boca de Uchire vor einem "Roadhouse" für einen Liter eisgekühltes Cola.
Ein Junge mit einem kleinen Kesseli Wasser möchte unsere Scheiben waschen. Ja, am liebsten würde ich ihn das ganze Autöli waschen lassen und ihn auch noch gut bezahlen, doch wir wollen an die Playa.
10 Minuten später kommen auch die Briten im Opeli daher und kurz darauf sind wir im Beach House. Autos ausladen, Zimmer beziehen, Badehose montieren und Splash, hauen wir uns in die Wellen. Wunderbar!
Wo hat man sonst schon ± 100 m Sandstrand für sich allein, als auf der Rückseite eines privaten Strandhauses? Obschon hier ein paar hundert solche Häuser stehen und der Strand beispielhaft öffentlich zugänglich ist, sind wir fast die einzigen Badegäste. Wir geniessen die frische Brise, ein paar kühle Drinks, fast wolkenloser Himmel -und natürlich das karibische Meer an der Noordküste Venezuelas.
Gegen Abend muss ich nochmal kurz an die Säcke. Ich trage den schweren Transformator in die Gartenlaube und installiere die Reisekaffeemaschine. Sogar Engländer sind nun plötzlich an einem feinen Espresso interessiert aus meiner Improvisation. Das Abendessen hat Barbara, die Mexikanerin vorbereitet: Ravioli an einer raffinierten Tomatensauce, Salat und einen guten Tropfen.
In der Nacht kühlt es kaum ab und ich erwache einmal ob einem kräftigen Gewitterregen. Doch das war bloss das Rauschen des Ventilators. Deshalb bin ich bereits vor Sonnenaufgang wieder im Wasser, klatsche mit ein paar Zeltlern und unserer kolumbianischen Nachbarin. Dann schleichen sich auch die anderen aus ihren Laken und geniessen den jungen Morgen. Frühstück ist heute "our Turn", auch wenn wir hierher eingeladen sind. Hanni schneidet Früchte auf, bringt Besteck und Teller in die Laube. Ich haue den Zopf an und auch ein paar Scheiben Brot und wir ernten Lob für die Schinken- und Käseplatte. "Well done!"
Dann gesellen sich auch schon die anderen beiden Gäste dazu. Der Franzose, welcher eine Baustelle der Caracas' Metro leitet mit seiner halbindischen Schönheit. "Bonjour!"
"Bienvenidos!"
"How was the Trip?..."
Auch den Samstag verbringen wir grösstenteils mit baden, essen, schlafen und einfach den schönsten Dingen auf Erden. Wir geniessen das Nichtstun, plaudern, machen Witze, oder lesen halbschlaue Sachen. Zum Nachtmahl hatte Jazwana eine indische Köstlichkeit vorbereitet. Doch baldeinmal liegt man, teilweise rot gezeichnet vom Stress des Tages wieder müde in der Hängematte nicht wahr Jonny!? (Ein Foto des Diplomaten wird aus Höflichkeit nicht publiziert).
Dafür ist er am anderen Morgen früher wach als wir und geniesst aus seiner Schlafstätte unter dem Moskitonetz diese Aussicht. Ich werfe die Wasserpumpe an, nehme eine kalte Dusche und offeriere Jo, welche nur Tee trinkt zu ihrem Verdruss auch einen dampfenden Espresso. Meine Provokatiönchen schon am Morgen früh. Oder, wie heisst es im meistverkauften Buch: Am Sonntag sollst Du Dich ausruhen oder so etwas ähnliches. Genau das befolgen wir auch heute. Doch im Gegensatz zu den Briten, welche am Montag Feiertag haben, müssen Hanni und ich nach dem "Lunch" nach Caracas zurückfahren. "Feliz Viaje" wünschen unsere Freunde zum Abschied. Bloss 200 Km, aber am Sonntag sind wir nicht ganz allein auf den Strassen. Die Sonne brennt uns gegen die dreckige Scheibe und viele Venezolaner fahren nach ihren eigenen Regeln Auto. Doch auch diesmal geht alles gut und nach drei Stunden sind wir wieder zu Hause. Gerade rechtzeitig, um sich im garteneigenen Pool nochmal richtig abzukühlen...

Home    Geschichten   

 

Hosted by www.Geocities.ws

1