PERSPECTIVES IN LIFE CYCLE IMPACT ASSESSMENT
A STRUCTURED APPROACH TO COMBINE MODELS OF
THE TECHNOSPHERE, ECOSPHERE AND VALUESPHERE
PATRICK HOFSTETTER
ZUSAMMENFASSUNG
Die Ökobilanz ist ein Umweltanalyseinstrument, welches alle Umweltauswirkungen
entlang des gesamten Produktlebenszyklus erfasst. Mit dieser Methode können
verschiedene funktionell äquivalente Produkte verglichen oder umweltverträglichere
Produkte entwickelt werden. Die ISO-Norm zur Ökobilanzierung unterscheidet
vier iterativ zu durchlaufende Phasen: Zieldefinition, Sachbilanz, Wirkungsabschätzung
und Interpretation. Dieses Buch beschäftigt sich schwergewichtig mit
der Wirkungsabschätzung und Teilen der Interpretation.
Die Ökobilanz ist ein junges Instrument und wird weiterhin entwickelt.
Zwei Hauptkritikpunkte haben sich an den bestehenden Ansätzen herauskristallisiert:
(1) Ökobilanzen sind subjektiv und unterscheiden zuwenig klar zwischen
objektiven und subjektiven Elementen, und (2) die heutige Wirkungs-abschätzung
ist nicht in der Lage, tatsächliche Schäden zu model-lieren.
In diesem Buch wird ein neues Methodengerüst vorgestellt, welches
beide Kritikpunkte aufnimmt.
Die hier vorgeschlagene neue Struktur versucht dabei nicht wie anhin,
die subjektiven von den objektiven Elementen zu trennen und in separaten
Phasen zu gruppieren, sondern Ökobilanzierung als die Kunst zu verstehen,
die Werte-, Öko- und Technosphäre zu modellieren und zu kombinieren.
Diese Grundstruktur erlaubt es, unabhängig voneinander entwickelte
Bausteine aus den verschiedenen Disziplinen der Natur-, Sozial- und Medizinwissenschaften
zu kombinieren. Die problemorientierte Sichtweise in diesem Buch führt
zur Fokussierung auf die Schnittstellen zwischen Natur- und Sozialwissenschaften.
Die Auswahl und Kombination bestehender Bausteine erlaubt eine teilweise
Operationalisierung der neuen Struktur, welche allerdings noch auf zahlreichen
in der Zukunft zu verifizierenden Hypothesen basiert. Diese Hypothesen
erlauben jedoch, bisherige Entwicklungen einzuordnen und neuere Entwicklungstendenzen
zu erklären. Sie eröffnen daher eine vielversprechende Basis
für weitere Forschungsarbeiten.
Obschon einige der neu eingeführten (Struktur)-Elemente nicht
über den Status von Hypothesen hinausgehen, wird ein Grossteil der
Struktur konkret entwickelt und operationalisiert:
-
Die Wertesphäre wird explizit als solche eingeführt womit die
subjektiven Elemente aus dem Status des Unerwünschten und des zu Vermeidenden
herausgeführt werden. Die Cultural Theory hat sich aufgrund einer
Evaluation als geeignete Theorie zur Modellierung der Wertesphäre
erwiesen. Diese besagt: (i) dass Menschen entsprechend ihrer Identifikation
mit Gruppen und dem Fremdbestimmtheitsgrad klassifiziert werden können;
(ii) dass kulturelle Neigungen als gemeinsame Werthaltungen und Überzeugungen
verstanden werden können; und (iii) dass es fünf "lebbare" Lebensweisen
gibt, welche verschiedene soziale Beziehungsmuster mit kulturellen Neigungen
kombinieren. Drei dieser fünf Archetypen (Hierarchisten, Individualisten
und Egalitäre) werden im weiteren berücksichtigt, da nur sie
aktiv an Entscheidungsprozessen teilnehmen. Dieses Buch offeriert deshalb
drei verschiedene Varianten zur Wirkungsabschätzung, wobei jede den
Werthaltungen und der Weltsicht genau eines der drei aktiven Archetypen
entspricht.
-
Die Ökosphäre wird mit Hilfe von drei Untermodellen abgebildet:
Eines für die Modellierung der bekannten Schäden, eines für
die unbekannten Schäden und ein letztes für die Steuer- und Beherrschbarkeit
der Schäden.
-Das Untermodell für die bekannten Schäden modelliert kausale
Beziehungen zwischen Umwelteinwirkungen und Schäden an zu bestimmenden
Repräsentanten der Umwelt, den Schutzgütern. Dieses Modell wird
für Schäden durch kanzerogene und respiratorische Effekte am
Schutzgut 'menschliche Gesundheit' operationalisiert. Hierzu werden Ausbreitungs-,
Expositions-, Effekt- und Schadensmodelle entwickelt oder angepasst und
auf 150 Schadstoffe angewendet, die diese Effekte bewirken. Schäden
an der menschlichen Gesundheit werden in DALYs (Disability Adjusted Life
Years = beeinträchtigungskorrigierte Lebensjahre) gemessen, eine Einheit,
die bereits internationale Verwendung findet und hier für den Gebrauch
in Ökobilanzen angepasst wird. Die beste Schätzung für langfristig
zu erwartende Gesundheitsschäden in Europa aufgrund von heutigen Emissionen
kanzerogener Schadstoffe liegt bei etwa 3% aller Gesundheitsrisiken und
wird durch die Gruppen der Schwermetalle und persistenten Organika dominiert.
Für respiratorische Effekte liegt dieser Anteil bei rund 6% und ist
fast vollständig auf Primär- und Sekundärpartikel zurückzuführen.
-Da in der Umwelt, welche durchaus als 'überkomplex' charakterisiert
werden kann, lediglich wenige Kausalbeziehungen bekannt und quantifizierbar
sind, wird ein Untermodell für unbekannte Schäden entwickelt.
Der hierfür entwickelte Index kombiniert die Bioakkumulationsfähigkeit
und die Höhe der weltweiten Emissionen der Schadstoffe. Er dient als
Indikator für die schleichende Akkumulation von Umweltschadstoffen
und die Tatsache, dass über neue vom Menschen in die Umwelt emittierte
Stoffe oft wenig bekannt ist.
-Die Steuer- und Beherrschbarkeit von Schäden wird mit einem Index,
welcher die Einfachheit der Schadensreduktion, die Höhe der Zielwertüberschreitung
und die Wirksamkeit der Gesetzgebung quantifiziert, abgebildet und beinhaltet
damit sowohl dynamische Aspekte als auch die Eingriffsmöglichkeiten
des Menschen.
-
Die Sachbilanzanalyse ist das Modell der Technosphäre. Die Sachbilanz
bildet die Schnittstelle zur Ökosphäre. Die Untermodelle der
Ökosphäre werden so ausgewählt, dass diese den Informationsbedarf
und die Anforderungen der drei Archetypen abdecken können. Damit kann
auch die Schnittstelle zwischen Öko- und Wertesphäre operationalisert
werden. Die Schnittstelle zwischen Werte- und Technosphäre wird beispielshaft
aufgezeigt, indem die Konsequenzen für die künftige Sachbilanzierung
aufgezeigt werden. Auf dieser Basis kann die Kombination der drei Sphären
realisiert werden.
-
Für die Informationsbündelung und -aufbereitung wird eine graphische
Dominanzanalyse für die Interpretationsphase entwickelt. Produktvergleiche
sind hiermit mit einem Minimum an Gewichtungsinformation möglich.
Eine Vollaggregation mit festen Gewichtungssets ist damit in vielen Fällen
unnötig. Trotzdem kann den Entscheidenden die erwünschte Entscheidungsunterstützung
gegeben werden.
Dieses neue, ambitiöse Methodengerüst wird hier zum Teil bereits
operationalisert. Für einige noch inoperable Teile werden Hinweise
für eine künftige Operationalisierung gemacht. Die Struktur ist
offen für Anpassungen und Weiterentwicklungen und kann mit entsprechenden
Modellen aus den verschiedenen involvierten Wissenschaftsgebieten weiter
ergänzt werden.
Der im Titel verwendete Begriff Perspektiven wird in diesem Buch in
einer vierfachen Bedeutung verwendet: Die Ökobilanzperspektive der
Welt, welche die Sichtweise der Lebenszyklusanalyse in den Vordergrund
stellt; die Perspektive, dass die Ökobilanz als Modell der drei Sphären
verstanden wird; die kulturelle Perspektive, welche zu weltbildabhängigen
Modellen führt; und schliesslich die Perspektive für zukünftige
Entwicklungen, welche durch die Offenheit der vorgeschlagenen Struktur
zugelassen wird.
Schlagwörter: Ökobilanz, Wirkungsabschätzung, Cultural
Theory, Schadensabschätzung, unbekannter Schaden, Steuerbarkeit, Beherrschbarkeit,
kanzerogene Effekte, respiratorische Effekte, graphische Dominanzanalyse
Abstract
in English
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