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texte aus der literatur







zitat aus "andorra" von max frisch (1957/61):
"Ich hasse. Ich weine nicht mehr. Ich lache. Je gemeiner sie sind wider mich, um so wohler fühle ich mich in meinem Haß. Und um so sichrer. Haß macht Pläne. Ich freue mich jetzt von Tag zu Tag, weil ich einen Plan habe, und niemand weiß davon, und wenn ich verschüchtert gehe, so tu ich nur so. Haß macht listig. Haß macht stolz. Eines Tags werde ich's ihnen zeigen. Seit ich sie hasse, manchmal möcht ich pfeifen und singen, aber ich tu's nicht. Haß macht geduldig. Und hart."

andri im sechsten bild zur schlafenden barblin
 
 

franz kafka: "kleine fabel" (1920):
"ach", sagte die maus, "die welt wird enger mit jedem tag. zuerst war sie so breit, daß ich angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der ferne mauern sah, aber diese langen mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten zimmer bin, und dort im winkel steht die falle, in die ich laufe." - "du mußt nur die laufrichtung ändern", sagte die katze und fraß sie.
 

schopenhauer
wollen wir uns einen menschen denken, der, etwa auf der gasse stehend, zu sich sagt: "es ist 6 uhr abends, die tagesarbeit ist beendingt. ich kann jetzt einen spaziergang machen; oder ich kann in den klub gehen; ich kann auch auf den turm steigen, die sonne untergehn zu sehen ; ich kann auch ins theater gehn; ich kann auch diesen oder aber jenen freund besuchen; ja ich kann auch zum tor hinauslaufen, in die weite welt, und nie wiederkommen. Das alles steht allein bei mir, ich habe völlige freiheit dazu; tue jedoch davon jetzt nichts, sondern gehe ebenso freiwilleig nach hause, zu miener frau."
das ist geradeso, als wenn das wasser spräche: "ich kann hohe wellen schlagen (ja! nämlich im meer und sturm), ich kann reißend hinabeilen (ja! nämlich im bette des stromes), ich kann schäumend und sprudelnd hinunterstürzen (ja! nämlich im wasserfall), ich kann frei als strahl in die luft steigen (ja! nämlich im springbrunnen), ich kann endlich gar verkochen und verschwinden (ja! bei 80° wärme); tue jedoch von dem allen jetzt nichts, sondern bleibe freiwillig, ruhig und klar im spiegelnden teiche."
 

franz kafka: "eine kaiserliche botschaft" (1917)
der kaiser - so heißt es - hat dir, dem einzelnen, dem jämmerlichen untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen sonne in die fernste ferne geflüchteten schatten, gerade dir hat der kaiser von seinem sterbebett aus eine botschaft gesendet. den boten hat er beim bett niederknien lassen und ihm die botschaft ins ohr zugeflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sich sie noch ins ohr wiedersagen ließ. durch kopfnicken hat er die richtigkeit das gesagten bestätigt. und vor der ganzen zuschauerschaft seines todes - alle hindernden wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden freitreppen stehen im ring die großen des reiches - vor allen diesen hat er den boten abgefertigt. Der bote hat sich gleich auf den weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher mann; einmal diesen, einmal den andern arm vorstreckend schafft er sich bahn durch die menge; findet er widerstand, zeigt er auf die brust, wo das zeichen der sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. aber die menge ist so groß; ihre wohnstätten nehmen keine ende. öffnete sich freies feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche schlagen seiner fäuste an deiner tür. aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch gemächer des innersten palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die höfe wären zu durchmessen; und nach den höfen der zweite umschließende palast; und wieder treppen und höfe; und wieder ein palast; und so weiter durch jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten tor - aber niemals, niemals kann es geschehen - liegt erst die residenzstadt vor ihm, die mitte der welt, hochgeschüttet voll ihres bodensatzes. niemand dringt hier durch und gar mit der botschaft eines toten. - du aber sitzt an deinem fenster und erträumst sie dir, wenn der abend kommt.

passage aus der erzählung "beim bau der chinesischen mauer"

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