Wenn die Gondeln Trauer tragen :
Wasser schlägt über dem Kind in dem roten Regenmantel zusammen und begräbt es unter sich. Der verzweifelte Vater kommt aus dem Haus gelaufen und versucht, seine Tochter zu retten. Doch er kommt zu spät.
Das englische Ehepaar John
(Donald Sutherland) und Julia Baxter (Julie Christie) trifft der furchtbare
Verlust hart. Sie lassen England hinter sich und reisen nach Venedig, wo John
seinem Beruf als Kirchen - Restaurateur nachgeht. Doch da setzt sich der
Alptraum fort...
Der britische Regisseur Nicolas Roeg führt den Zuschauer auf eine schaurige und
todbringende Irrfahrt, die einige Rätsel in sich birgt. Kaum in der Lagunenstadt
angekommen häufen sich die mysteriösen Vorfälle und Vorzeichen: Ms. Baxter hat
eine Begegnung mit zwei alten Frauen, von denen eine paradoxer weise blind und
Seherin zugleich ist. Sie erzählt Ms. Baxter, sie könne deren verstorbene
Tochter sehen und erhalte Botschaften von ihr. Die anfangs skeptische Ms. Baxter
glaubt nur zu gern, daß es ihrer Tochter im Jenseits gut gehe und kann von da an
besser mit dem Tod umgehen. Ihr Mann ist dagegen nicht so schnell vom
Übersinnlichen zu überzeugen und wehrt sich heftig dagegen, der Geschichte der
seltsamen Dame Glauben zu schenken. Seine Sturheit wird ihm noch zum Verhängnis,
denn er verschließt fortan Augen und Ohren vor allen Warnungen, er solle Venedig
schnell verlassen. Auch vermag er seine eigenen Visionen nicht zu deuten.
Roeg weiß sehr geschickt verschiedene filmische Mittel einzusetzen, um mehr und
mehr eine unheilvolle Atmosphäre zu kreieren. Jede Alltagsbegebenheit scheint
bei ihm bedeutungsschwanger zu werden. Nichts ist mehr Zufall, nichts ist mehr
sicher. Selbst ein Geistlicher wirkt hier eher unheimlich und nicht
vertrauenerweckend.
Auffallend ist die durchdachte Farbkomposition: In fast jeder Einstellung ist
das hell - leuchtende Rot zu sehen, welches man zuerst am Regenmantel des
ertrinkenden Kindes sehen konnte. Oft wird das Rot z.B. mit Kleideraccessoires
ins Bild gebracht. So wird der Zuschauer geradezu auf diese Farbe konditioniert.
Es gibt Wiederholungen, Spiegelszenen, Orte werden zweimal besucht.
Nicht erst seit Thomas Manns Erzählung ist klar, daß der Tod und Venedig eine
sich ergänzende Einheit bilden. Diese wunderschöne, langsam verfallene Stadt ist
wie geschaffen für morbide Poesie. Roeg gibt sie zusätzlich die Gelegenheit, das
Element Wasser als eine Art Leitmotiv zu entwickeln. Es bietet sich auch der
Bootsmann aus der griechischen Mythologie an, der hier - ganz ähnlich wie bei
Manns Tod in Venedig- Julia Baxter nicht an den Ort bringt, zu dem sie
hinwollte.
Besonderes Stilmittel von Roegs Filmen ist die "Verrätselung". Durch gekonnte
Schnitte und Montagen wird der Zuschauer systematisch auf eine ansprechende und
anregende Weise "verwirrt". Allerdings gehören Roegs Werke nicht zu der Art von
Filmen, bei denen sich der Zuschauer verschaukelt vorkommt, da ihm Informationen
vorenthalten werden und er ewig im Dunkeln tappt. Vielmehr fällt es bei Roegs
Filmgeschichten leicht, sich darauf einzulassen und das Unerklärliche als eben
dieses zu akzeptieren. Einiges bleibt bis zum Schluß offen und doch ist es nicht
weiter störend.
Beide Hauptdarsteller sind definitiv sehenswert und verkörpern glaubwürdig die
Höhen und Tiefen eines Ehelebens. Sutherland spielt routiniert gut, und Julie
Christie sieht einfach blendend aus. Dabei gibt es zwischen den beiden eine
bemerkenswert zärtliche Szene. Sie sieht im Gegensatz zu den meist gekünstelt
wirkenden Hollywood - Sex-Szenen einfach natürlich und entspannt aus.
Möglicherweise ist sie als Gegenpol zum eher angespannten Rest des Films
gedacht.
Roeg hatte nur
wenige Jahre zuvor (1968) mit Performance sein Regiedebüt. Einem Film,
der zuerst nur auf den Hauptdarsteller Mick Jagger zurechtgeschnitten war, sich
aber dank Roeg zu einem vielschichtigerem Werk entwickelte. Der Verleih Warner
Bros. war mit der Form des Films so überfordert und abgeschreckt, daß sie ihn
erst mit zwei Jahre Verspätung herausbrachten. Ein Neuling in der Filmindustrie
war Roeg keineswegs: Lange war er Kameramann für verschiedene populäre
Regisseure, vom Horror/B-Movie-Filmer Roger Corman bis hin zu Francois Truffaut
und John Schlesinger, etc.
Auch nach Wenn die Gondeln Trauer tragen gab uns Roeg spannende Rätsel
auf: Beliebt ist sein Der Mann, der vom Himmel fiel (1976) mit David
Bowie, erwähnenswert ist Track 29 (1988) mit Gary Oldman und Roegs
Ehefrau Theresa Russell.