Vom unfreien Willen:
Es war im Jahr 1525 als Martin Luther auf eine Abhandlung von Erasmus von Rotterdam “Über den freien Willen” (von 1524) mit der Schrift “Über den unfreien Willen” antwortete.
Es geht Martin Luther um die Grundfrage menschlicher Willensfreiheit. Diese
Frage ist nicht dem Zeitgeist unterworfen.
Die Erkenntnis eines freien oder unfreien Willens ist aktuell und bleibt für den
christlichen Glauben von Bedeutung.
Luther lehrt, so wie es geschrieben steht in Eph. 2, 1-5 der Mensch ist “tot in Sünden” und fragt wie Paulus (Röm.7,24): “Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?”
Die Heilige Schrift sagt mit eindeutigen Worten, wie es um den Menschen steht
und was er zu seinem Heil braucht.
Die Schrift ist völlig klar, nur unser verfinstertes Auge erkennt es nicht. Es
bedarf des Heiligen Geistes, um uns die Augen zu öffnen. Dann erkennen wir Jesus
Christus als den Anfänger und Vollender des (rettenden) Glaubens. (Hebr. 12,2)
Nur Jesus kann uns erlösen aus dem (geistlichen) Tod zum geistlichen und Gott
wohlgefälligen Leben (zeitlich und ewig). Dieses Heil ist eine Gabe Gottes. Es
ist keine Errettung, die auf der Anstrengung eines Menschen beruht.
Es ist dem Menschen nicht möglich, sich für Gottes Gnade annehmbar zu machen.
Könnten wir es, dann wäre Gnade keine Gnade mehr.
Für Erasmus muß menschliche Leistung und Gottes Hilfe kooperieren. Luther
nennt diese Vermischung eine teuflische Irrlehre.
Gnade und Verdienst, Gnade und Rechtsanspruch scheiden sich wie Feuer und
Wasser.
Der unfreie Wille, von dem Luther spricht, bezieht sich nicht auf die Dinge,
die niedriger sind als wir, über die wir verfügen können: Geld und Besitz, Essen
und Trinken, Fleiß und Faulheit, Berufswahl, Modefragen, Urlaubsziele usw.
Hier hat der Mensch Ermessens- und Handlungsspielraum.
Jedoch bei der Frage nach höheren Entscheidungen, nach unserem Gottesverhältnis, nach Seligkeit und Verdammnis, da hat der Mensch keinen freien Willen. Der Mensch kann als Geschöpf Gottes nur eine Freiheit haben im Einklang mit Gottes Wollen und Wirken.
Frei im absoluten Sinn ist einzig Gott in seiner Allmacht und Allwissenheit als Schöpfer und Herr aller Dinge.
Der gefallene Mensch, der Sünder, ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass er
“wie Gott sein wollte”.
Durch dieses Begehren ist er aus der guten Herrschaft Gottes hinabgestürzt in
die Tyrannei des Satans. Er ist gefangen, unterworfen, dem Willen Satans
verknechtet durch die Sünde. Diese gottfeindliche Willensrichtung kann der
Mensch von sich aus niemals korrigieren. Und darum ist diese Unfähigkeit zur
Korrektur eben der “unfreie Wille”.
Luther gebraucht ein drastisches Bild: Der menschliche Wille ist wie ein Lasttier. Wenn Gott darauf sitzt, will er und geht er, wohin Gott will... “geritten” wird der Mensch. Freilich, Gott führt sein Lasttier zur grünen Aue und zum frischen Wasser. Der Satan jedoch reitet es zuschanden.
Bedeutet dieses “Geritten-werden”, dieser “unfreie Wille” dasselbe wie Zwang? Wer gezwungen wird, der wird durch äußere Gewalt genötigt etwas zu tun, was er gerade nicht will, oder etwas zu unterlassen, was er begehrt. Zwang geschieht stets “wider Willen”.
Gott zwingt nicht – er zieht: Jer. 31,3 “Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.” Joh. 6,44 “Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass ihn der Vater ziehe.”
Auch der Satan zwingt nicht mit äußerer Gewalt. Der Vater der Lüge überredet, manipuliert, belügt den Menschen in seiner inneren Existenz. Mit faszinierenden Bildern gaukelt er ein glückliches Leben in vermeintlicher Freiheit vor. So wird die Seele durch das Opium des Teufels betäubt. Diese Existenz in Schein und Illusion hält der von Satan Geblendete für das einzig Reale.
Das Hauptkennzeichen des gefallenen Menschen ist, er hält sich selber für
frei.
Luther schreibt: Die Schrift schildert uns den Menschen als einen solchen, der
nicht nur gebunden, elend, gefangen, krank und geistlich tot ist, sondern der
Mensch fügt noch unter dem Einfluß des Satans den Aspekt der Blindheit hinzu. Er
hält sich für frei, glücklich, mächtig, gesund und lebendig.
Der Satan weiß wohl, wenn der Mensch sein Elend erkennen würde, könnte er ihn nicht in seinem Reich behalten. Er weiß, Gott erbarmt sich und hilft dem, der seinen Jammer erkennt und zu Ihm schreit!
Die Frage ist: Wie kann der Mensch zu dieser Erkenntnis gelangen? Da der Sünder nichts anderes wollen kann, als sich selbst und nichts anderes begehrt als seine Autonomie, muß der Mensch zu einem neuen Wollen und einer neuen Ausrichtung kommen .
Aber wie kommt der Mensch zu einem neuen Sein, zu einem “neuen Herzen” und einem “neuen Geist”? Ein neues Wollen erfordert nicht weniger als eine radikale Umwandlung, eine Erneuerung im Personenkern, eine “neue Kreatur”: 2.Kor.5,17 “Darum, ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.”
Das neue Leben schafft Gott selbst. Er wirkt durch sein schöpferisches Wort. Dieses Wort begegnet den Menschen mit doppelter Wirkung. Es deckt die Schuld auf und deckt sie zu, es richtet und rettet, es erklingt als Todesurteil und als Freispruch, es widerfährt uns als Gesetz und als Evangelium.
Das Gesetz reißt den von Satan Geblendeten aus allen Illusionen, das Evangelium führt den Todeskandidaten zu dem Mann am Kreuz. Das Gesetz zeigt dem Sünder das eigene Herz, das Evangelium aber, lässt ihn das Herz Jesu schauen.
Das Wort der Gnade findet nur bei denen Zugang, die ihre Sünden spüren und in Betrübnis, ja sogar in Verzweiflung darüber geraten. Es ist allein die Gnade Gottes, die im Herzen die Wahl und das Wollen bewirkt, so dass der Gläubige dem Weg Jesu, Seiner Wahrheit und Seinem Leben folgt.
Hat der Mensch Anteil an dieser Wende, dieser “Bekehrung”? Genau hier liegt die Kontroverse zwischen Luther und Erasmus. Hier, im Herzen der Wiedergeburt und des Neuschöpfungswunders, lässt Erasmus den Menschen aktiv mitwirken. An dieser Stelle soll die große Stunde des “freien Willens” schlagen, durch den der Mensch sich zu dem hinwenden kann, was zum ewigen Heil führt, oder zu dem, was davon abwendet.
Das bedeutet, dass Gottes Gnade erst wirklich zur Gnade wird durch eine Willensentscheidung des Menschen. Bei einer solchen Möglichkeit macht man die Gnade zu einem bloßen Angebot, ja, hier macht der “freie Wille” die Gnade zunichte.
Wer so wie Erasmus denkt, der nimmt die Errettung in seine Hand. Wer sich so selbst in der Hand hat, sich so nach Wunsch hin- und abwenden kann, der ist – die Konsequenz ist unausweichlich – sein eigener Erlöser. Er braucht weder Christus noch den Heiligen Geist. Unerbittlich beharrt Luther darum auf dem Wort des Paulus: “So liegt es nun nicht an jemandes Laufen oder Wollen, sondern an Gottes Erbarmen.”
Und er schreibt folgende Erklärung: Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Kraft noch Vernunft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu Ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, erleuchtet, geheiligt und erhalten.
Es hat Gott gefallen, dass er nicht ohne das Wort, sondern durch das Wort uns seinen Geist schenkt. Der so vom Heiligen Geist geleitete Christ wirkt durch Liebe in einem neuen Tun, durch einen neuen geheiligten Willen, der aus einem neuen Sinn entspringt (wie die Frucht des Weinstocks):
Für sein Leben hat er ein neues, ihn tief bewegendes Motiv: Gott allein die Ehre!