Odyssee


Die Irrfahrten des Odysseus

Als Troja, von Flammen verzehrt, in Trümmer sank, segelte auch Odysseus, König von Ithaka, mit seinen zwölf Schiffen von der trojanischen Küste fort. Er sehnte sich danach, so bald als möglich den Rauch des heimatlichen Ithaka zu sehen, doch das Schicksal bestimmte ihm die seltsamste Seefahrt, die ein Mensch erlebt hat.

Was nützten den Ruderern ihre starken Arme? Der Wind war stärker und trieb das Schiff an eine fremde Küste, zur Stadt der Kikonen, Ismara. Die Griechen gingen an Land und erstürmten die Stadt. Sie machten reiche Beute. Vergeblich riet Odysseus, sofort weiterzufahren. Seine Gefährten hörten nicht auf ihn. Sie zapften die Weinschläuche an, entfachten Feuer und brieten Fleisch. Inzwischen riefen die Kikonen ihre Nachbarn aus dem Landesinneren zu Hilfe. Sie kamen so zahlreich wie die Blätter an den Zweigen im Frühling, und bei Morgengrauen überfielen sie die von Essen und Trinken ermüdeten Griechen. Im erbitterten Kampf fielen sechs Griechen von jedem Schiff, und die anderen konnten sich nur durch die Flucht retten. Hastig sprangen sie auf die Schiffe und fuhren, so rasch sie konnten, aufs Meer hinaus.

Sie fuhren nicht lange, da verfinsterten sich Himmel und Meer, und ein böser Sturm peitschte heulend die Wellen. Wütend zerrte der Wind an den Segeln. Die Griechen warfen sich mit aller Kraft in die Ruder und erreichten mit letzter Mühe Land. Zwei Tage und zwei Nächte blieben sie an der Küste. Sie rasteten, flickten die Segel und stellten die abgebrochenen Maste wieder auf. Dann fuhren sie weiter, in der Hoffnung, sich der Heimat zu nähern, doch ein wilder Wind trieb sie abermals einer unbekannten Küste zu.

Sie gingen an Land, faßten frisches Trinkwasser, und Odysseus sandte drei Leute aus, zu erforschen, was für Menschen hier lebten. Lange kehrten die drei Männer nicht zurück, also ging er selbst sie suchen. Er fürchtete, es könnte ihnen etwas zugestoßen sein. Bald jedoch erfuhr er, warum sie nicht zurückkamen.

Das Land, vor dem sie ankerten, war das Reich der Lotophagen. Diese nahmen jeden Fremden freundlich auf und boten ihm ihre Nahrung, die süße Lotosfrucht, an. Wer einmal von dieser köstlichen Speise gekostet hatte, wollte nicht mehr fort und wünschte, bis zum Tod im Land der Lotophagen zu bleiben. Die armen Seeleute, die Odysseus ausgesandt hatte, hatten von der Lotosfrucht gekostet und wollten nicht mehr zurück. Man mußte sie mit Gewalt fortschleppen und gebunden im Bauch des Schiffes verstauen. Odysseus nahm ihnen die Fesseln erst ab, als das Land der Lotophagen aus dem Blickfeld entschwunden war.

Nach einigen Tagen ruhiger Fahrt gelangten Odysseus Schiffe zu einer kleinen Insel. Auf rasenbedeckten Hängen trieben sich Herden wilder Ziegen umher und reizten die Griechen zur Jagd. Bald kamen die Griechen mit reicher Jagdbeute von den Hügeln zurück. Am Ufer machten sie Feuer, und bald verbreitete sich angenehmer Bratenduft. Zum Abendessen tranken sie von dein alten Wein, den sie bei den Kikonen erbeutet hatten.

Odysseus beobachtete neugierig den unfernen, der Insel gegenüberliegenden Festlandstreifen. Er wußte nicht, daß es das Land der Zyklopen war. Die Zyklopen waren Riesen, die weder pflügten noch säten und doch alles in Hülle und Fülle hatten.

Am nächsten Morgen, kaum daß die Morgenröte mit Rosenfingern die Nacht verdrängt hatte, fuhr Odysseus mit einem der Schiffe ans gegenüberliegende Ufer. Die anderen Schiffe ließ er wohlverborgen am Landeplatz. Je näher das Schiff dem unbekannten Land kam, desto größer war Odysseus Erstaunen. Obgleich das Land nicht bestellt war, reifte auf den Ebenen eine üppige Getreideernte, und auf den Hängen rankten sich wilde Reben voll saftiger blauer Weintrauben.

Odysseus befahl seinen Schiffern, in einer sicheren Bucht zu ankern, und stieg mit zwölf der tapfersten Helden ans Ufer. Sie bahnten sich einen Weg durch dichtes Gewächs, zwischen Bäumen, deren Zweige sich unter der Last der Früchte bis zum Boden neigten, und suchten nach Spuren von Lebewesen. Schließlich gelangten sie am Fuß eines felsigen Berges vor die schwarze, halb mit Lorbeer verwachsene Öffnung einer Höhle. Rund um die Höhle verlief eine Mauer aus rohen, unbehauenen Steinblöcken, zwischen denen Fichten- und Eichenstämme, mit Riesenkraft in den Boden gerammt, hervorragten. Hinter der Mauer blökte und meckerte eine riesige Herde von Lämmern und Zicklein.

Die Griechen stiegen über die Mauer und traten in die Höhle. Auf Platten, groß wie Flöße, lagen Käselaibe, und am Boden standen Gefäße mit Milch und leere Melkkrüge. Auch die Käselaibe und Gefäße waren so riesengroß, daß die Griechen Odysseus zuredeten, lieber aufs Schiff zurückzukehren. Odysseus aber wollte wenigstens die Ankunft des Riesen abwarten. Er hätte gern gewußt, wie gastlich der Riese sie aufnehmen würde. So hielt er seine Gefährten bis zum Abend in der Höhle zurück.

Als es dämmerte, vernahmen sie draußen schwer dröhnende Schritte, so daß der Sand von der Höhlendecke herunterrieselte. Dann betrat der Riese Polyphem mit einer ungeheuren Last trockenen Holzes die Höhle. Vor sich her trieb er Schafe und Ziegen von der Weide. Er warf das Holz zu Boden, wälzte einen riesigen Felsblock vor den Höhleneingang und entfachte ein Feuer. Aus dem großen Holzhaufen schlugen die Flammen hoch empor und beleuchteten das Gesicht des Riesen. Die Griechen sahen, daß er nur ein einziges Auge mitten auf der Stirn hatte. Mit diesem einzigen Auge starrte der Riese die Griechen an.

"Wer seid ihr, Fremdlinge?" fragte Polyphem mit rauer Stimme, "was sucht ihr hier?"

"Wir sind Griechen", antwortete Odysseus, beherzt hervortretend, "wir sind auf der Heimfahrt von Troja, das wir erobert haben, und bitten dich um Gastfreundschaft. Du weißt so gut wie wir, daß die Götter gebieten, den Gast zu ehren."

Polyphem lachte, daß alle Ecken der Höhle dröhnend widerhallten: "Die Götter! Gebieten! Ich schere mich nicht um deine Götter. Wir Zyklopen sind stärker als die Götter, und ich bin der Zyklopen Stärkster. Wir tun nur das, was uns paßt, verstanden? Und wo liegt euer Schiff, sprich!"

Der listenreiche Odysseus erkannte, daß es besser sei, wenn der freche Polyphem nicht erführe, wo ihr Schiff ankerte. Darum sagte er: "Wir haben kein Schiff Poseidon, der Herr des Meeres, hat unser Schiff an einer Klippe zerschmettert. Nur ich habe mich mit zwölf Männern gerettet. Die anderen haben in den Wellen den Tod gefunden. "

Der Riese gab darauf keine Antwort, er streckte nur die Hand aus und ergriff zwei Griechen. Diese verzehrte er zum Abendbrot, trank Ziegenmilch dazu und legte sich dann neben den Schafen zur Ruhe. Die Griechen waren starr vor Grauen. Das schreckliche Mahl ließ sie nicht einschlafen. Inbrünstig riefen sie Zeus an und flehten um Hilfe. Odysseus erwog, ob er nicht den schlafenden Riesen mit dem Schwert durchbohren sollte. Doch wenn er den Menschenfresser durchbohrte. Wären sie alle zum Tod verurteilt. Alle zusammen wären sie nicht imstande, den Felsblock, mit dem Polyphem den Höhlenausgang versperrt hatte, wegzuwälzen.

Am Morgen fachte der Zyklop das Feuer wieder an und molk Ziegen. Dann packte er wieder zwei Griechen und verschlang sie zum Frühstück. Nachdem er gegessen hatte, schob er den Felsblock mit solcher Leichtigkeit fort, als wäre es ein Kieselstein ließ die Schafe und Ziegen hinaus und verschloß hinter sich die Höhle sorgfältig mit dem Felsblock, damit ihm keiner der Griechen entkomme.

Traurig saßen die Griechen in der finsteren, nur vom Schein des verlöschenden Feuers schwach erhellten Höhle. Angsterfüllt warteten sie auf die Rückkehr des Riesen. Der kluge Odysseus überlegte pausenlos, wie er sich und seine Freunde befreien könnte. Ein Gedanke nach dem anderen wanderte ihm durch den Kopf, doch er verwarf alle, keiner schien ihm sicher genug. Als er die Höhle durchsuchte, ob sie nicht anderswohin entkommen könnten, fand er an der Felswand die Keule des Riesen. Sie glich dem Mast eines zwanzigrudrigen Lastschiffs. Beim Anblick der Keule fiel dem Odysseus eine List ein. Er schnitt von der Keule ein Stück Holz ab, forderte die Freunde auf das Holz zu glätten und zuzuspitzen, und brannte die Spitze in glühender Kohle. Dann erklärte er den Freunden seinen Plan. Die Griechen losten vier Männer aus, die Odysseus helfen sollten. Das Holz versteckten sie gut vor dem Riesen. Abends kam der Zyklop Polyphern mit der Herde zurück und verschloß die Höhle wieder mit dem Felsblock. Er setzte sich, molk Ziegen und Schafe und suchte sich aus der zusammengeschmolzenen Schar der Griechen zwei neue Opfer heraus. Er aß und schickte sich an, schlafen zu gehen. Da trat Odysseus mit einem Humpen voll starken kikonischen Weines aus dem Schlauch, den die Griechen mitgebracht hatten, zu ihm.

"Trink, Zyklop", sagte Odysseus, "trink, vielleicht wird ein Becher guten Weines dein grausames Herz erweichen."

Polyphem leerte den Becher auf einen Zug, und der Wein schmeckte ihm.

"Gib mir noch mehr", verlangte er.

Odysseus füllte ihm den Becher zum zweitenmal, und der Riese sagte mit Wohlgefallen: "So einen Wein habe ich noch nicht getrunken. Die Götter können keinen besseren haben. Ich bin nicht undankbar, sage mir deinen Namen, ich will dir auch eine Freude machen und dich beschenken."

Odysseus goß dem Riesen zum drittenmal ein und sagte listig: "Ich will dir meinen Namen verraten, doch vergiß nicht das Geschenk, das du mir versprochen hast."

"Ich heiße Niemand. Niemand nennen mich die Menschen, meine Verwandten und Freunde."

Der Riese antwortete mühsam, mit von Wein schwerer Zunge: "Hör gut zu, du gefällst mir. Dich, Niemand, will ich erst als letzten, nach allen anderen, auffressen. Das ist mein Geschenk für dich."

Er sprachs und ließ sich, vom Trunk übermannt, auf den Boden fallen. Odysseus ergriff, wie besprochen, mit seinen Gefährten das zugespitzte Holz und hielt es in die glühende Asche. Dann stießen die Griechen den glimmenden Pfahl mit aller Kraft in das einzige Auge des Riesen. Dieser erwachte und brüllte, daß die Höhle und der ganze Berg erzitterte. Entsetzt flüchteten die Griechen vor ihm. Polyphem riß den Pfahl aus dem Auge und tappte in wahnsinniger Wut mit den Händen umher. Er war geblendet, und so konnten die Griechen sich vor ihm hinter Felsvorsprüngen verstecken. Der Riese bekam nur Steine und Erde zwischen die Finger.

Das Brüllen und jammern Polyphems drang den anderen Zyklopen zu Ohren. Sie eilten aus ihren Höhlen in den umliegenden Hügeln hervor, liefen zu Polyphems Höhle und fragten, was ihm zugestoßen sei und warum er sie mitten in der Nacht aufwecke. Versuche etwa jemand, ihn zu ermorden?

Außer sich vor Schmerz, wiederholte Polyphem immer das Gleiche: "Wer mich mordet? Ach, Niemand, Freunde, Niemand!"

Die Zyklopen schüttelten die Köpfe und riefen: "Niemand? Warum schreist du dann? Hat Zeus eine Krankheit über dich geschickt? Bete zu Poseidon, deinem Vater, er möge dir helfen."

Und die Zyklopen gingen in ihre Höhlen zurück.

Am Morgen öffnete der Riese stöhnend die Höhle, um die Schafe und Ziegen hinauszulassen. Er setzte sich zum Ausgang und betastete sorgfältig den Rücken jedes Tieres, ob nicht einer der Griechen darauf sitze. Doch der listenreiche Odysseus band jeweils drei Widder mit Ruten zusammen und unter dem mittleren befestigte er einen nach dem anderen seiner verbliebenen Gefährten. Er selbst hielt sich an der Wolle am Bauch des größten Widders fest und ließ sich von ihm aus der Höhle tragen. Der Riese betastete nur die Rücken der Tiere, und so konnten die Griechen ihm glücklich entkommen.

Draußen ließen sie die Tiere los und liefen so rasch sie konnten zum Schiff, das in der Bucht vor Anker lag. Die Besatzung begrüßte sie freudig, doch die Freude war getrübt durch den Kummer über die Freunde, die aus der Höhle des Riesen nicht mehr zurückkehrten. Sechs Helden hatte Polyphem umgebracht. Aber zum Trauern war keine Zeit. Odysseus befahl, so viele Schafe des Zyklopen aufs Schiff zu treiben, wie es fassen konnte, und schnell wegzufahren.

Auf offener See wandte Odysseus sich der Küste der Riesen zu und rief: "Polyphem, hörst du mich? Das war die Vergeltung für deine gottlosen Taten! Du hast ohne Zögern die Hand gegen deine Gäste erhoben. Darum haben Zeus und alle anderen Götter dich gestraft!"

Der Riese hörte Odysseus und kam wütend aus der Höhle hervorgestürzt. Er riß den Gipfel eines großen Berges ab und schleuderte ihn in die Richtung, aus der die Stimme kam. Der Felsen fiel dicht vor Odysseus Schiff ins Meer. Es fehlte nicht viel und er hätte das Schiff zerschmettert. Das Meer schäumte auf, eine große. Flutwelle erhob sich und trug das Schiff zur Zyklopenküste. Nur mit Mühe brachten die Ruderer das Schiff vom Ufer fort.

Als sie weit vom Land entfernt waren, schrie Odysseus abermals: "Wenn dich jemand fragt, Zyklop, wer dich geblendet hat, so sag ihm, daß es Odysseus von Ithaka war!"

"Weh mir", heulte der Riese, "eine alte Weissagung ist in Erfüllung gegangen. Einst wurde mir geweissagt, daß Odysseus mich blenden würde. Ich glaubte, er sei ein Mann, so groß und stark wie ich, und er werde mit mir kämpfen. Und jetzt kommt so ein kleines Menschlein daher und raubt mir mit List das Augenlicht! Aber warte nur, Odysseus, mein Vater Poseidon wird dafür sorgen, daß du recht spät nach Hause kommst, und zwar allein, elend, ohne Freunde und auf einem fremden Schiff!"

Nach diesen Worten schleuderte er einen zweiten, noch größeren Felsen nach dem Schiff und hätte fast das Steuer zertrümmert. Die Griechen warfen sich in die Ruder und stemmten sich gegen die mächtige Flutwelle. Sie entkamen dem Riesen zum zweitenmal und langten bald bei den anderen Schiffen an, die vor der Ziegeninsel ankerten.

Sie verteilten die Beute, und Odysseus opferte dem Zeus den Widder, unter dessen Bauch er aus der Höhle des Zyklopen entflohen war.

Zeus aber nahm das Opfer nicht an. Poseidon hatte die Bitte seines Sohnes erhört und bei Zeus ein Wort eingelegt. Zeug hielt für Odysseus und seine Freunde neue Leiden bereit.

Am nächsten Tag bei Morgengrauen setzten die Griechen sich an die Ruder und nahmen Kurs auf das ferne Ithaka. Einige Tage fuhren sie so über das weite Meer, und kein Sturm trieb sie zurück. Da kamen sie zu einer Insel, die von einem Wall aus Erz umgeben war. Mehr Glück hätte Odysseus nicht haben können. Auf der Insel wohnte König Aiolos, der Herr der Winde. Freundlich nahm der gute König Odysseus und seine Griechen in dem prächtigen Schlosse auf, befragte sie nach dem Trojanischen Krieg und Odysseus Reise in die Heimat. Reich bewirtete er sie alle einen ganzen Monat lang.

Als der Monat um war, bat Odysseus den König ihn zu entlassen. Analog überwachte selbst die Vorbereitungen zur Abfahrt und machte Odysseus ein ungewöhnliches Geschenk. Er sperrte alle ungünstigen, wilden Winde in einen großen Schlauch aus Ochsenhaut und band ihn fest mit einem Silberfaden zu. Den Schlauch gab er Odysseus und befahl einem leichten, günstigen Wind, die Segel zu blähen und die Griechenschiffe zur Küste Ithakas zu treiben.

Neun Tage und neun Nächte füllte der günstige Wind die Segel von Odysseus Schiffen und am zehnten Tag der guten Fahrt erblickten die Griechen Ithaka. Sie kamen der Küste der Insel so nahe, daß sie Hirten am Feuer sehen konnten. Da versagte Odysseus sich nicht länger den Schlaf, Während der ganzen Fahrt hatte er sein Schiff gesteuert und kein Auge zugemacht, doch jetzt, vor dem Ziel, schlummerte er ein.

"Schaut her", sagten die Schiffer, "Odysseus ist eingeschlafen. jetzt können wir endlich erfahren, was für Geschenke er im Schlauch von König Analog mitführt. Er hat uns nichts davon gesagt, wahrscheinlich will er das Gold und Silber mit uns nicht teilen."

Die Schiffer ergriffen den Schlauch und banden den Silberfaden auf. Heulend und zischend entflohen die wilden Winde aus dem Schlauch und trieben die Schiffe weit aufs Meer hinaus, fort vom heimatlichen Strand. Odysseus erwachte und sah, was geschehen war. Er war so verzweifelt, daß er sich beinahe in die sturmgepeitschten Wogen gestürzt hätte. Der Sturmwind trieb das Schiff zurück zur Insel des Aiolos.

Odysseus eilte sofort in den Palast, wo der König der Winde mit Frau und Kindern beim Mahle saß. Aiolos wunderte sich nicht wenig, als er Odysseus wiedersah, doch als er den Grund erfuhr, sprang er ergrimmt auf und rief: "Verlasse mein Schloß und meine Insel! Du bist bei den Göttern in Ungnade gefallen. So einen Menschen kann ich nicht unter meinen Schutz nehmen."

Traurig ging Odysseus zu seinen Freunden zum Ufer zurück. Nun konnten sie nicht mehr günstigen Winden vertrauen. Schwer kämpften die Schiffe sich durch die Wellen, und den Ruderern floß der Schweiß von der Stirn.

Müde erreichten sie eine unbekannte Felsenküste. Sie fanden einen guten Ankerplatz, nur Odysseus verließ sein Schiff an einer Klippe vor dem Hafen und klomm die Felsen empor, um Ausschau zu halten. Vor ihm lag eine Ebene ohne Menschen und Tiere. In der Ferne stieg Rauch zum Himmel - vielleicht lag hinter dem Horizont eine Stadt. Odysseus ging zum Hafen zurück und sandte drei Kundschafter ins Landesinnere aus. Die Griechen überquerten die Ebene, bahnten sich einen Weg durch einen tiefen Wald und gelangten vor eine Stadt mit hohen Häusern. Der erste Mensch, dem sie begegneten, war ein Mädchen, das bei einem Brunnen Wasser holte. Sie sah nicht wie ein gewöhnliches Mädchen aus, sondern war riesengroß wie ein Turm, doch erklärte sie freundlich und bereitwillig den Griechen alles, was sie wissen wollten. So erfuhren sie, daß sie im Land der Laistrygonen waren und daß die Stadt Telepylos hieß. Der Vater des Mädchens sei hier König. Das Mädchen führte sie zum Königsschloß und die Griechen erstarrten. Sie standen vor der Königin, die groß war wie ein Berg. Kaum erblickte sie die Griechen, rief sie nach ihrem Mann. Ihre Stimme dröhnte, als ob ein Felssturz über einen Berghang, alles mit sich reißend, zu Tal donnerte. Der König der Laistrygonen, ein wahres Ungetüm an Größe, eilte herbei, ergriff einen der Griechen und ließ ihn sich als Mahlzeit zubereiten. Die anderen beiden entflohen und kamen mit ihrer Unglücksbotschaft zu den Gefährten zurück.

Der Riesenkönig ließ Alarm blasen. Die riesigen Laistrygonen schwärmten über die Ebene und liefen zur Küste hin. Sie brachen Felsblöcke los, schleuderten sie nach den Schiffen und zertrümmerten sie. Die Maste brachen, das Wasser drang durch die zerschmetterten Schiffswände ins Innere, und die Fahrzeuge sanken mitsamt den Griechen. Keines der im Hafen ankernden Schiffe entkam. Nur Odysseus konnte sich mit einer Handvoll Gefährten retten. Im letzten Augenblick durchschnitt er das Seil, mit dem sein Schiff an der Klippe vertäut war, und verließ eilig das feindliche Land.

Mit einem einzigen Schiff und den übriggebliebenen Freunden durchfurchte Odysseus das Meer und gedachte der toten Gefährten, die er niemals wiedersehen würde. Todmüde vom angestengten Rudern und erschöpft von den ausgestandenen Schrecken, stiegen die Griechen ans Ufer einer Insel, ließen sich zu Boden fallen und lagen so zwei Tage und zwei Nächte. Am dritten Morgen, kaum daß die Morgenröte das goldene Haar des neuen Tages zu kämmen begann, nahm Odysseus Schwert und Speer und drang ins Innere der Insel. Er fand einen Weg und erblickte Rauch über den Baumkronen. Auf dem Rückweg lief ihm ein stattlicher Hirsch über den Weg. Odysseus erlegte ihn mit dem Speer und kehrte mit der Jagdbeute zu den hungrigen Gefährten zurück. Sie taten sich am Braten gütlich, und Rast und Nahrung gaben ihnen neue Kraft. Nach dem Essen teilte Odysseus die Griechen in zwei Gruppen. Die erste führte er selbst, die zweite leitete der Steuermann Eurylochos. Dann losten sie, welche Gruppe ins Landesinnere gehen sollte. Das Los fiel auf Eurylochos und seine Gruppe. Betrübt brach er mit seinen Leuten in den Wald auf. Die Griechen hatten all das vor Augen, was sie bei den Laistrygonen und den Zyklopen erlebt hatten, und gingen nur langsam und behutsam vorwärts.

In einer Waldsenke stießen sie auf ein schönes, stattliches Haus. Um das Haus schlichen Bergwölfe und Löwen, doch fielen sie die Ankömmlinge nicht an. Sie schmiegten sich an die Seefahrer, wie Hunde sich an den heimkehrenden Herrn schmiegen. Aus dem Haus ertönte süßer Gesang. Die lieblich singende Stimme gehörte der Zauberin Circe, die in dem Haus wohnte. Sie selbst öffnete den Griechen die Tür und bat sie lächelnd, einzutreten. Die Griechen konnten nicht widerstehen und gingen hinein. Nur der Steuermann Eurylochos traute der Frau nicht und blieb lieber draußen. Circe führte die Seefahrer in einen prächtigen Saal, bot ihnen bequeme Lehnstühle zum Sitzen an und bereitete ihnen ein köstliches Mahl aus Honig, Käse, Mehl und starkem Wein. In die Speise tat sie einen Zaubersaft. Die Griechen aßen mit gutem Appetit, aber plötzlich begannen sie sich zu verwandeln. Aus der Haut wuchsen ihnen Borsten, der Kopf streckte sich zu einem Schweinsrüssel, und grunzend fielen sie auf alle Viere. Die Zauberin trieb sie mit einer Rute aus dem Saal in den Schweinestall und warf ihnen Eicheln und Bucheckern vor.

Eurylochos wartete vergeblich auf seine Gefährten. Er ging darum zum Schiff zurück und berichtete dem Odysseus, was er erlebt und gesehen hatte.

"Fahren wir fort, solange wir noch können", riet Eurylochos, "die Götter wissen, was für eine Gefahr hier auf uns lauert."

"Wir können nicht wegfahren und unsere Freunde im Stich lassen", sagte Odysseus. Er ließ sich den Weg beschreiben, bewaffnete sich und begab sich auf die Suche nach den verlorenen Männern.

Unterwegs begegnete ihm ein hochgewachsener junger Mann, in dem er den Gott Hermes erkannte. Hermes drückte ihm die Hand und fragte: "Wohin läufst du? Glaubst du, du könntest ohne die Hilfe der Götter deinen Gefährten helfen, die von Circe in Schweine verwandelt wurden? Ich will dir beistehen." Hermes bückte sich und grub aus dem Boden ein Kraut mit weißer Blüte und schwarzer Wurzel. "Dieses Kraut", sagte er, "heißt Moly, mit ihm widerstehst du allen Zauberkünsten. Nimm es zu dir. Wenn Circe dich mit dem Zauberstab berührt, zieh dein Schwert und stürze dich auf sie, als wolltest du sie töten. So wirst du sie leicht zu dem Schwur bewegen, dir nichts zuleide zu tun. Dir droht dann kein Unheil mehr, und du wirst deine Gefährten wiedersehen."

Hermes sprachs und, verschwand. Nachdenklich ging Odysseus zum Haus der Zauberin. Circe empfing ihn an der Tür, lud ihn freundlich ein und reichte ihm lächelnd einen Zaubertrank. Sie konnte es kaum erwarten, daß er den goldenen Becher leerte. Sowie Odysseus ausgetrunken hatte, schlug sie ihn mit der Rute und rief:

"Marsch, in den Schweinestall zu deinen Freunden!"

Doch auf Odysseus wirkte der Zauber nicht. Das Kraut Moly schützte ihn. Er zog sein Schwert und drang auf die Zauberin ein, als wollte er sie durchbohren. Erstaunt und erschrocken fiel Circe nieder und umfaßte Odysseus' Knie.

"Wehe", schrie sie, "bist du etwa Odysseus, den mir das Orakel angekündigt hat? Wenn du Odysseus bist, so stecke dein Schwert ein und laß uns Freunde sein."

"Schwöre", sagte Odysseus mit erhobenem Schwert, "schwöre, daß du mir nichts zuleide tun wirst."

Circe schwor. Dann erst steckte er das Schwert ein und nahm ihre Gastfreundschaft an. Dienende Nymphen bereiteten ein Mahl. Die eine deckte den Tisch und warf purpurne Überzüge über die Sessel, eine andere mischte in silbernem Maßkrug süßen Honigwein mit Wasser, eine dritte machte für Odysseus ein Bad bereit. Nachdem Odysseus gebadet und das neue Gewand, das Circe ihm geschenkt, angelegt hatte, setzte er sich mit ihr zu Tisch. Doch er aß nicht und starrte nur traurig vor sich hin.

"Warum ißt du nicht?" fragte Circe, "bist du etwa bessere Leckerbissen gewöhnt?"

"Wie kann ich essen und mich freuen, wenn mir die Gefährten fehlen", antwortete Odysseus. Befreie sie von dem Zauber und du wirst mich vom Kummer befreien."

Circe schlug die Bitte nicht ab. Sie ging auf den Hof, öffnete die Stalltüre und trieb die Schweine heraus. Sie betupfte ein jedes mit Zaubersaft, und sogleich fielen ihnen die Borsten ab, ihre Leiber richteten sich auf, und statt Schweinen standen die Griechen um Circe herum. Sie eilten zu Odysseus und dankten ihm gerührt für ihre Errettung. Circe bat Odysseus, auch die anderen Seefahrer herzubringen. Diese zogen das Schiff ans Trockene und versammelten sich alle bei Circe. Die Zauberin und die Nymphen machten es ihnen bequem, und die Schüsseln und Maßkrüge füllten sich ein ganzes Jahr lang. Schnell verging die Zeit in Wohlleben und Festen. Nach einem Jahr ersuchte Odysseus die Circe, ihn und die griechischen Helden zu entlassen.

"Ich will dich nicht gegen deinen Willen festhalten", sagte die Zauberin. "Willst du dir jedoch lange Irrfahrten ersparen, so mußt du in die Unterwelt hinabsteigen. Dort befrage den Schatten des blinden Sehers Teiresias um ein Orakel."

Odysseus grämte sich über die neue Gefahr. Circe bemerkte es und tröstete ihn: "Mach dir keine Sorgen, Odysseus, stell nur den Mast auf und setze Segel. Der Wind wird dir schon hinhelfen. Wenn du den Ozean überquert hast, wirst du eine flache Küste mit einem Weidenhain und schlanken schwarzen Pappeln sehen. Das ist der Hain der Göttin Persephone und der Eingang zur Unterwelt. Geh allein, ohne Begleiter, an einen einsamen Platz, grabe eine Grube und opfere den Toten einen schwarzen Widder und ein schwarzes Schaf. Der Geruch des Blutes wird die Schatten der Verstorbenen herbeilocken, und sie werden vom Blut trinken wollen. Das verwehre ihnen mit dem Schwert und lasse sie nicht näherkommen, bis du Teiresias befragt hast."

Circe wählte aus ihrer Herde ein schwarzes Schaf und einen schwarzen Widder, schenkte die Tiere dem Odysseus und verabschiedete sich von ihm und den Seefahrern.

Es wehte ein günstiger Wind, und das Schiff flog wie ein Vogel über die Wellen. Es dauerte nicht lange, da tauchte vor ihnen eine flache Küste mit schwarzen Pappeln und Weiden auf Odysseus folgte dem Rat der Zauberin Circe und ging allein an das freudlose Ufer, wo er eine Grube aushob.

Kaum hatte er gebetet und das Blut der Opfertiere in die Grube rinnen lassen tauchten aus der Unterwelt die Seelen der Verstorbenen auf. Junge und Alte, Frauen und Kinder, im Krieg gefallene Männer, alle liefen stöhnend aus dem Schattenreich empor und drängten sich um die Opfer. Odysseus zog das Schwert und verwehrte den umherfliegenden Schatten, vom Blut der geschlachteten Tiere zu trinken. Unter den Seelen der Verstorbenen erblickte er auch den Schatten seiner Mutter, die noch gelebt hatte, als er in den Krieg gezogen war. Bei ihrem Anblick weinte er vor Mitleid, doch auch ihr erlaubte er nicht, die Lippen zu benetzen. Endlich nahte der Schatten des Sehers Teiresias und rief dem Odysseus zu, er möge das Schwert einstecken. Der Seher trank und sprach: "Du hast, Odysseus, den Gott Poseidon schwer erzürnt, als du seinen Sohn Polyphem blendetest. Er wird dir die Heimkehr schwer machen. Dennoch kannst du heimkehren, wenn du meinen Rat befolgst. Ihr werdet bald bei der Insel Thrinakia landen. Auf den saftigen Wiesen der Insel weiden fette Schaf- und Rinderherden. Sie gehören dem Sonnengott Helios. Rührt seine Tiere nicht an.
Wenn ihr sie tötet, dann sind deine Schiffe und deine Gefährten verloren. Du selbst wirst auf fremdem Schiff die Heimat erreichen. Doch auch dort harrt deiner nichts Gutes. Du wirst deinen Palast voll frecher Freier finden, die sich um die Hand deiner Gattin Penelope bewerben. Wenn du zurückkehrst, wirst du sie bestrafen. Dann opfere dem Poseidon, und du wirst ein ruhiges Alter erleben."

Odysseus dankte für die Weissagung und fragte: "Dort sehe ich den Schatten meiner verstorbenen Mutter, sie schweigt und sieht mich nicht an. Was soll ich tun, um mit ihr sprechen zu können?"

Teiresias wußte Rat: jeder, den du zu dem Blut hier heranläßt, wird mit dir reden und dir die Wahrheit sagen." Dann wandte er sich ab und schritt langsam zurück ins Schattenreich.

Odysseus ließ seine Mutter trinken, da erkannte sie ihn Und sprach: "Wie bist du hierher gekommen, mein Kind? Irrst du immer noch in der Welt umher seit Trojas Fall? Bist du noch nicht nach Ithaka zu Frau und Sohn zurückgekehrt?"

Odysseus berichtete der Mutter sein. trauriges Schicksal und fragte sie, wie es in Ithaka aussehe.

Die Mutter sagte: "Deine treue Gattin Penelope erwartet dich unablässig und weint um dich. Dein Sohn Telemachos lebt ruhig auf deinen Gütern. Dein alter Vater sehnt sich, dich noch lebend zu sehen. Er ist aufs Land gezogen und will nicht in die Stadt gehen. Er lebt auf dem Land mit seinem Gesinde und arbeitet als Bauer. Mich hat die große Sehnsucht nach dir und der Kummer über dein Fernbleiben ins Grab gebracht."

Sie endete, und Odysseus zitterte vor Heimweh. Er breitete die Arme aus, doch der Schatten der Mutter löste sich vor seinen Augen auf wie Nebel im Wind. Nun trat Agamemnons Schatten zum Opferblut heran, trank und erkannte Odysseus. Weinend erzählte er ihm, wie seine eigene Frau Klytämnestra ihn getötet hatte. Er warnte Odysseus, er solle bei der Heimkehr nach Ithaka vorsichtig sein und heimlich an Land gehen. Es sei möglich, daß auch ihm jemand nach dem Leben trachte. Vor Odysseus erschienen die Schatten toter Krieger von Troja. Achilles erkannte in ihm seinen tapferen Kriegskameraden, und Odysseus pries ihn, daß er auch in der Unterwelt ein großer Herrscher unter den Toten sei.

Achilles antwortete nur betrübt: "Lieber wäre ich auf Erden ein Landmann und diente bei armen Leuten in der Fremde, als in der Unterwelt ein Beherrscher der Toten zu sein." Er fragte Odysseus, wie sein Sohn sich vor Troja verhalten habe, und hörte mit Freuden, daß dieser sich als Held bewährt hatte.

Schweigend ging Ajax an Odysseus vorbei. Selbst im Tod zürnte er noch dem Odysseus wegen des Streits um Achills Rüstung.

In langer Reihe kamen die Schatten der Toten zu Odysseus' Opfer. Er erkannte viele, und viele erkannten ihn. Doch es waren ihrer so viele, daß ihm graute und er sich abwandte und zum Schiff zurückeilte. Die Ruderer warfen sich in die Riemen, und das Schiff fuhr fort von den unwirtlichen Gefilden des Todes, hinaus auf das weite, wellenbewegte Meer.

Odysseus wußte, daß er nun zwei Gefahren bestehen mußte, vor denen ihn schon Circe gewarnt hatte.

Zuerst mußte er den Fallen entrinnen, die liebliche Meernixen, die Sirenen, den unglückseligen Seefahrern stellten. Mit süßem Gesang lockten sie die ahnungslosen Schiffer zu ihrer Insel, und folgte das Schiff ihren Stimmen, so zerschellte es an den scharfen, unter dem Wasser verborgenen Riffen. Kaum zeigte sich die verräterische Insel ihren Blicken, verklebte Odysseus den Schiffern die Ohren mit Wachs, so daß sie den süßen Gesang nicht hören konnten. Sich selbst ließ er am Mast festbinden. So hörte er wohl den Sirenengesang, doch die Fesseln hinderten ihn daran, sich ins Meer zu stürzen und zur Insel zu schwimmen.

So entkamen sie den Sirenen, doch nach kurzer Fahrt hörten sie ein furchtbares Heulen und Brüllen. Sie näherten sich der zweiten Gefahr. Was da in einer Höhle unter einem riesigen Felsen brüllte, war das Ungeheuer Skylla. Ununterbrochen heulte es mit seinen sechs Hundeköpfen, die über dem Wasser nickten. Der Höhle gegenüber ragte ein niedrigerer Felsen aus dem Wasser. Darunter saß Poseidons Tochter Charybdis, die dreimal am Tag das Wasser einzog und wieder ausspie. Das Wasser am Felsen brodelte, der Felsen rauschte unheilverkündend, und die Wellen waren dunkel von Erde und Sand und weiß von aufgewirbeltem Schaum. Das Schiff, das der Skylla entging, fiel gewöhnlich dem furchtbaren Strudel der Charybdis zum Opfer. Odysseus Schiffern entglitten vor Entsetzen die Ruder. Er sprach ihnen Mut zu und riet ihnen, am größeren Felsen vorbeizufahren. Das hatte ihm die Zauberin Circe empfohlen. Sie ruderten mit allen Kräften, doch der Skylla entgingen sie nicht. Ihre sechs Köpfe tauchten aus den Fluten empor, packten sechs von Odysseus' Gefährten und zogen sie hinab in die Meereshöhle, wo sie sie verschlangen. Die anderen Schiffer jedoch entkamen der Charybdis, die das ganze Schiff zerschmettert hätte.

Erschöpft von der anstrengenden Fahrt, erblickten sie die grünen Ufer der Insel Thrinakia. Auf Wiesen voll duftender Kräuter weideten die Herden des Gottes Helios. Odysseus wollte bei der Insel nicht ankern. Er fürchtete, seine Leute könnten den Herden des Helios etwas zuleide tun und die Weissagung des Teiresias würde in Erfüllung gehen.

"Laß uns wenigstens von der schweren Fahrt ausruhen", bat der Steuermann Eurylochos, "wir wollen nur rasten und dann weiterfahren. Die Herden werden wir nicht einmal anschauen."

Odysseus lehnte ab, doch als alle Schiffer ihm schworen, die heiligen Herden nicht anzurühren und sich mit den mitgebrachten Vorräten als Nahrung zu begnügen, gab er nach. Sie warfen Anker, und die Griechen streckten sich wohlig im weichen Gras aus.

Doch in der Nacht sandte Zeus einen Sturm, und von da an peitschten die Winde unablässig das Meer, und der hohe Seegang machte es den Schiffern unmöglich, die Insel zu verlassen. Die Griechen brachten ihr Schiff in Sicherheit und blieben an Land. Solange ihre Vorräte reichten, litten sie keine Not. Doch der Tag folgte der Nacht und, die Nacht dem Tag, und der Sturm ließ nicht nach. Einen ganzen Monat schon hielt das stürmische Meer die Griechen auf der Insel fest. Die Vorräte gingen zu Ende und die Schiffer litten Hunger. Und immer noch konnten sie nicht aufs Meer hinaus.

Da beschloß Odysseus, die Küste entlang zu wandern und Ausschau zu halten. In seiner Abwesenheit sagte Eurylochos zu den Schiffern: "Wollt ihr Hungers sterben, während rund um uns das fetteste Vieh, das ich jemals sah, weidet? Kommt, schlachten wir einige Kühe und opfern wir die besten Fleischstücke den Göttern, auf daß sie uns vergeben. Den Rest wollen wir unter uns aufteilen."

Die hungrigen Schiffer stimmten mit Freuden zu und gelobten, Helios auf Ithaka einen herrlichen Tempel zu bauen, wenn sie mit dem Leben davonkämen. Dann fingen sie einige Stück Rindvieh, schlachteten sie und opferten die besten Fleischstücke den Göttern. Für sich selbst brieten sie die Reste. Odysseus kam zu spät zurück, um sie zu hindern. Laut klagend warf er den Gefährten vor, daß sie ihren Schwur nicht gehalten hatten.

Der Zorn der Götter zeigte sich bald. Die abgezogenen Häute der Rinder krochen selbst über den Rasen, und das rohe Fleisch muhte am Rost. Von seinem Sonnenwagen aus hatte Helios die Tat der Schiffer gesehen und bei Zeus und den anderen Himmlischen Klage geführt. Er forderte für Odysseus Gefährten angemessene Strafe und drohte, ins Schattenreich hinabzusteigen und den Toten zu leuchten, falls sie nicht bestraft würden.

Sechs Tage nährten sich die Schiffer vom Fleisch der heiligen Herde. Am siebenten Morgen beruhigte sich das Meer, und sie konnten ausfahren. Thrinakia verschwand in ihrem Rücken, und nach allen Seiten dehnte sich das weite einsame Meer. Zeus schob die Strafe nicht länger auf, Er sandte eine schwarze Wolke über den blauen Himmel, entfesselte einen Sturm und schleuderte seinen Blitz nach dem Schiff. Das Schiff kenterte auf den stürmischen Wellen, und die Schiffer versanken im Meer. Nur Odysseus, der nicht vom Fleisch der Heliosrinder gegessen hatte, blieb am Leben.

Auf den Trümmern des Schiffes gelangte er in der zehnten Nacht nach dem Schiffbruch zur Insel Ogygia. Dort wohnte inmitten blühender Haine in einer schattigen Grotte die Nymphe Kalypso. Sie nahm den Odysseus in ihrem rebenumrankten Wohngewölbe auf, bewirtete ihn und trachtete, ihn die Umwelt vergessen zu machen. Sieben Jahre hielt Kalypso Odysseus auf der Insel fest und ließ ihn nicht fort. Endlich erbarmte sich die Göttin Athene des unglücklichen Gefangenen und machte sich zu seiner Fürsprecherin beim Göttervater Zeus. Dieser schickte den Götterboten Hermes zur Nymphe mit dem Befehl, Odysseus zu entlassen.

Odysseus saß wie gewöhnlich am Meeresstrand, blickte über die unruhige See in die Ferne und weinte vor Heimweh. Da hörte er hinter sich eine Stimme.

"Ungern lasse ich dich ziehen", sprach Kalypso, "würdest du für immer bei mir bleiben, könnte ich dir ewige Jugend und Unsterblichkeit schenken. Doch dem Befehl des Zeus kann ich mich nicht widersetzen. Baue dir ein Floß und mache dich auf die Heimreise."

Odysseus konnte kaum glauben, daß die Nymphe ihn freiließ. Als er sich von seiner Überraschung erholt hatte, griff er mit Freuden zur Axt und begann Bäume zu fällen. Bald war das Floß fertig. Die Nymphe versorgte den Helden mit Speise und Trank.

Wieder fuhr Odysseus aufs wellenbewegte Meer hinaus. Es wehte ein günstiger Wind und die Reise verlief gut. Nach einigen Tagen Fahrt erblickte er Land. Vom klaren Himmel hoben sich die dunklen Umrisse der Berge des Phäakenlandes ab. Doch Odysseus sollte nicht ohne Unfall die Küste erreichen. Gott Poseidon bemerkte Odysseus Floß und wühlte zornig mit dem Dreizack das Meer auf. Er hüllte Himmel, Land und Meer in Wolken und hetzte die schlimmsten Sturmwinde auf Odysseus. Der Held wurde von einer Woge ins Meer gespült und schwankte zwei Tage und zwei Nächte zwischen Leben und Tod, an einen Balken seines zertrümmerten Floßes geklammert.

Am Morgen des dritten Tages gewahrte er ein bewaldetes Ufer. Eine hohe Welle trug ihn an Land, doch eine zweite schwemmte ihn wieder ins Meer. Mit letzter Kraft gewann er das Ufer gerade dort, wo ein kleines Flüßchen ins Meer mündete. Kaum auf dem Trockenen, stürzte er ohnmächtig nieder. Erst die Nachtkälte weckte ihn, denn er hatte im Sturm sein Gewand verloren und war nackt. Er verkroch sich darum in ein Olivengebüsch, bettete sich auf herabgefallene Blätter und bedeckte sich mit Laub. Kaum lag er, schlief er schon wieder ein. Er wußte nicht, daß er im Phäakenland schlief.

Während er schlief, trug Göttin Athene Sorge um seine Heimkehr. Sie eilte ins Schloß des Phäakenkönigs Alkinoos und suchte dessen Tochter auf. Die schöne Nausikaa schlief auf ihrem Lager und sah im Schlaf einer Göttin gleich. Athene neigte sich über sie und hauchte ihr einen Traum ein. Im Traum gebot sie der Königstochter, gleich am Morgen mit einem Wagen und Mägden zum Fluß zu gehen und ihre prächtigen Kleider zu waschen.

Die Strahlen der Morgenröte verscheuchten den Traum. Nausikaa erhob sich und ging zum Vater, um von ihm den Wagen zu verlangen. Gemeinsam mit den Mägden brachte sie ihre Kleider auf den Wagen und fuhr damit zum Fluß, wie ihr der nächtliche Traum befohlen hatte. Sie lenkte selbst den Wagen, und die Mägde liefen hinterdrein.

Sie wuschen die Kleider im Fluß, und während diese trockneten, badeten und aßen sie. Dann vergnügten Nausikaa und die Mädchen sich mit Tanzen und Ballspiel. Nausikaa warf den Ball einem Mädchen zu, das nahe dem Fluß stand, und Athene lenkte ihn so, daß er mitten in die Strömung fiel. Die Mädchen schrien auf, und davon erwachte Odysseus.

Zuerst erschrak er und glaubte, wieder in ein Land räuberischer Riesen geraten zu sein, doch bald erkannte er die Mädchenstimmen. Er brach einen Zweig ab, um seine Blöße zu bedecken, und kam aus dem Gebüsch hervor. Als die Mädchen ihn erblickten, schrien sie lauter als vorhin und liefen davon. Kein Wunder. Odysseus war voll Schmutz und Meeresschlamm, und mit dem vorgehaltenen Zweig glich er mehr einem Gespenst als einem Menschen aus Fleisch und Blut. Einzig Nausikaa blieb und lief nicht davon. Athene hatte ihr Herz mit Mut erfüllt.

Odysseus blieb stehen und bat von ferne, um Nausikaa nicht zu verscheuchen: "Ob du eine Göttin bist oder eine Sterbliche, ich bitte dich, lauf nicht fort und hilf mir. Der Sturm hat mich als Schiffbrüchigen an dieses Land getrieben, ich kenne hier niemand und weiß nicht einmal, wo ich bin. Hab Erbarmen mit mir, gib mir ein Gewand und zeige mir den Weg dorthin, wo Menschen wohnen. Die Götter werden es dir vergelten und dir geben, was du dir wünschest!"

Nausikaa antwortete ohne Furcht: "Fremdling, du scheinst kein schlechter Mensch zu sein. Ich will dir helfen. Ich bin die Tochter des Phäakenkönigs Alkinoos und werde dir den Weg zur Stadt zeigen. Du hast dich mit einer Bitte an mich gewandt, und ich weise sie nicht zurück."

Und die Königstochter rief die ängstlichen Mägde und befahl ihnen, Odysseus Kleider zu bringen. Odysseus badete im Fluß und kleidete sich an. Seine Schutzherrin, die Göttin Athene, verlieh ihm Schönheit, so daß er den Himmlischen glich. Staunend sahen Nausikaa und die Mädchen seine Verwandlung. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken, und Odysseus stillte Hunger und Durst.

Dann luden die Mägde die trockenen Kleider und Wäschestücke auf den Wagen, und Nausikaa stieg auf. Odysseus ging mit den Mägden zu Fuß. Vor der Stadt sagte Nausikaa zu Odysseus; "Sei nicht böse, Fremder, aber geh nicht mit uns in die Stadt. Warte hier im Espenhain und gehe erst in die Stadt hinein, wenn wir deinen Augen entschwunden sind. Wenn die Phäaken sähen, daß ich mit einem Fremdling in die Stadt komme, würden sie sagen, ich brächte einen fremden Bräutigam daher. Du wirst den Königspalast auch allein leicht finden. Suche dort meine Mutter auf und bitte sie um Hilfe. Wenn sie dir gut gesinnt ist, wirst du sicher in deine Heimat zurückkommen."

Die Königstochter verschwand mit ihrem Gefolge hinter der Stadtmauer. Odysseus kam aus dem Espenhain heraus und ging geradewegs zur Stadt. Göttin Athene hüllte ihn in Nebel, damit die Phäaken ihn nicht sähen und aufhielten. Sie selbst nahm die Gestalt eines jungen Mädchens an und geleitete ihn zum Palast des Königs Alkinoos.

Verwundert betrachtete Odysseus das strahlende Königsschloß. Seine Wände waren mit Bronze verkleidet und die Türen mit Gold beschlagen. Zu beiden Seiten des Eingangs standen Hunde aus Gold und Silber. Rund um das Schloß erstreckte sich ein herrlicher Garten, voll saftiger Birnen, Feigen, Äpfel und Trauben. Die Früchte dieser Bäume verdarben niemals, und die Äste trugen das ganze Jahr. Im Saal des Palastes saßen gerade die Vornehmensten der Phäaken mit dem König beim festlichen Mahl. Odysseus gelangte ungesehen bis zum Königspaar. Dort nahm ihm Athene die Nebelhülle ab und Odysseus fiel der Königin zu Füßen.

"Königin", rief er, "ich flehe dich und deinen Gatten um Hilfe an. Helft mir, in meine Heimat zurückzukehren! Die Götter mögen euch Glück schenken!"

Er sprachs und setzte sich vor dem Feuer in den Staub.

Alle verstummten und es war ganz still. Endlich ließ sich einer der phäakischen Helden vernehmen: "Es ziemt sich nicht, König Alkinoos, einen Gast auf dem Boden im Staub vor dem Herd sitzen zu lassen. Möge er sich mit uns zu Tisch setzen. Laß Wein im Maßkrug mischen und befiel der Schaffnerin, dem Gast Speisen zu bringen."

Dem König gefiel diese Rede. Er nahm Odysseus bei der Hand, führte ihn zu einem prächtigen Sessel an seiner Seite und bewirtete ihn. Er versprach, dafür zu sorgen, daß der Gast in seine Heimat zurückkehren könne.

Als das Mahl zu Ende war und Odysseus mit dem Königspaar allein blieb, bezähmte die Königin nicht länger ihre Neugier und fragte, woher der Gast das schöne Gewand habe. Sie erkannte ihre eigene Arbeit, denn sie selbst hatte mit ihren Mägden das Tuch gewebt. Odysseus berichtete dem König und der Königin getreulich sein letztes Abenteuer mit der Nymphe Kalypso, erzählte von seinem Schiffbruch und verschwieg auch nicht, daß er am Meeresstrand die Königstochter getroffen hatte. Nur seinen Namen sagte er nicht.

Der König lauschte gespannt. Solch einen Helden hätte er sich als Bräutigam für seine Tochter gewünscht. Trotzdem wiederholte er sein Versprechen, dem Fremdling zur Heimkehr zu verhelfen. Dann verabschiedeten sie sich von dem ithakischen Helden und gingen zu Bett. Auch Odysseus streckte sich auf weichem Lager aus, und der Schlummer vertrieb ihm bald alle Sorgen.

Am Morgen befahl König Alkinoos, zweiundfünfzig ausgesuchte Seeleute sollten ein neues schwarzes Schiff zur Ausfahrt bereit machen. Wenn es soweit sei, sollten sie ins Schloß kommen. Im Königspalast ging es lebhaft her. Der König hatte zu Ehren des Fremden viele phäakische Edle zum Festmahl geladen, und die Gäste füllten alle Säle. Es kam auch der göttliche Sänger Demodokos, der blind war, aber so lebenswahr von Heldentaten und Schlachten singen konnte, als sähe er sie vor sich.

Nach dem Mahl forderte der König den Sänger auf, ihnen vorzusingen. Der blinde Demodokos griff in die Saiten der Laute und sang von Troja. Sein Lied erzählte vom Streit zweier ruhmreicher Helden, Achilles und Odysseus.

Dem Odysseus griff Demodokos' Gesang ans Herz. Beim Klang seines Namens traten ihm die Tränen in die Augen. Der König bemerkte die Rührung des Helden und unterbrach den Gesang. Er wollte den Kummer des Fremden verscheuchen und entbot darum die jungen Phäaken zu Spielen und Wettkämpfen.

Der Kampfplatz füllte sich mit Phäaken, die dem Odysseus ihr Können zeigten. Sie wetteiferten im Laufen, Springen und Diskuswerfen. Odysseus schaute nur zu. Die Phäaken hätten gern gesehen, daß auch Odysseus seine Kraft und Schnelligkeit bewiese. Doch er war in Gedanken schon auf hoher See und erwartete ungeduldig den Augenblick, da der König das Zeichen zur Abfahrt geben würde. So verfolgte er die Wettkämpfe zerstreut und geistesabwesend.

"Vielleicht ist unser Gast ein Kaufmann, der sich auf dem Meer herumtreibt", flüsterten die Phäaken, "Kaufleute haben für Kampfspiele nichts übrig und denken nur an ihren Gewinn." So flüsterten sie und machten sich lustig. Der Sohn des Alkinoos, durch die Reden seiner Freunde aufgestachelt, forderte Odysseus auf, sein Können zu zeigen. Odysseus sträubte sich, doch damit verstärkte er noch die Spötteleien der Phäaken. Da wurde er zornig und griff nach dem größten Diskus, der am Kampfplatz zu finden war. Die Scheibe pfiff durch die Luft, daß die Phäaken sich erschrocken zu Boden duckten. Sie flog über ihrer aller Köpfe hinweg, so weit, wie noch keiner der Phäakenjünglinge geworfen hatte. Nun wagte es keiner mehr, Odysseus zu verhöhnen.

Nach den Wettkämpfen, Spielen und Tänzen gingen die Phäaken mit Odysseus ins Schloß zurück und setzten das Mahl fort. Diesmal forderte Odysseus selbst Demodokos zum Singen auf. Dieser stimmte ein Lied von der Eroberung Trojas an. Als Odysseus von seinen Schicksalen und dem hölzernen Pferd singen hörte, vergoß er abermals Tränen der Rührung. Nur Alkinoos bemerkte Odysseus Bewegung, befahl, den Gesang abzubrechen, und wandte sich zu den Phäaken.

"Wie ich sehe, erfreut Demodokos' Gesang nicht alle. Demodokos singt, und unser Gast versinkt in Trauer. Jedem von uns muß der Gast so nah und teuer sein wie der eigene Bruder. Sag uns also, Fremdling, wie du heißest, wer deine Eltern sind und woher du kommst. Das mußt du uns ohnehin sagen, damit wir dich dorthin bringen können."

Odysseus war ein wenig in Verlegenheit, wie er seine Erzählung beginnen sollte, und so nannte er seinen Namen und den seiner Heimat. Freudige Erregung und Staunen erfaßte die versammelten Phäaken. Mit angehaltenem Atem lauschten sie Odysseus Erzählung.

Als er geendet hatte, rührte sich lange keiner im Saal, nicht einmal ein Becher klirrte. Als erster erhob sich König Alkinoos. Von ganzem Herzen wünschte er dem edlen Helden eine rasche und sichere Heimfahrt, die ihm bis jetzt versagt geblieben war. Am nächsten Tag trugen die Phäaken die Geschenke, die Odysseus vom König und den Edlen erhalten hatte, aufs Schiff. Truhen voll kostbarer Gewänder und wertvoller Gefäße und prächtiger Waffen. Alkinoos ließ eine Kuh schlachten und opferte das beste Fleisch den Göttern. Nach dem festlichen Abschiedsmahl befahl der König, im Heck des Schiffes einen Teppich und feine Leinwand auszubreiten, damit Odysseus auf der Fahrt ungestört schlafen könne.

Auf der Schwelle des Schlosses nahm Odysseus Abschied vom König der Phäaken. Nun hinderte den Helden nichts mehr an der Heimreise. Er ging aufs Schiff, und die Ruderer machten sich an die Arbeit. In der Ferne verschwand die gastliche Küste der Phäaken, und vor ihnen lag Ithaka.

Als die Sterne zu bleichen begannen und die Nacht dem weißen Tag wich, erreichten die Phäaken Odysseus Heimatland. Der Held lag in tiefem Schlaf Den Seeleuten blieb also nichts anderes übrig, als den schlafenden Odysseus samt den Geschenken an Land zu tragen. Dann wendeten sie das Schiff heimwärts.

Als Gott Poseidon erfuhr, daß die Phäaken dem Odysseus geholfen hatten, erfaßte ihn grausame Wut. Er erbat sich von Göttervater Zeus die Erlaubnis, die Phäaken zu bestrafen. Das phäakische Schiff näherte sich schon dem Hafen und die am Ufer versammelten Menschen konnten es bereits deutlich sehen. Da erhob sich plötzlich Poseidon aus den Fluten und schlug mit der Hand gegen das Schiff. Der Schlag verwandelte das Schiff mit allem, was darauf war, zu Stein, und es verwuchs fest mit dem Meeresgrund.

Am Ufer stand auch König Alkinoos und klagte laut. Er kannte eine alte böse Weissagung. Eines Tages, so hieß es, werde Poseidon ein phäakisches Schiff in Stein verwandeln und die Stadt mit einem großen Felsengebirge einschließen. Sogleich rief der König die Phäaken zu einem großen Opfer, um Poseidon zu versöhnen. Die Phäaken erschraken und machten das Opfer bereit.

Inzwischen erwachte Odysseus am Strand der Insel Ithaka, stand auf und sah sich traurig um. Nach all den Jahren erkannte er sein Vaterland nicht wieder. Wo einst ein kahler Hang gewesen war, wuchsen nun buschige Bäume, und wo früher dichtes Gebüsch gegrünt hatte, schimmerte jetzt weißer Stein in der Morgensonne. Verzweifelt begann Odysseus zu rufen und zu klagen. Er glaubte, die Phäaken hätten ihn betrogen und wieder in einem fremden Land ausgesetzt. Doch von den Geschenken der Phäaken fehlte nichts. Dreifüße, Kessel, Juwelen und prächtige Gewänder in Truhen, alles lag unberührt am Strand.

Vom Berghang kam ein junger Hirte herab. Göttin Pallas Athene hatte die Gestalt eines Hirten angenommen und kam, den unglücklichen Helden zu trösten.

Odysseus freute sich, an dem einsamen Ufer einen Menschen zu sehen. Der junge Hirte war wie ein Herrensohn gekleidet, trug verzierte Sandalen an den Füßen und in der Hand einen Speer. Er sah nicht feindselig aus. Odysseus ging ihm entgegen und fragte ihn aus.

"Du kommst gewiß von weither", sagte die verkleidete Göttin, "daß du den Namen dieses Landes nicht kennst. Der Strand, auf dem wir stehen, ist der Strand der Insel Ithaka."

Odysseus unterdrückte seine Freude und verschwieg auch vorsichtig seinen Namen. Er erzählte dem Hirten eine erfundene Geschichte, wie er mit seinen Besitztümern auf die Insel gekommen sei.

Die Göttin lächelte. Sie verwandelte sich zurück in ihre himmlische Gestalt und sagte: "Was müßte das für ein Mensch sein, der dich an List überträfe! Du würdest sogar die Götter überlisten. Nicht einmal im eigenen Land legst du die Verstellung ab. Doch ich bin gekommen, dir zu helfen. Ich bin Pallas Athene."

Die Göttin half dem Helden, die Schätze in einer nahen Höhle zu verstecken, setzte sich dann mit ihm unter einen Olivenbaum, sprach ihm Mut zu und riet ihm: Fürchte dich nicht, ich lasse dich nicht im Stich. Zuerst will ich dafür sorgen, daß niemand auf Ithaka dich erkennt, ehe es nötig ist. Ich werde deine glatte Haut faltig machen, dein Haar ausfallen lassen und dich in Lumpen hüllen. Ich lasse den Glanz deiner Augen verlöschen und mache dich alt und schwach, so daß du nicht nur den Freiem die sich um deine Gattin Penelope bewerben, sondern auch ihr selbst und deinem Sohn häßlich erscheinen wirst. In der Gestalt eines alten Bettlers wirst du den Schweinehirten Eumaios aufsuchen. Er ist ehrlich und dir treu geblieben. Bei ihm wirst du erfahren, was in deinem Schloß vorgeht. Inzwischen werde ich deinen Sohn Telemachos herbeirufen, der nach Sparta gefahren ist. Er forscht bei König Menelaos nach deinem Schicksal."

"Auch mein Sohn irrt über die Meere?" fragte Odysseus voll Schrecken.

Die Göttin beruhigte ihn.

"Du brauchst dich um deinen Sohn nicht zu sorgen. Er leidet keinen Mangel. Ich selbst habe ihn begleitet und werde ihn auch in die Heimat zurückbringen."

Und die Göttin berührte Odysseus mit ihrem Zauberstab. Da schrumpfte dem Helden die Haut, sein Gesicht bedeckte sich mit Falten, und das Gewand auf seinen greisenhaften Gliedern zerfiel in Fetzen. Sie drückte ihm einen Stock in die Hand, warf ihm einen häßlichen, abgewetzten Sack über die Schulter und verschwand.

So verwandelt begab Odysseus sich zu dem Hirten Eumaios, wie die Göttin ihn geheißen hatte.

Der alte Hirte saß in seiner Hütte und nähte sich neue Sandalen. Die anderen, jüngeren Hirten waren mit den Herden auf der Weide. Kaum witterten die Hunde das Nahen des Fremden, stürzten sie mit wütendem Gebell hinaus. Sie hätten Odysseus zerrissen, wenn Eumaios sie nicht mit Schreien und Steinwürfen vertrieben hätte. Er nahm den fremden Greis freundlich auf, breitete für ihn in der Hütte Reisig aus und warf einen weichen Pelz darüber, damit der Alte bequem sitzen könne. Dem Gast zu Ehren schlachtete er zwei Ferkel, zerteilte sie und begann sie am Rost zu braten.

Dabei sprach er zu dem Fremdling: "Ich kann dir nur Ferkel anbieten. Die gemästeten Schweine muß ich im Palast abliefern, wo die Freier Tag und Nacht zechen. Sie zechen, und die Herden schmelzen dahin, die Keller und Speicher leeren sich. Wäre mein armer Herr hier, würde er sicherlich Ordnung schaffen. Doch die Götter wissen, wo er begraben ist. Er ist vor vielen Jahren in den Trojanischen Krieg gezogen. Wäre er am Leben, so wäre er schon zurück. Troja ist doch längst gefallen." Der Hirte legte Odysseus Braten vor und mischte Wein in einem Holzkrug.

Als Odysseus sich gestärkt hatte, sagte er zu dem Hirten: "Lange Zeit bin ich über Meere und Länder gereist. Sage mir, wie dein Herr heißt. Vielleicht bin ich ihm begegnet und kann dir etwas von ihm berichten."

"Mein unglücklicher Herr", antwortete der Hirte, "hieß Odysseus. Er war gut und gerecht. So einen Herrn finde ich nimmermehr, solange ich lebe."

"Wenn Odysseus dein Herr ist", sagte der verkleidete Held, "dann kann ich dir schwören, daß er noch heute zurückkommt. Die Belohnung für diese Nachricht will ich mir bei dir selbst aussuchen, sowie Odysseus wieder im Königspalast erscheint."

"Spar dir deine Schwüre", winkte der Hirte ungläubig ab, "Belohnung bekommst du keine, weil Odysseus nicht zurückkehrt. Doch jetzt habe ich Angst um seinen Sohn Telemachos. Er ist zu König Menelaos gefahren, und man sagt, die Freier hätten ihm ein Schiff nachgesandt, um ihn auf der Rückfahrt zu überfallen und zu töten. Und nun, lieber Gast, sage mir, was du erlebt hast und wo du herkommst."

Odysseus erzählte dem Hirten eine erfundene Geschichte. Er komme von der Insel Kreta und habe viele Abenteuer erlebt. Er sei auch im Trojanischen Krieg gewesen und habe Odysseus kennengelernt. Kürzlich habe er ihn wiedergetroffen, da sei Odysseus auf der Heimfahrt gewesen.

Der Hirte lauschte aufmerksam, er glaubte alles, nur das eine nicht, daß Odysseus zurückkommen sollte. Er glaubte, der Fremde wolle mit der guten Nachricht nur seine Gunst gewinnen.

Es dämmerte, und die anderen Hirten kamen zur Hütte zurück. Sie sperrten die Herde in die Ställe und setzten sich zum Abendbrot. Draußen verhüllten Wolken den Mond und im Dunkel rauschte der Regen. Ein feuchtkalter Wind wehte durch die Lücken in den Wänden, und Odysseus fror. Er überlegte, wie er sich wärmen könnte, und beschloß, die Hirten zu prüfen.

"Hört zu", sagte er, "ich will euch etwas erzählen, was mir bei der Belagerung Trojas widerfahren ist. Einmal lag ich mit König Menelaos, Odysseus und anderen Kriegern im Gebüsch unter Trojas Mauern. Wir legten dem Feind einen Hinterhalt und mußten die Nacht über draußen warten. In der Nacht erhob sich ein Schneesturm. Der eisige Wind trieb uns den Schnee ins Gesicht, und wir waren bald steifgefroren. Die anderen Krieger hatten warme Mäntel, und es machte ihnen nichts aus daß sich auf ihren Schilden Eis ansetzte. Ich aber hatte meinen Mantel im Lager gelassen. Ich hatte angenommen, es würde nicht kalt werden. Gegen Morgen konnte ich die Kälte nicht mehr aushalten und sagte zu Odysseus: "Freund, noch eine Weile und ich erfriere. Ich habe keinen Mantel." - "Schweig', erwiderte Odysseus, es könnte dich einer hören." Er stand auf und sagte zu den schlafenden Kriegern: "Ein Gott hat mir eben einen Traum gesandt. Wir haben uns zu weit von den Schiffen entfernt und brauchen Verstärkung. Jemand soll mit dem Auftrag zum Heerführer Agamemnon gehen." Sofort erhob sich ein Krieger, legte seinen Mantel ab und lief zurück zu den Schiffen. Ich jedoch hüllte mich in den Mantel und schlief bis zum Morgen. Wäre ich nur so jung und stattlich wie damals, würde gewiß jemand mir einen Mantel leihen, um mich vor der Nachtkälte zu schützen."

"Wahrhaftig, eine schöne Geschichte", lachte Eumaios, "auch wir wollen dir, Alter, einen Mantel leihen. Wenn Telemachos, Odysseus Sohn, zurückkommt, schenke ich dir den Mantel und bringe dich, wohin du willst."

Und der Hirte machte ihm ein weiches Lager aus Schaf- und Ziegenfellen. Als Odysseus sich niederlegte, bedeckte er ihn mit seinem eigenen zottigen Mantel. Er seIbst legte sich nicht schlafen, sondern nahm Schwert und Lanze und ging hinaus, die Herde zu hüten. Odysseus schlief noch nicht, und als er sah, wohin Eumaios ging, freute er sich, daß der Hirte sich so gewissenhaft um das ihm anvertraute Vieh kümmerte.

In dieser Nacht wälzte sich Telemachos in Sparta, im Schloß des Königs Menelaos, auf seinem Lager. Jeden Augenblick erwachte er, die Sorgen um den Vater ließen ihn nicht schlafen. Plötzlich teilte sich das nächtliche Dunkel, und vor Telemachos erschien die Göttin Athene.

"Kehre unverzüglich heim", befahl sie dem Jüngling, "aber sei vorsichtig auf der Reise. Die Freier wollen dich vernichten, sie lauern dir mit einem Schiff in der Meerenge auf, um dich zu fassen. Darum meide die Meerenge und segle mit deinem Schiff nur nachts. Wenn du in Ithaka ankommst, sende nur deine Gefährten in die Stadt, selbst aber gehe zu dem treuen Hirten Eumaios."

Pallas Athene entflog zum Olymp, und Telemachos folgte ihrem Rat. Er verließ, mit Geschenken beladen, König Menelaos und dessen Gattin Helena und fuhr aufs Meer hinaus. Er mied die Meerenge, wo das Schiff mit den Freiern lauerte, und erreichte bei günstigem Wind glücklich die Küste Ithakas.

Noch vor seinen Gefährten ging er vom Schiff und begab sich zum Hirten Eumaios.

Odysseus saß mit dem Hirten in der Hütte, als draußen freudiges Hundegebell ertönte. Der Hirte stand auf, um nachzusehen, und erblickte Odysseus' Sohn. Vor Überraschung entglitt seinen Fingern die Weinschale, mit zitternden Händen umarmte er Telemachos und küßte ihn unter Tränen. Stolz und gerührt betrachtete Odysseus seinen Sohn. Er hatte ihn einst als kleinen Knaben verlassen und sah ihn jetzt als hochgewachsenen jungen Mann wieder. Doch verbarg er seine Bewegung und bot dem Sohn seinen Platz auf dem Pelz an.

"Bleib sitzen, Fremdling", sagte Telemachos, "ich setze mich woanders hin, Platz ist ja hier genug."

Er setzte sich neben den Hirten und Odysseus, und der freudestrahlende Hirt brachte ihm Braten und Wein. Telemachos aß und fragte, woher der fremde Gast komme. Eumaios wiederholte die erfundene Geschichte, die Odysseus ihm erzählt hatte.

"Er ist zu mir gekommen", schloß der Hirte seine Erzählung, "und hat mich um Obdach gebeten. Nun, da du zurückgekommen bist, kann ich ihn dir übergeben. Er kommt zu uns als Bettler."

"Er soll lieber bei dir bleiben", überlegte Telemachos, "ich will ihm ein gutes Gewand und ein Schwert und Essen schicken, aber in den Palast kann ich ihn nicht mitnehmen. Die Freier meiner Mutter, die dort zechen, sind frech und unberechenbar, sie könnten ihn verspotten oder ihm etwas zuleide tun. Es sind ihrer zu viele, als daß ich den Gast vor ihnen schützen könnte."

Odysseus wunderte sich, daß Telemachos das Treiben im Haus seines Vaters duldete, und Telemachos schilderte, wie die Adeligen von den umliegenden Inseln und auch aus Ithaka zusammengeströmt waren, als Odysseus nach so langer Zeit noch immer nicht zurückgekehrt war. Sie bewarben sich um die Hand der Königin Penelope, und diese wagte es nicht, sie abzuweisen. Sie bewirtete sie und schob den Zeitpunkt hinaus, da sie sich für einen von ihnen würde entscheiden müssen. Inzwischen praßten die Freier, und Odysseus Besitz schmolz zusammen, die Herden nahmen ab und die Speicher leerten sich. Telemachos selbst war zu jung, um es mit einer solchen Übermacht aufzunehmen.

Dann sandte Odysseus Sohn den Hirten in die Stadt zur Königin mit der Nachricht, daß er heil und lebendig aus Sparta zurückgekehrt sei. Eurnaios nahm seinen Stock und machte sich auf den Weg. Odysseus und Telemachos blieben allein zurück. Da erschien dem Odysseus die Göttin Athene und gab ihm einen Wink. Odysseus folgte ihr aus der Hütte und Athene sprach zu ihm. "Du brauchst dich, Odysseus, vor deinem Sohn nicht mehr zu verstellen. Sage ihm, wer du bist, und geht zusammen in die Stadt, um die frechen Freier zu bestrafen. Ich werde euch dabei helfen." Sie sprachs und berührte den Helden mit ihrem Zauberstab. Da geschah ein Wunder.

Odysseus wurde wieder jung, die Lumpen verwandelten sich in schöne Gewänder, der weiße Bart wurde schwarz, und der gebrechliche Schritt fest und sicher.

Verwandelt ging er in die Hütte zurück, und Telemachos erschrak. Er glaubte, ein Gott stehe vor ihm. "Ich bin kein Gott", sagte Odysseus, "ich bin dein Vater, den du schon als tot beweint hast."

Er schloß Telemachos in seine Arme, doch der Sohn glaubte ihm nicht. Wie konnte denn ein Sterblicher so schnell sein Aussehen verändern? Einen Augenblick zuvor war er noch ein Greis gewesen.

"Pallas Athene steht uns bei", vertraute Odysseus ihm an, "und die Götter können das Aussehen der Sterblichen verändern. Nun will ich mich zum letztenmal als Bettler verkleiden, und morgen gehe ich ins Königsschloß. Erzähle niemand von unserem Wiedersehen, weder dem Eumaios, noch der Mutter. Ich will selbst sehen, wer mir treu geblieben ist und wer zu den Freiern hält."

Inzwischen war Telemachs Schiff im Hafen eingelaufen und bald darauf auch das Schiff der Freier, das in der Meerenge vergeblich auf Odysseus Sohn gelauert hatte. Die Freier eilten aus dem Schloß zum Hafen. Keiner konnte sich erklären, wie ihnen Telemachs Schiff hatte entrinnen können.

"Auf dem Meer ist er uns entkommen, das ist wahr", sagte Antinous, der schlimmste der Freier, "aber an Land wird er uns nicht entgehen. Wir werden ihn in der Stadt umbringen."

Ein der Königin ergebener Diener hörte die Worte des Antinous und hinterbrachte sie seiner Herrin. Penelope, aufgebracht über Antinous böse Absicht, ging unverzüglich in den Saal, wo die Freier sich aufhielten, und warf ihnen vor, ihrem Sohn nach dem Leben zu trachten.

Die Freier erschraken und heuchelten, sie würden Telemachos solange sie lebten, kein Haar krümmen. Dabei lächelten sie, um die Königin zu beruhigen. Insgeheim jedoch dachten sie an Telemachs Tod.

Am Abend kam Eumaios in die Hütte zurück und brachte Nachricht von den beiden Schiffen und den Vorgängen im Schloß. Telemachos benahm sich zu seinem Vater wie zu einem Fremden und sagte zu Eumaios: "Ich werde morgen ins Schloß gehen und meine Mutter besuchen. Du komme mir mit dem Fremdling nach, damit er in der Stadt um Almosen betteln kann."

Am nächsten Morgen empfing Penelope Telemachos mit offenen Armen. Er mußte ihr berichten, was er auf seiner Reise über den Vater erfahren hatte. Und Telemachos erzählte von der Nymphe Kalypso, die Odysseus auf ihrer Insel festhielt, und verriet nicht, daß der Vater zurückgekehrt war.

Als die Sonne nach frostiger Nacht die Luft erwärmte, brachen auch Eumaios und der verkleidete Odysseus zur Stadt auf. Odysseus hielt seinen abgewetzten Sack unterm Arm und stützte sich mühsam auf den Bettelstab. In der Stadt gingen sie zum Königsschloß. Lärm, Speisenduft und Lautenklänge verrieten dem Odysseus, daß im Palast eine große Menschenschar zechte. Eumaios riet ihm, im Hof zu warten. Er wolle zuerst allein ins Schloß gehen.

Während sie miteinander sprachen, hob ein alter, kranker Hund, der auf dem Misthaufen lag, den Kopf. Odysseus hatte ihn einst, bevor er in den Trojanischen Krieg gezogen war, großgezogen. Jetzt witterte der Hund seinen Herrn, wedelte mit dem Schwanz, aber er war zu schwach, um aufzustehen, Odysseus beobachtete den Hund und wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge.

"Merkwürdig, so ein Hund liegt auf dem Mist", sagte er zu Eumaios, "man sieht auch jetzt noch, daß er aus guter Zucht ist."

"Natürlich", sagte Eumaios, "das war doch der Lieblingshund meines Herrn. Odysseus nahm ihn immer auf die Jagd mit. Nie habe ich ein schnelleres und mutigeres Tier gesehen. Doch jetzt, da die Aufsicht des Herrn fehlt, kümmern die nachlässigen Mägde sich nicht mehr um ihn."

Eumaios ging ins Haus, und Odysseus betrachtete lange seinen Lieblingshund. Als hätte er zwanzig Jahre auf diesen Augenblick gewartet, ließ der Hund den Kopf sinken und verendete.

Im Palast saß Telemachos mit den Freiern zu Tisch. Als er Eumaios bemerkte, rief er ihn zu sich. Der Hirte setzte sich neben seinen Herrn, der ihn mit Speisen von dem reich gedeckten Tisch bewirtete. Eine Weile nach Eumaios kam auch Odysseus mit greisenhaftem Schritt in den Saal und setzte sich auf die Türschwelle. Sowie Telemachos ihn erblickte, nahm er Brot und Fleisch und gab es Eumaios, damit er es Odysseus bringe.

Der Fremde möge erst essen, dann könne er betteln gehen. Odysseus aß und begann unter den Freiern zu betteln, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan.

Alle gaben ihm Almosen und befragten ihn nach seiner Herkunft. Odysseus erzählte ihnen seine erfundene Geschichte. Nur Antinous wollte ihm nichts geben, obwohl kein einziger Freier etwas eigenes herschenkte. Sie gaben dem Bettler Essen vom Tisch.

"Würde jeder diesem schmutzigen Bettler so viel geben wie ich, dann würde er sich gewiß nie mehr hier blicken lassen", rief Antinous, hob vom Boden einen Schemel auf und warf ihn nach Odysseus. Er traf diesen am Rücken, doch Odysseus rührte sich nicht, sondern stand wie ein Felsen.

Königin Penelope hörte in ihrer Kammer das Schreien. Es schmerzte sie, daß der stolze Antinous in ihrem Haus einen armen Fremdling beleidigte. Sie ließ Eumaios rufen und fragte ihn, wer der fremde Bettler sei. Der Hirte erzählte ihr, was er wußte. Als die Königin erfuhr, daß der Fremde Odysseus kenne und erst kürzlich mit ihm gesprochen habe, wollte sie ihn sogleich selbst über ihren Gatten befragen. Sie sandte Eumaios, den Bettler zu holen. Odysseus aber wich aus: Erst am Abend, jetzt wolle er die Freier nicht reizen.

Nach dem Essen stand der Hirt auf und ging zu seiner Herde zurück. Er versprach, am nächsten Morgen mit den besten Schweinen wiederzukommen.

Die Freier vergnügten sich mit Tanz und Gesang, und der Tag ging langsam zur Neige.

Da erschien in der Türe des Saales ein zweiter Bettler. Er wurde Iros genannt und war in der ganzen Stadt bekannt. Er war zwar nicht stark, aber ungewöhnlich groß. Kaum erblickte er Odysseus auf der Schwelle, bedrohte er ihn und suchte ihn wegzujagen.

Odysseus antwortete milde: "Auf der Schwelle ist genug Platz für uns beide. Wir sind beide Bettler und ich sehe nicht ein, warum wir uns streiten sollten."

Iros ließ eine Flut von Beschimpfungen auf Odysseus los und hörte nicht auf zu drohen.

Die Freier lauschten lachend dem Streit der beiden Bettler und Antinous sagte: "Freunde, das wird ein hübscher Anblick sein, wenn die zwei sich in die Haare geraten. Ich schlage vor, daß wir dem Sieger als Preis die größte Blutwurst geben. Und wir können ihn noch damit belohnen, daß er immer mit uns zechen darf und daß wir den anderen Bettler nicht mehr hereinlassen."

Vergnügt nahmen die Freier Antinous' Vorschlag an. Odysseus tat so, als würde er zögern. Er wollte den Freiern das Versprechen entlocken, sich in seinen Zweikampf mit Iros nicht einzumischen und diesem nicht zu helfen. Die Freier willigten ein, und auch Telemachos, als Gastgeber, gab ihm das Versprechen.

Odysseus streifte die Fetzen ab, die seine Beine umhüllten, und ließ seine muskulösen Waden und starken Schenkel sehen. Überrascht würdigten die Freier Odysseus Muskeln und prophezeiten im stillen dem Iros eine Niederlage. Iros bekam Angst, doch konnte er nicht mehr zurück. Vor Furcht zitterten ihm die Knie. Odysseus überlegte einen Augenblick, ob er den Bettler stark oder schwach treffen solle, und entschloß sich, ihm nur einen schwachen Schlag zu versetzen. Sie hoben die Fäuste, und Iros schlug als erster zu. Ohne sich besonders anzustrengen, schlug Odysseus zurück, und schon lag Iros am Boden, schreiend und aus dem Mund blutend. Odysseus packte den Besiegten und schleppte ihn auf den Hof hinaus.

"Hier bleib sitzen und verjag mit deinem Stock Schweine und Hunde", sagte er zu Iros, "und versuche nicht, dich zum Herrn über Fremde und Bettler aufzuwerfen."

Lärmend begrüßten die Freier Odysseus, als er in den Saal zurückkam, und Antinous überreichte ihm die fetteste Blutwurst.

Die Freier vergnügten sich bis tief in die Nacht, und als jeder nach Herzenslust gegessen und getrunken hatte, gingen sie nach Hause schlafen.

Im leeren Saal blieben nur Telemachos und Odysseus zurück.

Odysseus dachte an Vergeltung. Darum sagte er: "Telemachos, wir müssen die Waffen aus dem Saal wegschaffen."

Der vorsichtige Telemachos rief seine alte Amme Eurykleia und redete ihr ein, der Rauch im Saal sei schlecht für die Waffen, darum müsse man sie in die Waffenkammer bringen. Eurykleia möge inzwischen die neugierigen Mägde abhalten, es sei besser, wenn sie nichts davon wüßten.

"Aber Herr", warf Eurykleia ein, "wer soll uns denn leuchten, wenn die Mägde nicht heraus dürfen.

"Der Gast wird mir leuchten", sagte Telemachos, "er ißt mein Brot, soll er mir auch helfen."

Vater und Sohn trugen sämtliche Helme, Schilde und Lanzen aus dem Saal. Die Göttin Pallas Athene leuchtete ihnen dabei mit einer goldenen Fackel.

Nachdem sie die Waffen in Sicherheit gebracht hatten, schickte Odysseus Telemachos schlafen und wartete auf Penelope. Er mußte nicht lange warten. Penelope kam aus ihrer Kammer, begierig, von ihrem Gatten zu hören, und setzte sich in einen mit Silber und Elfenbein verzierten Lehnstuhl. Im Feuerschein, der auf den Lehnstuhl fiel, sah Odysseus zum erstenmal nach zwanzig Jahren wieder das Antlitz seiner geliebten Frau. Weder Kummer noch Sehnsucht hatten ihrer Schönheit Abbruch getan. Penelope aber erkannte Odysseus in seiner Verkleidung nicht. Sie war nur begierig auf das, was er ihr zu erzählen hatte. Sonst schenkte sie dem Fremden keine Beachtung.

Odysseus erzählte auch seiner Frau seine erfundenen Schicksale. Er endete, und die erfundene Geschichte klang so wahr, daß Penelope zu weinen begann.

Lange konnte sie sich nicht beruhigen. Endlich trocknete sie ihre Tränen und sagte: "Ich will noch prüfen, lieber Fremdling, ob du die Wahrheit sprichst. Sage mir, wie Odysseus gekleidet war, als du ihn trafst, wie er aussah, und erzähle mir von seinen Gefährten."

"Nach so langer Zeit kann ich mich nur schwer erinnern", antwortete Odysseus, "seit meiner ersten Begegnung mit Odysseus sind fast zwanzig Jahre vergangen. Doch soviel ich mich entsinne, trug Odysseus einen wollenen Purpurmantel mit einer goldenen Spange. Die Spange war ein Meisterwerk, auf ihr war ein Hirschkalb abgebildet, das sich in den Fängen eines Jagdhundes windet. Odysseus war in Begleitung eines Buckligen."

Wieder begann Penelope zu weinen, denn es stimmte alles. Odysseus tröstete sie und versicherte ihr, daß ihr Gatte bald kommen werde. Penelope aber glaubte ihm nicht, sie war überzeugt, daß sie den Gatten niemals wiedersehen werde. Mit noch tränennassen Augen rief sie die alte Amme Eurykleia, damit sie dem Gast die Füße wasche.

Eurykleia machte für Odysseus ein Bad bereit. Sie stellte vor ihn eine Schüssel mit Wasser hin, sah ihm aufmerksam ins Gesicht und sagte kopfschüttelnd: "Viele Fremde sind zu uns gekommen, aber noch keiner hat dem Odysseus so ähnlich gesehen wie du."

Odysseus antwortete rasch: "Das haben alle gesagt, die Odysseus und mich nebeneinander sahen."

Mit diesen Worten setzte er sich vom Feuer weg und wandte sein Gesicht ins Dunkel. Ihm fiel ein, daß er am Fuß eine Narbe hatte. Ein wilder Eber hatte ihn einst mit seinem Hauer verwundet. Die Alte wusch ihn und fühlte im Dämmerlicht die Narbe.

Voll freudiger Erregung ließ sie Odysseus Fuß in die Schüssel fallen, daß das Wasser aufspritzte.

"Du bist Odysseus", sagte sie, "wie sollte ich die Narbe meines Herrn nicht kennen!"

Odysseus hielt ihr schnell den Mund zu und flüsterte: "Willst du mich verderben? Ich bin Odysseus, aber noch darf es niemand wissen."

"Ich werde schweigen", versprach Eurykleia freudestrahlend, "du weißt doch, daß ich fest und hart bin wie Stein."

Sie wusch Odysseus die Füße und rieb sie mit Öl ein. Odysseus zog seinen Sessel wieder näher ans Feuer, um sich zu wärmen. Die Narbe am Fuß verhüllte er sorgsam mit seinen Fetzen.

Gedankenversunken sprach Penelope zu Odysseus, als wollte sie ihn um Rat fragen: "Lieber Gast, es naht der Tag, da sich mein Schicksal entscheidet. Morgen werde ich die Freier zu Wettkämpfen auffordern. Dem Sieger will ich folgen. Ich werde im Saal zwölf Beile hintereinander aufstellen lassen, wie mein Gatte Odysseus es getan hat. Dann hat er aus großer Entfernung seinen Pfeil durch die Löcher aller zwölf Beile hindurchgeschossen. Mögen die Freier versuchen, Odysseus' Bogen zu spannen und durch die Löcher der Beile zu schießen, mögen sie um die Wette kämpfen."

Odysseus bestärkte Penelope darin, den Wettkampf nicht aufzuschieben. "Eher kehrt Odysseus zurück", sagte er, "als es einem der Freier gelingt, Odysseus Bogen zu spannen und den Pfeil durch die zwölf Beile zu schießen."

Unruhigen Sinnes ging Penelope in ihr Schlafgemach. Odysseus legte sich in der Vorhalle nieder.

Am nächsten Morgen versammelten die Freier sich wieder im Saal. Sie legten ihre Mäntel auf die Lehnstühle und gingen, fette Schafe, Mastschweine und Kälber zu schlachten. Sie brieten Fleisch, mischten Wein, aßen und tranken und zechten. Eumaios, der Schweinehirt, war auch wieder da und half beim Mahl. Telemachos ließ für Odysseus an der Schwelle ein Tischlein und einen alten Stuhl hinstellen. Dort ließ er ihm Speise und Trank vorsetzen und sagte zu ihm: "Hier, iß in Ruhe, und ich will keinem raten, dich zu kränken. Heute werde ich dich beschützen, und wäre es gegen alle Freier zusammen."

Die Freier staunten über Telemachs Kühnheit und schwiegen mit zusammengebissenen Zähnen.

Doch einer von ihnen wandte sich höhnisch an Odysseus und rief: "Gast, du hast von allen Speisen dein Teil bekommen, wie es sich gebührt. Auch ich habe ein Geschenk für dich."

Bei diesen Worten packte er ein Rinderbein und schleuderte es auf Odysseus. Dieser wich aus, und das Bein traf die Wand.

"Du hast Glück.. daß du den Gast nicht getroffen hast", rief Telemachos, "ich hätte dich dafür mit dem Speer durchbohrt. Lieber will ich sterben, als zuzusehen, wie meine Gäste mißhandelt werden."

"Telemachos hat recht", sagte ein anderer Freier, "doch wenn er für sich und seine Gäste Ruhe haben will, soll er nicht zögern und seiner Mutter zureden. Penelope soll einen aus unserer Mitte wählen, der ihr gefällt, und mit ihm fortziehen."

"Bei den unsterblichen Göttern", antwortete Telemachos, "ich rede der Mutter schon lange zu, sich zu entschließen, aber ich kann sie doch nicht mit Gewalt aus dem Palast jagen."

Während die Freier zechten und stritten, bereitete Penelope den Wettkampf vor. Mit ihren Mägden brachte sie aus der Waffenkammer Odysseus Bogen, einen Köcher mit Pfeilen und zwölf Beile. Erschüttert nahm sie die altbekannten Gegenstände in die Hand. Athene verlieh ihr Mut, und Penelope trat in den Saal.

Bei ihrem Anblick wurden die Freier still, und Penelope sprach zu ihnen: "Ich habe mich entschlossen, aus diesem Haus fortzugehen. Doch ich werde nur mit demjenigen von euch gehen, der imstande ist, den Bogen des Odysseus zu spannen und den Pfeil durch die Löcher der zwölf Beile hindurchzuschießen, wie mein Gatte es einst getan hat."

Daraufhin befahl sie dem Schweinehirten Eumaios, den Freiern 0dysseus Bogen und Pfeile zu geben. Telemachos zog im Boden eine Rille und stellte die Beile in einer Reihe hintereinander auf. Alle bewunderten die Genauigkeit, mit der er das machte. Er versuchte auch, den Bogen zu spannen, und es wäre ihm vielleicht gelungen, hätte der Vater ihm nicht abgewinkt. Telemachos lehnte den Bogen an die Tür und ging an seinen Platz zurück.

Nun erhob sich Antinous und rief: "Auf, Freunde, versuchen wir der Reihe nach unser Glück. Fangen wir dort an, wo gewöhnlich mit dem Weineinschenken begonnen wird."

Die Freier waren einverstanden, und der erste von ihnen griff nach dem Bogen. Mit aller Kraft versuchte er, die Sehne zu spannen, aber vergeblich.

"Bringt Talg", befahl Antinous.

Die Mägde brachten eine große Scheibe Talg. Die Freier wärmten den Bogen über dein Feuer und bestrichen ihn mit Talg, um ihn elastischer zu machen. Dann versuchten sie neuerlich ihr Glück, doch umsonst. Einer nach dem anderen mußte sich geschlagen geben.

Odysseus überließ die Freier ihren Bemühungen, folgte dem Hirten Eumaios und dessen Freund auf den Hof und fragte sie: "Angenommen, ein Gott würde jetzt Odysseus nach Hause bringen, würdet ihr zu ihm halten oder zu den Freiern?"

"Wenn Odysseus zurückkäme", sagten die Hirten wie aus einem Mund, "dann würden die Freier erst sehen, wozu wir imstande sind. Wenn er nur käme!"

So bewiesen sie ihre Treue; da gab Odysseus sich ihnen zu erkennen und zeigte ihnen auch die Narbe am Fuß. Die Hirten umarmten ihn und konnten vor Freude nicht sprechen. Auch Odysseus küßte sie voll Rührung.

"Wenn wir in den Saal zurückkommen", trug er Eumaios auf, "gibst du auch mir den Bogen. Und ihr", sagte er zu den Hirten, "weist die Mägde an, die Türen der Frauengemächer fest zu verschließen und nicht herauszukommen, auch wenn sie aus dem Saal Lärm oder Stöhnen hören. Verriegelt auch das Hoftor und sichert es mit Stricken."

Sie kamen in den Saal zurück, als gerade Antinous, als letzter der Freier, an der Reihe war. Antinous aber wollte nicht das Los seiner Vorgänger teilen und zog es vor, dem Wettkampf auszuweichen. Ihm war eingefallen, daß an diesem Tag ein heiliges Fest war, bei welchem es sich nicht gezieme, den Bogen zu spannen. Morgen wer de man Zeit genug haben, es noch einmal zu probieren. Inzwischen möge man den Göttern opfern, dann werde der Kampf gewiß gut ausgehen.

"Recht habt ihr mit eurem Entschluß, den Wettkampf aufzuschieben", sagte Odysseus zu den Freiern, "aber gestattet auch mir, meine Kraft zu erproben."

Darob geriet Antinous in Zorn ' und er fuhr Odysseus böse an.

Penelope beruhigte ihn: "Glaubst du etwa, Antinous, es könnte dem fremden Bettler gelingen, den Bogen zu spannen und mich als Gattin fortzuführen?"

"Das fürchten wir nicht", verteidigten sich die Freier, "wir fürchten nur den. Spott, wenn es dem Bettler gelänge. Die Leute würden uns auslachen."

"Darüber, wer den Bogen in die Hand nehmen darf, entscheide ich allein", mischte Telemachos sich in den Streit. "Waffen sind Männersache. Geh, Mutter, in deine Kammer und bleibe dort."

Verwundert sah Penelope ihren Sohn an, doch gehorchte sie und ging aus dem Saal. Eumaios nahm Bogen und Pfeile und brachte sie dem Odysseus. Die Freier brachen in Geschrei aus und versuchten ihn zurückzuhalten.

"Geh nur, Eumaios, ich befehle es dir", sagte Telemachos aufmunternd, "könnte ich nur den Freiern gebieten, wie ich dir gebieten kann."

Da lachten die Freier, und Eumaios gab dem Odysseus den Bogen. Odysseus betrachtete den Bogen von allen Seiten und spannte ihn dann mit Leichtigkeit. Er erprobte die Sehne, und diese sang wie eine Schwalbe. Da erklang vom Himmel ein mächtiger Donnerschlag. Zeus selbst gab Odysseus ein Zeichen. Der Held hob den Bogen, spannte die Sehne und durchschoß alle zwölf Beile. Eine böse Vorahnung ließ die Freier erstarren und erbleichen.

Telemachos gürtete sein Schwert um, ergriff eine Lanze und stellte sich seinem Vater zur Seite. Odysseus warf die Bettlerlumpen ab, schüttete die Pfeile vor sich aus und rief mit schrecklicher Stimme: "Der erste Wettkampf ist zu Ende. jetzt wähle ich ein Ziel, das noch keiner getroffen hat!"

Mit diesen Worten spannte er die Sehne von neuem und schoß. Antinous wollte soeben eine weingefüllte goldene Schale zum Mund führen, da traf ihn der Pfeil des Odysseus, und er fiel. Der Pfeil hatte ihm die Kehle durchbohrt. Verstört suchten die Freier ihre Waffen, aber sie konnten sie nicht finden. Odysseus und Telemachos hatten sie am Abend zuvor rechtzeitig fortgeschafft.

"Vor euch steht Odysseus", rief der Held den aufgeschreckten Freiern zu, "ich bin gekommen, eure Missetaten zu strafen. Ihr habt weder Götter noch Menschen gefürchtet, und jetzt ist der Augenblick der Vergeltung gekommen!"

Er spannte den Bogen, verschoß Pfeil auf Pfeil, und jeder Schuß fand sein Ziel. Ein Freier nach dem anderen stürzte tot zu Boden. Telemachos eilte in die Waffenkammer und brachte Waffen und Rüstungen auch für die beiden treuen Hirten. In der Eile vergaß er jedoch, die Waffenkammer wieder abzuschließen. Einer der verräterischen Diener schlich sich hinein und brachte durch eine Seitentür Waffen in den Saal.

Ein zweites Mal tat er das nicht mehr. Die Hirten erwischten ihn in der Waffenkammer und banden ihn.

Als Odysseus sah, daß die Freier sich bewaffneten, sank ihm angesichts der Übermacht der Mut. In höchster Not stand ihm Pallas Athene bei und bewirkte, daß die Speere der Freier ihr Ziel verfehlten. Ein Speer traf die Tür, ein anderer schlug gegen die Wand, nur den Odysseus und seine Gefährten traf keiner.

Das Haus hallte wider von Kampfeslärm und Stöhnen der Sterbenden. Auf Fürsprache Telemachos verschonte Odysseus nur den Sänger und einen Diener. Plötzlich verstummte das Waffengeklirr, und der letzte Freier fiel tot zu Boden.

Odysseus sah sich im Saal um, ob nicht irgendwo noch ein Feind verborgen sei. Keiner der Freier war am Leben geblieben, alle lagen sie da wie Fische, die aus dem Fischernetz geschüttet wurden. Der Held ließ die alte Amme Eurykleia rufen. Sie kam und sah ihn, einem siegreichen Löwen gleich, über den Gefallenen stehen. Sie wollte in lauten Jubel ausbrechen, doch Odysseus verwehrte es ihr.

"Es ziemt sich nicht", sagte er, "über Toten zu jubeln. Darum zähme deine Freude und schicke mir die ungetreuen Mägde, die mich verrieten und es mit den Freiern hielten."

Die ungetreuen Mägde mußten die toten Freier hinausschaffen und den Saal reinigen. Am Ende traf sie alle ein schmählicher Tod. Odysseus räucherte den Saal und den ganzen Palast mit Schwefel aus. Als überall wieder Sauberkeit und Ordnung herrschte, sandte er die Amme Eurykleia nach seiner Gattin Penelope. Eurykleia hatte darauf schon ungeduldig gewartet und lief, so schnell ihre alten Beine sie trugen, um der Herrin die frohe Botschaft zu überbringen.

Penelope schlief so fest, daß sie das Geschrei und den Kampfeslärm nicht gehört hatte. Die Amme weckte sie und erzählte ihr, was geschehen war. Daß Odysseus zurückgekommen sei, daß sie ihn schon beim Füßewaschen erkannt, er ihr jedoch Schweigen geboten habe. Und sie berichtete von Odysseus' glorreichem Sieg über die frechen Freier.

Penelope glaubte ihr nicht. Ungläubig und mit nur geringer Hoffnung, daß der Mann, der auf sie wartete, Odysseus, ihr Gemahl, sei, folgte sie der Amme in den Saal.

Gemeinsam überschritten sie die Schwelle und Penelope setzte sich schweigend Odysseus gegenüber nieder. Einmal schien es ihr, daß es ihr Gatte sei, und sie erkannte seine Züge, dann wieder schien er ihr fremd, sie erkannte ihn nicht mehr. Sie fürchtete, der Fremde könnte ein Betrüger sein. Sie wünschte von Odysseus etwas zu hören, was nur sie und er wußten, um einen Beweis zu haben, daß er es wirklich war. Odysseus erinnerte sie daran, wie er das Schlafgemach im Palast gebaut hatte. Er hatte den Raum rund um einen Olivenbaum gebaut, diesen selbst behauen und den Stamm als Säule verwendet. Er beschrieb auch die Gold- und Silberornamente und Schnitzereien, mit denen er selbst das Bett verziert hatte.

Da erkannte Penelope, daß dieser Mann wirklich Odysseus war, ihr vielbeweinter Gatte. Sie umarmte ihn und hieß ihn unter Freudentränen willkommen. Des Fragens und Erzählens war kein Ende.

Um zu verhindern, daß die plötzliche Stille den Verdacht der Vorübergehenden erwecke, griff Odysseus zu einer List. Er befahl dem Sänger, zur Laute fröhliche Lieder zu singen, und dem Gesinde, ein Fest vorzubereiten. Wer nun am Schloß vorbeikam, glaubte, das Treiben der Freier dauere an. So schob Odysseus den Augenblick hinaus., da die Schreckensnachricht vom Untergang der Freier sich über die Stadt verbreiten würde.

Früh am Morgen nahm Odysseus Abschied von Penelope und riet ihr, nicht aus ihrer Kammer herauszukommen. Mit seinem Sohn Telemachos begab er sich aufs Land zu seinem alten Vater Laertes. Die beiden treuen Hirten gingen mit. Sie durchschritten die Stadt in der Dämmerung, als die Straßen noch menschenleer waren.

Auf Laertes Landgut trafen sie niemand an. Alle waren draußen bei der Feldarbeit. Odysseus ließ Telemachos und die Hirten am Hof und ging allein den Vater suchen. Er fand ihn im Garten. Laertes trug einen geflickten Rock und setzte eben einen Strauch um. Sein Antlitz war von Runzeln durchfurcht und vom Schmerz um den verlorenen Sohn gezeichnet. Odysseus schlug das Herz vor Kummer und Mitleid. Er gab sich dem Vater nicht zu erkennen und sagte, er suche Odysseus, den er vor fünf Jahren kennengelernt habe. Als der Greis den Namen Odysseus hörte, füllten sich seine Augen mit Tränen, und seine Stimme schwankte. Da konnte Odysseus sein Spiel nicht länger fortsetzen. Er bekannte, daß er selbst Odysseus sei.

Er zeigte dem Vater die Narbe am Fuß und nannte ihm die Bäume, die er einst vom Vater geschenkt bekommen hatte. Als der Vater erkannte, daß sein langvermisster Sohn wirklich zurückgekehrt war, wurde er vor Freude ohnmächtig. Doch die Freude, die ihm im ersten Augenblick den Atem geraubt hatte, erweckte ihn sofort wieder zum Leben. Wie verjüngt eilte er mit Odysseus ins Haus. Dort wusch sich Laertes, ließ sich mit Öl salben und legte einen schönen Wollmantel an. Dann setzte er sich mit den Gästen und dem Gesinde zu Tisch, verwandelt und frisch, plauderte, scherzte und lachte.

Während sie draußen schmausten und das Wiedersehen feierten, verbreitete sich in der Stadt die Kunde vom Tod der Freier. Erregt und von den Verwandten der Freier aufgehetzt, versammelte sich das Volk am Ratsplatz. Man war sich jedoch nicht einig. Einige sahen im Tod der Freier eine von den Göttern gesandte Strafe, andere schrien nach Rache und drohten dem Odysseus. An der Spitze der Rachedurstigen stand Antinous' Vater. Sie bewaffneten sich mit Speeren, Bögen und Pfeilen und zogen voll Kampfbegier zum Hof des Laertes, wo Odysseus sich aufhielt.

Odysseus vernahm das Schreien der Menge und das Waffengeklirr, da wappnete er sich und ging mit einem Häuflein Getreuer der Kriegerschar entgegen. Als erster schleuderte Laertes den Speer und traf Antinous' Vater. Der Getroffene stürzte tot in den Straßenstaub. Es begann eine Schlacht und ein furchtbares Blutbad. Odysseus und seine Freunde hätten wohl die ganze Kriegerschar erschlagen, wäre nicht donnernd die Stimme der Göttin Athene erklungen:

"Die Waffen nieder, Leute von Ithaka, macht Schluß mit dem sinnlosen Blutvergießen!"

Den Kämpfern entfielen vor Schreck die Waffen, und jene, die aus der Stadt gekommen waren,' ergriffen die Flucht. Auf Ithaka herrschte wieder Friede.

Lang und treu hatte Penelope auf den Gatten g ewartet, und er war wiedergekommen. Lang und beharrlich hatte Odysseus die Heimat gesucht und sie wiedergefunden. Die Zeit verging, und beide ergrauten im milden Sonnenlicht eines ruhigen Alters.

 

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