Ödipus


Einst herrschten in Theben König Laios und Königin lokaste. Sie hatten keine Kinder. Sie wünschten sich einen Sohn, der einmal die Herrschaft übernehmen sollte, aber vergeblich. Da sandte der König einen Boten nach Delphi, um das berühmte Orakel zu befragen, wie der Zorn der Götter besänftigt werden könnte. Der Bote kehrte mit einer schrecklichen Weissagung zurück, die dem König den Atem raubte: "Du wirst einen Sohn bekommen, doch mit ihm wird unter dein Dach das Unglück einziehen. Du wirst von der Hand deines Sohnes sterben!"

Verzweifelt berichtete der König seiner Gattin den Orakelspruch. Die Königin weinte nächtelang, von bösen Ahnungen gequält. Einige Zeit danach gebar lokaste einen Sohn. Im Palast herrschte Entsetzen statt Freude. König Laios wollte das Kind gar nicht sehen. Er rief einen alten Hirten, der den Säugling in die wilden Berge bringen und dort aussetzen sollte, den Raubtieren zum Fraß. Dem Hirten aber tat das unschuldige Kind leid. Er setzte es nicht in den Bergen aus, sondern brachte es zu einem alten Bekannten, einem anderen Hirten, der die Herden des Königs von Korinth hütete. Dann kehrte er nach Theben zurück und tat, als habe er den Befehl des Königs Laios gewissenhaft ausgeführt.

Laios beruhigte sich, und nach einigen Monaten trockneten auch die Tränen der Königin; sie vergaß das furchtbare Orakel und ihren armen Sohn. Das Königspaar fand sich damit ab, daß es keinen Thronfolger hatte.

Der Hirte des korinthischen Königs nannte das Knäblein Ödipus und nahm es mit sich nach Korinth. Auch der König dieses Landes war kinderlos. Das Kind in den Armen des Hirten gefiel ihm. Er nahm es zu sich und zog es wie sein eigenes auf. Ödipus wurde groß und stark und ahnte nicht, wer seine wirklichen Eltern waren. Alle verheimlichten vor ihm, daß ihn ein Hirte aus den Bergen gebracht hatte.

Als Ödipus erwachsen war, veranstaltete sein Ziehvater im Palast ein großes Festmahl. Der gute Wein erhitzte den fröhlichen Zechern Wangen und Sinn. Man erzählte sich, was geschehen und nicht geschehen war, und die heißblütigeren Gäste gerieten in Streit. Auch Ödipus war heftigen Gemüts und mischte sich in die Auseinandersetzung. Ein streitsüchtiger Gast wollte Ödipus verletzen und rief: "Es widert mich an, mir dir zu streiten. Die Götter wissen, wessen Sohn du bist. Der Sohn unseres Königs gewiß nicht!"

Ödipus bezähmte seinen Zorn und schwieg. Ein seltsamer Gedanke raubte ihm die Ruhe. Am nächsten Morgen suchte er König und Königin auf und fragte sie, ob wahr sei, was er gehört hatte. Sie beruhigten ihn und schalten auf den betrunkenen Schwätzer. Ödipus lächelte nur traurig und glaubte ihnen nicht. Der Verdacht ließ ihm keine Ruhe. Ohne Wissen seines Ziehvaters brach er nach Delphi auf. Er hoffte, das Orakel werde ihm die Wahrheit sagen. Doch er ging von Delphi verwirrter fort, als er hingekommen war. Das Orakel hatte ihm eine entsetzliche Zukunft vorhergesagt: "Fliehe dem Vater ! Triffst du ihn, ereilt ihn aus deiner Hand der Tod, und du wirst die eigene Mutter heiraten."

Ödiups beschloß, die Stadt zu meiden, wo seine Ziehelter lebten, die er für seine wirklichen Eltern hielt. Er schlug die entgegengesetzte Richtung ein, durchwanderte unbekannte Länder und richtete sich nach den Sternen, um nicht unversehens in die Heimat zu kommen. Er fürchtete, in Korinth könnte das Orakel in Erfüllung gehen.

Eines Tages begegnete ihm auf schmalem Weg ein Wagen. Darauf fuhren ein Greis und zwei Diener. Sie wollten rasch vorbeifahren und riefen Ödipus zu: "Geh uns aus dem Weg!"

Ödipus wich nicht zur Seite und fing mit dem Lenker einen heftigen Streit an. Im Streit stieß er den Lenker vom Wagen. Der Greis auf dem Wagen ergrimmte und schlug Ödipus mit seinem Stock auf den Kopf. Im Jähzorn erschlug Ödipus den Greis und auch die Diener. So kühlte er seinen Zorn und wanderte weiter.

Bald darauf stand er vor den Mauern von Theben. Müde setzte er sich auf einen Stein und rastete. Da tauchte an der Wegbiegung ein Wanderer auf, der aus Theben davoneilte. Vor Ödipus blieb er stehen und rief: "Wer bist du, daß du so ruhig dasitzt? Nicht einmal meinem Feind würde ich raten, in dieser Gegend zu rasten."

Ödipus sah den Wanderer verwundert an.

"Der eine rastet und der andere rennt, als hätte er etwas Böses getan", sagte er. "Du läufst aus Theben davon und ich gehe hin."

"Nach Theben!" rief der Wanderer entsetzt. "Weißt du denn nicht, daß auf dem Felsen vor Theben die Sphinx sitzt?"

"Ich komme aus Delphi", sagte Ödipus, "und habe unterwegs mit niemand gesprochen."

"So höre", flüsterte ängstlich der Wanderer, "die Sphinx ist ein Wesen mit Mädchenkopf und Löwenleib. Am Rücken hat sie Flügel. Jeden Tag muß ein Thebaner zum Felsen kommen, und die Sphinx gibt ihm ein Rätsel auf. Wenn er es nicht errät, wirft sie ihn in den Abgrund. Niemand kann das Rätsel lösen, es ist wie verhext. Noch ein Glück, daß ich kein Thebaner bin. Als ich in die Stadt kam und von dieser Heimsuchung hörte, rannte ich gleich davon. Auch du bist kein Thebaner, geh nicht in die Stadt, komm mit mir, laufen wir beide davon."

"Lauf", sagte Ödipus, "das Leben hat für dich wohl großen Wert, daß du es so vorsichtig vor allem bewahren willst, was ihm Gefahr bringt. Wenn ich dagegen ums Leben komme, so vermeide ich nur die Erfüllung eines bösen Orakels." Ödipus erhob sich und schritt langsam und nachdenklich auf Theben zu. Der Wanderer aber schüttelte den Kopf: "Er ist kein Thebaner und mischt sich in thebanische Angelegenheiten. Mögen ihm die Götter gnädig sein." Und er lief davon, um die Unglücksstadt möglichst rasch hinter sich zu lassen.

Ödipus ging in Theben geradewegs zum Königspalast. Dort fand er Königin Iokaste und ihren Bruder Kreon.

König Laios war nach Delphi gereist, um das Orakel zu befragen, wie die Stadt die Sphinx loswerden könne. Doch er war nicht zurückgekehrt. Es hieß, er sei unterwegs von Räubern überfallen und erschlagen worden. Anstelle des toten Königs regierte inzwischen Kreon. Ödipus trat vor den Herrscher.

"Ich weiß von der Plage, die die Stadt befallen hat", sagte er ",ich will zur Sphinx gehen und versuchen, ihr Rätsel zu lösen."

Kreon und Iokaste bewunderten Ödipus Tapferkeit. Traurig sagte Kreon: "Die Götter helfen den Mutigen. Die Sphinx hat meinen Sohn getötet und wird uns alle töten, wenn nicht jemand ihr Rätsel löst. Und ich will gern demjenigen die Herrschaft abtreten, der die Sphinx besiegt."

Iokaste sah voll Bewunderung Ödipus entschlossene Züge und wußte nicht, daß sie ihrem eigenen Sohn ins Antlitz blickte.

Die Bewohner von Theben begleiteten Ödipus zu einem der sieben Stadttore. Weiter wagten sie sich nicht.

Ödipus stieg den steilen Pfad zu dem Felsen empor, auf dem die Sphinx saß. Sie wartete schon auf ihr nächstes Opfer. Sie kniff die Augen zusammen und maß Ödipus mit verächtlichem Blick.

"Hör gut zu", erklang aus der menschlichen Kehle eine unmenschlich harte Stimme:

Es hat einen Kopf,
vier Beine am Morgen,
zu Mittag nur zwei
und drei Beine am Abend.
je mehr Beine es hat,
desto weniger Kraft hat es.

Ödipus lächelte. Er war klug, und das Rätsel erschien ihm leicht. "Das ist der Mensch", sagte er, "am Morgen des Lebens kriecht er auf allen Vieren, am Lebensmittag schreitet er aufrecht auf zwei Beinen, und wenn der Lebensabend kommt, nimmt er einen Stock zu Hilfe, das ist das dritte Bein."

"Du hast es erraten!" kreischte die Sphinx und stürzte sich vom Felsen hinab in den Abgrund.

Als die Thebaner vom Stadtwall aus sahen, daß Ödipus heil und lebendig zurückkam, brachen sie in Jubel aus. Sie feierten ihn als Befreier, und Kreon übergab ihm den Thron. So wurde Ödipus Herrscher von Theben und nahm Königin Iokaste zur Frau.

Lange herrschte Ödipus in seinem Reich gerecht und glücklich. Die Königin gebar ihm zwei Söhne, Eteokles und Polyneikes, und zwei Töchter, Antigone und Ismene. Niemand ahnte, daß Ödipus' Kinder zugleich seine Geschwister waren.

Jahre vergingen, die Knaben wuchsen zu Männern und die Mädchen zu Frauen heran. Da kam schließlich das Unglücksjahr, in dem die Pest das Königreich Theben überfiel. Der schwarze Tod wütete in den Wohnstätten Thebens, rottete ganze Familien aus, und grenzenlose Angst packte jene, die noch zu überleben hoffen konnten. Auch die Herden auf den Weiden wurden durch die Pest gelichtet. Die Hirten starben und die Herden verdarben. Die Fluren, die einst von Muhen des Viehs widerhallten, waren nun stumm und tot.

Die angstgeschüttelten Bürger gingen zu Ödipus und baten ihn, das Verderben von ihren Schwellen und Herden abzuwenden. Sie waren überzeugt, daß der Bezwinger der Sphinx unter dem Schutz der unsterblichen Götter stehe.

Ödipus tröstete sie: "Geht ruhig in eure Heimstätten zurück. Noch heute kommt mein Schwager Kreon aus Delphi zurück und bringt den Spruch des Orakels. Wir werden den Befehl der Götter hören und die Pest aus unserem Land vertreiben."

Ehe der Tag um war, hielt vor dem Palast ein von schaumbedeckten Pferden gezogener Wagen. Kreon sprang heraus und eilte mit dem Orakelspruch zu Ödipus.

"Das Orakel verspricht uns keine rasche und leichte Hilfe", teilte er dem König mit, "der Mörder des Königs Laios soll noch in unserer Stadt leben. Die Pest werde erst weichen, wenn der Schuldige bestraft ist."

Ödipus ließ sofort im ganzen Reich verkünden, daß jeder, der etwas über den Mord an König Laios wisse, unverzüglich in den Königspalast kommen und Zeugnis ablegen solle. Er ließ auch den blinden Teiresias rufen, dem die Götter die Schergabe verliehen hatten. Nach Teiresias mußte er mehrmals schicken. Der Seher weigerte sich zu kommen. Endlich führte ein Knabe ihn zum Palast, doch Teiresias ging nur widerwillig und blieb vor dem Tor stehen.

Ödipus lief ihm entgegen. "Komm in den Palast", drängte er, "wir warten auf deinen weisen Rat."

"Laß mich gehen, König", bat Teiresias, "wenn ich dir den Schuldigen nicht nenne, wird es für uns beide besser sein. Manchmal ist es besser, nicht zu wissen als zu wissen."

"Sprich nur", ermunterte ihn Ödipus, "es ist keiner unter uns, der Theben nicht vor dem Verderben retten wollte. Du darfst keine Ausnahme machen, Schau, das ganze Volk wünscht, daß du sprichst."

"Nötige mich nicht, König, erlaube lieber, daß ich schweige", sagte Teiresias, "schlimmes Unheil ist über unsere Heimat gekommen, aber ein schlimmeres käme über dein Haupt, wenn ich spräche."

"Gut", brach Ödipus aus, "mir ist schon klar, warum du nicht reden willst. Du bist wohl ein Kumpan jener Räuber, die den König ermordeten, bist ein Landesverräter, und wärest du nicht blind, würde ich sagen, daß du selbst der Mörder bist! "

Nach dieser Beschimpfung hielt Teiresias nicht länger an sich und verriet, was er längst schon wußte: "Du willst die Wahrheit wissen, ich werde sie dir sagen. Suche nicht den Mörder, denn du bist es selbst. Du hast König Laios ermordet und die eigene Mutter zur Frau genommen!"

Ödipus erschrak, die alte Weissagung fiel ihm ein. Doch der Zorn verjagte die beunruhigende Erinnerung.

"Wer hat sich das ausgedacht", schrie er, "du oder Kreon? Wollt ihr mit List und Betrug meinen Thron erschleichen? Oder bist du wahnsinnig?"

"Dir erscheine ich wahnsinnig", erwiderte Teiresias, "deine Eltern hielten mich für weise. Die Zeit wird zeigen, wer recht hatte und wer nicht begreifen wollte." Nach diesen Worten verließ der blinde Greis den Palast.

Königin Iokaste tröstete den erzürnten Ödipus: "Was liegt daran, was Teiresias sagt. Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich will dir ein Beispiel zeigen, wie das Orakel sich irren kann. Auch mein erster Mann Laios hat einmal das Orakel befragt und zur Antwort bekommen, daß er von der Hand seines Sohnes sterben werde. Und dann starb unser einziger Sohn in der Bergeinsamkeit, und Laios wurde von Räubern unweit der Wegscheide auf der Straße nach Delphi ermordet."

"Unweit der Wegscheide?" fragte Ödipus erregt. "Sag mir schnell, wie Laios aussah?"

"Er war hochgewachsen", antwortete Iokaste, "an den Schläfen war er schon grau, und seine Züge ähnelten den deinen."

"Teiresias hatte Recht!" schrie Ödipus entsetzt und fragte und fragte, und je mehr er erfuhr, umso größere Verzweiflung packte und würgte ihn. Das Gerücht, wonach Laios von Räubern erschlagen worden sei, löste sich auf wie Dunst, und es blieb die schreckliche Vermutung, daß Ödipus selbst der Räuber war.

In diesen Tagen kam nach Theben ein Bote aus Korinth mit der Nachricht, daß der König von Korinth gestorben war. Ödipus sollte ihm auf dem Thron folgen. lokaste fragte den Boten, wie der König von Korinth gestorben sei. Sie erfuhr, daß er hochbetagt friedlich im Bett verschieden war. Als sie dies hörte, lief sie zu Ödipus und berichtete ihm lächelnd, was sie erfahren hatte. "Siehst du", sagte sie, "du quälst dich, und inzwischen ist dein Vater in Korinth eines friedlichen Todes gestorben."

Ödipus war von der Nachricht beunruhigt. Er mußte an jenen betrunkenen Schwätzer denken.

"Trotzdem gehe ich nicht nach Korinth zurück", verkündete er dem Boten, "dort lebt noch meine Mutter."

"Wenn du fürchtest, Herr, daß deine Mutter dort lebt", sagte der Bote, "so kann ich dich beruhigen. König und Königin von Korinth waren nicht deine Eltern. Ich selbst habe dich einst als kleines Kind nach Korinth getragen."

"Und von wo hast du mich hingetragen?" wunderte sich Ödipus.

"Ein alter Hirte, der die Herden des thebanischen Königs weidete, hat dich mir in den Bergen gegeben."

Mit einem Wahnsinnsschrei stürzte Ödipus aus dem Palast. Kein Zweifel, das Orakel hatte sich furchtbar erfüllt. Er rannte durch die Stadt und bat die Bürger, ihn zu töten und die Stadt vom Unheil zu befreien. Doch die Thebaner bedauerten ihren König, sie hegten keinen Haß gegen ihn. Ödipus lief zurück in den Palast; er hatte beschlossen, sich mit eigener Hand zu bestrafen. Im Schloß traf er weinende Mägde. Voll Entsetzen führten die Mädchen Ödipus in die Kammer der Königin. Iokaste hatte sich erhängt. Ödipus warf sich über die Tote, zog ihr aus dem Kleid eine goldene Nadel und stach sich die Augen aus.

Erblindet rief er Kreon: "Nimm dir den Thron und strafe mich mit Verbannung!"

Kreon suchte den unglücklichen Ödipus in Theben zurückzuhalten. Die Pest hatte schon nachgelassen, und Ruhe und Wohlstand begannen in die Stadt zurückzukehren. Ödipus ließ sich nicht überreden. Am Wanderstab zog er aus Theben aus. Nur seine ältere Tochter, Antigone, begleitete ihn. Sie allein wollte ihren Vater im Unglück nicht verlassen.

Bald kannte ganz Griechenland die beiden seltsamen Wanderer. Den blinden Greis Ödipus, den die junge, schöne Antigone führte. Sie bettelte um Brot für ihren Vater und sorgte für ihn. So wanderten sie zusammen und suchten den Hain der Rachegöttinnen, der Erinnyen. Im Hain der Erinnyen sollte Ödipus, dem Orakel zufolge, Frieden finden.

Indessen waren Ödipus' Söhne Eteokles und Polyneikes herangewachsen und bewarben sich beide um den thebanischen Thron. Ihre Rivalität tat dem Lande nicht gut. Voll Sorge sah Kreon den Zwist im Königsgeschlecht und riet den beiden Jünglingen, sich in der Herrschaft abzuwechseln. Die Brüder willigten ein. Ein Jahr sollte Polyneikes herrschen und das nächste Jahr Eteokles. Dem Eteokles gelang es jedoch, während seiner Herrschaft seine Macht so zu festigen, daß sein Bruder vor ihm fliehen mußte.

Eteokles wurde König in Theben, und Polyneikes begann in der Fremde ein großes Heer zu sammeln, um den Thron mit Gewalt zu erobern. Beide Brüder waren so heißblütig und unnachgiebig wie ihr Vater. Es kam zwischen ihnen zum Krieg. Beide hätten Ödipus gern auf ihrer Seite gehabt. Ein Orakel hatte vorhergesagt, daß jener siegen würde, mit dem Ödipus ginge. Sie begannen nach dem Vater zu suchen und sich zum erstenmal nach all der langen Zeit darum zu sorgen, wo er umherwanderte.

Ödipus war zu dieser Zeit unweit von Athen. Er fühlte das Nahen des Augenblicks, da er Ruhe finden würde. Er setzte sich mit Antigone an den Rand eines Hains und rastete. Da erklang am Weg das Trappeln von Pferdehufen, und eine Gruppe von Jägern mit dem Athener?König Theseus an der Spitze tauchte auf. Sie kehrten von der Jagd in die Stadt zurück. Theseus erkannte Ödipus sogleich, sprang vom Pferd und begrüßte ihn.

"Armer Ödipus", sagte er, "ich kenne dein Schicksal und möchte dir gerne helfen. Komm mit uns nach Athen, du kannst dort in Ruhe dein Alter verbringen. Bald wird die kalte Nacht einfallen und du kannst nicht hier, im Hain der Erinnyen, übernachten."

Als Ödipus vernahm, daß er im Hain der Erinnyen rastete, freute er sich. Er war am Ziel seiner Reise. Darum antwortete er ruhig und leise: "Ich danke dir, König, aber ich bin am Ziel. Bald werde ich ins Schattenreich eingehen. Willst du mir einen letzten Dienst erweisen, so befiehl einem Diener, mir ein neues Gewand zu bringen, damit ich den feierlichen Augenblick nicht in den verstaubten alten Kleidern begrüßen muß."

Theseus sandte nach Athen nach neuen Gewändern und setzte sich zu Ödipus. Kaum war der Diener zwischen den Bäumen verschwunden, erscholl von neuem Pferdegetrappel, und vor Ödipus sprang sein Sohn Polyneikes vom Roß. Endlich hatte er den Vater gefunden. Er fiel vor ihm aufs Knie, klagte seinen Bruder Eteokles an, der ihn vom Thron verdrängt hatte, und bat Ödipus, mit ihm gegen Theben zu ziehen.

"Jahrelang hast du nicht an mich gedacht", antwortete Ödipus auf die Klagen des Sohnes, "aber um der Macht willen soll ich dir im brudermörderischen Kampf helfen. Höre den Vater, der vor dem Tor der Unterwelt steht. Ziehst du mit einem Heer gegen Theben, wird dich das treffen, was du deinem Bruder wünschst. Geh fort von hier, auch meine blinden Augen sehen das Blut des Bruders an deinem Schwert."

Böse sprang Polyneikes aufs Pferd und galoppierte grußlos mit seinem Gefolge zum Heer zurück.

Eteokles hatte Kreon nach seinem Vater ausgesandt, um diesen zur Rückkehr nach Theben zu überreden. Kreon kam nach Athen im gleichen Augenblick, als Polyneikes zornig in vollem Galopp den Vater verließ. Polyneikes ritt an Kreon vorbei, ohne ihn zu erkennen. Der Anblick des Polyneikes ließ Kreon hoffen, daß er Ödipus für Eteokles gewinnen würde. Er ging zum Hain der Erinnyen und trug dem Ödipus die Bitte des Eteokles vor.

Ödipus wandte sich nur ab. In den letzten Augenblicken seines Lebens ahnte er die furchtbaren Folgen des thebanischen Krieges und wollte nicht mehr in weltliche Dinge eingreifen.

So zog auch Kreon unverrichteter Dinge ab.

Als der Diener aus Athen zurückkam, hüllte sich Ödipus in das festliche Kleid. Er nahm Abschied von allen und bat Theseus, Antigone die Heimkehr nach Theben zu ermöglichen. Dann war es, als sähen seine blinden Augen plötzlich wieder, aufrecht und festen Schrittes trat er allein, ohne Führer, in den Hain der Rachegöttinnen ein. Tief im Dickicht öffnete sich vor ihm der Eingang zur Unterwelt. Ödipus verschwand, und hinter ihm schloß sich leise die Erde.

Sein Leichnam wurde niemals gefunden.

Antigone kehrte nach Theben zurück. Das Heer des Polyneikes näherte sich bereits der Stadt. Sechs tapfere Heerführer belagerten sechs Tore Thebens, das siebente belagerte Polyneikes selbst. Eteokles fürchtete eine lange Belagerung, darum stieg er auf den Wall und rief:

"Wozu, Polyneikes, sollen Krieger auf beiden Seiten für einen Streit sterben, den wir beide allein austragen können. Miß deine Kräfte mit mir! Fällst du im Kampf, soll auch dein Heer abziehen, falle ich, wirst du ohne Krieg König, und Theben wird dir die Tore öffnen."

Polyneikes nahm den Vorschlag des Bruders an. Die beiden Heere schlossen Waffenstillstand und versammelten sich vor den Wällen. Aufgeregt stritten die Krieger, wer siegen würde. Eteokles und Polyneikes traten einander bewaffnet entgegen und auf dem Feld begann unter den Blicken der Heere der brudermördernde Kampf.

Pfeifend flogen die Speere und prallten von den vorgehaltenen Schilden ab. Erbittert und von ihren Kriegern angefeuert, drangen die Brüder aufeinander ein, doch die Schilde fingen alle Schläge ab. Als erster paßte Eteokles nicht genügend auf und ließ ein Bein ungeschützt. Sofort traf ihn Polyneikes mit wohlgezieltem Speerstoß am Schienbein. Das Heer des Polyneikes jubelte. Der verwundete Eteokles bezwang seinen Schmerz und griff zum Schwert. Auch Polyneikes zog sein Schwert, und der Kampf ging weiter. Endlich gelang es Eteokles, eine Blöße des Bruders zu entdecken; er stieß zu und traf ihn tödlich. Polyneikes brach zusammen.

Eteokles beugte sich über den sterbenden Polyneikes. Dieser öffnete noch einmal die Augen, raffte seine letzte Kraft zusammen, hob das Schwert und durchbohrte den Bruder. Gemeinsam gaben sie den Geist auf.

Die Brüder waren tot, doch zwischen den Heeren brach ein heftiger Streit aus. Das thebanische Heer hielt Eteokles für den Sieger, das andere war der Überzeugung, Polyneikes habe gesiegt. Die Thebaner hatten ihre Waffen mitgebracht, das Heer des Polyneikes aber war sorglos ohne Waffen gekommen. Als der Streit ausbrach, waren die Thebaner im Vorteil. Sie erhoben ihre Speere und Schwerter gegen den Feind, und das Heer des Polyneikes trat einen ungeordneten Rückzug an, der sich rasch in eine wilde Flucht verwandelte. Die thebanischen Krieger kehrten siegreich und mit großer Beute in ihre befreite Stadt zurück.

Kreon ergriff wieder die Herrschaft. Eteokles war für die Heimat gefallen, darum ließ Kreon ihn mit königlichen Ehren bestatten. Polyneikes aber, der mit Waffengewalt gegen Theben gezogen war, sollte auf Kreons Befehl unbeerdigt vor den Wällen liegen bleiben, den Geiern und streunenden Hunden zum Fraß. Wer es wagen sollte, Polyneikes trotzdem zu begraben, der sollte mit dem Tod bestraft werden. Beim Leichnam des Polyneikes stellte Kreon eine Wache auf, damit niemand dem Befehl zuwiderhandeln könne.

Antigone empörte sich über Kreons unmenschliches Urteil. Wie konnte Polyneikes' Seele Frieden finden, wenn sein Leib nicht begraben wurde?

"Schwester", sagte Antigone zu Ismene, "unser Bruder liegt tot vor den Mauern. Komm mit mir, begraben wir ihn, ehe die Geier ihn fressen."

"Weißt du nicht, daß darauf der Tod steht?" fragte Ismene erschrocken.

"Der Tod für eine Tat, die den Göttern und Menschen wohlgefällig ist, ist ein schöner Tod", erwiderte Antigone.

"Wir können nicht immer nur das tun, was wir für gut halten", wehrte Ismene ängstlich ab. "Kreon ist mächtig, du würdest ihm nicht entrinnen."

"Ich bin ihm schon entronnen", sagte Antigone, "er kann mich töten, weil ich der Menschlichkeit und der Schwesterliebe gehorchte. Aber die Menschlichkeit und die Liebe kann er nicht töten. Wenn du nicht mit mir gehen willst, gehe ich allein."

Antigone konnte die Schwester nicht überzeugen. In sternloser Nacht schlich sie sich allein aus dem Palast und vor die Stadt. Unter dem Wall lag die Leiche des Polyneikes und daneben schlief der Wächter. Leise schleppte Antigone den Bruder zum Fluß, wusch ihn und bedeckte ihn mit Erde. Noch vor Morgengrauen ging sie nach Theben zurück.

Die Kühle des Morgens weckte den Wächter. Der Platz, wo der Tote gelegen hatte, war leer. Die Wachen wußten, was ihnen von Kreons Zorn drohte. Darum durchsuchten sie eifrig die Umgebung, bis sie die Spur fanden. Sie folgten der Spur zum Fluß und erblickten das halbfertige Grab. Eilig fegten sie die Erde von der Leiche und versteckten sich hinter einem nahen Hügel. Sie warteten, bis der Täter zurückkam, um sein Werk zu vollenden.

Sie warteten den ganzen Tag, und als es dämmerte, bemerkten sie eine dunkle Gestalt. Furchtlos kehrte Antigone zum Grab ihres Bruders zurück. Sie stutzte, als sie sah, daß die Leiche wieder bloßlag, doch sie zögerte nicht. Mit bloßen Händen sammelte sie Erde und begann, den Bruder neuerlich zu bedecken. Da sprangen die Wachen aus ihrem Versteck, ergriffen Antigone und führten sie vor Kreon. Sie wehrte sich nicht und leugnete auch nicht ihre Tat. "Wie konntest du es wagen, meinen Befehl zu mißachten?" rief Kreon aufgebracht.

"Den Befehl hat nicht Zeus gegeben, sondern ein König", antwortete Antigone beherzt, "er hat daher keine Gültigkeit vor Liebe und Menschlichkeit. Es gibt Gesetze, die nicht von den Königen kommen, aber wichtiger und dauernder sind."

"Das denkst nur du!" schrie Kreon.

"Nein", sagte Antigone, "das denkt auch das thebanische Volk, aber vor dir schweigt es."

"Und schämst du dich nicht, anders zu sein als die übrigen?"

"Ich schäme mich nicht dafür, daß ich den toten Bruder ehre. Der Tod gibt Siegern und Besiegten gleiches Recht. Und mehr als das Leben kannst du mir nicht nehmen."

"Du redest mutig. Möge dein Mut dich auf dem Weg zur Unterwelt nicht verlassen. Wache!"

Bewaffnete kamen gelaufen, und Kreon befahl ihnen, das Mädchen in eine menschenleere Gegend zu bringen und sie dort in einer Felsenhöhle lebend einzumauern. Die Schergen waren mit Antigone schon unterwegs, als Kreons Sohn Haimon davon erfuhr. Antigone war seine Braut, doch darum kümmerte sich der erbarmungslose Kreon nicht. Haimon eilte aus dem Palast, um an Ort und Stelle das Urteil des Vaters zu vereiteln.

Auch der blinde Seher Teiresias kam in den Palast und warnte den König vor seinem grausamen Beschluß. Böse Vorzeichen hatten dem Greis angekündigt, daß dem Königsgeschlecht Unheil drohte. Teiresias ging, und Kreon besann sich. Jäh befiel ihn Angst vor der Strafe der unsterblichen Götter. Er befahl, schnell anzuspannen, sprang selbst auf den Wagen und fuhr in Windeseile zur Höhle. Doch schon am Weg erhielt er die Schreckensnachricht: Antigone hatte sich in der Höhle mit ihrem Schleier erhängt, und sein Sohn hatte sich angesichts der toten Braut mit dem Schwert durchbohrt. Als Kreons Gattin das erfuhr, wählte sie den Freitod.

Wie gern hätte Kreon alles wiedergutgemacht und die Toten wieder zum Leben erweckt! Doch das ist das Schicksal tyrannischer Könige. Mit einer einzigen Entscheidung können sie Glück und Leben vernichten, aber mit keiner Entscheidung können sie das zerstörte Glück zurückgeben und die Toten wieder lebendig machen. Traurig lebte Kreon, bis ihn der Tod in die Unterwelt führte.

 

Hosted by www.Geocities.ws

1