Niobe war Königin von Theben und die glücklichste Frau weit und breit. Von ihrem Gatten, König Amphion, und seiner Kunst, die Leier zu schlagen, sprach ganz Griechenland. Als rund um Theben eine Stadtmauer gebaut wurde, genügte es, daß König Amphion auf seiner Leier eines seiner wunderschönen Lieder anstimmte, und die Steine brachen von selbst los und wanderten zum süßen Klang der Leier bis vor Amphions Füße, und ganz von selbst ordneten sie sich zur Mauer.
Niobes Vater war Tantalus. Auch auf seine Freundschaft mit den Göttern war Niobe stolz. Die königlichen Speicher waren voll, die Herden fett, und die Schatzkammern flossen über von Gold und Silber. Nichts fehlte Niobe. Aber ihr größter Stolz waren ihre sieben hochgewachsenen Söhne und ihre sieben schönen Töchter.
Einmal
flochten sich die frommen Thebanerinnen Lorbeer ins Haar und bereiteten der
Göttin Leto und deren Kindern Apollon und Artemis ein großes Opfer. Zornig sah
Niobe die Opfervorbereitungen, und der Zorn trieb sie aus dem Palast. Sie trat
mit ihrem Gefolge auf die Straße. Ihr prächtiger, golddurchwirkter Schleier und
das dichte, glänzende Haar, das ihr auf die Schultern fiel, ließen sie eher
einer Göttin denn einer Sterblichen gleichen.
Und wie eine Göttin trat sie an die Schar betender Thebanerinnen heran, die
Weihrauch in die heiligen Opferfeuer streuten.
"Seid ihr von Sinnen?" rief sie ihnen zu. "Ihr opfert Göttern, die ihr nie gesehen habt! Warum opfert ihr nicht mir? Ihr kennt mich doch besser als Leto. Mein Gatte ist der berühmte König Amphion. Mein Vater war Tantalus, der an den Gastmählern der Götter teilnahm, mit ihnen Ambrosia aß und Nektar trank. Ich besitze mehr Schätze, als irgendeine Göttin je gesehen hat. Auch Kinder habe ich mehr als Leto. Ich habe sieben Söhne und sieben Töchter, und Leto hat nur ihren Sohn Apollon und ihre Tochter Artemis. Ich bin aus edelstem Geschlecht, besitze Reichtum und viele Kinder. Welche Göttin gleicht mir an Glück? Auch wenn mein Glück weniger würde, hätte ich immer noch genug. Geht fort von den Altären und laßt das Opfer! Betet jene an, die es verdient!"
Die Frauen erschraken vor dem Zorn der Königin, nahmen den Lorbeer aus dem Haar und verließen die Altäre., aber auf dem Heimweg baten sie die Göttin Leto leise um Verzeihung.
Leto stand
auf einem Berggipfel und sah mit ihren Götteraugen alles, was in Theben vorging.
Ihr Herz begann heftig zu schlagen als sie sah, wie Niobe die frommen Frauen von
den Altären verjagte.
"Kinder", sagte sie zu Apollon und Artemis, "ich, eure Mutter, bin von einer gewöhnlichen Sterblichen beleidigt worden. Niobe hat die Thebanerinnen frech von meinen Altären gejagt. Sie hat ihre zweimal sieben Kinder über euch gestellt und mich verhöhnt!"
Leto wollte in ihren Klagen fortfahren, aber Apollon rief: "Laß das Klagen, Mutter, damit verzögerst du nur die Strafe!"
Apollon und Artemis hüllten sich in eine Wolke wie in einen Mantel und schwebten, für Menschenaugen unsichtbar, herab zu den Stadtmauern Thebens.
Vor dem Stadtwall tummelten sich die sieben Söhne der Niobe in Wettkämpfen und Kampfspielen. Der Älteste galoppierte auf einem stattlichen Roß ständig im Kreis und hielt das schäumende Tier fest im Zaum. Doch plötzlich stieß er einen Schmerzensschrei aus und stürzte vom Pferd. In seiner Brust zitterte der Pfeil ApolIons.
Der zweite Sohn hörte das Schwirren der Sehne und das Pfeifen des Pfeils. Er sah sich um und erschrak vor der dunklen unbeweglich am Himmel stehenden Wolke. Er ließ die Zügel schießen und trieb sein Pferd an. Doch auf der Flucht ereilte ihn Apollons Pfeil und durchbohrte seinen Nacken.
Zwei jüngere Söhne rangen Brust an Brust. Der gespannten Sehne enteilte der todbringende Pfeil. Vom gleichen Geschoß durchbohrt, stürzten beide Jünglinge nieder und hauchten gemeinsam den Geist aus. Der fünfte Sohn eilte ihnen zu Hilfe, doch ehe er sie noch erreichte, stürzte er tödlich getroffen zu Boden. Den sechsten Sohn traf der Pfeil ins Bein. Während er ihn aus der Wunde zu ziehen suchte, durchbohrte ihm ein anderer Pfeil die Kehle, und mit dem Blut entwich sein Leben.
Der jüngste
Sohn hob die Hände zum Himmel und flehte die Götter an, ihn zu verschonen.
Apollon empfand Rührung, doch seinen Pfeil konnte er nicht mehr zurückrufen. So
starb auch der jüngste Sohn. Die Kunde von diesem schrecklichen Morden
verbreitete sich mit Windeseile über Theben. König Amphion stieß sich, außer
sich vor Schmerz, das Schwert in die Brust.
Niobe
stürzte aus dem Palast und eilte vor die Stadtmauer, wo ihre sieben toten Söhne
lagen. Sie umarmte sie unter Tränen, bedeckte sie mit Küssen, aber ihr Stolz
flammte von neuem auf.
Sie erhob die nassen Augen zum Himmel und schrie: "Grausame Leto, weide dich nur
an meinem Schmerz und freue dich, daß ich mit meinen sieben Söhnen auch mein
Leben begrabe. Aber mir bleibt immer noch mehr als dir! Noch habe ich meine
sieben schönen Töchter!"
Kaum hatte sie geendet, da schwirrte die gespannte Bogensehne, und eine der sieben Töchter, die um ihre Mutter standen, stürzte, vom Pfeil getroffen, auf die erkaltende Leiche ihres Bruders. Die Göttin Artemis spannte von neuem den Bogen, und schon schied die zweite Tochter aus dem Leben. Wie sie auch flohen und sich versteckten, überall ereilte sie der Pfeil der strafenden Göttin. Es blieb nur die letzte, jüngste Tochter, und Niobe deckte sie mit ihrem Leib und verhüllte sie mit ihrem Schleier. Zum erstenmal erhob sie die Hände zur Bitte, die Göttin möge ihr wenigstens diese eine, einzige Tochter lassen. Während sie flehte, starb die Tochter in ihren Armen.
Verwaist stand Niobe inmitten ihrer toten Kinder. Nur das Gras flüsterte leise: Welcher Sterbliche kann vor seinem Tod seines Glückes sicher sein?
Bewegungslos, versunken in Trauer, sah Niobe vor sich hin. Aus ihrem Antlitz entwich langsam das Blut, die Haare wurden schwer, kein Luftzug konnte sie rühren.
In dem steinernen Gesicht wurden auch die Augen zu Stein. Arme und Beine versteinerten, Leib und Blut und Adern versteinerten.
Ein ungeheurer Wirbelsturm brauste heran, erfaßte die versteinerte Niobe und trug sie fort in ihre lydische Heimat. Dort pilgern die Menschen zu dem seltsamen Felsen. Der Felsen hat Frauengestalt, und aus den steinernen Augen strömen unablässig zwei Quellen niemals versiegender Tränen.