Minna von Barnhelm
Bereits 1763 geplant, 1767 endlich fertiggestellt, brachte Minna von Barnhelm – dies zum ersten Mal in der deutschen Literatur – aktuelle Zeitgeschichte auf die Bühne. Goethe hielt das Stück für »die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion, von spezifisch temporärem Gehalt«, die Minna sei, »die wahrste Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt«.
Den Hintergrund des Stücks bilden die Wirren nach dem Ende des Krieges. Als unmittelbares Opfer findet sich Major von Tellheim wieder, der zur großen Zahl der Offiziere gehört, die nach dem Krieg nicht mehr benötigt werden. Mit dem Kriegsdienst hat er nicht nur seine Einnahmequelle verloren, subjektiv schlimmer noch wiegt die Kränkung seiner Ehre – ihm wird vorgeworfen, durch ein Geldgeschäft seine Pflichten gegenüber dem König verletzt zu haben. Das ganze Ausmaß und die Bedeutung dieser Affäre werden allerdings erst dann offenbar, als sich – typisch für ein Lustspiel – die Lösung des Konflikts bereits abzeichnet und Capitaine Riccaut zu Beginn des vierten Aktes die Gunstbezeugung Friedrichs II. ankündigt.
Die Bedeutung, die Tellheim der Integrität seiner Ehre zumißt, entspringt jedoch keineswegs einer persönlichen 'Marotte'; die Anerkennung seiner Ehre ist durchaus Voraussetzung für die Honorierung seiner Kriegsdienste durch den König, mithin die materielle Basis eines standesgemäßen Lebens (sofern er nicht, wie er einmal vorschlägt, ins Ausland, sprich: außerhalb Preußens gehen würde).
Was ihm jedoch Minna vorwirft – und was ihn zu einem Charakter eines Lustspiels macht –, sind seine übermäßige Fixierung auf das »Gespenst der Ehre« und sein Zuviel an Stolz, der ihm nicht erlaubt, Hilfe aus der Hand Minnas anzunehmen. Denn: »Es ist ein nichtswürdiger Mann, der sich nicht schämet, sein ganzes Glück einem Frauenzimmer zu verdanken [...].«
Dabei ist Tellheim ein moralisch geradezu vorbildlicher Mensch, der, wie zu Beginn des Stückes gezeigt wird, der Witwe eines Freundes trotz seiner eigenen Geldsorgen die Schulden erläßt. Allerdings beansprucht er das Recht, Wohltaten zu erweisen, einzig und allein für sich selbst; unfähig, geradezu verstockt zeigt er sich, wenn es darum geht, von anderen Wohltaten anzunehmen. Damit aber stellt er sich außerhalb des gebenden und nehmenden Miteinanders jeder Gemeinschaft. Wachtmeister Werner, dessen Geld er mit sturer Konsequenz ausschlägt, sieht darin gar einen Affront seiner Freundschaft. »Wer von mir nichts nehmen will, wenn er's bedarf und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's hat, und ich's bedarf.«
Um Tellheim von diesem Übel zu heilen, ihm eine »Lektion« zu erteilen, inszeniert Minna die 'Ring-Intrige'. Als sie ihm vorgaukelt, daß sie durch seine Schuld ebenso mittellos, ebenso entehrt sei wie er, ändert er sofort seine Meinung und trägt ihr seine Hand an; von seinem eigenen Argument, mit dem er die Hilfe Minnas und ihre Heiratspläne ausgeschlagen hat, will er nichts mehr wissen:
DAS FRÄULEIN: [...] So
soll ich, so muß ich in meinen eigenen Augen verächtlich werden? Nimmermehr! Es
ist eine nichtswürdige Kreatur, die sich nicht schämet, ihr ganzes Glück der
blinden Zärtlichkeit eines Mannes zu verdanken!
V. TELLHEIM: Falsch, grundfalsch!
DAS FRÄULEIN: Wollen Sie es wagen, Ihre eigene Rede in
meinem Munde zu schelten?
Tellheim findet durch die Intrige wieder zu sich selbst:
Ärgernis und verbissene Wut hatten meine ganze Seele umnebelt; die Liebe selbst in dem vollesten Glanze des Glückes konnte sich darin nicht Tag schaffen. Aber sie sendet ihre Tochter, das Mitleid, die, mit dem finstern Schmerze vertrauter, die Nebel zerstreuet und alle Zugänge meiner Seele den Eindrücken der Zärtlichkeit wiederum öffnet.
Tellheims Verbitterung wird durch das Mitleid – für Lessing die zentrale Kategorie des bürgerlichen Dramas – aufgebrochen; er selbst kehrt zurück in die Gemeinschaft ihm wohlgesonnener Freunde.
Unabhängig davon erscheint die Rehabilitation durch den König, die zwar zum versöhnlichen Ende des Stücks beiträgt, keinen Anteil aber am menschlichen Läuterungsprozeß Tellheims hat. Die Komödie vom »Soldatenglück« ist somit, wie Georg Lukács es gesagt hat, »das Aufklärungsmärchen vom notwendigen Endsieg einer zur Anmut gewordenen Vernunft, die tiefste Schicht von Lessings Weltanschauung, die bei Anerkennung der Wahrheit aller Dissonanzen in der Wirklichkeit unerschütterbar von der letzthinnigen Harmonie der Welt überzeugt war und in allen Mißgeschicken überzeugt blieb«.
»Die Deutschen Klassiker«, CD-ROM. X·Libris, München 1995. Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise – Minna von Barnhelm. Zum Werk. Seite 9 - 12