Herakles


 

Der ruhmreichste aller griechischen Helden, Herakles, war der Sohn des unsterblichen Göttervaters Zeus und der Sterblichen Alkmene. Schon als Kind war Herakles stärker als ein erwachsener Mann. Einmal krochen zum Bettchen des kleinen Herakles zwei große Schlangen, wanden sich um das schlafende Kind und schnürten ihm die Kehle zu. Herakles erwachte mit einem Schrei, packte die Schlangen mit den kleinen Händchen und erdrosselte sie mit einem einzigen Druck. Alle Welt erzählte sich von dem Wunder, das in Theben geschehen war. Der blinde Seher Teiresias weissagte dem Knaben ein Heldenleben voll Arbeit und am Ende des Lebens Unsterblichkeit.

Herakles wuchs heran. Die besten Lehrer versammelten sich in Theben, um den jungen Helden die wichtigsten Künste und Wissenschaften zu lehren. Er übte sich im Ringkampf, im Waffengebrauch und im Fahren auf schnellen, leichten Wagen. Herakles war ein gelehriger Schüler, und wozu andere lange Zeit brauchten, das lernte er in wenigen Tagen. Aber schon von früher Jugend an war er jähzornig. Einmal wurde er vom Musiklehrer getadelt; da warf Herakles ihm die Leier mit solcher Wucht an den Kopf, daß der alte Mann tot umsank. Herakles bereute seine Tat und weinte um seinen Lehrer, aber die Reue kam zu spät. Zur Strafe mußte er in die Berge, wo er die Herden hütete und unter den Hirten zu einem starken Jüngling heranwuchs.

"Kommt, wir wollen ringen", forderte er oft seine Gefährten auf. Doch gab es bald unter ihnen keinen mehr, den er nicht besiegt hätte. Die Raubtiere flohen vor ihm, als wüßten sie, daß sein Pfeil niemals sein Ziel verfehlte. Wo Herakles war, dort war die Herde in Sicherheit. In der Einsamkeit der Bergweiden hatte er viel Zeit zum Nachdenken. Er dachte an seine Kindheit, an die Weissagung des Teiresias und an die Zukunft. Gedankenversunken, den Kopf in die Hände gestützt, sah er eines Tages zwei Frauen auf sich zukommen. Die erste, in ein weißes Tuch gehüllt, ging langsam und ruhig. Die zweite, in prächtigen golddurchwirkten Gewändern und mit Edelsteinen geschmückt, schritt tänzelnd, sich drehend und wendend. Sie lief der ersten voraus und sprach sogleich Herakles an:

"Du weißt nicht, Herakles, was für ein Leben du wählen sollst? Nimm mich zur Begleiterin. Ich weiß den angenehmsten Weg. Du wirst essen und trinken, soviel du willst, und nur die besten und seltensten Leckerbissen. Du wirst weder Arbeit noch Mühe haben, und allabendlich wird dich ein weiches Lager erwarten. Andere werden für dich arbeiten, und du wirst die Früchte ihres Fleißes genießen."

"Wer bist du, daß du all das versprechen kannst?" fragte Herakles überrascht.

"Man nennt mich die Lust, antwortete die Frau, "und ich habe Freunde in aller Welt."

Da trat die Weißgekleidete hinzu und sprach: "Nichts, was gut und wünschens wert ist, geben die Götter den Menschen ohne Arbeit. Wenn du ernten willst, mußt du zuerst säen. Willst du hervorragen, mußt du mehr arbeiten als die anderen und dir versagen, was sie sich gönnen. Wählst du mich, verspreche ich dir keinen leichten Weg. Man nennt mich die Tugend."

"Schämst du dich nicht, ihm Arbeit und Mühe anzubieten?" höhnte die Lust.

"Wenn du der Lust folgst", sagte die Tugend zu Herakles, "wirst du ohne Hunger essen und ohne Durst trinken und nicht wissen, was du dir wünschen sollst. Du wirst durchs Leben gehen wie ein träger Schatten und nichts hinterlassen als einen leergetrunkenen Weinschlauch. Entscheidest du dich für mich, wirst du große Werke vollbringen."

Die Gestalten entschwanden. Herakles zögerte keinen Augenblick, welchen Weg er wählen sollte. Er entschied sich für die Tugend.

Für Herakles wurde es Zeit, nach Theben zurückzukehren. Er war froh, nun Gelegenheit zu finden, seine guten Vorsätze in die Tat umzusetzen.

Der feindliche Minyerkönig pflegte zu jener Zeit alljährlich Boten nach Theben zu schicken, um von den Thebanern Tribut einzuheben. Ihnen begegnete Herakles.

"Geh uns aus dem Weg, wir sind Botschafter und gehen nach Theben den Tribut holen", schrien die Minyer den Helden an.

"Ich bin Herakles und habe die Herden im Gebirge verlassen, um den Bedrängten zu helfen. Geht zu eurem König zurück und sagt ihm, daß Theben keinen Tribut mehr zahlen wird!" rief Herakles den Botschaftern zu.

"Was steht ihr herum?" fuhr der Führer der Minyer seine Krieger an. "Einer allein kann uns doch nicht aufhalten!"

Die Krieger stürzten sich auf Herakles, doch der schüttelte sie ab wie Federn. Er zerbrach ihre Speere und nahm die ganze Gesandtschaft gefangen und fesselte sie. Gebunden schickte er sie zurück zu ihrem König. Dann ging er in aller Ruhe nach Theben. Ehe er sich noch in der Stadt umgesehen hatte, traf beim König von Theben schon ein Eilbote des Minyerkönigs ein. Der feindliche König forderte von den Thebanern Herakles' Auslieferung. Der ängstliche König von Theben hätte Herakles ausgeliefert, wäre er nicht bei einigen mutigen thebanischen Jünglingen auf Widerstand gestoßen.

Sie gingen zu Herakles und sagten: "Wir wollen uns nicht dem Willen des feindlichen Königs unterwerfen. Komm und führe uns gegen die Minyer. Wir werden nach deinem Vorbild kämpfen."

"Wie wollt ihr gegen das feindliche Heer kämpfen, wenn ihr keine Waffen habt?" erwiderte Herakles. In Theben gab es damals tatsächlich keine Waffen. Die feindlichen Minyer hatten aus Theben alle Waffen weggeschleppt, um sicher zu sein, daß sich die Stadt nicht gegen sie erheben könne.

Doch das kühlte die Begeisterung der Jünglinge nicht ab.

"Wir werden mit bloßen Händen kämpfen", riefen sie, "wir werden Steine sammeln und die Feinde schlagen!"

"Wir haben Waffen" rief plötzlich einer von ihnen, "im Tempel der Göttin Athene hängen alte Waffen. Unsere Vorfahren haben sie in siegreichen Schlachten erbeutet und der Göttin geweiht"

Alle eilten zum Tempel der Athene. Eilends rissen sie die alten Waffen von den Tempelwänden und versammelten sich, Waffen in der Hand, um Herakles. Dieser zog mit ihnen ins Gebirge, dem Minyerheer entgegen. Sie bezogen Stellung auf einem Paß, wo der Feind seine Übermacht nicht entfalten konnte. Sie mußten nicht lange warten. Bald verkündeten aufwirbelnde Staubwolken den thebanischen Vorposten das Nahen einer großen Heeresmacht. Schon war das Funkeln der Helme zu sehen und das Rumpeln der Wagen zu hören. Die Posten meldeten Herakles den Anmarsch der Minyer, und der Held stellte sich an die Spitze seiner Krieger. Wie ein Felssturz zu Tal donnert, alles mit sich reißt und vernichtet, was ihm in den Weg kommt, so fielen die Thebaner über den Feind her.

Die entsetzten Minyer wehrten sich nur schwach, und als Herakles auch ihren König tötete, warfen sie die Waffen weg und flüchteten zurück in ihr Land. Die Thebaner verfolgten die Feinde bis in ihre Hauptstadt und zerstörten diese. Ruhmbedeckt und mit reicher Beute beladen, kehrten sie heim nach Theben.

Ganz Griechenland sprach vom Sieg des Herakles, und seine glücklichen Landsleute wußten nicht, wie sie den Helden ehren sollten. Selbst die olympischen Götter freuten sich über Herakles' Tat und beschenkten ihn. Apollon gab ihm Pfeil und Bogen, Hephaistos einen Köcher und Hermes ein Schwert. So prächtige Waffen hatte noch niemand gesehen.

In Mykene herrschte ein Verwandter des Herakles, König Eurysteus. Der feige und schwächliche Eurysteus neidete Herakles seinen Ruhm und wollte ihn demütigen. Er war der Ältere, darum verlangte er, Herakles als der jüngere solle ihm dienen. Herakles sträubte sich und fragte das Delphische Orakel um Rat. Das Orakel verkündete ihm, er müsse für den erstgeborenen Eurysteus zehn Arbeiten verrichten. Dann würde er frei sein und könne seinen Verwandten verlassen.

Das Orakel traf Herakles schwer. Vor Kummer verlor er den Verstand und wußte nicht mehr, was er tat. Nur die gütige Zeit, die verrinnt und auch die Wunden der Helden heilt, linderte Herakles' Schmerz. Seufzend trat er die Reise nach Mykene an.

"Beliebt es dem großen Herakles endlich, mich aufzusuchen?" begrüßte ihn höhnisch Eurysteus. Er wollte noch mehr sagen, doch er schwieg lieber. Dem Helden glühten die Augen wie Flammen. Mit gesenktem Blick trug der König ihm die erste Arbeit auf "Als erstes bringe mir das Fell des Nemeischen Löwen", sagte er und folgte dem enteilenden Helden mit den Augen. Er wünschte ihm das Schlimmste.

Der Nemeische Löwe war ein furchtbares Raubtier. Viele Jäger waren schon ausgezogen, um ihn zu erlegen, und keiner war zurückgekehrt. Herakles machte sich unverzüglich auf den Weg. Die Menschen, die er unterwegs antraf, wußten schon, was der Held vorhatte, und raunten: "Herakles will den Nemeischen Löwen erlegen. Er ist stark, aber wer weiß, ob ihm das gelingt. Den Nemeischen Löwen hat noch keine Waffe verletzt. Er ist unverwundbar."

Der Held kümmerte sich nicht darum. Schweigend wanderte er mit seiner schimmernden olympischen Wehr in die Wälder, wo der gefürchtete Löwe hauste. Mit dem Schwert hieb er sich einen Weg durch das Dickicht, bis er an eine Stelle kam, wohin sich nicht einmal die Vögel wagten und wo es totenstill war. Selbst das Rauschen der Bäume klang furchtsam. Dort gähnte schwarz die Höhle des Löwen. Herakles setzte sich vor den Eingang und wartete. Als es dämmerte, hörte man im Walde Krachen. Der Löwe kehrte von der Jagd zurück und zermalmte mit seinen Riesenpranken am Boden liegendes Geäst. Herakles hob den Bogen und zielte aufs Unterholz. Ein riesiger Löwe trat hervor und schüttelte seine blutbespritzte Mähne. Der Pfeil schoß pfeifend durch die Luft, prallte jedoch vom Fell des Löwen ab wie von einem Felsen. Der Held zielte abermals, aber auch der zweite Pfeil durchdrang nicht den Pelz der unverwundbaren Bestie. Als er nach dem dritten Pfeil griff, drehte der Löwe langsam den Kopf und erblickte den Schützen. Er duckte sich und setzte zum Sprung an. Herakles wich aus, und als der Löwe vor ihm aufsprang, ließ er seine Keule mit aller Macht auf den Schädel des Tieres niedersausen. Betäubt schwankte der Löwe. Herakles sprang hinzu, umschloß die Kehle des Tieres mit den Händen und erdrosselte es. Dem toten Löwen zog er das Fell ab, setzte den Löwenschädel wie einen Helm auf, warf sich die Vorderpranken über die Schultern und hüllte sich in den Pelz.

Als er, in das Löwenfell gehüllt, den Palast von Mykene betrat, fiel dem Eurysteus vor Schreck der Becher aus der Hand.

"Der Löwe, der Löwe!" schrie er und stürzte aus dem Saal, als stünde vor ihm der Nemeische Löwe. "Verschließt die Saaltüren", brüllte er die Diener an, "dort steht er und reißt den Rachen auf!" Er stolperte über die Stiegen hinab bis in den Keller, versteckte sich in einem Faß und schloß über sich den Deckel. Es dauerte lange, bis er den Dienern glaubte, daß der Löwe wirklich tot war und Herakles nur das Fell gebracht hatte. Erst dann ermannte er sich, hob den Deckel auf und zeigte den Dienern sein schreckensbleiches Gesicht. Er stieg aus dem Faß und befahl: "Herakles darf mir nicht mehr ins Schloß. Ich werde ihm meine Aufträge durch einen Diener schicken."

Herakles lachte herzlich über die Angst des Königs und behielt das Löwenfell. Es schützte ihn sein Leben lang als fester Panzer.

Noch hatte er sich nicht ausgeruht, da kam schon des Königs Bote und meldete: "Der König befiehlt dir, Herakles, die Hydra zu töten, die das Land um die Stadt Lerna verwüstet."

Herakles blieb nichts anderes übrig als aufzubrechen. Die Hydra war ein schrecklicher Lindwurm, eine Schlange mit neun Köpfen, deren mittlerer unsterblich war. Unweit von Lerna traf der Held einen jungen Hirten.

"He, Freund", rief er den Hirten an, "zeig mir den Weg zur Hydra. Ich will sie töten!"

"Laß ab von deinem Vorhaben", rief der Hirte, "mir hat die Hydra eine ganze Schafherde erwürgt, und meinen Bruder hat sie in einen Sumpf gezogen. Mit der könnte nur Herakles fertigwerden."

"Ich bin Herakles", erwiderte der Held, "und ich werde den Lindwurm töten."

Als der Hirte vernahm, daß der Wanderer Herakles war, erwachte sein Mut, und er führte den Helden an den Rand des Sumpfes, in dem die Hydra ihre Höhle hatte. Herakles schoß brennende Pfeile in die Höhle, bis das Ungeheuer ans Tageslicht kam. Mit Schnauben und Zischen kam es hervorgekrochen, und seine neun aufgereckten Hälse schwankten über dem Sumpf. Der Held schwang sein Schwert und begann, der Hydra einen Kopf nach dem anderen abzuschlagen. Es war vergebliche Mühe. Für jeden abgeschlagenen Kopf wuchsen sofort zwei neue nach. Ein riesiger Seekrebs kroch der Hydra zu Hilfe und umschloß Herakles' Beine. Der Held zerschmetterte den Krebs mit der Keule und rief dem Hirten zu, er solle ihm brennende Holzscheite bringen. Der tapfere Hirte schleppte Äste herbei, zündete sie an und reichte sie dem kämpfenden Herakles. Dieser schlug der Hydra die Köpfe ab und fuhr mit der Flamme über die Wunde. An der gebrannten Stelle wuchs kein neuer Kopf mehr. So gelang es ihm, alle neun Köpfe zu vernichten. Den unsterblichen Kopf vergrub er und wälzte einen Stein darüber. Der ganze Sumpf füllte sich mit dem schwarzen, giftigen Blut der Hydra. Herakles tauchte seine Pfeile in das Blut. Wer von einem solchen Pfeil getroffen wurde, war auf der Stelle tot.

Dann nahm Herakles Abschied von dem Hirten und kehrte nach Mykene zurück. Er ließ dem Eurystheus sagen, daß er seine Aufgabe erfüllt habe. Eurystheus wußte es jedoch schon. Die Kunde von der Tat des Herakles hatte sich bereits über ganz Griechenland verbreitet. Verbittert überlegte der König, was für eine Aufgabe er dem Herakles noch stellen könne.

Er schickte Herakles ins Gebirge mit dem Auftrag, ihm den riesigen wilden Eber zu bringen, der den Bauern im Tal die Felder verwüstete. Und Herakles brachte den Eber lebend auf dem Rücken nach Mykene. Der König sandte ihn aus nach der Hirschkuh der Göttin Artemis. Und Herakles führte das herrliche Tier mit goldenem Geweih vor den Königspalast. Er trug Herakles auf, die stymphalischen Vögel aus Griechenland zu verjagen. Diese hatten eiserne Krallen und Schnäbel und konnten ihre stahlharten Federn wie Pfeile verschießen. Und Herakles verjagte die stymphalisehen Vögel aus Griechenland.

"Ich gebe dem Herakles zu leichte Aufgaben", sagte sich der König. "Irgendwelche Tiere töten oder fangen, das ist möglich, selbst wenn es Wundertiere sind. Ich muß mir eine Aufgabe ausdenken, die unerfüllbar ist und den Herakles zum Gespött macht."

Er sandte seinen Diener zu Herakles mit folgendem Auftrag: "Geh zum König Augias und reinige an einem einzigen Tag seinen Stall."

Augias hatte dreitausend Rinder, und als er hörte, warum Herakles zu ihm kam, lachte er nur.

"Wenn du es fertigbringst, meinen Stall an einem Tag zu reinigen, will ich dir gern dreihundert Rinder aus meiner Herde geben", sagte er zu dem Helden. Er meinte, Herakles könne diese Aufgabe niemals erfüllen.

Herakles zögerte nicht und ging gleich, sich die Herden des Königs anzusehen. Augias hielt sein Vieh hinter einer hohen Mauer und hatte die riesigen Ställe seit Jahren nicht mehr reinigen lassen. Der Held sah sich alles gut an und trieb das Vieh aus den Ställen. Dann riß er einen Teil der Mauer nieder und leitete Wasser aus zwei nahen Flüssen in den Stall. Den trüben Strom ließ er beim Tor wieder hinaus und leitete ihn in die ursprünglichen Flußbetten zurück. So reinigte er die Ställe, ohne irgendein Werkzeug zu gebrauchen oder sich auch nur schmutzig zu machen.

König Augias traute seinen Augen nicht, als er abends die sauberen Ställe sah. Doch er verweigerte dem Herakles die versprochene Belohnung.

Eurystheus baute fest darauf, daß Herakles diesmal die ihm aufgetragene Arbeit nicht verrichten werde. Aber Herakles stand vor dem Palast von Mykene, hatte seinen Auftrag erfüllt und wartete auf einen neuen.

Dem verwirrten König Eurystheus fiel nichts anderes ein, als Herakles nach Kreta zu schicken, um den wilden Stier zu bringen. Der Held brachte auch den wilden Stier nach Mykene. Eurystheus sandte ihn nach den grimmigen Pferden des Königs Diomedos aus, die sich von Menschenfleisch nährten. Und als Herakles auch mit diesen lebend und heil zurückkehrte, seufzte Eurystheus. Ihm fiel keine neue Aufgabe mehr ein. Da umarmte ihn seine Tochter und sagte: "Du schickst den Herakles nach lauter häßlichen Biestern aus. Sende ihn einmal nach etwas Schönem! Wie gern hätte ich den Gürtel der Amazonenkönigin! Er soll prächtiger sein als die kostbarsten Gürtel die bei uns in Mykene gemacht werden. Herakles soll ihn mir bringen. Und das ist eine sehr schwere Aufgabe." Der König freute sich über diesen Rat und befahl Herakles, sich zu den Amazonen zu begeben und den kostbaren Gürtel zu bringen.

Die Amazonen waren ein Stamm wehrhafter Frauen. Die neugeborenen Knaben setzten sie aus und zogen nur die Mädchen auf. Sie lernten nicht weben und kochen, sondern reiten und fechten. Herakles ahnte, daß der Kampf mit ihnen nicht leicht sein würde.

Eurystheus wünschte auch diesmal dem Herakles das Verderben. Doch die Königstochter hatte den sehnlichen Wunsch, Herakles möge mit dem Gürtel zurückkehren. Nach schweren Kämpfen gelangte Herakles in den Besitz des kostbaren Gürtels und brachte ihn dem König Eurystheus.

"Jetzt bleibt nur noch die zehnte Arbeit übrig", jammerte der König und beschloß, Herakles möglichst weit fortzuschicken. "Er soll mir die Herde des Riesen Geryon bringen", fiel ihm ein. "Geryon hat drei Leiber, sechs Arme und sechs Beine, und seine Herde wird von einem wilden, doppelköpfigen Hund bewacht." Er rief seinen Diener und ließ dem Herakles seinen Befehl melden.

Das Land, in dem die Herde Geryons weidete, lag weit im Westen. Herakles mußte übers Meer fahren und die Wüste durchqueren. Nach langer Reise gelangte er nach Afrika. Dort lebte der Riese Antäus, ein Sohn der Mutter Erde. Als er Herakles erblickte, trat er ihm entgegen.

"Halt, Wanderer", rief Antäus den Helden an. "Ich lasse niemand weiter nach Westen, der nicht seine Kräfte mit mir gemessen hat."

Herakles sah, daß er dem Riesen nicht entkommen konnte. Er nahm also den Zweikampf an. Der Riese und der Held, beide versuchten, den anderen auf den Rücken zu legen. Der Boden donnerte unter ihren Füßen, sie keuchten, und ihre Stirnen glänzten von Schweiß, aber keiner siegte. Sowie es Herakles gelang, Antäus zur Erde zu drücken, gewann der Riese neue Kräfte und schüttelte den Helden spielend ab. Das war, weil Mutter Erde ihrem Sohn neue Kraft einhauchte, Herakles erkannte: Solange der Riese die Erde berühte, war er unbesiegbar. Darum packte er Antäus bei den Hüften, hob ihn hoch und erdrosselte ihn in der Luft.

Nach dem siegreichen Zweikampf durchwanderte Herakles das ausgedörrte afrikanische Festland und erreichte die Küste an einer Meerenge, die wir heute die Straße von Gibraltar nennen. An beiden Seiten der Meerenge errichtete er zur Erinnerung an seine Reise zwei riesige Steinsäulen. Die alten Griechen nannten sie die Säulen des Herakles. In dieser Gegend brannte die Sonne unerträglich, sie versengte die Haut, und vor Herakles lag noch ein langer Weg. Da erbarmte sich der Sonnengott Helios des geplagten Helden. Er lieh ihm seinen Kahn, in dem er allnächtlich von Westen nach Osten fuhr, um dann wieder den Sonnenwagen zu besteigen und mit dem neuen Tag am Himmel aufzufahren. So kam Herakles rasch zum Land des Riesen Geryon.

Kaum war er ans Ufer getreten, stürzte sich mit wütendem Gebell Geryons doppelköpfiger Hund auf ihn. Herakles erschlug ihn mit seiner Keule und trieb die über die Wiesen verstreute Herde des Riesen zusammen. Dann trieb er die Herde gegen Sonnenaufgang, denn dort lag Griechenland. Die Rinder wollten nicht von den saftigen Weiden. Sie blieben stehen und muhten traurig. Geryon hörte das Muhen und jagte wie der Wind auf seinen sechs Beinen heran. In jeder seiner sechs Hände hielt er eine Waffe. Drohend schwang er Speere und Schwerter und glich einer ganzen Kriegerschar. Herakles spannte den Bogen und schoß seinen Pfeil auf den Riesen ab. Der getroffene Riese lief noch ein Stückchen, dann sank er zu Boden. Das Gift der Hydra, mit dem die Pfeile bestrichen waren, begann zu wirken. Mit einem einzigen Pfeil hatte Herakles den mächtigen Riesen getötet.

Und so erklang eines Abends vor dem Königspalast in Mykene das Muhen einer riesigen Rinderherde. Herakles trat vor König Eurystheus: "König, ich habe dir die Rinder Geryons hergetrieben. Damit habe ich die zehnte Aufgabe erfüllt. Entlasse mich jetzt aus deinen Diensten!"

Doch der arglistige Eurystheus hatte seine Ausflucht schon bereit: "Ich kann dich noch nicht entlassen", sagte er, "du hast bisher erst acht Aufgaben ordentlich erfüllt. Zwei Aufgaben kann ich dir nicht anerkennen. Hast du etwa den Lindwurm von Lerna allein getötet? Ein Hirte hat dir dabei geholfen. Und für die Reinigung des Augiasstalles hast du dir Lohn ausbedungen."

,Aber der König hat mir die versprochenen Rinder nicht gegeben", wandte Herakles ein.

"Hätte er sie dir gegeben, so hättest du sie genommen", sagte Eurystheus, "und darum kann ich dir auch das Reinigen der Ställe nicht anrechnen."

"Tu, wie du glaubst", antwortete Herakles verärgert. "Habe ich zehn Aufgaben erfüllt, werde ich auch zwölf erfüllen."

Eurystheus aber dachte bei sich: Warte nur, Herakles, jetzt habe ich endlich eine Arbeit für dich, mit der verglichen alles, was du bisher vollbracht hast, überhaupt nichts ist. Ich will dich nach den goldenen Äpfeln der Hesperiden aussenden.

Als Herakles hörte, was der König von ihm verlangte, wurde er zornig ? "Wie kann ich dir die goldenen Äpfel der Hesperiden bringen? Kein Mensch weiß, wo ihr Garten liegt."

"Darum ist es auch eine Aufgabe, die eines Herakles würdig ist", sagte der König lächelnd, doch ohne dem Herakles in die Augen zu sehen.

Der Held verließ den Palast, ging in die Welt hinaus und fragte überall nach dem Weg zu den Hesperiden. Niemand konnte ihm raten. Während er suchte, vermehrte er noch seinen Ruhm. Wo immer ein böser Riese oder ein wildes Tier die Menschen quälte, war Herakles zu helfen bereit. Seine Keule, sein Schwert und seine giftigen Pfeile waren nie müßig. So kam er auf seiner Wanderschaft auch in den Kaukasus. Dumpf erklang in den Bergen das Stöhnen des gefesselten Prometheus. Der Held folgte der Stimme. Eben schickte der Adler, der Prometheus quälte, sich an, fortzufliegen. Herakles spannte den Bogen und erlegte den Adler mit einem wohlgezielten Pfeil. Rasch erklomm er den Felsen, zerschlug die Fesseln des Prometheus und befreite ihn. Dankbar umarmte Prometheus seinen Retter, dankte ihm und fragte ihn, wie er ihn belohnen könne. Herakles berichtete Prometheus von seiner Irrfahrt nach den goldenen Äpfeln, und Prometheus wußte Rat.

"Du mußt Afrika durchwandern, bis du zu dem Riesen Atlas kommst", sagte er. "Diesen bitte, dir die goldenen Äpfel zu bringen. Versuche es nicht selbst. Der Garten wird von vier Nymphen, den Hesperiden, und dem schrecklichen hundertköpfigen Drachen Lados bewacht. Der Drache schläft nie, und jeder seiner Köpfe knurrt und zischt mit anderer Stimme. Aber der Riese Atlas wird mit ihm schon fertig werden."

Herakles freute sich über den Rat des Prometheus. Den Weg nach Afrika kannte er schon. Unter der glühenden afrikanischen Sonne eilte er zum Riesen Atlas. Er nahm sich nicht einmal Zeit, ein Nachtlager zu suchen, und schlief unter freiem Himmel. Als er wieder einmal so schlief, nur in sein Löwenfell gehüllt, spürte er plötzlich ein leichtes Krabbeln auf den Armen und im Gesicht. Als er die Augen öffnete, sah er einen Schwarm kleiner, zwergenhafter Pygmäen. Die einen schleppten Stricke herbei und versuchten den Helden zu fesseln, andere stellten sich wie ein Heer zum Angriff auf. Sie krochen dem Herakles über die Brust, betasteten sein Gesicht und zogen sich an seinen Haaren hoch. Der Held konnte sich angesichts der ernsthaften Bemühungen der winzigen Pygmäen des Lachens nicht erwehren. Er lachte laut heraus, und die Zwerge fielen von ihm herab wie von einem Erdbeben erschüttert, Herakles steckte einige Zwerge in sein Löwenfell und nahm sie mit sich.

Euch nehme ich mit nach Griechenland", sagte er lachend und schwang das Löwenfell mit den Zwergen über die Schulter.

Dann wanderte er weiter dem Land der Hesperiden zu, bis er den Riesen Atlas traf. Diesem hatten die Götter eine schwere Arbeit auferlegt. Er mußte das Himmelsgewölbe stützen, damit es nicht auf die Erde stürzte. Der ungeheure Riese war schon von weitem zu sehen.

"Was suchst du hier?" fuhr der Riese den Herakles an.

"König Eurystheus hat mich nach den goldenen Hesperidenäpfeln ausgesandt", sagte Herakles, "darum komme ich zu dir mit der Bitte, ob du sie mir nicht bringen könntest."

"Ich will sie dir gern bringen", erwiderte der Riese, "doch du siehst, ich stütze den Himmel. Ich kann meinen Platz nicht verlassen.

"Ich werde inzwischen das Himmelsgewölbe an deiner Statt tragen", bot ihm Herakles an und nahm den Himmel auf seine mächtigen Schultern.

Atlas schläferte den Drachen im Garten der Hesperiden ein, erschlug ihn und kehrte mit drei goldenen Äpfeln zu Herakles zurück. Er stand vor dem Helden, sah, wie er sich unter der Last des Himmels beugte, und hatte keine Lust, die Last wieder auf seine eigenen Schultern zu nehmen.

"Herakles, ich habe Geschmack an der Freiheit gefunden", sagte Atlas, "und fühle wahrhaftig kein Verlangen danach, das Firmament zu tragen."

"Gut", antwortete Herakles listig, "doch erlaube mir wenigstens, mir etwas unterzulegen. Ich fürchte, die Last könnte mir den Schädel zerdrücken."

Atlas durchschaute nicht die List und nahm den Himmel auf seine Schultern, damit Herakles sich Gras und Moos als Unterlage suchen könne.

Sowie der Held die Himmelslast los war, nahm er die Goldäpfel und lief davon, so schnell er konnte.

König Eurystheus glaubte schon längst, Herakles sei unterwegs ums Leben gekommen. Und plötzlich, nach so vielen Jahren, stand der Held heil und lebendig vor ihm. Er reichte ihm die goldenen Hesperidenäpfel und schüttete aus dem Löwenfell die Pygmäenzwerge heraus. Der König staunte.

Eurystheus ließ die goldenen Äpfel im Tempel der Göttin Athene verwahren. Die Göttin brachte sie jedoch in den Hesperidengarten zurück, wie das göttliche Gesetz es vorschrieb.

Dem König kam immer mehr zu Bewußtsein, daß er den Helden mit den Arbeiten nicht gedemütigt, sondern ihm zu unermeßlichem Ruhm verholfen hatte. Das Volk sah in Herakles seinen Beschützer und Retter. Es gab kein Land, dessen Bewohner dem Herakles nicht für eine Heldentat dankbar waren. Schon die Nennung seines Namens weckte Mut und Begeisterung in den Herzen der Griechen.

"König", sagte Herakles zu Eurystheus, "ich warte auf die letzte Aufgabe."

"Geh" überlegte der König, "in die Unterwelt und bringe mir den Höllenhund Kerberos!"

Der dreiköpfige Hund Kerberos bewachte den Eingang ins Totenreich. Er ließ die Schatten der Verstorbenen hinein, doch keinen wieder zurück auf die Erde. Eurystheus war sehr froh über seinen Einfall. So eine gefährliche Aufgabe hatte er dem Herakles noch nicht gegeben.

Herakles brach nach Westen auf, und der Wunsch, sich aus dem Dienst des Königs zu befreien, trieb ihn zur Eile. Im Westen lag unter schwarzen Felsen, die Höhle verborgen, die in die Unterwelt führte.

Hades, der Beherrscher des Totenreiches selbst, vertrat Herakles den Weg.

"Halt, Herakles!" rief er. "warum willst du zu den Schatten hinabsteigen? Du lebst und gehörst nicht ins Totenreich."

"Ich komme auf Befehl des Königs Eurystheus", sagte Herakles. "Er hat mir den letzten Auftrag gegeben. Ich soll den Kerberos, den Hüter der Unterwelt, nach Mykene bringen. Gelingt es mir, entläßt mich der König aus seinem Dienst, und ich bin frei."

"Den Kerberos willst du wegführen?" wunderte sich Hades. "Wenn du dich getraust, dann nimm ihn dir. Aber nur unter einer Bedingung: Du mußt ihn ohne Waffen überwältigen."

Herakles war einverstanden. Kerberos empfing ihn mit wütendem Gebell, und aus seinen drei feurigen Augenpaaren schlugen Flammen. Wild stürzte er sich auf Herakles. Der Held spreizte die Beine und umklammerte das Ungeheuer mit den Fäusten. Kerberos wand sich und schnappte nach Luft, doch Herakles ließ nicht locker, bis der Höllenhund gezähmt war. Den gezähmten Hund führte er auf die Erdoberfläche. Zum erstenmal erblickte Kerberos das Tageslicht. Vor Angst troff ihm giftiger Schaum vom Maul, und wo der Schaum hinfiel, wuchs giftiges Unkraut.

Die Menschen in Mykene flüchteten vor Herakles, als er mit dem Ungeheuer aus der Unterwelt daherkam. Eurystheus hörte den Lärm vor dem Palast und trat neugierig vors Tor. Beim Anblick des dreiköpfigen Hundes erstarrte er vor Schreck und bebte am ganzen Leib. Er rannte in den Palast zurück, schlug das Tor zu und verschloß es fest. Hinter dem Tor schrie er dem Herakles zu, er möge den Hund dorthin zurückbringen, woher er ihn gebracht habe, und ihm nicht mehr unter die Augen kommen.

Zufrieden verließ Herakles Mykene, führte den Hund in die Unterwelt zurück und war frei. Sein Dienst war zu Ende. Nicht zu Ende jedoch war sein unruhiges Leben voller Abenteuer. Nirgends ließ er sich nieder. Er wanderte durch die Welt, wohin es ihm beliebte und wohin man ihn rief, damit er mit seiner Kraft und seinem Verstand helfe.

Auf seinen Wanderungen kam er zur Burg eines mächtigen Königs, der eine schöne Tochter namens Iola hatte. Der König veranstaltete eben einen Wettkampf im Bogenschießen. Der Sieger sollte die schöne lola zur Frau bekommen. Auch Herakles meldete sich zum Wettkampf und versuchte mit den übrigen Bewerbern sein Glück. Unter den Bewerbern waren erfahrene Bogenschützen, und die besten waren der König selbst und seine Söhne. Schon schien es, daß der König siegen werde und die Freier unverrichteter Dinge abziehen müßten. Da trat Herakles mit seinem berühmten Bogen hervor. Alle verstummten und sahen dem Helden gespannt zu. Es war, als hätte das Ziel die Pfeile des Herakles angezogen. Er tat nicht einen einzigen Fehlschuß, und der verstimmte König mußte ihn zum Sieger erklären. Aber seine Tochter wollte er ihm nicht geben. Er fand eine Ausflucht nach der anderen, verschob die Hochzeit immer wieder, bis Herakles voll Zorn die Königsburg verließ.

Verbittert über das Unrecht, das ihm widerfahren war, beschloß er, seinen Freund, König Admetos, zu besuchen. Er fand die Stadt des Admetos in tiefer Trauer. In verzweifeltem Schweigen empfing der König den Helden und führte ihn zu einer Bahre, auf der tot die Königin Alkestis lag. Sie war ganz in weiße Gewänder gehüllt, nur ihr Antlitz war frisch und reizvoll wie zu Lebzeiten.

"Zum Totenmahl bist du gekommen, mein Freund", sagte Admetos, und Tränen traten ihm in die Augen.

"Ich war schwer erkrankt", begann der unglückliche König mit bebender Stimme zu erzählen, "und der Tod umkreiste schon den Palast, um mich in die Unterwelt zu entführen. Aber der Gott Apollon, mein Beschützer, bat die Schicksalsgöttin, mir noch nicht den Lebensfaden abzuschneiden, wenn sich jemand finde, der freiwillig an meiner Stelle sterbe. Meine arme Gattin, meine schöne Alkestis, hat das erfahren und für mich ihr Leben geopfert. Sie wollte mir das Leben retten und hat mir zweifachen Tod geschenkt: ihren und meinen. Seit ihrem Tod irre ich durch den Palast wie ein Schatten und nähre mich nur von meinen Tränen."

Herakles war tief gerührt. Leise ging er fort. Schmerzversunken bemerkte König Admetos nicht einmal, daß Herakles gegangen war. Der Held nahm den besten Wagen und die schnellsten Pferde und fuhr wie der Wind zu der Höhle, die in die Unterwelt führt. Den Weg kannte er schon gut.

Winselnd zog Kerberos den Schwanz ein und wich vor dem Helden zurück. Herakles stürmte ins Totenreich, die Erde dröhnte unter seinem Schritt, und in den Felsen zeigten sich Sprünge. Hades erschrak über den ungewohnten Lärm in seinem stummen Reich und ging Herakles entgegen.

"König der Toten", sprach Herakles zum Herrn der Unterwelt, "die Seele der liebreizenden Alkestis ist freiwillig in dein Reich gekommen, um ihren Gatten zu retten. Erlaube ihr, wieder in ihren Körper zurückzukehren."

Voll Sorge beobachtete Hades die Sprünge in den Felsen und maß den lauten Eindringling. Er überlegte eine Weile und kam zu dem Schluß, es sei besser, die Seele der Königin Alkestis zurückzuschicken, bevor ihm der starke Herakles die Wände der Unterwelt einriß.

"Ich will die Seele der Königin in ihren Körper zurücksenden", sagte er unwillig, "aber verlasse sofort mein Reich und versprich mir, nicht wiederzukommen."

Herakles versprach es gern und kehrte aus der Unterwelt ans Sonnenlicht zurück. Er bestieg seinen Wagen und fuhr eilends zum Palast.

Indessen bemerkte der weinende Admetos, wie die Wangen der Königin sich rosig färbten. Der Atem begann ihre Brust zu bewegen, die Wimpern bebten, und Alkestis öffnete die Augen. Sie lächelte ihrem Gatten zu. Admetos rieb sich die Augen, er glaubte, ein guter Gott habe sich seines Kummers erbarmt und ihm einen süßen Traum gesandt. Umso grausamer würde das Erwachen sein. Da begann Alkestis zu sprechen, und der König erkannte, daß es kein Traum, sondern Wirklichkeit war. Sie erzählte ihm, wer um ihr Leben gebeten hatte, und nun erst merkte Admetos, daß Herakles fort war.

Die glücklichen Gatten begrüßten Herakles als ihren größten Wohltäter. Ihm zu Ehren veranstaltete der König ein großes Fest. Die ganze Stadt jubelte, lachte und sang. Nach sieben Tagen nahm der ruhelose Held Abschied von dem gastfreundlichen Admetos und der treuen Alkestis und kehrte Schloß und Stadt den Rücken.

Unterwegs holte ihn der Bruder der schönen Iola ein, um deren Hand er vor kurzem im Bogenschießen gekämpft hatte.

"Herakles, sei mir nicht böse", sagte er zum Helden, "doch du mußt dich von einem häßlichen Verdacht reinigen. Nachdem du die Burg meines Vaters verlassen hattest, fehlten aus den königlichen Stallungen Pferde und Maultiere, und der Vater glaubt, daß du sie genommen hast. Komm, hilf mir, den Dieb zu finden und so deine Unschuld zu beweisen."

Die unberechtigte Anschuldigung weckte Herakles' bösen Jähzorn. In seiner Wut packte er den Königssohn und schleuderte ihn in den Abgrund, und der unglückliche Bote brach sich das Genick.

Herakles' Jähzorn ärgerte Zeus, seinen Vater. Er hatte ihm Kraft gegeben, um zu helfen, und nicht um im Zorn zu morden Er bestrafte den Helden mit einem bösen Fieber, der starke Herakles wurde plötzlich schwach wie ein gebrechlicher Greis. Das Fieber verbrannte alle seine Kräfte. Gepeinigt von der Krankheit, befragte er das delphische Orakel. Dieses trug ihm auf: "Laß dich auf drei Jahre in die Sklaverei verkaufen, so kannst du die Götter versöhnen."

Bekümmert bestieg Herakles mit einigen Freunden ein Schiff nach Asien und ließ sich dort von ihnen als Sklaven verkaufen. Der starke, stattliche Held fand bald einen hochgeborenen Käufer: die Königin Omphale kaufte ihn. Herakles wurde gesund und blieb nicht untätig. Er half der Königin, ihr Land von Räubern zu befreien, und verhielt sich so tapfer, daß die Königin sich über ihn verwunderte. Als sie erfuhr, daß der Sklave niemand anderer als der berühmte, starke Herakles sei, schenkte sie ihm die Freiheit und umgab ihn in ihrem Palast mit aller Bequemlichkeit. Im Wohlleben begann er allmählich sein Heldentum zu vergessen. Sein Mannesmut verweichlichte, er legte Frauenkleider an, und Bogen und Keule blieben ungenutzt in der Ecke liegen. Doch die vom Orakel vorgeschriebenen drei Jahre verflossen, und Herakles fand zu sich selbst zurück. Er erinnerte sich seiner Taten und kehrte der Königin und dem süßen Müßiggang den Rücken.

Noch einmal bewarb Herakles sich um die Hand einer Königstochter. Diesmal hatte er an der schönen Deianeira Gefallen gefunden. Er war nicht der einzige Freier. Auch der Flußgott Acheloos, der sich verwandeln konnte, bewarb sich um Deianeira. Er kam zu ihrem Vater als Stier, dann wieder als bunter Drache und schließlich als stierköpfiger Mensch. Deianeira fürchtete sich vor ihm und weinte vor Angst, daß er sie bekommen werde. Herakles kam zur rechten Zeit. Stark und groß wie er war, mit dem wallenden Löwenfell über der Schulter, gefiel er Deianeira sogleich, und sie wünschte sich sehnlich, daß er ihr Mann werde. Der König wagte es jedoch nicht, einen der beiden mächtigen Freier abzuweisen, und schlug darum vor, Herakles und Acheloos sollten um seine Tochter kämpfen.

Die beiden Bewerber nahmen den Vorschlag an und stürzten sich in den Kampf, Herakles verschoß Pfeil um Pfeil, und als das nichts nützte, griff er zur Keule und schlug auf den unempfindlichen Acheloos ein, daß der ganze Palast von den Schlägen widerhallte. Der Flußgott wieder suchte Herakles mit seinen Stierhörnern aufzuspießen. Herakles warf die Keule fort, packte Acheloos um die Hüfte und begann mit ihm zu ringen. Sie kämpften Brust an Brust, an den Schläfen schwollen ihnen, die Adern, aber sie ließen nicht locker. Eng ineinander Verschlungen stürzten sie zu Boden. Und da gelang es Herakles, obenauf zu kommen. Er preßte den Gott zu Boden. Acheloos verwandelte sich in eine schlüpfrige Schlange und versuchte, dem Herakles zu entgleiten. Der Held aber hielt ihn mit eisernem Griff und hätte ihn zerdrückt, wenn sich Acheloos nicht plötzlich wieder in einen Stier verwandelt hätte. Der Stier senkte den Kopf und setzte zu einem wütenden Angriff Herakles packte den Stier bei einem Horn und schleuderte ihn so heftig zu Boden, daß das Horn abbrach. Nun gab Acheloos sich geschlagen und verschwand aus dem Palast.

Es wurde eine großartige Hochzeit gefeiert. Herakles nahm Deianeira zur Frau und kam für längere Zeit zur Ruhe. Sie gebar ihm einen Sohn, Hyllos, und Deianeira glaubte, daß nichts mehr ihr Glück gefährden können In Herakles jedoch schlummerte die alte Unrast nur, sie erwachte von Zeit zu Zeit, und wurde jedesmal stärker. Er konnte es nicht ständig an einem Ort aushalten. Da erinnerte er sich, daß er wenigstens einen alten Freund besuchen könnte. Auf diesen Besuch nahm er die Gattin mit. Unterwegs kamen sie zu einem breiten Fluß, über den ein Kentaur die Reisenden trug. Es gab gute und weise Kentauren (ein solcher hatte Iason unterrichtet), aber es gab auch böse und boshafte. Ein böser Kentaur war es, der die Reisenden über den Fluß trug. Herakles brauchte keine Hilfe, er stieg allein in den Strom, dem Kentauren vertraute er nur seine Gattin an, damit er sie ans andere Ufer trage. Der Kentaur trug die schöne Deianeira über den Fluß, und sie gefiel ihm sehr. Er beeilte sich, und als er sah, daß Herakles zurückblieb, beschloß er, ihm Deianeira zu entführen. Herakles erkannte den Verrat und schoß dem fliehenden Kentaur einen seiner vergifteten Pfeile nach. Trotz der großen Entfernung traf er und der Kentaur fiel. Aus seiner Brust entströmte das Blut. Mit sterbender Stimme sagte er zu Deianeira: "Gern möchte ich dir, schöne Delaneira, vor meinem Tod noch etwa geben, um dir zu beweisen, daß ich nicht so schlecht bin, wie Herakles glaubt. Fülle etwas von dem Blut, das aus meiner Wunde rinnt, in ein Gefäß. Sollte Herakles dich jemals vergessen oder verlassen wollen, färbe mit dem Blut sein Gewand, und er wird niemals von dir weggehen. Aber sage es keinem, sonst wirkt der Zauber nicht."

Der Kentaur sprachs und hauchte sein Leben aus. Deianeira glaubte ihm, fing etwas von dem warmen Blut auf und verbarg schnell das Gefäß, denn schon kam Herakles in großen Sprüngen herangeeilt. Die weitere Reise zum Freund des Helden verlief glatt und ohne Abenteuer.

Bald darauf begab sich Herakles auf einen Kriegszug gegen Iolas Vater. Er konnte ihm den einstigen Wortbruch und den Vorwurf des Pferdediebstahls nicht vergeben. So zog er mit dem Heer vor die Königsstadt, belagerte und eroberte sie.

Stadt und Burg gingen in Flammen auf, und der König kam in den Trümmern ums Leben. Seine Tochter Iola wurde von Herakles gefangengenommen: er schickte sie mit den anderen Gefangenen heim zu seiner Gattin. Ungeduldig wartet Deianeira im Palast auf Nachricht. Da kamen die Boten des Herakles mit den Gefangenen im Triumphzug daher. "Wir haben gesiegt", meldeten die Boten der Deianeira, "die Unterwelt ist voll von unseren Feinden. Hier schickt dir Herakles die ersten Gefangenen, er selbst kommt mit dem Heer bald nach."

Deianeira besah sich die Gefangenen und blieb vor der liebreizenden Iola stehen. "Wer ist das ?" frage sie einen Boten und wies auf das weinende Mädchen. "Das ist die Königstochter Iola", antwortete der Bote, "Herakles hat einst um sie gefreit. Er siegte damals im Bogenschießen. Doch der König brach sein Versprechen und wollte sie ihm nicht zur Frau geben."

Kummer und Sorge überkamen Deianeira. Sie fürchtete, Herakles würde sie verstoßen, nun da er Iola in seinem Hause hatte. Sie fürchtete, er werde sie, Deianeira, über der schönen Königstochter vergessen. Die unerfreulichen Gedanken verfolgten sie auf Schritt und Tritt. In ihrer Sorge fiel ihr der Rat des Kentauren ein. Sie holte das Gefäß mit dem Blut des Kentauren aus dem Versteck und ging in den Keller, wo niemand sie sah. Dort färbte sie mit dem Blut ein neues Gewand, das sie für Herakles genäht hatte. Das prächtig gefärbte Kleid gab sie einem Diener, der es mit einem Gruß von ihr dem siegreichen Herakles als Geschenk bringen sollte.

Tage vergingen, doch Herakles kam nicht. Sein Sohn Hyllos ging ihm entgegen, um der ungeduldigen Mutter Nachricht zu bringen. Wehklagend und ohne Vater kehrte er heim. Weinend berichtete er der Mutter, was er gesehen hatte.

Herakles hatte nach beendetem Kampf den unsterblichen Göttern ein Opfer bereitet. Zur Feier zog er das neue Gewand an, das ihm Deianeira geschickt hatte. Doch mitten in der Opferfeier, als der Rauch des Opfers schon zum Himmel stieg, stürzte Herakles zu Boden und wand sich in grausamen Schmerzen. Er brüllte, als zerrissen und zerfleischten ihn tollwütige Raubtiere, und sein erstes Wort war der Name der Gattin: "Deianeira! Das Kleid, das sie mir geschickt hat, versengt mir Blut und Knochen im Leib. Bringt mich schnell auf ein Schiff, führt mich weg, auf daß ich nicht in der Fremde sterben muß!"

Entsetzt hörte Deianeira die Worte ihres Sohnes, verzweifelt lief sie in ihre Kammer und stieß sich das Schwert in die Brust. Zu spät kam Hyllos' Hilfe. Ihre Seele war schon unterwegs ins Schattenreich.

Der sterbende Herakles segelte in die Heimat und ließ sich auf einen Berggipfel tragen. Dort errichteten ihm die Freunde einen Scheiterhaufen, der Held ließ sich darauf nieder und bat sie, die Scheite anzuzünden. Keiner der Freunde war jedoch dazu bereit. Nach langem Zögern endlich legte Philoktetes eine brennende Fackel ans Holz. Der sterbende Held vermachte ihm zum Dank für diesen Dienst seinen Bogen und die todbringenden Pfeile. Kaum züngelten die Flammen aus dem Scheiterhaufen, fuhren vom Himmel feurige Blitze herab, und es erdröhnte ein mächtiger Donnerschlag. Eine dichte, leuchtende Wolke senkte sich auf den Scheiterhaufen und trug den Helden zum Olymp empor. Pallas Athene geleitete Herakles in den himmlischen Saal zu den Göttern.

So ging das Wort des blinden Sehers Teiresias in Erfüllung. Nach einem Heldenleben voll Arbeit ging Herakles in die Unsterblichkeit ein.

Und auf Erden blieb die Erinnerung an ihn unsterblich. Überall, wo er den Menschen geholfen, sie beschützt, verteidigt und vom Bösen befreit hatte, wo er für das Recht gegen das Unrecht eingetreten war, gedachte man seiner in Dankbarkeit und ehrte ihn. Von Mund zu Mund eilte die Sage vom tapferen Herakles, sie durchflog die Jahrhunderte bis in unsere Zeit. Und wir reichen sie weiter an die Zukunft.

 

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