Egmont

Trotz des historischen Stoffes ist Egmont – deutlicher noch als Götz von Berlichingen – weniger ein historisches als ein Charakterdrama. Zwar stehen sich auch hier die Staatsräson des Absolutismus und das Beharren der Stände auf ihren Privilegien gegenüber. Doch erscheint diese Opposition bereits dadurch zusätzlich kompliziert, daß dem 'moderneren' Staatssystem der rückständige Katholizismus, dem Althergebrachten der Niederländer dagegen der fortschrittliche Protestantismus zugeordnet wird. Zudem handelt es sich bei der spanischen Besetzung der Niederlande um eine Fremdherrschaft, die nur durch Gewalt durchzusetzen ist und deshalb die Instabilität schon in sich selbst trägt. Die geschichtliche Entwicklung hat gezeigt, daß zumindest die niederländischen Nordprovinzen schließlich ihre Unabhängkeit und Glaubensfreiheit gegenüber Spanien durchsetzen konnten. So steht Egmont auf Seiten der Zukunft, und der Konflikt erscheint historisch gesehen nicht so unlösbar-tragisch wie derjenige, an dem Götz zugrundegeht.

Egmont scheitert – wenn man seinen Tod überhaupt als Scheitern begreifen will – so auch nicht an einer vergeblichen Auflehnung gegen das historische Schicksal; vielmehr geht er an seinem eigenen Charakter zugrunde, der als Dreh- und Angelpunkt das Stück bestimmt.

Und dieser Charakter ist gerade durch seine sorglose Nicht-Auflehnung geprägt. Egmont glaubt sich im Einklang mit dem Schicksal und mißtraut der Fähigkeit des Menschen, allzu tief in den Lauf der Welt eingreifen zu können, eben weil er auch der Erkenntnisfähigkeit des Menschen mißtraut. Im Bild des Wagenlenkers kommt diese Welthaltung deutlich zum Ausdruck:

Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten und bald rechts bald links, vom Steine hier vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam. (II. Akt, Egmonts Wohnung)

Ähnlich spricht er sich noch aus, als er bereits die Todesnachricht von Ferdinand erfahren hat:

Es glaubt der Mensch sein Leben zu leiten, sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksale gezogen. Laß uns darüber nicht sinnen; dieser Gedanken entschlag ich mich leicht [...]. (V, Gefängnis)

Diese geradezu trotzige Weigerung zu »sinnen« durchzieht leitmotivisch das ganze Werk. Egmont nimmt das Leben spielerisch, er lebt nur im Augenblick und will über Gründe und Folgen seiner Handlungen nicht lange nachdenken:

Wenn ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran? Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffen übrigbleibt: ist's wohl des An- und Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne heut, um zu überlegen, was gestern war? und um zu raten, zu verbinden, was nicht zu erraten, nicht zu verbinden ist, das Schicksal eines kommenden Tages? Schenke mir diese Betrachtungen; wir wollen sie Schülern und Höflingen überlassen. Die mögen sinnen und aussinnen [...]. (II, Egmonts Wohnung)

Komplementär dazu steht der Charakter seines Freundes Oranien. Schon die Regentin sagt über ihn: »Oranien sinnt nichts Gutes, seine Gedanken reichen in die Ferne [...]« (I, Palast der Regentin), und Oranien sagt selbst über sich: »[...] ich stehe immer wie über einem Schachspiele und halte keinen Zug des Gegners für unbedeutend« (II, Egmonts Wohnung). So kann er sich auch der Verhaftung durch Alba entziehen; Egmont dagegen geht in die Falle.

Ein zweiter hervorstechender Charakterzug Egmonts ist seine Ehrlichkeit. Während in den Augen der Regentin Oranien »heimlich« ist, alles »anzunehmen scheint, nie widerspricht« und »in tiefster Ehrfurcht, mit größter Vorsicht tut [...] was ihm beliebt« (I, Palast der Regentin), spricht Egmont »wahrer als klug und fromm«, und Machiavell lobt seine Offenheit (ebenda).

Klärchen gegenüber erzählt Egmont von der Regentin und enthüllt damit seine eigene Haltung: »Ich mache ihr viel zu schaffen, weil sie hinter meinem Betragen immer Geheimnisse sucht, und ich keine habe« (III, Klärchens Wohnung).

Beide Charaktereigenschaften, seine Ehrlichkeit und seine Weigerung zu »sinnen«, d.h. hinter den Erscheinungen noch etwas »Geheimes« zu vermuten, besitzen eine fatale Kehrseite: seine Unfähigkeit, die Dinge in ihrer wahren Gestalt zu sehen. Weil in seiner eigenen Haltung Schein und Sein zusammenfallen, ist er nicht in der Lage, bei anderen diese Differenz wahrzunehmen. Das macht ihn zu einem ausgesprochen schlechten Beobachter und Menschenkenner. Im Dialog mit Oranien (II, Egmonts Wohnung) wird Egmonts Defizit an Psychologie besonders deutlich:

EGMONT: Willkommen, Oranien. Ihr scheint mir nicht ganz frei.
ORANIEN: Was sagt Ihr zu unserer Unterhaltung mit der Regentin?
EGMONT: Ich fand in ihrer Art, uns aufzunehmen, nichts Außerordentliches. Ich habe sie schon mehr so gesehen. Sie schien mir nicht ganz wohl.
ORANIEN: Merktet Ihr nicht, daß sie zurückhaltender war? erst wollte sie unser Betragen bei dem neuen Aufruhr des Pöbels gelassen billigen; nachher merkte sie an, was sich auch für ein falsches Licht darauf werfen lasse; wich dann mit dem Gespräche zu ihrem alten gewöhnlichen Diskurs [...]. Habt ihr das gehört?
EGMONT: Nicht alles; ich dachte unterdessen an was anders.

Während Oranien eine geradezu psychologische Analyse des Gesprächs liefert, hat Egmont »nichts Außerordentliches« bemerkt, deutet eine hochpolitische Verstimmung als Unwohlsein und hat im übrigen gar nicht genau zugehört. Natürlich kommen hier auch das Selbstvertrauen Egmonts einerseits, die Unsicherheit Oraniens andererseits zum Ausdruck. Egmont meint, es gar nicht nötig zu haben, sich das Gerede von einem »Weib, das keinen Weg [hat] als launisch zu werden«, anzuhören.

Indem er aufgrund dieses optimistischen Selbstvertrauens immer die vordergründigsten und harmlosesten Erklärungsmodelle wählt, die den geringsten Aufwand an 'Nachsinnen' erfordern, zeigt er sich letztlich seiner Aufgabe als Kopf des politischen Widerstandes nicht gewachsen. Hier ist auch die Funktion der Klärchen-Handlung zu sehen. Die Liebe, die er von dem einfachen Mädchen genießt, wird für ihn zu einem Fluchtraum vor seiner politischen Verantwortung:

KLÄRCHEN: [...] Sag mir! Sage! ich begreife nicht! bist du Egmont? der Graf Egmont? der große Egmont, der so viel Aufsehn macht, von dem in den Zeitungen steht, an dem die Provinzen hängen?
EGMONT: Nein, Klärchen, das bin ich nicht.
KLÄRCHEN: Wie?
EGMONT: [...] Jener Egmont ist ein verdrießlicher, steifer, kalter Egmont, der an sich halten, bald dies bald jenes Gesicht machen muß [...], geliebt von einem Volke, das nicht weiß, was es will [...]. O laß mich schweigen, wie es dem ergeht, wie es dem zumute ist. Aber dieser, Klärchen, der ist ruhig, offen, glücklich, geliebt und gekannt von dem besten Herzen [...]. (III, Klärchens Wohnung)

Nirgends wird deutlicher, wie unwohl sich Egmont im öffentlichen Leben fühlt, da er hier nicht ganz er selbst sein kann, jede Verstellung ihm aber Unmut bereitet. Wie verdrießlich ihm das politische Geschäft ist, wird schon bei seinem zweiten Auftritt auf der Bühne deutlich. Schon daß er zwei Stunden zu spät kommt, während sein Sekretär mit einem Stapel unerledigter Briefe auf ihn wartet, zeigt sein Widerstreben gegen diese Tätigkeit. Und seine Großzügigkeit gegenüber Delinquenten erwächst auch eher aus einer allgemeinen Unlust, sich lange bei diesen Dingen aufzuhalten:

EGMONT: Sag an! Das Nötigste!
SEKRETÄR: Es ist alles nötig.
EGMONT: Eins nach dem anderen, nur geschwind! [...] Verschone mich damit. [...] Ich bin des Hängens müde. [...] Die mag er [...] laufenlassen. [...] Dem mag’s noch hingehen. [...] Das Geld muß herbei! er mag sehen, wie er’s zusammenbringt. (II, Egmonts Wohnung)

In diesen Antworten Egmonts auf die Vorstellungen seines Sekretärs kommt eine Abwehrhaltung gegenüber jeder Art von Problemen zum Ausdruck, modern würde man sagen: hier ist ein Verdrängungsmechanismus am Werk, der es Egmont ermöglicht, wie ein »Nachtwandler [...] auf dem gefährlichen Gipfel eines Hauses« (ebenda) zu spazieren.

Derselbe Verdrängungsmechanismus setzt ein, als Oranien ihn vor der Einladung Albas gewarnt hat:

EGMONT (allein): Daß andrer Menschen Gedanken solchen Einfluß auf uns haben! Mir wär' es nie eingekommen; und dieser Mann trägt seine Sorglichkeit in mich herüber. – Weg! – Das ist ein fremder Tropfen in meinem Blute. Gute Natur wirf ihn wieder heraus! Und von meiner Stirne die sinnenden Runzeln wegzubaden, gibt es ja wohl noch ein freundlich Mittel. (II, Egmonts Wohnung)

Beim Wegwischen seiner Probleme ist ihm seine Geliebte Klärchen das »freundlich Mittel«. Bei ihr kann er ganz er selbst sein: »Aber dieser, Klärchen, der ist ruhig, offen, glücklich, geliebt und gekannt von dem besten Herzen [...].« So rettet Egmont durch den Rückzug ins Private (»Da ist gut, daß wir die Freude zu Hause haben und sie nicht von auswärts zu erwarten brauchen«, hatte es schon in der Sekretärsszene geheißen) seine durch die Politik bedrohte Identität.

Dies berührt aber eine tiefere Schicht des Dramas, die über die Problematik des Charakters im psychologischen Sinn hinausgeht. In ihr wendet sich Egmonts Unfähigkeit zur Unterscheidung von Schein und Sein – letztlich seine Unfähigkeit zur Politik – im Begriff der Identität ins Positive. Indem er in geradezu naivem Vertrauen auf seine Unantastbarkeit – das Goldene Vlies ist Symbol dafür – Alba in die Falle geht, handelt er politisch unklug, doch bleibt er sich selbst damit treu. Daß er bis zum Schluß nicht einsehen will, daß er verloren ist – er hofft bis fast zum letzten Augenblick auf Rettung wie ein Spieler, der eisern seinem Glück vertraut –, zeigt ihn als mit sich selbst identischen Menschen. So gerne er gelebt hat – »Süßes Leben! [...] von dir soll ich scheiden! « –, so willig akzeptiert er dann doch angesichts der neuen Freundschaft mit Ferdinand den Tod:

Junger Freund, den ich durch ein sonderbares Schicksal zugleich gewinne und verliere [...]; du verlierst mich nicht. [...] Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind; auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt uns. Ich lebe dir und habe mir genug gelebt. Eines jeden Tages hab ich mich gefreut [...]. Ich höre auf zu leben; aber ich habe gelebt. So leb auch du mein Freund, gern und mit Lust, und scheue den Tod nicht. (V, Gefängnis)

In diesen Worten angesichts des Todes ist es das Leben als solches, die Freude am Dasein schlechthin, das ohne große Taten oder Gedanken sich selbst rechtfertigt. Egmonts Weigerung, über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken, und seine Haltung, weitgehend unreflektiert in der Gegenwart einfach dazusein, erhält somit Vorbildcharakter: »So leb auch du mein Freund«.

Egmont stirbt, wie er gelebt hat, im Einklang mit dem Schicksal. Und von dieser Perspektive her erscheint auch der Selbstmord Klärchens als voreilige Fehlhandlung. Ohne von ihrem Tod zu wissen, empfiehlt Egmont die Geliebte seinem letzten Freund Ferdinand. Daß Klärchen ihm dann im Traum als Allegorie der Freiheit erscheint, »ihm andeutet, daß sein Tod den Provinzen die Freiheit verschaffen werde«, und ihm den Lorbeerkranz als Zeichen des Sieges überreicht, verstärkt nur die ganz untragische Harmonie seines Endes:

Süßer Schlaf! Du kommst wie reines Glück ungebeten [...], ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn, versinken wir und hören auf zu sein (V, Gefängnis).

So ist Egmont im Grunde nur formal eine Tragödie – insofern als der Held und seine Geliebte am Ende sterben. Ansonsten fehlt jedes tragische Element: Da Egmont eine mit sich selbst und ihrem Schicksal identische Figur ist, gibt es gar keinen echten tragischen Konflikt. In dieser harmonischen Lösung kommt der klassische Anteil des Dramas – das in gestalterischer Hinsicht, z.B. in den Volksszenen, noch manches Sturm-und-Drang-Element aufweist – voll zur Geltung. In Egmonts expliziter Neigung zur Konfliktverdrängung zeigt sich gleichzeitig aber auch die Problematik und Fragwürdigkeit des klassischen Menschenbildes.

Maximilian Rankl

Johann Wolfgang Goethe, Egmont: Zum Werk. In: Bibliothek X·libris: J. W. Goethe, CD-ROM. München 1996. Seite 1 - 12

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